Keine andere Mannschaft hat so viele Verletzte Spieler wie Genf-Servette, aktuell fehlen elf Stammspieler und Neuzugang Floran Douay ist der 32. Feldspieler welcher in der Ajoie zum Einsatz kommt. Nur bis zum Warm-up kam der letzte Neuzugang aus der NHL, Adam Boqvist musste kurz vor dem Spiel Forfait geben, so musste die Mannschaft von Sam Hallam mit nur drei Ausländern im Jura antreten. Trotz aller Widrigkeiten, nur neun Akteure haben jedes Spiel gespielt, liegen die Genfer, die noch nie komplett antreten konnten, auf dem dritten Tabellenrang. Gegen ein aufmüpfiges, enthusiastisches und leidenschaftliches Ajoie reichte es für die Servettiens an einem schlechten Abend nicht, den Genfern gelang nichts, den Ajoulots gelang alles, dabei erzielten Jesse Zgraggen, Jeremy Wick und Derek Cormier ihre ersten Saisontore.
Biel ist geografisches Heimspiel, der Fussmarsch vom Presseparkplatz bis zur Arena ist noch inkognito zu bewältigen, dann gehts los: «überau Lüt – Lüt überau – nüt aus Lüt» singt Kuno Lauener in «Paris», hier gilt die Lüt-Überflutung «Biel», seit 18 Jahren, die eigene Aktivzeit nicht eingerechnet, wird die Tissot-Arena, welche Zeitweise täglich besucht wird, zur hockeytechnischen Heimat. Innert Kürze kennst du zehn, 20, 30 – 50 Leute, allen begegnest du mit einem kleinen Schwatz, von Nachwuchsspielern in den Kabinengängen bis zur Chefetage oder der Entourage des Verbandes.
Während des Spiels gehen 20-30 WhatsApp Nachrichten ein und die Pausen sind vollgepackt, nur der Gang auf die Toilette bringt einen kurzen Moment des Innehaltens. Auf dem Eis duellieren sich Bieler und Rapperswil-Joner mehr schlecht als recht im Kellerduell der Runde. Biel-Goalie Viktor Östlund tritt in die Fussstapfen seines Vaters und gewinnt in seinem dritten Spiel mit Biel zum dritten Mal. Bei Rapperswil-Jona fallen zwei Stammverteidiger aus und zwei Eigengewächse rücken nach, dabei trifft der 18-jährige Laurin Fuhrer, bei Total vier Minuten Eiszeit, zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung der Gäste.
Zwei Minuten und 14 Sekunden und die Partie war entschieden. Schweizermeister Fribourg-Gottéron gewinnt gegen den HC Lugano mit 6:1. Bis zur 27. Minute liegt der Meister 0:1 zurück und tut sich schwer, doch dann kommt Luganos Rasmus Kupari und checkt Simon Seiler von hinten in die Bande, dafür kassiert der Finne eine 5-Minutenstrafe: 29. Rathgeb 1:1, 30. Sörensen 2:1. Dann holt Santeri Alatalo zusätzlich eine Strafe durch einen Zweihänder auf den Stock von Anthony Richard und Gottéron braucht 39 Sekunden für den nächsten Treffer: 31. Rathgeb 3:1 und 32. Bertschy 4:1.
Innerhalb von zwei Minuten und 14 Sekunden ist der Match entschieden. Allein diese Phase ist das Eintrittsgeld wert, der Rest ist Zugabe. Mani Matter hätte gesagt: «Zwe Minute het das duuret, da isch Lugano schlage xi.» Und Kupari? Seine Rechte liegen immer noch bei den Winnipeg Jets in der NHL, der 228-fache NHL-Spieler scheisst noch einmal aufs gegnerische Tor, that’s it. Oder was hätte Giovanni Trapattoni in seiner berühmten Wutrede beim FC Bayern München gesagt: «Kupari mussen alleine die Spiel gewinnen, mussen zeigen mich, zeigen die Fans, mussen alleine die Spiel gewinnen. Ich habe fertig.»
Lausanne – Ajoie 6:3, ein vorgezogenes Spiel der 20. Runde. Lausanne reicht ein gutes erstes Drittel mit 3:0 um dieses Spiel aber die Runde zu bringen. Ajoie ist danach 40 Minuten die bessere Mannschaft und kommt in der 55. Minute gar noch auf 3:5 heran, doch zu mehr reicht es gegen ein schlechtes Lausanne, welches sich die drei Punkte mit einem Minimalaufwand sichert, nicht.
Wichtiger als die drei Punkte für die Waadtländer ist der Mann auf der Tribüne der Vaudoise Arena. Gemeint ist nicht die Klublegende Beat Kindler, sondern Philipp Kurashev, der Ausnahmekönner hat bereits am Mittag mit der Mannschaft von Geoff Ward trainiert, am Samstag wird sein Transfer offiziell verkündet. Nach seinem Kurzeinsatz in der NHL-Vorsaison 2020 beim HC Lugano, ist dies erst die zweite NL-Station für den 360-fachen NHL-Schweizer.
Nach Denis Malgins Engagement 2020, ist Kurashev der zweite Schweizer NHL-Spieler, welcher direkt aus Übersee nach Lausanne kommt. Die Lausanner unterstreichen damit ihre Ambitionen auf den ersten Titel der Klubgeschichte, Kurashev hat aber weiterhin eine Ausstiegsklausel für die NHL.
