Dez 15 2014

Adventszeit ist auch die Zeit der NHL-Scouts

Der 17-jährige Denis Malgin steht zusammen mit Jonas Siegenthaler unter Beobachtung der NHL-Scouts. (Foto: GCK Lions)

Der 17-jährige Denis Malgin steht zusammen mit Jonas Siegenthaler im Fokus der NHL-Scouts. (Foto: GCK Lions)

Sie tummeln sich wieder in den Eisstadien Europas, die Späher der National-Hockey-League (NHL). Allein am letzten Wochenende mit drei Spielrunden waren ein Dutzend NHL-Scouts in der Schweiz unterwegs. Die beiden Scouts der Buffalo Sabres, Fredrik Andersson und Teemu Numminen pendelten von Bern via Zürich nach Kloten. In Bern beobachten die beiden Skandinavier unter anderem Christoph Bertschy, dessen Rechte allerdings schon bei den Minnesota Wild liegen. In Zürich sind es Jonas Siegenthaler und Denis Malgin, in Kloten sind es die jungen Davoser welche die Späher kurz vor ihrem Rückflug interessieren. Auch Pittsburgh-Scout Tommy Westlund ist in Zürich und Kloten anzutreffen.

Ehemalige Spieler 

Andersson, und Numminen waren einst selber Spieler. Andersson langjährier Torhüter bei MoDo Hockey Örnsköldsvik und Numminen war einst auf dem Weg in die NHL seinem älteren Bruder Teppo Numminen zu folgen. Wie Teppo, wurde auch der fünf Jahre jüngere Teemu von den Winnipeg Jets gedrafted, allerdings blieb es beim Draft. Nun beobachtet er selber mögliche Draft-Kandidaten für die Buffalo Sabres. Die beiden Skandinavier sind für das Amateur-Scouting in Europa zuständig. Als Pro-Scout in Buffalo ist übrigens Ex Bern- und Lausanne Trainer John van Boxmeer tätig.

Kalevi Numminen 

Apropos Trainer, Teppo- und Teemus Vater Kalevi Numminen ist in Finnland eine Legende, nach ihm ist sogar die Auszeichnung für den SM-liiga-Trainer des Jahres benannt. Vier Gewinner der Kalevi-Numminen-Trophy waren schon Trainer in der Schweiz. Ex Zug-Trainer Rauno Korpi gewann die Trophäe 1982, 1986 und 1987, der langjährige Kloten-Ausbildner Wladimir Jursinow wurde zwischen 1993 und 1995 drei Mal in Serie ausgezeichnet, ex SCB-Coach Hannu Jortikka zwischen 1999 und 2001 ebenfalls. Der vierte ist Raimo Summanen 2002.

Connor McDavid und Jack Eichel sind die heissesten Anwärter für die Nummer Eins 

Kalevi und Teppo Numminen haben bereits Eishockey-Geschichte geschrieben, Teemu Numminen soll als Scout zumindest den europäischen Teil des Kapitels der Buffalo Sabres von Morgen schreiben. Zu den heissesten Draft-Kandidaten für den Number-One-Draft 2015 zählen der Kanadier Connor McDavid (Erie Otters) und der Amerikaner Jack Eichel (Boston University). Die ersten Europäer sind auf den Positionen sieben und dreizehn des Rankings des International Scouting Services (ISS) vertreten: Oliver Kylington von Färjestads BK Karlstad und der Finne Mikko Rantanen von TPS Turku.

Die Schweizer Draft-Kandidaten

Die hoffnungsvollsten Schweizer Talente des ISS-Rankings sind Jonas Siegenthaler und Denis Malgin (Sohn von Albert Malgin) und dürften beim Draft vom nächsten Juni (26./27.) in Sunrise, Florida zum Zug kommen. Auf der nordamerikanischen Liste stehen die beiden in der Quebec-Major-Junior-Hockey-League (QMJHL) engagierten Kay Schweri (Sherbrooke Faucons) und Timo Meier (Halifax Mooseheads). Unter Beobachtung stehen auch weitere Schweizer Talente wie Dominik Diem (GCK Lions), Colin Fontana (HC Lugano), Fabian Haberstich (SCL Tigers), Auguste Impose (HC Genf-Servette), Roger Karrer (GCK Lions), Timo Haussener (Rapperswil-Jona), Calvin Thürkauf (Zug) sowie die Berner Luca Hischier, Yanik Burren und Dario Meyer. Wichtigster Termin für die jungen Top-Draft-Kandidaten ist die U20 Weltmeisterschaft vom 26. Dezember 2014 bis 5. Januar 2015 in Toronto und Montreal, vor den Toren der National-Hockey-League.

