Zum 3. Mal innert 4 Jahren verpassen wir in Helsinki das Minimalziel der WM-Viertelfinals. Die Antwort für das scheitern liegt fast 500 Jahre zurück im italienischen Marignano.
Bis zur Schlacht von Marignano im September 1515 galten die Eidgenossen als gefürchtete Krieger welche man jeweils als Söldner für jeden Krieg in Europa verpflichten konnte. Doch die kriegerische Auseinandersetzung von Marignano veränderte die Eidgenossenschaft drastisch, denn dort musste man gegen Frankreich eine empfindliche Niederlage mit verheerenden Folgen hinnehmen. Nach der Niederlage von Marignano war die Schweiz nicht mehr in der Lage eine Expansionspolitik zu betreiben. Seither konzentrieren wir uns auf die Verteidigung unseres Landes und halten uns aus sämtlichen Konflikten meistens korrekt, neutral und unspektakulär im Hintergrund. Diese “Landeskrankheit” oder “Landesmentalität” begleitet uns seit 1515 wie ein schwarzer Schatten. Das jüngste Beispiel fand 2012 im finnischen Helsinki statt. Wie vor 497 Jahren verlieren wir in Helsinki die entscheidende “Schlacht” gegen Frankreich und erleiden einen Rückschritt ins Mittelmass.
Unsere Mentalität ist das “verteidigen”
1515 entschied man sich von nun an “nur” noch verteidigen zu wollen. Wir können also nicht einfach so von heute auf Morgen eine 500-Jährige Tradition auf den Kopf stellen und in “Winkelried-Manier” ein offensives Angriffs-Feuerwerk zünden. Seit Sean Simpson (2010) spielen wir zwar das attraktivere Eishockey als in 12 Jahren “Beton-Hockey” unter Ralph Krueger aber nicht das erfolgreichere. Die Frage ist wohin wir können, nicht wohin wir wollen! Mit der neuen Marschroute wollen wir künftig attraktives offensiv-Hockey zelebrieren – können aber von unserer inneren Einstellung her und aufgrund unserer Mentalität nur verteidigen – so gesehen ist ein Scheitern im offensiv-Spektakel eine logische Folge. An guten Torhütern (Anken, Tosio, Pavoni, Hiller, Gerber oder auch Aebischer zu seiner Blütezeit) mangelte es uns noch nie, das gleiche gilt für unsere Verteidiger (Streit, Sbisa, Josi) – die Ausbildung von guten Torhütern und Verteidigern ist aufgrund unserer fast 500-jährigen Schweizer Geschichte also absolut logisch.
Mannheim ist das Marignano des Eishockeys
In den letzten 4 Jahren verpassten wir 3 Mal (2009, 2011, 2012) das Minimalziel “Viertelfinals” welches wir in 11 Jahren zuvor ebenfalls “nur” 3 Mal (2001, 2002, 2006) verpasst haben. Der Anfang des Rückschritts fand nicht in Marignano und auch nicht in Helsinki statt, sondern in Mannheim. Nach einer sensationellen Vorrunde scheiterte man 2010 als Favorit im Viertelfinale gegen die Underdogs aus Deutschland mit einer 0:1-Schlappe. Die verlorene Schlacht von Mannheim hinterliess die selben Spuren wie die verlorene Schlacht von Marignano, Mannheim ist das Marignano des Eishockeys, den seither bewegen wir uns auf einem “geordneten Rückzug.”
Keine “Winkelriede”
Statt eine solide “Viertelfinal-Nation” werden wir zur “Ligaerhalt-Nation” und sind einem Wiederabstieg in die B-Gruppe (1987, 1993, 1995) näher als einer WM-Medaille. Rückschritt statt Fortschritt, Offensive statt Defensive, Attraktiv statt Beton – lieber ein attraktiver-Abstieg als eine Beton-Medaille? Wollen wir das wirklich? Denn ohne “Winkelriede” geht es nicht, ohne absoluten Goalgetter – wie ich ihn, seit ich Eishockey schaue, in der Schweiz noch nie gesehen habe – können wir keine Expansionspolitik Richtung Eishockey-Weltspitze betreiben. Wir haben und wir hatten noch nie einen Stürmer im Format eines Patrick Thoresen’s – und ihn nenne ich bewusst, den Thoresen ist die Identifikationsfigur von Norwegens Höhenflug der letzten beiden Weltmeisterschaften.
Norwegen beerbt die Schweiz
Zum 2. Mal in Folge steht Norwegen anstelle der Schweiz im WM-Viertelfinal, im Direktduell verloren wir gegen die Wikinger in Kosice vor Jahresfrist mit 2:3. Seit 2008 schafften die Norweger 3 Mal (2008, 2011, 2012) den Sprung in die Viertelfinals. Des Schweizers Misserfolg ist des Norwegers Erfolg. Selbst beim jüngsten Beispiel von Norwegens Erfolg, hängt mit einem Misserfolg eines Schweizers zusammen: Im alles entscheidenden Spiel um den Einzug in die Viertelfinals erleidet der Schweizer Bundestrainer Jakob Kölliker mit Deutschland eine 4:12-Abfuhr gegen die Skandinavier. Dabei erzielt Patrick Thoresen 3 Tore und 3 Assists und rückt hinter dem russischen NHL-Star Yevgeny Malkin auf die 2. Position der WM-Skorerliste.
WM-Fazit
Ein Stürmer und Ausnahmekönner wie Norwegens Patrick Thoresen fehlt uns “noch” immer. Nino Niederreiter und Sven Bärtschi sind unsere nächsten Hoffnungen auf einen ganz grossen Goalgetter im “Winkelried-Format” – bis es soweit ist, sollten wir uns an unseren fast 500 Jahre alten “Beton-Verteidigungs-Stil” halten, sonst verschwinden wir in den nächsten 5 Jahren in der WM B-Gruppe.