Vor rund 100 Jahren formierten sich die Eishockeyhochburgen in den Bergregionen und dort, nicht selten, auf den gefrorenen Seen. So auch im bayrischen Hinterland der Sport- Club Riessersee. Eigentlich ist Garmisch-Partenkirchen heute vor allem durch die Vierschanzentournee bekannt. Die Grosse Olympiaschanze ist das Wahrzeichen des bekannten Fremdenverkehrsortes und hier wagte einst auch ein gewisser Michael Edwards, besser bekannt als «Eddie the Eagle» seine ersten Sprünge. Geflogen ist bis 1981 auch die Eishockeyabteilung des SC Riessersee, zwischen 1927 und 1981 stehen zwölf Deutsche Meistertitel im Palmarès, zudem wurden die Olympischen Winterspiele 1936 an der Zugspitze, dem höchsten Berg Deutschlands, ausgetragen. Heute fristen die Eishockeyaner ihr Dasein in der drittklassigen Oberliga-Süd. Doch dies in einer imposanten Art und Weise. An Spieltagen, wie am Sonntag, 26. September, pilgern über 1000 Fans der Olympiastrasse entlang Richtung Olympia-Eissport-Zentrum, schon zwei Stunden vorher tummeln sich zahlreiche Anhänger vor dem imposanten Stadion. Drei Ticketschalter sind gleichzeitig bedient und im «SCR-Stüberl» gehen vor Spielbeginn, Schnitzel, Burger und gar ein Schweizer Wurstsalat über die Theke. Die Wall-of-Fame erinnert an jene Flugjahre mit zehn Meisterschaften, auf dem Teamfoto von 1978/79 ist gar Kent Ruhnke als Spielertrainer auszumachen.
An diesem Sonntag spielt in der Schweiz der EHC Biel gegen den HC Genf-Servette und das interessiert hier keine Seele, das Thema ist der Spitzenkampf zwischen Riessersee und den Heilbronner Falken. Nur rund 450 Kilometer entfernt geht es zwar um die gleiche Sportart, dies jedoch in zwei komplett verschiedenen Eishockeywelten. Faszinierend wie die einzelnen Mikrokosmen nebeneinander funktionieren, so nah und doch so fern. Wie nah diese Welt sein kann, zeigt der Headcoach des heutigen Gegners aus Heilbronn, denn ihm ist sogar Hasle-Rüegsau, wo wir uns einst als Hockeyväter trafen, ein Begriff. Jason O’Leary, einst in Langenthal, Genf, Zug und Langnau an der Bande coacht nun die Falken aus Heilbronn, welche den Wiederaufstieg in die DEL2 anstreben. O’Leary ist einer, der es versteht sich zwischen den einzelnen Mikrokosmen zu bewegen, seine europäischen Stationen ausserhalb der Schweiz hiessen Iserlohn (DEL), Angers (Frankreich), Spisska Nova Ves (Slowakei) und Odense (Dänemark). In Heilbronn habe man grosses vor und ein neues Stadion sei in Planung. Im Vergleich zur Schweiz mit nur sechs Grossstädten (über 100’000 Einwohner), gibt es in Deutschland deren 80 Städte mit dem wirtschaftlichen Einzugsgebiet von Zürich, Genf, Basel, Lausanne, Bern oder Winterthur. Dazu gehört auch Heilbronn. Die Dimensionen in Deutschland sind rund neunmal grösser als in der Schweiz. Ob Riessersee, Innsbruck, Grenoble oder Brandis, die Faszination Eishockey kennt keine Grenzen, so wie der Werdegang Jason O’Learys.
Es sind diese Spiele welche uns bereichern, wegen solchen Partien schauen wir alle Eishockey. Genau das will der Fan sehen, an diesem Abend ist der Gottéron-Fan selbstverständlich ausgenommen. Die Mannschaft von Roger Rönnberg führt, im ersten NL-Duell gegen Sam Hallam, nach 15 Minuten mit 3:0, dank drei Treffern in Überzahl und alles läuft für die Freiburger. Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt einen Cent auf die Genfer gesetzt, oder doch? Denn Genf lag schon gegen Ajoie und Rapperswil-Jona bis ins letzte Drittel hinten und kam zweimal zurück. Entscheidend ist sicherlich Jesse Pulujärvis Treffer zum 1:3, noch im ersten Drittel.
Servette, welches erstmals mit sechs Ausländern (Granlund ist zurück und trifft) spielen kann, kämpft mit Leidenschaft und Einsatz gegen den Meister, welcher auch heute nur mit fünf Söldnern antreten kann, und ringt ihn im Penaltyschiessen durch den zweiten Treffer von Puljujärvi nieder. Das ist beste Werbung für unsere Liga, auch Liga-CEO Denis Vaucher sitzt in einer Genfer-Loge, und beste Werbung für den Eishockeysport.
Gaetano „Gates“ Orlando, Leader-Figur in den 90er Jahren beim SC Bern und beim HC Lugano, ist am Telefon in Rochester, seine Stimme geht über den Lautsprecher im Ristorante Celtic Soul, im Mailänder Stadtteil Rozzano. Orlando richtet, in Italienisch, ein paar Worte an die rund 80 Personen, anlässlich des Anlasses „Ritrovo Devils.“ Telefonisch kontaktiert hat ihn sein ehemaliger Assistenz-Captain Paolo Casciaro. Verabschiedet wird die Mailänder Club-Legende, mit dem Orlando-Song: „Gaetano-Or-lando-eeh-eeh-ooh-ooh…“ Kurzzeitig katapultiert einem dieser Fan-Song zurück in die gute, alte Zeit, in welcher wir, in der Generation X (1965–1980) geborenen, hin und wieder schwelgen. Orlando führte den SC Bern 1997 zum zehnten Meistertitel und den HC Lugano 1999, in der unvergesslichen Finalissima gegen den HC Ambri-Piotta zum fünften Meistertitel, dazwischen verhalf der unermüdliche Kämpfer, als SCB-Leihgabe, den SCL Tigers 1998 zum Wiederaufstieg in die NLA.
Die Geschichte auf dem alten Kontinent, begann für Orlando, in der Heimat seiner Vorfahren, in Meran und endete mit seinem vierten Meistertitel (Scudetto) bei den Devils in Mailand, ehe der italienische Internationale im Sommer 1994 zum SCB wechselte. Seine prägendste Zeit erlebte Orlando zwischen 1991 und 1994 bei den Devils in Mailand, der Eishockeyabteilung von Silvio Berlusconis AC Milan. Drei italienische- und ein Alpenliga-Titel wurden auf der Pista PalaCandy und dem Mailänder Forum gefeiert und Orlando gewann auch das Europa-Cup-Duell gegen seinen späteren Arbeitgeber aus Bern. Nach Berlusconis Wahl zum Ministerpräsidenten 1994, musste er sein Sportimperium auf den Fussball und die AC Milan beschränken und die Devils verschwanden, wie sie gekommen waren.