Dez 06 2014

Vom Nirgendwo an die Weltspitze

Evelina Raselli im Zweikampf mit Kanadas Hayley Wickenheiser an den Olympischen Spielen in Sotschi. (Foto: canada.com)

Evelina Raselli (rechts) im Zweikampf mit Kanadas Hayley Wickenheiser an den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. (Foto: canada.com)

Zwischen dem 5. und 7. Dezember treten die Frauen des HC Lugano im Halbfinalturnier des European-Womens-Champions-Cup gegen den Deutschen Meister ESC Planegg, die Herlev Hornets aus Dänemark und dem HC Neuilly-sur-Marne aus Frankreich an. Nach Olympia-Bronze greift Luganos Nationalspielerin Evelina Raselli auch nach europäischem Edelmetall.

Für Lugano ist es bereits die fünfte Teilnahme im Meistercup. Dreimal qualifizierten sich die Tessinerinnen für das Finalturnier. 2011 holten die Luganesi erstmals europäisches Edelmetall. Es war gleichzeitig die erste internationale Medaille für Lugano-Spielerin Evelina Raselli.

Seit 2008 spielt die 22-jährige Bündnerin beim Frauenteam des HC Lugano. Was die damals 16-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass in den nächsten sechs Jahren drei Schweizermeistertitel-, Weltmeisterschaftsbronze- und olympisches Edelmetall folgen würden.

Wo liegt Le Prese?

Raselli ist im kleinen Bündner Dörfchen Le Prese, einem «Kreis» der Gemeinde Poschiavo aufgewachsen. Der südlichste Zipfel des Bündnerlandes liegt als «Halbexklave» in Italien und ist «irgendwo im Nirgendwo». Die sechs Gemeinden von Poschiavo zählen zusammen gerade mal knapp 3’500 Einwohner.

Die Familie Raselli betreibt das Sporthotel Raselli, welches nur 50 Meter von der örtlichen Eisbahn liegt. Das Eisfeld liegt direkt vor der Haustüre und es war naheliegend, dass sich die kleine Schwester dem Hobby ihrer zwei Eishockey spielenden Brüder und ihres Vaters anschliessen würde.

Via Celerina und St. Moritz nach Lugano

Schon früh stand «Eve» mit den Jungs des HC Poschiavo auf dem Eis. Um ihr Talent noch besser zu fördern, spielte Raselli später für die Frauen des SC Celerina und die Junioren des EHC St. Moritz. Der Wechsel zum HC Lugano kam durch die Familie Crameri zustande. Anita Crameri, die Frau vom ehemaligen Lugano-Spieler und aktuellen St. Moritz-Trainer Gian Marco Crameri, fädelte den Kontakt zum Tessiner Tradionsclub ein.

Nach Olympia- und Weltmeisterschafts-Bronze fehlt noch europäisches Edelmetall

Dabei war der damals angehenden Handelsmittelschülerin kein Weg zu weit. Während ihrer dreijährigen Ausbildung in Samedan fuhr Raselli jeweils am Freitagabend für das Wochenende ins 190km entfernte Lugano, wo sie seit Abschluss ihrer Weiterbildung wohnt und mit einer 80-Prozent-Anstellung in einem Treuhandbüro arbeitet. Die restlichen 20-Prozent benötigt sie für Nationalmannschafts-Zusammenzüge, wo die Stürmerin seit 2011 der Stammformation angehört.

Erfolgreiches 2014

In den letzten drei Jahren entwickelte sich die gebürtige «Puschlaverin» in Lugano zu einer Schlüsselspielerin und zählt heute zu den besten Eishockeyspielerinnen des Landes. Die vergangene Saison ist die bisher erfolgreichste ihrer noch jungen Karriere.

An den Olympischen Winterspielen in Sotschi errang Raselli mit den Schweizerinnen sensationell Olympia-Bronze. Danach folgte der dritte Meistertitel mit dem HC Lugano. Durch diese Erfolge wurde die aktuelle Topskorerin (10 Spiele, 32 Punkte) der Liga für die Wahl zur «Bündner Sportlerin des Jahres 2014» nominiert.

