Aug 18 2015

Wenn die Eisbahn einem Parkhaus weichen muss

IJHC Gunco Panda`s Rotterdam 1991/92 mit Headcoach Alex Andjelic (unten, fünfter von links). Foto:

IJHC Gunco Pandas Rotterdam 1991/92 mit Headcoach Alex Andjelic (unten, fünfter von links). Foto: snipview.com

Wer kennt den «IJHC Gunco Pandas Rotterdam?» Vielleicht eine Handvoll Hockeyfanatiker – «SCB-Jüre» Jürg Wymann inklusiv – und der langjährige EHC Chur-Trainer (1985-87, 1992/93, 2010/11, 2013/14) Alex Andjelic kennen den klingenden Namen. Der serbisch-holländische Doppelbürger stand 1991/92 nur eine halbe Saison hinter der niederländischen Bande, ehe er noch im selben Winter Leo Schumacher in Chur (NLA) ersetzen musste. Der prominenteste «Rotterdamer» ist der aktuelle Headcoach der Kloten Flyers, Sean Simpson. Mit den Pandas feierte Simpson 1989 seinen ersten Titelgewinn in Holland und seinen zweiten Meistertitel der Karriere. In 43 Spielen buchte der Kanadier 100 Skorerpunkte für die Mannschaft welche den WWF (World-Wildlife-Fund) Panda auf seinen Trikots trug.

Unter den besten Acht Europas

Mit dem Titelgewinn Rotterdam’s qualifizierten sich die «fliegenden Holländer» zum zweiten Mal für den Europacup, wo sie 1989 bis unter die besten acht Klubteams Europas vorstiessen. Bei der knappen 2:3-Niederlage im Europacup-Halbfinalturnier gegen den SC Bern, brachten die Holländer sogar den Schweizermeister an den Rand einer Niederlage. Dabei sass ihr letztjähriger Topskorer Simpson nur noch als Zuschauer unter den 800 Fans in Bern auf der Tribüne, denn der Kanadier hatte in der Zwischenzeit beim SC Lyss in der Nationalliga B angeheuert und stattete seinen ehemaligen Teamkollegen einen Besuch ab.

Eishalle muss einem Parkhaus weichen 

Zwischen 1987 und 1990 holten die Pandas, welche zwischenzeitlich auch als Turbana‘s (gesponsert durch den weltweit bekannten Bananen-Importeur) aufliefen, drei Titel (1987, 1989, 1990) in vier Jahren und gehörten zu den Top-Klubs des Landes. Doch der steile Aufstieg war nur von kurzer Dauer. Nach nur neun Saisons in der obersten Spielklasse «Eredivisie», standen die Hafenstädter ohne Stadion da. Die Weena Ijshal an der Schaatsbahn 41 bis 45, beim Rotterdamer Bahnhof, musste 1996 aus finanziellen Gründen die Tore schliessen und einem Parkhaus weichen. Wo einst Meistertitel und Europacup-Abenteuer geschrieben wurden, parken heute beim Rotterdamer Bahnhof bis zu 230 Autos gleichzeitig.

Ungewisse Rückkehr

Seit Mitte der 90er Jahre ist Rotterdam auf Hollands Eishockeylandkarte verschwunden und der ehemalige Glanz an der Schaatsbahn scheint an der Rheinmetropole für immer erloschen. Seither ist die Stadt Rotterdam um den Bau einer neuen Eishalle bemüht, ein idealer Standort scheint in nächster Zukunft aber noch nicht in Sicht. In eine gute Zukunft steuert dafür der Niederländische Eishockeyverband, zusammen mit Belgien startet im Herbst 2015 die neue BeNe-League. 17 Mannschaften aus Holland und Belgien spielen in zwei Gruppen. Der holländische Meister Tilburg Trappers bestreitet neben der BeNe-League auch noch die deutsche Oberliga-Meisterschaft, während die Rotterdamer immer noch auf ihre Eisbahn warten.