Bis heute nicht verschwunden ist eine ganze Entourage von Fans und Spielern, welche die sportlichen Höhepunkte „Mediolanums“ noch heute abfeiert. So auch am 4. Juli 2026 beim Treffen (Ritrovo) der Devils, organisiert durch die Associazione-Rossonera-Milano. Neben Gastgeber (Inhaber des eingangs erwähnten Ristorantes), dem ehemaligen Spieler Massimiliano Durante (Foto, rechts) sind weitere sieben ehemalige Akteure, sowie der Masseur Roberto Morosi (Foto, links) eingetroffen, Morosi machte nach seinem Hockey-Debüt in Berlusconis Organisation eine Karriere als Fussball-Masseur bei der AC und zuletzt bei Juventus Turin und ist heute in Italien bekannter als die ehemaligen Hockey-Cracks. Aber auch die Meisterspieler der Rossoneri hinterlassen bis heute ihre Spuren, Ivano Zanatta, einst in Lugano, Ambri, Biasca und Ajoie, amtet beim neuen HC Milano in der österreichischen ICE-Hockey-League. Mike Richards Sohn Tanner spielt in Genf. Diego Scandella ist in Italiens und Bellinzonas Coaching-Staff. Bruno Campese und Orlando, der jährlich in der Schweiz anzutreffen ist, scouten für die NHL.
Die Eishockey Weltmeisterschaft in der Schweiz ist prägend, beim Stadioneingang «VIP South und North» in Freiburg schwärmen zwei Ex-Junioren-Internationale, Urs Christen und Markus Zumwald, von der WM 1971 in Bern, Genf, Lyss und La Chaux-de-Fonds: «die Spiele der B-Gruppe in Lyss habe ich alle gesehen», meinte Zumwald, gleichzeitig erkannte ihn ein Walliser: «ischri Legendä vo Visp.» Der Lysser Zumwald spielte zwischen 1981 und 1983 beim EHC Visp. Ein Foto für Hannes Kasslatter, Spieler des HC Gherdeina, soll noch per WhatsApp ins Südtirol versendet werden, so Zumwald (rechts im Bild) weiter. Genau das ist WM, Begegnungen aller Art, ob der Stadionbeizer aus Bruneck, der Club-Präsident des HC Ajoie, «Kaiser Franz-Josef» und «Mozart» aus Österreich oder Frau W. Nuss aus Bümpliz und deren Songwriter. Jede Begegnung ist möglich, alles verläuft friedlich, wenn auch feuchtfröhlich, eine WM ist die jährliche Abschlussparty der Eihockeyfreunde aus aller Welt. Kulinarisch wurde das ganze durch ein Fondue-Pavillon in Freiburg oder den kulinarischen Köstlichkeiten in der Arena in Zürich mit «Ghackets und Hörnli» bereichert. Gar die Fanzone in Zürich war zeitweise bis auf den letzten Platz «ausverkauft.» Derweil spielten nur die Nordamerikaner und Russen ihre Playoffs aus und in Down-Under startete gleichzeitig die Meisterschaft.
Kanadier und Russen fehlten an der WM 1971, respektive WM 2026 in der Schweiz. Die 71er WM, wie Zumwald erzählte, wurde gleich als A- und B-WM durchgeführt und dies galt ketzerisch «sportlich» auch für das Jahr 2026. Ein 9:0-Kantersieg ist ein B-WM Resultat wie zu den besten Zeiten. Magyaren, Italiener und Briten fielen ab, letztere erinnerten gar an ihren schwächsten A-WM-Auftritt 1994 in Italien. Nicht einmal das Mittelfeld, mit Ausnahme der überraschenden Norweger, konnte den Top drei Paroli bieten. Rein sportlich gesehen fehlten die Russen an allen Ecken und Enden, die Diskussionen bei der IIHF um eine Rückkehr sind im Gange. So wurde in Zürich und Freiburg eine der sportlich schwächsten Weltmeisterschaften seit Jahren abgefeiert. Die Schweiz spielte dabei so dominant wie nie zuvor und mahnte spielerisch gar an die Sowjetunion unter Viktor Tichonow, mit dem Unterschied, dass man einmal mehr die falsche Partie verloren hatte. Erinnerungen an 1985, als man an der B-WM in Freiburg ebenfalls das letzte Spiel verlor und so den Aufstieg in die A-Gruppe verpasste. Trotz allem, die Weltmeisterschaft in Zürich und Freiburg war beste Werbung für den besten Sport der Welt und bot alles, was unserem Planeten in den letzten Jahren abhandengekommen ist, es ist «Time-To-Shine.»
Zweimal pro Jahr lädt Markus «Sigi» Siegenthaler zum Hockey-Dinner im legendären Hotel, Restaurant Hirschen zu Langnau. Am 1. Mai 2026 pilgerten die Gäste, 127 an der Zahl, zum zweiten Mal in den Bankettsaal. Als Legenden wurden Willi Vögtlin, Martin Gerber, Daniel Steiner und Michael Horisberger auf die Bühne gebeten. Der Viergänger wurde zwischen den jeweiligen Bühnentalks gekonnt serviert. Gastgeber Siegenthaler eröffnete mit dem Meisterbecher von 1976, der Omega-Trophäe in der dritten Ausgabe, mit den Worten «Friburg hetne sit gester, mir aber scho sit 50 Jahr.» Horisberger begrüsste am Tisch mit «Michael, diä Qualität vo de Neme brchöme si hüt nümm here», ganz im Sinne von Hans von Gunten selig aus Sigriswil.
Gar der Meisterpokal von 1976, die Omega-Trophäe in der dritten Version, konnte neben Gerbers Stanley-Cup-Ringen der Carolina Hurricanes bewundert werden. Willi Vögtlin hätte eine ganze Stunde aus dem Nähkästchen plaudern können und neben ihm am Tisch sass das legendäre Kult-Linesman-Duo Simmen/Sommer, die beiden gaben zahlreiche Anekdoten während des Viergängers zum Besten. Dasselbe galt, am gleichen Tisch für Daniel Steiner, welcher seine Anekdoten von der Strassenhockey-Mannschaft Ersigen Dynamights bis zu den Columbus Blue Jackets mit viel Witz erzählte. Das Highlight bildete die Story aus seiner AHL-Saison mit den Rochester Americans, als ihn NHL-Goon Brad May, mit 2360 Strafminuten, im Spiel gegen Grand Rapids Griffins zum Faustkampf bitten wollte und Steiner entgegnete «i’m from Europe, i never Fight.» May liess den Neuankömmling unbestraft vom Eis ziehen und Steiners Teamkollegen waren verblüfft und feierten den ehemaligen Burgdorfer anschliessend in der Kabine.