Der Champions-Cup fehlt noch

Die Champions-Cup-Gegnerinnen aus Planegg, Herlev und Neuilly-sur-Marne sind gewarnt, denn Raselli und Lugano wollen auch europäisches Edelmetall. Der zusätzliche Heimvorteil stärkt das Team von Trainer Marzio Brambilla in der Rolle des Favoriten – und für den Einzug ins europäische Finalturnier ist für Raselli bekanntlich kein Weg zu weit…

*Das Porträt von Evelina Raselli wurde im Rahmen des Studiums an der Universität Salzburg publiziert.

HC Lugano 2014/15: Evelina Raselli (sitzend, zweite von rechts)

HC Lugano 2014/15: Evelina Raselli (sitzend, zweite von rechts). Foto: HC Lugano

Nov 27 2014

«Australier» erobern die NHL

Ryan Lowe bei seinem ersten NHL-Einsatz am 26. November 2014. (Foto: Screenshot SNW)

Torhüter Ryan Lowe bei seinem ersten NHL-Einsatz am 26. November 2014. (Foto: Screenshot SNW)

Ex-NHL-Star Rob Zamuner wechselte 2006 im «Herbst» seiner Karriere via EHC Basel zu den Brisbane Blue Tongues in die Australian Ice Hockey League (AIHL). Zamuners Engagement in Queensland sorgte damals für grosses Aufsehen. Steve McKenna und der Ex-Bieler Jesse Belanger sind zwei weitere Beispiele von NHL-Spielern welche in Down Under anheuerten.

LAST PLAYED PRO IN AUSTRALIA WITH THE SYDNEY BEARS

Doch es geht auch in die Gegenrichtung. Bei den San Jose Sharks sind gleich beide Backup-Torhüter Alex Stalock und Troy Grosenick verletzt. So wurde für die Partie gegen die Calgary Flames (0:2) als Backup für Antti Niemi der Amerikaner Ryan Lowe ins Team von Mirco Müller (siehe eishockeyblog.ch) und Joe Thornton berufen. Der 30-jährige Torhüter spielte in der Saison 2013 für die Sydney Bears und vorher zwei Jahre für die Canberra Knights in der AIHL. Nun kam der Torhüter-Trainer der San Jose Junior Sharks, vier Tage vor seinem 31. Geburtstag, in der Nacht vom 26. November gegen die Calgary Flames als Backup zur NHL-Feuertaufe.

Auf Elliots Spuren

Lowe ist nicht der erste Torhüter welcher nach einem Engagement in Australien zu NHL-Einsätzen gekommen ist. Jason Elliot stand in der Saison 1992 als 16-jähriger bei den Canberra Knights zwischen den Pfosten und hütete an der C-Weltmeisterschaft 1993 das Tor des australischen Nationalteams. Zwischen 2000 und 2002 wurde der Australier als Backup ins Kader der Detroit Red Wings berufen.

Walker in Hershey

Der nächste mögliche australische NHL-Kandidat ist der Stürmer Nathan Walker. Der NHL-Draftpick vom letzten Sommer (Nr. 89, Washington Capitals) ist bei den Hershey Bears in der American Hockey League (AHL) mit einem Zweiweg-Vertrag parkiert.

Sydney Bears-Hüter Ryan Lowe pariert einen Penalty gegen Perth Thunder. (Foto: zvg)

Sydney Bears-Hüter Ryan Lowe pariert einen Penalty gegen Perth Thunder. (Foto: zvg)

 

Hier gehts zum AIHL ALMANAC 2014: http://www.lulu.com/shop/search.ep?keyWords=AIHL+ALMANAC+2014&type=

 

 

 

 

 

Nov 21 2014

Von Fischers, Anderssons und Kochlöffel

Jaroslav Kochlöfl, Mitglied er «EVZ Wall-of-Fame»

Jaroslav Kochlöfl, Mitglied der «EVZ Wall-of-Fame» (Foto: eishockeyblog.ch)

 

Kennen Sie den Kochlöffel? Vielleicht den aus der Küche, nicht aber Jaroslav Kochlöfl, es sei denn Sie sind ein Anhänger des EV Zug oder ein Tschechoslowaken Insider. Jaroslav Kochlöfl immigrierte 1971 als tschechoslowakischer Flüchtling in die Innerschweiz. Kochlöfl spielte in der Saison 1971/72 beim Erstligisten EV Zug und wurde in seiner einzigen Zuger Saison mit 21 Toren und 4 Assists in 17 Spielen Topskorer. Dieser Status befördert den Exil-Tschechoslowaken in die Kategorie 3 der «EVZ Wall-of-Fame». Kategorie 3 bedeutet «mindestens fünf Saisons beim EVZ oder mindestens eine Saison EVZ-Topskorer».