Der Parkhaus-Eingang unter dem ehemaligen Dach der Weema Ijshal. (Foto: eishockeyblog.ch)

Der Parkhaus-Eingang unter dem Dach der Weena Ijshal, in rot, der Rest des Halleneingangs (Foto: eishockeyblog.ch)

 

Jun 26 2015

Von der «Mission Surprise» zur «Mission NHL»

Timo Meier auf dem Weg zum NHL-Draft 2015. (Foto: thehockeynews.com, getty images)

Timo Meier, im Trikot der Halifax Mooseheads, auf dem Weg zum NHL-Draft. (Foto: thehockeynews.com, getty Images)

Am 17. Dezember 2013 wurde Timo Meier in der SRF-Sendung «Mission Surprise» von seinen Familienangehörigen in Halifax mit einem Besuch überrascht. Der damals noch unbekannte Meier wagte sich wenige Monate vorher ins nordamerikanische Eishockey-Abenteuer. An seiner Seite war das Bieler Nachwuchstalent Nikolaj Ehlers, welcher in der SRF-Sendung den perfekten Lockvogel mimte und seit zwei Jahren mit Meier bei den Halifax Mooseheads in der Quebec-Major-Junior-Hockey-League (QMJHL) spielt.

Zwei Jahre nach Meiers Canadian-Hockey-League (CHL) Juniorendraft, der 18-Jährige wurde 2013 als Nummer 12 von den Mooseheads gezogen, steht Meier nun in der Nacht auf Samstag vor dem «richtigen» NHL-Draft. Dabei wird der Junioren-Internationale mit grosser Wahrscheinlichkeit in der ersten Runde gezogen, der Herisauer steht im NHL-Central-Scouting an zehnter Stelle aller «nordamerikanischen» Feldspieler.

Achter Erstrundendraft

Nach Michel Riesen (1997, Nr. 14), Luca Cereda (1999, Nr. 24), Luca Sbisa (2008, Nr. 19), Nino Niederreiter (2010, Nr. 5), Sven Bärtschi (2011, Nr. 13), Mirco Müller (2013, Nr. 18) und Kevin Fiala (2014, Nr. 11) dürfte Meier als achter Schweizer in der ersten Runde im Draft gezogen werden.

Timo Meier wird in der Nacht auf Samstag als 55. Schweizer NHL-Draft in die Geschichte eingehen

Der 1,86 Meter grosse und 95 Kilogramm schwere Powerstürmer hat in der vergangenen Saison in 75 Partien 54 Tore, 57 Assists und 111 Punkte realisiert. Sein Körperbetonter Spielstil kommt dem Herisauer auf dem kleineren Spielfeld entgegen. «Ich bin sehr verbissen», sagte Meier.

«Wenn ich ein Ziel habe, bin ich sehr fokussiert und arbeite ich hart. Ich sehe mich als komplettes Paket.» Und wenn Meier heute Nacht in der ersten Runde aufgerufen wird, ist dies keine «surprise», sondern der Startschuss zu einer neuen Mission, der «Mission NHL.»

Drei weitere Schweizer

Gute Draft-Chancen werden auch Verteidiger Jonas Siegenthaler (Nr. 12, European Skaters) und Mittelstürmer Denis Malgin (Nr. 20, European Skaters) eingeräumt, die in der vergangenen Saison bei den ZSC Lions, an der U20- und U18 Weltmeisterschaft (beide wurden ins All-Star-Team gewählt) überzeugt haben. Der Stürmer Pius Suter, der nach zwei OHL-Saisons bei Guelph Storm in die Organisation der ZSC Lions zurückkehrt, kann sich ebenfalls Hoffnungen auf einen Draft machen, er rangiert unter den «North American Skaters» auf Platz 74.

McDavid und Eichel

Als Nummer eins wird der Kanadier Connor McDavid (Erie Otters) vor dem Amerikaner Jack Eichel (Boston University) gehandelt. McDavid gilt als grösstes Talent seit Sidney Crosby (2005). Das erste Draftrecht haben die Edmonton Oilers vor den Buffalo Sabres und den Arizona Coyotes. Die 53. Draft-Veranstaltung geht am 26. und 27. Juni in Sunrise, Florida im BB&T Center über die Bühne.