Neben Steiner hatte Martin Gerber den gleichen Werdegang, aus der 2. Liga bis in die NHL, aus heutiger Sicht ein absoluter Wahnsinn im Sinne von «Eddie the Eagle, nichts ist unmöglich.» Gerber war im Oktober 2002 erst der sechste Schweizer NHL-Spieler und 2006 erst der zweite Schweizer Stanley-Cup-Sieger. Das Meisterteam von 2006, mit dem ganzen Tross, wurde im April nach Übersee eingeladen, wie Gerber bei Markus «Sigi» Siegenthaler auf dem Sofa eindrücklich erzählte. Keine Auskünfte über das Salär beim HC Genf-Servette, in der Saison 1974/75, wollte Horisberger geben, da es deutlich höher gewesen sein musste, als das Gehalt im Emmental. Neben einem Halbtax-Job konnte man sich in Genf aufs Hockey konzentrieren. Horisberger, damals zusammen mit René Wittwer von Langnau nach Genf gezogen, kehrte glücklicherweise im Sommer 1975, nach Genfs Abstieg in die NLB, nach Langnau zurück und war beim einzigen Titel und eben dieser Omega-Trophäe mit dabei, während Wittwer noch ein weiteres Jahr in Genf verblieb und den Titel verpasste. Wittwer durfte jedoch 1975 beim Tina-Turner-Konzert in «Les Vernets» als Bediener des Scheinwerfers den Weltstar begleiten. Ein Hockey-Bankett wie es nicht besser inszeniert und serviert werden könnte, die Fortsetzung folgt am 11. September.
Es war im Herbst 1992, noch im Schulalter ging es erstmals mit dem Zug nach Mailand. Zu dieser Zeit blühte und boomte, selbstverständlich im unüberwindbaren Schatten des Fussballs, das italienische Eishockey und Mailand war die Hockey-Hauptstadt Italiens. Zu meiner Enttäuschung gabs, beim kurzen Zwischenstopp, weder das italienische Magazin «TOP Hockey», noch die «Devils News» oder die «Mediolanum News.» In der Stazione Centrale gabs nur den «Calcio» und das ist auch 34 Jahre später, während Olympia, noch so. Vor dem imposanten Mailänder Bahnhof gibts lediglich einen lausigen Olympia-Shop. Erst im Untergrund des U-Bahn-Netzes schlägt das Hockey-Herz höher, denn da sind die Olympischen Spielstätten, vorbildlich gekennzeichnet. Wer des Eingangs beschriebene Blütezeit der 90er Jahre kennt oder damals schon SLAPSHOT gelesen hat, kann bei den Wegweisern «Assago Forum» und «Rogoredo» durchaus ins Stocken kommen. Forum! Wie titelte einst SLAPSHOT, 1990 in der vierten Ausgabe: «Das Forum von Milanofiori – der neue Tempel des italienischen Eishockeys.» In diesem Tempel, wo sich einst der «HC» und Silvio Berlusconis «Devils» vor 10‘800 Fans um den Scudetto duellierten, oder wo der WM-Final 1994 zwischen Kanada und Finnland im Penaltyschiessen (Luc Robitaille gegen Jarmo Myllys) entschieden wurde. 2026 jedoch, die Eiskunstlauf- und Shorttrack Wettbewerbe abgehalten werden.
Rogoredo statt Assago also, die «M3» bringt dich innert 30 Minuten vom Duomo nach Santa Giulia. Der neue Tempel des italienischen Eishockeys, übertrifft das altehrwürdige Forum, als wäre der Hockey-Boom in der Modestadt nie verblasst. Nie seit drei Olympiaden, tummeln sich so viele Grössen in einem Hockey-Tempel. Wayne Gretzky, Mark Messier, Igor Larionow, Mats Sundin oder Henrik Lundqvist, die Liste ist noch viel länger, sorgen für ein Weltklasse-Aufgebot, bei verschiedenen TV-Stationen. Das Weltklasse-Aufgebot auf dem Eis bietet das spektakulärste Olympia-Turnier seit Lake Placid 1980. Einer der Gold-Jungs von Lake Placid ist Dave Christian, Onkel des Neo-Olympioniken Brock Nelson und Neffe von Gord Christian, welcher in Cortina d’Ampezzo 1956 die Silbermedaille gewann. Die Legende Dave Christian ist ebenso anzutreffen wie etwa Keith Tkachuk, Olympia-Teilnehmer 1992, 1’290-facher NHL-Spieler und Vater der beiden US-Heisssporne Brady und Matthew. Das Sammelsurium der Eishockey-Weltklasse übertrifft gar noch die Aura des unverwüstlichen Giuseppe-Meazza und San-Siro Stadion. «Sarà perché ti amo» (Es wird sein, weil ich dich liebe), singen die AC Milan-Fans vor jedem Heimspiel, dies gilt auch für das jüngsten Eishockey-Kapitel in der lombardischen Hauptstadt.
Wenn Ambri-Piotta in Genf gastiert, dann geschieht nicht selten etwas Spezielles. Kurz vor Genfs 2:0 durch Vili Saarijärvi gingen bei den Kommentatoren die Lichter aus. Die Bildschirme aller drei Sprachregionen sind ausgefallen. Der Ausfall konnte bis Spielende nicht behoben werden, so war improvisieren angesagt. «Warum braucht ihr Kommentatoren den einen Bildschirm? Ihr könnt ja das Spiel direkt schauen und kommentieren», lautet der Tenor. Beim Unterbruch konzentrieren wir uns auf den Bildschirm, denn da läuft das Bild welches die TV-Zuschauer in der Stube empfangen. Wenn der Kommentator also nichts mehr zu einem Pfostenschuss in der Zeitlupe kommentiert oder den Zuckerpass von Jesse Puljujärvi auf Markus Granlund nicht mehr erläutert… …dann stehen wir dumm da.