3. Kategorie (klein): Mindestens 5 Saisons beim EVZ oder mindestens eine Saison EVZ-Topscorer

 

Patrick Fischer und Patrick Fischer 

Zwei Kategorien höher und zwei Schriftklassen grösser ist der Status von Patrick Fischer (II). Der Verteidiger bestritt zehn Saisons für den EV Zug und trat im vergangenen Sommer zurück. Fischer wird vor dem Spiel gegen den HC Lugano (1:7) offiziell in der Kategorie 1 der EVZ Wall-of-Fame aufgenommen. Ebenfalls auf der EVZ Wall-of-Fame steht Lugano-Trainer Patrick Fischer. Zusätzlich hängt Fischers Rückennummer 21 unter der Hallendecke der Bossard-Arena. Damit erfüllt der ehemalige Zug-Junior mindestens vier von fünf Kriterien, Fischer erfüllt sogar alle fünf, für eine «Retired Number» in Zug.

2. Kategorie (mittel): Mindestens 8 Saisons beim EVZ oder Schweizermeister mit dem EVZ

 

Peter Anderson und Peter Andersson

Übrigens Peter Andersson spielte ebenfalls in Zug. Gemeint ist aber nicht Luganos Assistenzcoach und Vater von Ex-Zug-Spieler Calle Andersson, sondern Peter Andersson aus Timra. Zugs Peter Andersson spielte in der Saison 1989/90 beim EVZ und ist aktuell Assistenzcoach bei den SCL Tigers. Peter Andersson (II) aus Karlstad steht seit 2013 als Assistent von Patrick Fischer an der Bande der Bianconeri. Und was macht der andere Patrick Fischer? Sein Name steht auf der EVZ Wall-of-Fame, ganz in der Nähe von Jaroslav Kochlöfl – oder ist es der andere Patrick Fischer?

1. Kategorie (gross): Mindestens 10 Saisons beim EVZ oder drei oder mehr Saisons EVZ-Topscorer

 

Patrick Fischer steht an Luganos Bande, direkt unter seiner «Retired Number 21» in Zug (Foto: eishockeyblog.ch)

Patrick Fischer steht an Luganos Bande, direkt unter seiner «Retired Number 21» in Zug (Foto: eishockeyblog.ch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nov 15 2014

Bei Nacht und Nebel in den Westen

SC Dynamo berlin 1981/82: Stefan Steinbock (Hinterste Reihe, fünfter von links) und Guido Hiller (Mittlere Reihe, achter von links). Foto: zvg

SC Dynamo Berlin 1981/82: Stefan Steinbock (Hinterste Reihe, fünfter von links) und Guido Hiller (Mittlere Reihe, achter von links). Foto: Archiv Stefan Steinbock

Ein berühmter «Eishockey-Chronist» sagte einmal «im Bäre z Madiswil sisi abghoue», gemeint sind die ehemaligen DDR-Nationalspieler Guido Hiller und Stefan Steinbock. Die Geschichte war mir nur schleierhaft bekannt, aus dem deutschen Eishockey Jahrbuch 90 wusste ich, dass die beiden Spitzensportler in den Westen geflüchtet waren, wenige Wochen später aber wieder in die DDR zurück gekehrt sind. Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls eine perfekte Story mit Schweizerbezug.

Im September 1970 beschloss der DDR-Sportverband DTSB, nur noch die Medaillen-intensiven Sportarten zu fördern. «Wir brauchen zum Aufbau der sozialistischen Wirtschaft jede Mark. Um Eishockey zu betreiben, benötigt man jährlich die Finanzen von circa zwei hochseefisch-verarbeitenden Kühlschiffen. Also, liebe Sportler, was brauchen wir dringender Eishockey oder Kühlschiffe?» lautete die damalige Begründung von Staatssekretär Rudi Hellmann.

Ab diesem Zeitpunkt spielten nur noch zwei Mannschaften in der Oberliga der DDR: Der SC Dynamo Berlin und die SG Dynamo Weisswasser. 20 Jahre duellierten sich die beiden «Polizeiclubs» in best-of-six, best-of-eight, best-of-ten, best-of-twelve und zuletzt in best-of-five-in-five Serien. In 20 Jahren teilten die «Dynamos» in 178 Spielen alle Ostdeutschen Meistertitel, davon gingen 12 an die Berliner und acht an die Lausitzer aus Weisswasser.