Alle 54 Schweizer-Draftpicks

2014 2 – Kevin Fiala, Noah Rod
2013 2 – Mirco Müller, Sven Andrighetto
2012 2 – Tanner Richard, Christoph Bertschy
2011 2 – Sven Bärtschi, Gregory Hofmann
2010 2 – Nino Niederreiter, Mauro Jörg
2008 2 – Luca Sbisa, Roman Josi
2007 2 – Yannick Weber, Luca Cunti
2006 3 – Reto Berra, Julian Walker, Juraj Simek
2004 4 – Julien Sprunger, Roman Wick, Peter Guggisberg, Mark Streit
2003 5 – Tim Ramholt, Philippe Seydoux, Kevin Romy, Philippe Furrer, Loic Burkhalter
2002 5 – Tobias Stephan, Emanuel Peter, Daniel Manzato, Patrik Bärtschi, Thomas Nüssli
2001 4 – Beat Forster, Raffaele Sannitz, Martin Gerber, Severin Blindenbacher
2000 6 – Sven Helfenstein, Flavien Conne, Thomas Ziegler, Reto von Arx, Martin Höhener, Arne Ramholt
1999 3 – Luca Cereda, Timo Helbling, Goran Bezina
1998 2 – Julien Vauclair, Adrian Wichser
1997 3 – Michel Riesen, David Aebischer, René Stüssi
1996 1 – Mattia Baldi
1994 1 – Lars Weibel
1993 1 – Patrick Howald
1991 1 – Pauli Jaks
1976 1 – Jacques Soguel

Jun 08 2015

Wenn Brent Burns in der Rod Laver Arena spielt

 

Bent Burns, Garnet Exelby und Keith Primeau posieren mit dem Maskottchen der Sydney Bears. (Foto: Sydney Bears)

Brent Burns, Garnet Exelby und Keith Primeau posieren mit dem Maskottchen der Sydney Bears. (Foto: Sydney Bears)

Rod Laver Arena, Allphones Arena, Entertainment Centre und Perth Arena heissen die Schauplätze. Die Sportarten heissen aber nicht Tennis, Basketball oder Volleyball, sondern Eishockey. Während sich auf der gegenüberliegenden Seite des Erdballs die Tampa Bay Lightning und die Chicago Blackhawks um den begehrten Stanley-Cup duellieren, spielen eine kanadische- und amerikanische Auswahl die «Ice Hockey Classic Australia». Die Vier-Spiele-Serie, mit dem Ziel in Down Under für den Eishockeysport zu werben, wird in Melbourne, Sydney, Brisbane und Perth ausgetragen.

NHL- und Schweizer Söldner

Die beiden Mannschaften sind mit David Booth (Toronto Maple Leafs), Jerry D’Amigo (Buffalo Sabres), Taylor Beck (Nashville Predators), Zenon Konopka (HK Sanok, Polen, 354 NHL-Spiele), Garnet Exelby (Dornbirn, 412 NHL-Spiele) und WM All-Star-Team Verteidiger und Weltmeister Brent Burns (San Jose Sharks) auch in Down Under bestens besetzt. Selbst die «Schweiz» ist mit zwei ehemaligen Söldnern vertreten, Brett McLean (wechselt von Lugano nach Linz) trägt das kanadische Trikot in Sydney und Brisbane. Der Ex-Zuger und Langnauer Robbie Schremp spielt alle vier Partien für die USA.

It’s always been on my bucket list, coming to Melbourne, and I’m stoked I got to cross it off playing hockey for a great cause (Brent Burns)

Das erste Spiel fand in der legendären Rod Laver Arena in Melbourne statt, welche kurzum vom Tenniscourt in eine Eishalle verwandelt wurde. Die Atmosphäre in der Rod Laver Arena, wo sonst Roger Federer und Co. die Tennis-Fans von den Sitzen reissen, glich eher einer Riesenparty als einem Sportevent wie die Australien Open. Für Fans und Spieler war die grosse Hockeyparty sichtlich ein Genuss. Dabei avancierte San Joses Burns innert kürze zum Publikumsliebling. «It’s always been on my bucket list, coming to Melbourne, and I’m stoked I got to cross it off playing hockey for a great cause», sagte Burns nach dem 9:6-Sieg über die Amerikaner in Melbourne.