Wie komme ich zum TV-Bild, möglichst so, dass der TV-Zuschauende nichts von unserem Ausfall mitkriegt? Es gibt den gleichen Kanal auf Genfs Videowürfel, jedoch wird dieser immer wieder durch eigene Einspieler und Klubwerbung unterbrochen. Links von mir sitzt Ambris Goalietrainer Pauli Jaks und dieser hat das TV-Bild auf seinem Notebook, welches weiter funktioniert. Also ist der erste Schweizer NHL-Spieler der Geschichte meine Rettung in Genf. So kommentiere ich mehr als das halbe Spiel, während den Unterbrüchen von Jaks‘ Notebook, jedoch hat dieser Stream eine leichte Verzögerung von 1-2 Sekunden. Trotzdem komme ich, mehr recht als schlecht, wie die Gäste aus der Leventina durch diese Partie.
Spätestens seit der Filmtrilogie «Back-to-the-Future» ist die Menschheit von Zeitreisen fasziniert. Durch die «Sport Almanach-Szene» im zweiten Teil der Trilogie mag man sich 1985 gefragt haben, wie dies bis ins Jahr 2000 im Eishockey aussehen würde? Nicht der Science-Fiction Schriftsteller Jules Verne, sondern der Weltklasse-Trainer Karel Gut wagte sich 1984 im Buch «Eishockey Weltgeschichte» über «Eishockey im Jahr 2000» zu schreiben. Seine Aussage, «Der Eishockeyspieler der Zukunft wird noch besser und gezielter trainiert sein und damit widerstandsfähiger und weniger verletzungsanfällig», verblüfft aus heutiger Sicht, mit Ausnahme der Verletzungsanfälligkeit, stimmen Gut’s Visionen. Gut, noch weiter: «Die Trainer werden mehr die Gebiete Physiologie und Psychologie usw. in den Trainingsplan einbeziehen» und weiter, «es kommt zu noch engerer Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten», als wären wir im Jahr 2025. Karel Gut, 1927 in Prag geboren, zwischen 1945 und 1991 als Spieler und Trainer tätig, nahm an elf Weltmeisterschaften und fünfmal an Olympischen Spielen teil. Weiter beschrieb er: «Auch in Europa wird es über den Eisflächen grosse Monitore geben wo z. B. zwischen den Spieldritteln die wichtigsten Momente aus dem Spiel nochmals gezeigt werden.» Karel Gut futuriert die Hockey-Zukunft 1984 wie ein Jules Verne-Roman und seine Aussagen sind rückblickend verblüffend. Nur fünf Jahre später gabs in Europa den ersten «Würfel» mit vier Monitoren im brandneuen «Globen», heute Avicii-Arena, in Stockholm.
Wie stehts um Ausrüstungen und Material der Eishockeyspieler der Zukunft? Diese Frage beantwortete ein anderer Visionär dieser Zeit, der Kanadier Gilles Daignault, Inhaber in dritter Generation, von Daignault-Rolland oder besser bekannt als «DR». Der Ausrüster aus Montreal expandierte vor allem in den 90er Jahren nach Europa und in die Schweiz, deren Vertretung sich im «Sporthaus», bei Wüthrich + Co. in Langnau im Emmental befand. DR blickte 1995, wie in «Back-to-the-Future II», 30 Jahre in die Zukunft. In Nordamerika wird der «Back-to-the-Future-Day», seit Marty McFlys fiktiver Ankunft, am 21. Oktober 2015 gar jährlich gefeiert. «Back-to-the-Future-Year» des kanadischen Ausrüsters ist das Jahr 2025. DR stellte 1995 eine Ausrüstung der Zukunft, anhand eines DR-Torhütermodells vor, welches den Spielern der Zukunft von Karel Gut bestmöglichen Schutz geben soll. Durch diesen Werbegag mag man sich gefragt haben, wie dies bis ins Jahr 2025 aussehen würde. Um den Werbegag zusätzlich anzukurbeln, wurde der «Goalie der Zukunft» als Poster verkauft und eines sollte die lange Wartezeit bis ins Jahr 2025 behutsam überstehen, nämlich das Poster des Kolumnenschreibers. Damals, so dachte ich mir, würde ich dieses Poster im Jahr 2025 wieder aus der «Archiv-Schublade» nehmen oder wie sagte der Postbote in der Schlussszene zu Marty McFly, als der DeLorean vom Blitz getroffen worden ist? «Wir haben diesen Umschlag jetzt schon 70 Jahre in unserem Besitz.»
Im Februar rückt Italien zum zweiten Mal in den olympischen Fokus der NHL, nach Turin 2006, sind die NHL-Stars auch in Milano Cortina 2026 wieder mit dabei. Doch wie steht es um Italiens Eishockey? Die Landkarte hat sich seit der «Blütezeit» stark verändert, denn sie ist mit Österreich, Slowenien und Ungarn zusammengewachsen. In der Folge spielen nur noch zwei italienische Klubs Spitzeneishockey: Der HC Bozen Südtirol «Alperia» und der HC «Falkensteiner» Pustertal aus Bruneck. Hätte dies 1990 jemand vorausgesagt, hätte man ihn für verrückt erklärt. «Italia 90» war nicht nur durch die Fussball-WM ein Begriff, es war mit Jari Kurri auch der Start zur letzten Glanzzeit der Azzurri. Die Mailänder Klubs «Devils» und «HC» duellierten sich vor 10‘800 Fans im neuen Forum von Mailland und Italiens Nationalteam, selbstverständlich mit vielen Italokanadiern, genannt «Italos», überflügelte das Schweizer Nationalteam zwischen 1993 und 1997. Zu dieser Zeit konnte nur der HC Bozen den Lombarden Paroli bieten, während der SG Bruneck mit dem Ligaerhalt beschäftigt gewesen war. Heute mischen Bozen und Bruneck (Pustertal), wo einst Jan Alston entdeckt wurde, an der Spitze der «win2day ICE-Hockey-League» in Österreich mit.