Dynamo_Berlin_Logo

Zurück zur Geschichte, wir schreiben das Jahr 1984, es würde noch sechs Jahre dauern bis zum Fall der Mauer, was aber damals noch keiner für möglich gehalten hätte. Auch Guido Hiller und Stefan Steinbock nicht, die beiden teilen sich bei ihren Auslandreisen (Weltmeisterschaften, Europacup-Spiele, Freundschaftsturniere und Trainingslager) über Jahre ein Zweierzimmer. «Das schweisst zusammen, da weisst du alles von deinem Partner» sagt Steinbock. Die Idee einer Flucht nach Westen ergab sich im Laufe der Zeit.

Hiller setzt sich in der Schweiz ab

Im September 1984 ist es soweit, Hiller fasst den Entschluss abzuhauen. Der SC Dynamo Berlin, vom Oberaargauer-Cup in Langenthal kommend, übernachtet am Ende der jährlichen Schweizer-Tournee im Hotel Mövenpick in Kloten. Hiller informiert seinen Zimmergenossen Steinbock über seinen Entschluss, doch Steinbock ist noch nicht soweit. So desertiert Hiller im Alleingang und lässt seinen Kumpel zurück.

Steinbock wird die schwere Aufgabe haben, am nächsten Morgen die beiden Coaches Joachim Ziesche (1999 Aufnahme in die IIHF Hall-of-Fame) und Hartmut Nickel über Hillers Abgang zu informieren. Nickels Worte wird Steinbock nie vergessen: «Ach du Scheisse, jetzt müssen wir in Zinnwald die Bobbahn putzen».

Steinbock folgt drei Monate später

Nach Hillers Abgang bleibt Steinbock der Kontakt zu seinem Kumpel verwehrt. Ein Teamkollege kauft bei einem Zwischenhalt in Kopenhagen die Bild-Zeitung und da ist ein Artikel über Hillers Engagement beim Bundesligisten Mannheimer ERC publiziert. Bis Weihnachten 1984 fasst auch Steinbock den Entschluss die Flucht nach Westen anzutreten. Steinbock gastiert vom 19. bis 22. Dezember mit der Nationalmannschaft an einem Vierländerturnier in Feldkirch. Die DDR spielt gegen die Schweiz, Holland und Österreich. Nach dem zweiten Spiel, macht sich Steinbock bei Nacht und Nebel auf und davon, ein Taxifahrer fährt den Stürmer kostenlos bis ins deutsche Lindau am Bodensee.

Doch die Freude über die Freiheit ist nur von kurzer Dauer, denn die Ostdeutschen sind ausserhalb der DDR 18 Monate nicht spielberechtigt und erhalten keinen Flüchtlingsausweis. Wer verpflichtet einen Spieler, der erstens nicht spielberechtigt ist und zweitens unter das Ausländerkontingent fällt? Nach einer Probezeit in Mannheim kehrt zunächst Steinbock, später Hiller in einer streng geheim gehaltenen Aktion der Stasi in die DDR zurück. Nach kurzer Sperre dürfen beide wieder spielen. Auch die übliche Strafverfolgung bleibt kurioserweise aus.

Zwischen Mauerfall und Aufnahme in die Bundesliga

Nach dem Mauerfall vom 7. Oktober 1989 wurde die letzte DDR-Meisterschaft noch zu Ende gespielt. Noch niemand dachte an eine Bundesliga-Integration der Ost-Teams. So unterschrieb Steinbock auf eine Anfrage von EVL-Manager Fax Fedra seinen ersten Profivertrag in Landshut. Hiller vorerst noch nicht.

Auf Betreiben des DEB-Präsidenten Otto Wanner dürfen noch vor der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 die beiden Ost-Teams SG Dynamo Weisswasser und SC Dynamo Berlin als Neulinge in der Bundesliga ihr Debüt geben. In Kürze versuchen Rüdiger Noack in Weisswasser und Dieter Waschitzowitz in Berlin, die finanziellen Grundlagen für die neue Zukunft zu schaffen. Aus Marketing-technischen-Gründen wird der SG Dynamo Weisswasser in «Polizei-Eislauf-Verein» (PEV) umbenannt. Der SC Dynamo Berlin nennt sich «EHC Dynamo» und das «D» wird durch den bis heute bekannten «Berliner Eisbär» ersetzt.

Hiller und Steinbock sind im Europacup Finalturnier 1983/84 unter den Top-7 der Skorerliste.