Beste Werbung fürs Eishockey

Die Resultate sind aber zweitrangig, im Vordergrund stehen Spektakel und die Faszination, den sich im Aufschwung befindende Eishockeysport in Australien weiter zu fördern. Gleichzeitig ist die Meisterschaft in der Australian Ice Hockey League (AIHL) voll im Gange. Perth Thunder und Adelaide Adrenaline stehen nach zehn Spielen an der Tabellenspitze. Der aktuelle Titelträger Melbourne Mustangs, steht nach einem enttäuschenden Start nur auf dem zweitletzten Platz. Die NHL-Cracks Brent Burns, Zenon Konopka, Garnet Exelby und USA-Headcoach Keith Primeau (1‘037 NHL-Spiele) standen während des AIHL-Spiels Sydney Bears – Melbourne Mustangs (7:6) für Fotos, Autogramme und Interviews mit den Fans zur Verfügung. Die Tour dauert noch bis am 20. Juni 2015 in Perth, dann müssen sich Australiens Hockey-Fans wieder dem normalen AIHL-Alltag widmen, welcher Ende August mit dem Goodall-Cup, der fünftältesten Hockeytrophäe der Welt, den neuen- und letzten Meister aller Ligen und Länder kührt.

Ice_Hockey_Classic_Australia

Kanada: Tyler Bunz (Edmonton, NHL/Oklahoma, AHL); Brent Burns (San Jose, NHL), Jordon Southorn (Gwinnett, ECHL), Andrew MacWilliam (Toronto, NHL/AHL), Nolan Yonkman (Adirondack, AHL/Jyväskylä, Fi), Mathieu Brisebois (Rockford, AHL); Frazer McLaren (Toronto, AHL), Logan MacMillan (Karaganda, VHL), Taylor Beck (Nashville, NHL), Matt Frattin (Toronto, NHL/AHL), Brett McLean (Lugano, Sz/Linz, Ö), Eric Neilson (Syracuse, AHL), Tyler Gron (Milano, It), Kevin Harvey (Sydney Ice Dogs, AIHL), Ryan Watson (Bakersfield, ECHL), Bryan Cameron (Alaska, ECHL)

USA: Garret Sparks (Orlando, ECHL); Garnet Exelby (Dornbirn), Ned Lukacevic (Coventry, Gb), Matt Williams (Sanok, Pol), Brad Miller (Sonthofen, De), Jason DeSantis (Klagenfurt, Ö); Kevin Baker (Quad City, ECHL), David Booth (Toronto, NHL), Zenon Konopka (Sanok), Jerry D’Amigo (Buffalo, NHL), Rob Schremp (Skelleftea, Sd), Michael Forney (Sheffield/Belfast, Gb), Mike Cichy (Sanok), Bryan Lerg (Worcester, AHL), Kip Brennan, Nick Lazorko (Pensacola, SPHL), Joe Harcharik (Sydney Bears, AIHL); Keith Primeau (Headcoach)

Ice Hockey Classic Australia Tour 2015 

Melbourne (Rod Laver Arena, 15‘000 Plätze), 5. Juni 2015, Kanada – USA 9:6 (4:1, 1:2, 4:3)
Sydney (Allphones Arena, 21‘000 Plätze), 6. Juni 2015, USA – Kanada 6:1
Brisbane (Entertainment Centre, 14‘500 Plätze), 13. Juni 2015
Perth (Perth Arena, 15‘500 Plätze), 20. Juni 2015

Mai 02 2015

Durchgerafflte Hanlon-Äpfel

Die beiden Villacher Brüder Thomas und Michael Raffl, in den Fussstapfen ihres Vaters Peter Raffl. (Foto: diepresse.com)

Die beiden Villacher Brüder Thomas und Michael Raffl, in den Fussstapfen ihres Vaters Peter Raffl. (Foto: diepresse.com)

Unter Raffeln versteht man die Zerkleinerung von Obst oder Gemüse mittels einer Raffel. Typische Anwendungen sind Karotten- und Selleriesalat oder Äpfel. Im Weltmeisterschafts-Spiel zwischen der Schweiz und Österreich ist es die Schweiz, die «gerafflt» wird. Die letzte Schweizer WM-Niederlage gegen Österreich datiert vom 2. Mai 1995, als man im schwedischen Gävle unter Mats Waltin im Abstiegsspiel der WM A-Gruppe gegen den kleinen Nachbar sang- und klanglos mit 0:4 unterging. Auf den Tag genau 20 Jahre später (hat noch kein Medium bemerkt), werden die «Hanlon-Äpfel» von den Österreichern mit 4:3 für die Zubereitung eines Schweizer Birchermüeslis «durchgerafflt».