Das erste Saisonderby steigt in Bruneck. Via Brennerautobahn, wo im Oktober 1997 der ehemalige SC Bern- und Italien-Trainer Bryan Lefley, tödlich verunglückte, ist Bruneck in gut einer Stunde von Bozen zu erreichen. Im Derby gegen Bozen pilgern im Pustertal 3‘104 Zuschauer in die ausverkaufte Intercable-Arena. Dreh- und Angelpunkt in Bruneck ist Patrick «Patza» Kirchler, als Stadionwirt der «Go-West Bar-Restaurant-Sports», ist er auch Presseverantwortlicher und Animator auf dem Eis. Das «Go-West» ist am Spieltag gegen Bozen schon Stunden vorher proppenvoll, die Stimmung ist bombastisch, Bier und klangvolle Burger (einen Fetisow, Larionow, Tretiak oder Topatigh) zählen sich wie die Jerseys im Untergeschoss. Denn nebenbei besitzt Kirchler die eindrücklichste Sammlung von Eishockey-Jerseys, die 1‘000er Marke hat der Südtiroler, welcher auch Jahr-für-Jahr an den Weltmeisterschaften anzutreffen ist, bereits geknackt.
Geknackt werden an diesem eindrücklichen Abend auch die Favoriten aus Bozen. Der Sieg gegen den langjährigen Rivalen aus der Serie-A, Alpenliga und der Gegenwart, wird anschliessend mit dem Lied «PuschtraZiSein», der Band «Matschedonia», gefeiert wie eine Meisterschaft. Das Südtiroler-Derby zeigt «Italia Hockey» in bestem Licht. Die Hochburgen Bruneck und Bozen verfügen über alles was erfolgreiche Organisationen ausmacht. Und Mailand? Im Stadtteil Santa Giulia steht für Olympia 2026 die neuste Arena des Landes. Einem Gerücht zufolge soll die ehemalige Eishockey-Abteilung des AC Milan (Devils) wieder reaktiviert werden. Wenn nun noch die Leidenschaft der «Puschtra» das olympische Feuer in Mailand entfacht, dann wird die nächste «Blütezeit» eingeläutet.
Genf-Servette liegt im vierten Heimspiel, im zweiten Drittel, gegen Ambri-Piotta mit 2:4 zurück, eine Mannschaft, welche auf dem Papier den Titel holen kann, sich bisher aber mehr schlecht als recht präsentiert denn die 0:11-Schlappe in Lausanne warf Fragen auf. Doch genau diese zwei Gesichter machen Genf in seiner 120-jährigen Geschichte aus. «Wenn ein Ort keine Geschichte hat, interessiert er mich nicht», sagt ein kultiger Berner Mundartsänger. Und Genf, ist «die Mutter» dieser Aussage. Kein anderer Club hat so vieles durchgemacht wie der HC Genf-Servette und kein anderes Eisstadion ist so lange mit dabei wie die Patinoire-les-Vernets.
Ein Ort der interessanter nicht sein könnte. Auf dem ehemaligen Areal der schweizerischen Landesausstellung von 1896 wird die Patinoire, am 28. November 1958 eröffnet und ist zu diesem Zeitpunkt, nach dem Zürcher Hallenstadion, erst die zweite Eishalle der Schweiz. Heute ist sie als älteste Halle immer noch in Betrieb und wirkt, weitaus jünger als es der Bau des Architekturtrios Albert Cingria, François Maurice und Jean Duret erahnen lässt. Der Bereich der Presseplätze, direkt unter den massiven Stahlträgern, wurde im Lauf der Jahrzehnte verbreitert und es scheint, als ob man hier die Geschichte förmlich riechen kann.
Das Gefühl auf den Presseplätzen gleicht einem alten Theaterbalkon, ein Granatroter Teppich ebnet den Weg zum Kommentatoren Platz, welcher die alten Reporterkabinen während der Ära-Chris McSorley, die längste eines Genfer-Trainers, ersetzt hat. Unverändert sind die imposanten Stahlträger, an denen noch der Staub der vergangenen 67 Jahre zu haften scheint. Etwa von 1959, als hier erstmals zwei Profiteams, die Boston Bruins und die New York Rangers, aus der NHL in der Schweiz gastierten. Oder von 1961, von den Weltmeisterschaften, wo für Frankreich ein gewisser Alain Bozon, der Grossvater von Servettes Tim und Vater von Philippe, dessen Nummer 12 heute unter der Hallendecke hängt, auflief.
Oder von 1963, als sich die beiden Clubs, Urania-Sports und Servette zum Genève-Servette HC formierten und zwischen 1966 und 1971 fünf Vizemeister-Titel und zwei Cupsiege feiern konnten. Selbst der 27-jährige Tiefschlaf, welcher bis in die Niederungen der drittklassigen 1. Liga und fast zum finanziellen Kollaps führte, scheint in den verstaubten Stellen der Stahlträger zu hängen. Während dieser Epoche trat das Schweizer Nationalteam im Dezember 1987 gegen den «Superblock» der Sowjetunion, welche drei Monate zuvor den hochkarätigsten Final in der Geschichte des Canada-Cups bestritten hat, an.
Sogar die Rue-Hans-Wilsdorf 4, die offizielle Adresse der Patinoire, ernannt nach dem Rolex-Gründer schreibt seine eigene Geschichte. Die Geschichte des sechsten Spieltages 2025, zwischen Genf-Servette und Ambri-Piotta, wird von einem 2:4-Rückstand in einen 5:4-Sieg umgewandelt und ein Teil davon bleibt irgendwo an den Stahlträgern hängen.
Les Vernets, 1958 (Bibliothèque de Genève)Les Vernets 2025 (Krein)
Wenn die Belfast Giants in der Schweiz gastieren, dann strömen in Lausanne 5’678 Fans in die Vaudoise-Aréna. Die Stimmung ist bombastisch und der Auftakt mit fünf Toren innert knapp acht Minuten ist so spektakulär wie der nordirische „Riese“ aus Belfast. Der nordirische Klub wurde zu Ehren Finn McCools, einem Riesen der irischen Mythologie, benannt, der Anführer des Kriegerclans Fianna ziert auch das Logo der Briten.