 

Und was ist eigentlich mit dem Landgasthof Bären in Madiswil? Dynamo logierte im Rahmen des Oberaargauer Cups zwar im besagten Landgasthof, jedoch trat an diesem Ort keiner die Flucht an. Guido Hiller und Stefan Steinbock spielten später zwischen 1996 und 1998 nochmals zwei Saisons zusammen für den ETC Crimmitschau, wo Steinbock heute fürs Marketing der «Eispiraten» zuständig ist, in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Apropos Hiller und Steinbock, auf meiner Recherche durchs world-wide-web stiess ich irrtümlicherweise auf einen Torhüter Namens Hiller und eine Torhütermaske mit einem Steinbock. Der Torhüter der Calgary Flames hat so wenig mit den ehemaligen Ostdeutschen zu tun wie Madiswil mit der Flucht in den Westen…

Guido Hiller

Geb. 1. Oktober 1964 in Berlin (DDR). Stürmer.
Klubs: 1971-81 Junioren, 1981-90 SC Dynamo Berlin, 1990-92 EHC Dynamo Berlin (1. BL), 1992-95 Eisbären Berlin (1. BL/DEL), 1995-98 ETC Crimmitschau (2. BL), 1999-02 Dresden (Oberliga), 2003-04 ESC Saale Teufel (Regionalliga).
International: 75 Länderspiele für die DDR, 2 Länderspiele für Deutschland; A WM 1983 (6.); 3x B-WM 1986 (3.), 1987 (5.), 1989 (5.); 2x Thayer-Tutt-Turnier 1984 (1.), 1988 (4.); 6x Europacup 1983/84 (3.), 1984/85 (3. Runde), 1985/86 (3. Runde), 1986/87 (2. Runde), 1987/88, 1988/89.
Erfolge: 7x DDR-Meister 1982, 1983, 1984, 1985, 1986, 1987, 1988. Europacup-Bronze 1984.

Stefan Steinbock

Geb. 27. September 1962 in Crimmitschau (DDR). Stürmer.
Klubs: 1974-81 Junioren, 1981-90 SC Dynamo Berlin, 1990-93 EV Landshut (1. BL), 1993-97 Nürnberg Ice Tigers (2. BL/DEL), 1996-00 ETC Crimmitschau (2. BL/Oberliga), 2002-03 EHV Schönheide (Regionalliga).
International: 99 Länderspiele für die DDR; A WM 1983 (6.); 3x B-WM 1986 (3.), 1987 (5.), 1989 (5.); 2x Thayer-Tutt-Turnier 1984 (1.), 1988 (4.); 7x Europacup 1982/83 (2. Runde), 1983/84 (3.), 1984/85 (3. Runde), 1985/86 (3. Runde), 1986/87 (2. Runde), 1987/88, 1988/89.
Erfolge: 7x DDR-Meister 1982, 1983, 1984, 1985, 1986, 1987, 1988. Europacup-Bronze 1984.

Nov 05 2014

Müller und Andrighetto, die aktuellsten Schweizer NHL-Torschützen

Mirco Müller feiert seinen ersten NHL-Treffer, gefolgt von Passagier Matt Nieto. (Foto: sharks.nhl.com)

Mirco Müller feiert seinen ersten NHL-Treffer, gefolgt von Passgeber Matt Nieto (Nr. 83). (Foto: sharks.nhl.com)

Mirco Müller gelingt am 30. Oktober 2014 sein erstes Tor in der National-Hockey-League. Nach 16 Minuten und 6 Sekunden trifft der Verteidiger bei der 3:4-Niederlage gegen Minnesota Wild (mit Nino Niederreiter) zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung der Sharks.

Der erst 19-jährige Winterthurer bringt den Puck nach der Vorarbeit von Matt Nieto und James Sheppard seitlich vors Tor, wo ihn Minnesotas Stürmer Zach Parise unhaltbar für seinen eigenen Torhüter Darcy Kuemper ablenkt. Für Müller ist es der dritte Skorerpunkt im neunten NHL-Spiel.

Mit diesem Treffer ist Mirco Müller erst der zwölfte NHL-Torschütze der Schweiz. Unter den Schweizer Verteidigern ist er nach Mark Streit, Yannick Weber, Luca Sbisa, Raphael Diaz und Roman Josi der sechste Torschütze.

14 Jahre nach Reto von Arx’ Meilenstein in Columbus, ist Verteidiger Mirco Müller der zwölfte und Stürmer Sven Andrighetto der dreizehnte NHL-Torschütze der Schweiz.