Thomas und Michael Raffl

Dabei treffen die beiden Brüder Thomas und Michael Raffl gleich im Doppelpack zum Ausgleich: Thomas in der 23. Minute zum 1:1 und Michael auf Zuspiel von Thomas, 50 Sekunden vor Schluss zum wichtigen 3:3 für den A-WM-Neuling. Im Penaltyschiessen trifft zwar kein Raffl mehr, Mark Streit’s Flyers-Teamkollege Michael scheitert an Reto Berra, dennoch stehen die Raffl’s am Ursprung der ersten Schweizer Niederlage gegen die Ösis seit 20 Jahren. Oder anders gesagt, wird «gerafflt», gibt’s keinen Schweizer Sieg.

Wird gerafflt, gibt’s keinen Schweizer Sieg und bei einer Niederlage gegen Österreich folgt der Abstieg

Dies war schon 1983 so. Am 22. März, beim B-WM Auftakt in der japanischen Hauptstadt Tokio lag die Schweiz gegen Österreich mit 5:2 und 7:5 in Front. Weil es aber damals schon «rafflte», reichte es auch 1983 nicht zu einem Schweizer-Sieg. Peter Raffl schoss beim 8:8-Schlussresultat in der 36. Minute den wichtigen 5:5-Ausgleichstreffer. Der Vater der beiden Raffl-Brüder Thomas und Michael beendete seine internationale Karriere nach der B-WM 1991. Seither siegten die Österreicher nur noch ein Mal gegen die Schweiz und verbannte sie 1995 bis zum Aufstieg am grünen Tisch (für die Heim-WM 1998) in die WM B-Gruppe.

Der Abstieg kam nur einmal nicht

Verlor die Schweiz gegen Österreich folgte jeweils der Abstieg. Nicht nur 1995, sondern auch schon 1967 und 1973. An der B-WM 1967 in Wien verlor die Schweiz gegen die Ösis mit 6:7 und stieg in die C-Gruppe ab. An der B-WM 1973 in Graz, ging die Schweiz gegen Österreich mit 4:8 unter und es folgte erneut der Gang in die C-Gruppe. Nur an der B-WM 1966 in Zagreb, schaffte die Schweiz den bisher einzigen Ligaerhalt trotz einer Niederlage gegen Österreich (6:7). Der einzige Trost für die Schweizer: Die Konstellation Raffl und Abstieg gab es bisher noch nie.

«Durchgerafflte» Hanlon-Äpfel an der A-WM 2015. (Foto: kochfaszination.de)

«Durchgerafflte» Hanlon-Äpfel an der A-Weltmeisterschaft 2015 in Prag. (Foto: kochfaszination.de)

Apr 30 2015

Premieren in Grenoble

Grenoble gestern und heute.

Grenoble gestern und heute. Das Stade-de-Glace bot 1968 eine Premiere, Timo Helbling 2015. (Fotos: Krein/Gehrer) 

Die Schweiz gewinnt am 24. April 2015 in Genoble das WM-Vorbereitungsspiel gegen Frankreich mit 3:2. Für die Schweiz war es der 34. Sieg im 47. Länderspiel gegen die Franzosen, nach 1984 (7:2) und 2010 (2:1) standen sich die beiden Mannschaften erst zum dritten Mal in Grenoble gegenüber. 1984 aber noch im Olympiastadion «Stade de Glace», welches im Oktober 1967 für die Olympischen Winterspiele 1968 fertiggestellt wurde.

Noch heute, 47 Jahre später, ist das Stadion eine imposante Erscheinung. Architektonisch wirkt die Hülle des Prunkstücks wie eine Mischung zwischen der Oper von Sydney und dem Eisstadion Davos (Baujahr 1979). Möglicherweise diente das architektonische Meisterwerk von Robert Demartini und Pierre Junillon als Davoser Vorlage. Das Dach besteht aus zwei sich kreuzenden zylindrischen Gewölben. Die Halle mit 12’000 Sitzplätzen befindet sich im Parc Paul Mistral, dem zentral gelegenen Stadtpark von Grenoble und dient heute für Konzerte, Messeveranstaltungen und verschiedene sportliche Anlässe, wie etwa das Sechstagerennen. Die Olympischen Spiele von Grenoble sorgten 1968 für einige Premieren. Die Franzosen präsentierten mit «Schuss», das erste Olympia-Maskottchen, hatten mit 37 Ländern einen neuen Teilnehmerrekord und montierten im Stade de glace erstmals durchsichtige Plexiglas-Banden, wie sie erst beim Winter-Classic-Game zwischen Genf-Servette und Lausanne am 11. Januar 2014 im Stade-de-Genève wieder aufgetaucht sind.