Spektakulär ist auch die Menükarte von Loge Nummer acht, neben Apéro-Häppchen, werden Sandwiches, Pizzen, Hamburger, Hot-Dogs und Crevetten-Cocktails serviert, dazu ein Glas Chasselas. Die Loge bietet beste Kulinarität und Sicht auf das Spielgeschehen. Das Heimteam geht zweimal in Führung, die Gäste gleichen zweimal innert einer halben Minute wieder aus und gehen in der achten Minute gar in Führung. Lausanne-Keeper Connor Hughes wird dabei dreimal mit dem „falschen Stock“ erwischt. Kurz vor Spielbeginn musste Lausannes Schlussmann sein Stockende, so sagt es die IIHF-Regel, weiss isolieren. Innert acht Minuten wurde er dreimal auf Höhe seines Stockenden erwischt.
Belfast und die Titanic
Doch das wars mit der nordirischen Herrlichkeit, die Kampfkraft der grünen Riesen schwand wie die Leckereinen innerhalb der Loge acht. Der Wein, welcher zu Beginn noch freudig offeriert worden ist, soll plötzlich nicht mehr inklusive sein, doch dies tat dem Champions-League-Dinner keinen Abbruch. In der gleichen Loge war auch eine Frau der zuständigen Sportagentur des Wettbewerbs und der rhetorische Austausch über CHL & Co. sprudelte wie der Chasselas.
Sprudelnd war in Laufe der Partie auch die Angriffsmaschinerie der Waadtländer, vier weitere Tore liessen die Nordiren, welche einst noch 3:2 in Führung lagen, gegen den Lausanner Eisberg sinken wie die Titanic. Tatsächlich steht Belfasts SSE-Arena im Titanic-Viertel (Titanic-Quartier), wo der „unsinkbare“ Riese zwischen 1909 und 1912 in der Werft von Harland & Wolff erbaut worden ist. Heute steht das Titanic-Belfast-Museum, welches 100 Jahre nach der Tragödie eröffnet worden ist, neben der Heimspielstätte der Giants.
Katholikenund Protestanten
Erst zur Jahrtausendwende, durch die kanadischen Geschäftsherren Bob Zeller und Albert Maasland gegründet, sind die Giants nicht nur eine Bereicherung für die britische Elite-Ice-Hockey-League, sondern leisten auch einen wichtigen Teil in der durch die Glaubensrichtung (Katholiken und Protestanten) gespaltenen Gesellschaft. Bei den Giants sind die beiden Glaubensrichtungen bunt durchmischt.
Bunt durchmischt sind Lausenner und Nordiren auch nach dem Spiel im Spot-Café der Vaudoise-Aréna, Bier, Wein und Käsefondue laufen über die Bar-Theke wie die zehn Tore der Champions-League-Partie. Feuchtfröhlich und friedlich, in der zuletzt durch hässliche Szenen im Brennpunkt stehenden Olympiastadt. Der Eishockey-Sport verbündet in dieser Nacht nicht nur zwei Glaubensrichtungen, sondern auch zwei Eishockey-Metropolen.
Die Helme der Belfast Giants sind bereit, die Spieler auch? (Krein)5. September 2025, dritter europäischer Spieltag und erstes Heimspiel der Lausanner. (Krein)Privat-Loge 8, im letzten Drittel während Belfasts Gastauftritt. (Krein)
«Wir sind im ersten Café rechts», lautete die WhatsApp Nachricht an den noch schlafenden Mitbewohner unseres Airbnb’s bei Rita und Peter Rasmussen, im verschlafenen Vorort Snejbjerg. Zu Fuss wollten wir uns ein Käfeli genehmigen, denn die Busfahrt des Vorabends entpuppte sich als Himmelfahrtskommando. Ohne dänische Kronen und ohne Midttrafik-App, wurden wir kurzerhand aus dem Bus geworfen und landeten im Teamhotel der Norweger, wo wir per Taxi die Jyske-Bank-Boxen, zum zweiten Mal WM-Spielstätte, doch noch erreichen konnten. Der Fussmarsch zum ersten Café rechts zog sich schliesslich, durch schmucke Gärten dänischer «Legohäuser», eine Industriezone und kleine Wälder, über fünf Kilometer. Irgendwann war der «Point-of-no-Return» erreicht. Zeitweise, so dachten wir, müsste die Apokalypse längst gekommen sein und wir würden als einzige Überlebende in die Geisterstadt Herning einmarschieren.
Nach anderthalb Stunden war die «Geisterstadt» erreicht und ein zunächst noch verschlafenes Treiben an der «Bredgade» (englisch Broad-Street) zauberte uns ein Lächeln auf die, nach Kaffee lechzenden, Lippen. Joe & The Juice hiess der Laden, welcher sich als Dreh- und Angelpunkt des gesamten WM-Trosses rund um Herning entpuppte. «An dieser Kaffee-Theke müssen sie bestellen.» Ob Tim Berni, die SRF-Crew, der dänische Erfolgs-Coach Mikael Gath, der spätere Weltmeister USA, alle kamen sie hier vorbei, denn es gab schlichtweg nur dieses kleine, aber äusserst feine Café. In der Zwischenzeit ist unser letzter Zimmergenosse längst losgelaufen, «rechts ins erste Café», selbstverständlich entsendeten wir unseren Standort an der Bredgade 16, im Herzen Hernings, fünf Kilometer östlich von Snejbjerg. Nach Ankunft unseres «verlorenen Sohnes», verwandelte sich das verschlafene Treiben in ein buntes WM-Dorf. Aus Kaffeetassen wurden Bierbecher und aus Joghurtbecher wurde Fast-Food. Die WM war überall, in ganz Herning? Nein! Ausgerechnet in der Jyske-Bank-Boxen blieb es geisterhaft, ein halbleeres Stadion erinnerte an die Gedanken der Apokalypse. «Der Däne schaut nur Dänemark», erklärte uns Rolf, ein ausgewanderter Schweizer.
Nur Deutschland gegen die Schweiz, schaute die DDR-Legende Stefan Steinbock aus Crimmitschau. Neben vier Weltmeisterschaften mit der DDR, sorgte der ehemalige Stürmer von Dynamo Berlin (heute Eisbären), 1985 mit der Flucht in den Westen für Schlagzeilen. Für Schlagzeilen sorgten an diesem herrlichen Nachmittag jedoch nur die Schweizer, fünfmal erklang die «Stubete-Gäng» mit dem Schweizer «Richi-Torsong». Selbst das Deutsche Kommentatoren-Duo Basti Schwele/Rick Goldmann setzte am Tag der Deutschen-Niederlage zum Richi-Tanz an. Dieser Richi-Song schaffte es sogar, «irgendwo im dänischen Nirgendwo», einen ganzen Shuttlebus, hier ohne dänische Kronen und Midttrafik-App, nach dem ausverkauften Nachbars-Duell zwischen Dänemark und Norwegen, zum Kochen zu bringen. Irgendwo im Nirgendwo, wurde spätestens im Frühling 2025 Geschichte geschrieben.