Rund einen Monat nach Müller reiht sich der nächste Schweizer in die NHL-Torschützenliste ein. Sven Andrighetto erzielt bei seinem Debüt am 6. Dezember 2014 bereits sein erstes NHL-Tor. Dabei bezwingt der NHL-Draft von 2013 Dallas-Hüter Kari Lehtonen.

Sechs Tage- und zwei Spiele später trifft der Zürcher erneut, beim 6:2-Sieg gegen den aktuellen Stanley-Cup-Sieger Los Angeles Kings erzielt der 21-jährige Dübendorfer den Treffer zum 5:2 gegen Kings-Goalie Martin Jones.

Alle 13 Schweizer Torschützen

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Reto von Arx (Chicago Blackhawks), trifft in seinem zweiten NHL-Spiel gleich zwei Mal. Beim Eröffnungsspiel der Columbus Blue Jackets am 7. Oktober 2000 geht der Langnauer als erster Schweizer NHL-Torschütze (gegen Ron Tugnutt)  in die Geschichte ein. Total 19 Spiele, 3 Tore

Mark Streit (Montreal Canadiens, New York Islanders, Philadelphia Flyers), erst sechs Jahre nach Reto von Arx geht der Verteidiger als zweiter Torschütze in die Geschichte ein. Beim 4:1-Sieg gegen die San Jose Sharks am 14. Januar 2006, bezwingt er Evgeny Nabokov im Powerplay auf Zuspiel von Andrei Markov und Alexei Kovalev (ex-Visp). Total 627 Spiele, 83 Tore.

 

Patrick Fischer (Phoenix Coyotes), trifft als zweiter Stürmer am 28. Oktober 2006 in Phoenix gegen die New York Rangers zum 2:6 Zwischenstand. Im Tor steht kein geringerer als «King» Henrik Lundqvist. Total 27 Spiele, 4 Tore.

Yannick Weber (Montreal Canadiens, Vancouver Canucks), erzielt – auf Zuspiel von Glen Metropolit – am 20. April 2009 gegen Tim Thomas das Tor zum 2:2-Zwischenstand gegen die Boston Bruins. Total 195 Spiele, 15 Tore.

Nino Niederreiter (New York Islanders, Minnesota Wild), geht am 13. Oktober 2010 als jüngster Islanders-Torschütze aller Zeiten in die Geschichte ein. Auf Zuspiel von Doug Weight und Michael Grabner bezwingt der Churer Michal Neuvirth im Tor der Capitals. Total 186 Spiele, 32 Tore.

Luca Sbisa (Philadelphia Flyers, Anaheim Ducks, Vancouver Canucks), bezwingt am 28. Dezember 2010 Phoenix-Hüter Ilya Bryzgalov zum 1:0. Beim 3:1 von Anaheim ist auch Jonas Hiller mit dabei. Total 305 Spiele, 11 Tore.

Raphael Diaz (Montreal Canadiens, Vancouver Canucks, New York Rangers, Calgary Flames), schiesst am 18. Oktober 2011 die Montreal Canadiens gegen Buffalo mit 1:0 in Front. Nach dem Spiel wird der Zuger zum «Third-Star» des Spiels ausgezeichnet. Total 166 Spiele, 6 Tore.

Roman Josi (Nashville Predators), trifft am 10. Dezember 2011 gegen Anaheim (mit Luca Sbisa) im Powerplay zum 2:1. Shea Weber und Martin Erat geben die Assists beim 3:2-Sieg gegen die Ducks. Total 211 Spiele, 26 Tore.

Sven Bärtschi (Calgary Flames), erzielt gleich drei Tore in den ersten vier Spielen. Das erste am 12. März 2012 in St. Paul gegen die Minnesota Wild auf Zuspiel von Derek Smith (heute ZSC Lions) und Tom Kostopoulos. Total 65 Spiele, 8 Tore.

Damien Brunner (Detroit Red Wings, New Jersey Devils), ist am 22. Januar 2013 der zehnte Schweizer NHL-Torschütze. Auf Zuspiel von Pavel Datsyuk und Henrik Zetterberg (mit Brunner in Zug) erzielt er den Ehrentreffer Detroits bei der 1:2-Niederlage gegen Dallas. Total 135 Spiele, 30 Tore.

Simon Moser (Nashville Predators), trifft am 1. März 2014 gegen Winnipegs Ondrej Pavelec zum 1:3 gegen die Jets. Moser wird als “third Star” ausgezeichnet. Total 6 Spiele, 1 Tor.

Mirco Müller (San Jose Sharks), 30. Oktober 2014. Total 24 Spiele, 1 Tor.