Die Olympischen Spiele von Grenoble sorgten 1968 für einige Premieren

Beim Rundgang um den «Palais des Sports», wie die multifunktionale Halle heute heisst, versucht sich das Unterbewusstsein an die alten Zeiten zurück zu erinnern. Es scheint als sei man plötzlich mittendrin, am 15. Februar 1968, eine Stunde vor Spielbeginn (21 Uhr) zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, dem Höhepunkt des Turniers. Das Publikum strömt aus allen Seitenstrassen in den Parc Paul Mistral, Richtung Eingänge O (Oest) und E (Est). Fantrikots sind da noch fehl am Platz, die Leute sind elegant in grau, beige oder schwarz gekleidet und betreten das Eisstadion gesittet wie beim Gang in die Oper. Vor dem Eingangsportal E, am Boulevard Clemenceau ist eine Bushaltestelle, ein blau-weisser Bus bringt die Zuschauer direkt vors Stadion. Die Stimme des Speakers durchdringt die Stadionwände und verstärkt den Drang, endlich ins Stadion zu gelangen und die beiden Weltklassemannschaften aus dem Osten beim Einspielen zu bestaunen.

Der Höhepunkt des Olympiaturniers

Durch Tore von Frantisek Ševčík, Petr Hejma und Jan Havel führt die CSSR nach dem ersten Drittel mit 3:1. Durch zwei weitere Treffer von Jozef Golonka und Jaroslav Jiřík gewinnt die Mannschaft von Coach Jaroslav Pitner mit 5:4 und die Sensation ist perfekt. Was für ein Spiel, für einen kleinen Moment scheint man gedanklich tatsächlich dabei gewesen zu sein. Vor der letzten Runde führen die Tschechoslowaken die Tabelle an, verpassen aber mit einem 2:2 gegen Schweden, Golonka hatte den 3:2-Siegtreffer auf dem Stock, den Gewinn der Goldmedaille. Der Olympiasieg geht am 17. Februar 1968 durch das abschliessende 5:0 der Sbornaja gegen Kanada an die Sowjetunion.

Helblings Premiere

Vier Kilometer südlich hat sich das Stadion Pole du Sud geleert, Schweizer und Franzosen geben ihre Interviews. Hauptprotagonist ist Verteidiger Timo Helbling, er hat in seinem 77. Länderspiel zum ersten- und zweiten Mal getroffen und avanciert zum Matchwinner. Grenoble hat eben auch 47 Jahre später noch seine Premieren, gestern waren es Plexiglasbanden und Maskottchen, heute ist es Helbling. Was der Solothurner zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, er hat an diesem Abend das WM-Ticket für Prag tatsächlich gelöst.

Das Stade-de-glace in seiner Blütezeit, den Olympischen Winterspielen 1968. (Foto: Standard216)

Das Stade-de-glace von Grenoble in seiner Blütezeit, den Olympischen Winterspielen 1968. (Foto: Standard216)

Apr 13 2015

Der Erdnuss-Pokal

Der Twin Skate kurz nach dem Hebeversuch von HCD-Teamleiter Paul Berri. (Foto: Screenshot SRF)

Der Twin Skate kurz nach dem gescheiterten Hebeversuch von HCD-Teamleiter Paul Berri. (Foto: Screenshot SRF)

Seit 1981 ist das HC Davos-Urgestein Paul Berri im Betreuungsstab des 31-fachen Schweizermeisters. In 34 Jahren hat Berri acht Schweizer-Meistertitel (1984, 1985, 2002, 2005, 2007, 2009, 2011, 2015) mit dem HCD gefeiert. Beim achten- und gleichzeitig 31. Titel des Klubs lässt Berri in den Katakomben des Hallenstadions den gelben Plexiglaspokal fallen und der als «unzerstörbar» geltende «Twin-Skate» zerfällt in seine Einzelteile. Kein aktueller Betreuer hat mehr Pokale und Meistertitel gefeiert als der HCD-Teamleiter. In Berris Laufbahn waren schon vier verschiedene Meister-Pokale im Umlauf, drei davon gingen schon durch Berris Hände. Der aktuellste ging eine halbe Stunde nach der Pokalübergabe in die Brüche. War der Kult-Betreuer etwa zu fahrlässig?

Pokaltechnisch ein Eishockey-Entwicklungsland

Nein. Die Schweiz ist das einzige Land mit einem Plexiglas-Pokal, sogar die Neuseeländer und Spanier jubeln mit traditionsreichem Edelmetall. Seit 1997 feiert der Schweizermeister jeweils in Glas oder Kunststoff. Der SC Bern gewann 1997 als erstes den hässlichen blauen «Schirmständer». Zehn Jahre hat der Schirmständer, welcher auch schon geklaut, zerscherbelt und umgespritzt wurde, überlebt. Den letzten Schirmtitel feierte der HC Davos 2007, ehe der neue postgelbe «Plexi-Ständer» mit dem sechsten Meistertitel der ZSC Lions 2008 seine Premiere feiern konnte. Der von der Designagentur Hug & Dorfmüller gestaltete «Twin-Skate», wurde bei seiner Vorstellung als unzerstörbar betitelt. So kurz wie 2015 war seine Lebensdauer nach einem Titelgewinn aber noch nie, glücklicherweise soll es nur ein Replica gewesen sein.

 If you pay peanuts, you get monkeys – Zitat von Sir James Goldsmith

René Huguenin (HC La Chaux-de-Fonds) stemmt 1973 den letzten echten Schweizer Pokal zum sechsten Titelgewinn in Serie in die Höhe. (Foto: Sport Hits)

René Huguenin (HC La Chaux-de-Fonds) stemmt 1973 den letzten, echten Schweizer Pokal zum Titelgewinn in die Höhe. (Foto: Sport Hits 1973)

2008 hat sich der ehemals Schweizerische Eishockeyverband (SEHV) marketingtechnisch ein neues Label verpasst. Die Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) hat sich der Amerikanisierung des Westens angepasst. Seither wird hier nicht mehr in der traditionellen Nationalliga A und B, sondern in der «National-Hockey-Lea…», natürlich der «National League A and B» gespielt. Anstatt sich pokaltechnisch dem Westen, welcher die Tradition sämtlicher Trophäen ehrenhaft zu pflegen weiss, anzupassen hat die sich die Liga leider nur Namenstechnisch angepasst und damit gleich zwei Identitäten verloren: Den Liga-Namen, gegründet 1937, und den Pokal.

Die verlorene Pokal-Kultur 

Der letzte, richtige Pokal wurde mit dem sechsten Titelgewinn des HC La Chaux-de-Fonds 1973 aus dem Verkehr gezogen, seither gibts in der Schweiz nur noch «Erdnuss-Pokale». Sir James Goldsmith sagte einmal: «If you pay peanuts, you get monkeys» (Wer nur mit Erdnüssen bezahlt, braucht sich nicht wundern wenn er von Affen bedient wird), nichts passt treffender als die Plastik-Krönung des Schweizermeisters und dessen Umgang mit dem Lohn für den Titel. Der «Twin Skate»  hat weder Kult noch Tradition, daher ist auch ein «fallen und liegen lassen» für einen frischgebackenen Schweizermeister nur eine Randnotiz. Ein echter und geschichtsträchtiger Pokal wie etwa der Omega-Pokal (bis 1957 in einer siebener-Serie vom EHC Arosa gewonnen) würde auch in der Schweiz in ehrenhafter und «nordamerikanischer Tradition»  den Respekt von Trainern, Spielern, Betreuern und Medien ohne auch nur den Hauch von Erdnuss-Kontamination geniessen können.

 

Der Omega-Pokal 1957, im nordamerikanischen Stil. (Foto: Chronik EHC Arosa)

Der Omega-Pokal 1957, im nordamerikanischen Stil. (Foto: Chronik EHC Arosa)

Pokalhistorie der Nationalliga A:

1946/47* – 1956/57 Omega-Pokal
1957/58 – 1972/73 Pokal
1973/74 – 1990/91 Zinnbecher
1991/92 – 1995/96 Bleikübel
1996/97 – 2006/07 Schirmständer
Seit 2007/08 Twin Skate

*Angabe ohne Gewähr

Apr 09 2015

Abstecher in die «Operettenliga»

Wiens Andreas Nödl setzt sich gegen die beiden Salzburger Brett Sterling und Ryan Duncan. (Foto: Markus Knoblechner)

Wiens Andreas Nödl setzt sich gegen die beiden Salzburger Brett Sterling (links) und Ryan Duncan durch. (Foto: Markus Knoblechner, MK Media)