Sven Andrighetto (Montreal Canadiens), 6. Dezember 2014, Total 3 Spiele, 2 Tore.

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Stand: 14. Dezember 2014

Nov 04 2014

Fondue «Viry-Essonne» und Mike Ribeiro-Thrill

 

 

Die Hockey-Journalisten anlässlich des Trainings bei Guy Boucher und Lars Leuenberger. (Foto: PostFinance)

Die Hockey-Journalisten anlässlich des Trainings bei Guy Boucher und Lars Leuenberger. (Foto: PostFinance)

Anlässlich des Eishockey Trainings für Medienschaffende in Bern lädt PostFinance die Journalisten zu einer Trainingseinheit unter SCB-Headcoach Guy Boucher aufs Glatteis. Seine Philosophie und einige Beispiele verrät uns der Quebecois in der Kabine des Fanionteams.

Auf dem Eis gibts dann einige «Denkübungen», welche auch jedem Zweit- bis Viertliga-Akteur gut tun würde. Einige Übungen sind im Ansatz so simpel, dass Sie bereits in ihrer Einfachheit zu kompliziert werden, zum Beispiel die Passübung mit nur einer Scheibe, «la rondelle» wie Boucher in frankokanadischem Akzent erklärt. Auch ich, trotz- oder eben durch 15 Saisons Amateur-Eishockey «pucke»  es auf Anhieb nicht.

Der Mike-Ribeiro-Thrill

Später zeigt uns der ehemalige NHL-Coach den «Mike-Ribeiro-Thrill» – what the hell is that? Mike Ribeiro (aktuell mit Roman Josi bei den Nashville Predators) spielte von 1997 bis 2000 unter dem damaligen Assistenzcoach Guy Boucher für die Rouyn-Noranda Huskies in der Quebec-Major-Junior-Hockey-League (QMJHL). Die Übung habe aber nicht direkt mit Ribeiro zu tun, antwortet Boucher auf meine Frage, er gebe einfach jeder Übung einen Spielernamen.

 i was twenty-four, i was single and i was in Paris, it was a great time.

Denkübungen gibts auch beim abschliessenden Fondue-Plausch im Stadion-Restaurant. Als ich Boucher auf seine Zeit in der Saison 1994/95 beim OHC Viry-Essonne (Paris) in Frankreichs Ligue Élite (heute Ligue Magnus) anspreche, beginnt die Zeitreise zurück in die 90er. Der SCB-Trainer kommt ins Schwärmen: «i was twenty-four, i was single and i was in Paris, it was a great time». Bouchers Transfer kam via seines Kollegen Patrice Tremblay (die beiden kannten sich aus gemeinsamen Zeiten bei der McGill Universität) zustande. Die beiden realisierten 1994/95 beim Tabellenletzten aus Paris über 50% aller Treffer im Kollektiv.

Paris, Grindelwald und Japan

Via Viry-Essonne und Telebärn-Journalist Hans Boss kommen wir zum EHC Grindelwald, wo sein Vater (ebenfalls Hans Boss) in den 80er Jahren in der NLB gespielt hat. Da spielte ein gewisser Jerry Byers (43 NHL-Spiele für die Minnesota North Stars, Atlanta Flames und die New York Rangers und übrigens von Salzburg nach Grindelwald gekommen), für das Gletscherdorf. Boss‘ Vater war damals einer der wenigen englischsprechenden Spieler im Kader von Trainer Bruno Steuri und zog deshalb viel mit Byers um die Häuser. Byers beendete seine Karriere beim japanischen Erstligisten Jujo Seishi Kushiro (heute Nippon Paper Cranes).

Berns Japan-Tour

Kushiro – da wird auch SCB-Sportchef Sven Leuenberger mitreden können? Im August 1997 befand sich der SCB nämlich auf Japan-Tournee, zusammen mit den Adler Mannheim absolvierten die Mutzen um Leuenberger, Tosio und Co. je vier Partien gegen die Kushiro Cranes (9:3) und gegen den japanischen Meister Seibu Tokyo (5:4), sowie zwei gegeneinander (Mannheim blieb 4:3 und 6:5 Siegreich).

«La rondelle» versteht sich eben «rund» um die Welt, ob im fernen Kushiro, in Bern oder in Paris und vor allem bei der McGill Universität, Bouchers Herkunft. Die McGill Universität steht am Ursprung der wichtigsten Eishockey Regeln, welche 1880 durch den Studenten James Creighton entwickelt und niedergeschrieben wurden.

 

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