Fünf Tage nach dem Start zum Schweizer Playoff-Final sind auch unsere östlichen Nachbarn zur Endspielserie gestartet. Die beiden Champions-Hockey-League-Teilnehmer EC Red Bull Salzburg und Vienna Capitals stehen sich in der «Best-of-Seven» Serie gegenüber. Die Wiener haben letzten Herbst auf europäischem Parkett immerhin den Schweizer Meister und aktuellen Finalisten ZSC Lions in der Gruppenphase ausgeschaltet. Salzburg blieb gegen schwache Kloten Flyers ebenfalls zweimal siegreich und scheiterte äusserst ärgerlich in den Playoffs am schwedischen Spitzenteam und späteren Cup-Sieger Lulea HF.

Im Zeichen des roten Bullen

Zum Auftakt der Operettenliga-Finals, wie ein Schweizer Chronist die Ösi-Liga jeweils bezeichnet, steht sich die stärkste Mannschaft aus der Qualifikationsphase (Salzburg) und der Tabellenfünfte (Vienna Capitals) im Salzburger Volksgarten, der Spielstätte des Eishockeyteams von Dietrich Mateschitz gegenüber. Hier steht alles im Zeichen des roten Bullen. Selbst die Bandenwerbung lässt neben der Dosen-Werbung nur drei weitere Sponsoren zu, Stiegl, Suzuki und die Erste Bank, der Rest gehört zum Red Bull-Imperium.

Logisch gibt’s auch im «Red Bullschen» Presseraum einen ganzen Kühlschrank des gesamten Salzburger Produktemixes. Selbstverständlich darf sich der Journalist nach belieben der kühlen Dosengetränke und dem Bullen-Wasser LunAqua bedienen. Zum Hauptgang gibt’s Wiener Schnitzel, etwa ein Wink zum Verzehr des heutigen Gegners aus der Hauptstadt? Übrigens, der letzte Wiener-Sieg (4:2) in Salzburg datiert vom 24. März 2013.

In den letzten 20 Minuten werden die «Wiener-Schnitzel» durch vier weitere Bullen-Treffer verspeist

Die Vienna Capitals treten mit zehn Legionären an, davon haben acht Spieler Erfahrung in der NHL gesammelt. Der bekannteste unter ihnen ist aber ein Österreicher: Andreas Nödl, in der vergangenen Saison noch bei den Bullen und im Try-Out beim HC Lausanne, bestritt 195 Spiele für die Philadelphia Flyers und die Carolina Hurricanes. Salzburg spielt mit neun Ausländern (mit Ex-Ambrì Verteidiger Zdenek Kutlak) und zahlreichen österreichischen Internationalen, angeführt von Thomas Raffl (Bruder von Philadelphias Michael Raffl). Raffl ist es, welcher in der 20. Minute das Skore der Final-Serie 2015 eröffnet. Trotz des Verzehrs von mehreren Dutzend Wiener Schnitzel in besagtem Presseraum, steht es nach 40 Minuten erst 2:1 für die Bullen.

Hinkender Zuschauerschnitt

In den letzten 20 Minuten werden die «Wiener-Schnitzel» durch vier weitere Bullen-Treffer vor offiziell 3’200 Zuschauern endgültig mit 6:1 verspeist. Gemäss der Salzburger Nachrichten (SN) sollen aber 3’600 Fans in der Halle gewesen sein. Der offizielle Zuschauerschnitt der Mozartstädter liegt unter 3’000 und damit sind die Bullen nicht einmal unter den Top-100 Europas klassiert. Sogar die Schweizer NLB-Klubs Langnau (5’053) und Olten (3’634) haben den höheren Schnitt. Der Finalgegner aus Wien, die Vienna Capitals liegen mit einem Schnitt von 4’569, knapp hinter dem EHC Biel, immerhin auf Rang 71 des europäischen Klub-Rankings. Die 14’000 Karten für die ersten beiden Playoff-Final-Heimspiele gegen Salzburg waren innert Kürze ausverkauft.

In Sachen Zuschauerzahlen mögen die Österreicher mit den Schweizern derzeit (noch) nicht mitzuhalten, aus sportlicher Sicht hatten die Ösis im letzten Direktvergleich aber die Nase vorn. Vor dem nächsten Direktvergleich stehen in den beiden Nachbarländern aber noch zwei heisse Finalserien an.

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