Wir befinden uns im Jahre 2025 n.Chr. Das ganze Seeland hat kein Amateur-Klub mehr. Das Ganze Seeland? Nein! Ein von unbeugsamen Eishockeybegeisterten bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Niedergang des Lokal-Eishockeys Widerstand zu leisten. Die Einleitung aus den Asterix-Bänden trifft auf die Seeländer Gemeinde Meinisberg (gallisch Meinisberx) zu. Neben dem EHC Biel und dem SC Lyss ist der EHC Meinisberg der letzte verbliebene Aktivverein des einstigen Hockeybooms in dieser Region. Der EHC Nidau (die DNA lebt in Zuchwil weiter), EHC Mett, SC Scheuren, EHC Bellmund, EHC Lengnau, HC Weiss-Blau Lyss (ehem. Yschchrauer), HC Seedorf-Pinguins, HC Rüti-Rangers, EHC Orpund und etwa der EHC Ziegelried-Schüpfen sind über die Jahre alle verschwunden. In den besten Zeiten war gar die Gruppe 6 der 3. Liga zur Hälfte mit Teams, inklusive Meinisberg, aus dem Seeland bestückt.
So feiert der EHC Meinisberg am 10. Mai 2025 sein 50-jähriges Jubiläum, die Gründe warum nur der EHC Meinisberg dem Niedergang getrotzt hat finden sich unter den Rund 250-300 Anwesenden. Die Stimmung ist kollegial, familiär, vertraut und verbunden. Einer benutzte gar, gut gemeint, das böse Wort «Inzucht.» Untereinander ist man nicht nur Bruder, Vater und Sohn, sondern auch Schwager, Götti, Gotte oder Arbeitskollege. Auch für einen Aussenstehenden oder gar ehemaligen Gegner ist das Willkommen jederzeit herzlich und unkompliziert (Warum war ich nie bei Meinisberg?). Zudem pflegt der Verein auch seine eigene Geschichte in eindrücklicher Art und Weise. Die Klub-Historie wird sorgfältig und zentral aufgehoben und besonders beeindruckend ist die Sammlung der alten Trikots, diese werden ebenfalls an einem geheimen Ort, wie Miraculix’ Zaubertrank, im Dorf gelagert. Im Rahmen des Jubiläums durfte man die historischen Trouvaillen gar für einen Fünfliber kaufen.
Schiedsrichter-Supervisor Roland Stalder in seinem Meinisberg-Jersey mit der Rückennummer 7. (Jacqueline Stalder)
Seine Trouvaille gesichert hat sich auch der ehemalige Internationale (drei Weltmeisterschaften, Europacup-Finals) und Nationalliga-Schiedsrichter Roland Stalder, welcher zwischen 1979 und 1984 das rote Wagner-Jersey getragen hat. Stalder schaffte den Sprung vom 3. Liga-Spieler bis zum WM-Schiedsrichter. Den fast gleichen Weg machte auch Peter Kunz selig, die beiden spielten und arbitrierten gar noch gleichzeitig für Meinisberg. Stalder verrät beim Interview auch ein paar Anekdoten über die 80er Jahre. Neben Stalder stehen auch Gründungsmitglied und ehemaliger Spieler und Präsident Heinz Reber (rechts), sowie der zweifache Meistertrainer Dominic Lüthi (links) vor dem Mikrofon (Titelbild). In den Aussagen der drei Protagonisten bestätigen sich die «gallischen Tugenden» als Geheimnis des Erfolges.
Kein Geheimnis ist Meinisberx berühmtester Auftritt der Clubgeschichte, 1999 reisten die Seeländer, begleitet vom Schweizer-Fernsehen (siehe YouTube, unten), nach Dubai an den internationalen Nokia-Cup. Zwei ehemalige Meinisberger tragen zum 50-Jährigen das Trikot der Wüstensöhne, Hanspeter Kopp und Honza Paur, welcher extra aus Adelboden nach Meinisberg gekommen ist. Das Hockeyfest, wie bei «Asterix» jeweils das letzte Bild auf der letzten Seite, dauerte bis in die frühen Morgenstunden, ein Vorstandsmitglied trat gar eine stündige Heimreise per Velo, bis nach Täuffelen an. Mit dieser Einstellung trotzen die Meinisberger allen Widrigkeiten auch in den nächsten 50 Jahren, wenn es heisst: Das ganze Seeland? Nein! Übrigens Meinisberx Fisch von «Verleihnix» gibts wieder im Juni an der Braderie.
50 Jahre Clubgeschichte aus Stoff, Meinisbergs Vermächtnis an sich selbst. (Krein)Vier ehemalige Spieler des verschwundenen SC Scheuren: Marco Reber (Sohn von Heinz und selber ehem. Spieler/Präsident), Hanspeter Kopp (eine Legende des Nokia-Cups, im Dubai-Jersey) und Urs Heuer (ehem. Spieler/Präsident) gehören auch zur History des EHCM. (Krein)
In der neuen Berner Expohalle «Genuss & Tradition» geht es zu und her wie in einer Drittelspause der PostFinance-Arena, «Vinspiration» heisst der Genuss, welcher die Besuchenden in Massen zur Weindegustation verführt. Mittendrin ist der gleiche Mann, welcher am 24. April 2025 den Meisterpokal «Twin-Skate» nach Lausanne zur Übergabe an die ZSC Lions chauffiert hat. «Es ist aufgegangen, hätte Lausanne das fünfte Spiel gewonnen, hätte ich während der Berner Ausstellung (BEA) nach Zürich, oder gar zu Spiel sieben, nochmals nach Lausanne fahren müssen», sagt Willi Vögtlin, bei der National-League zuständig für Spiele und Pokal und bei seinem Weinhandel zuständig für Degustation und Genuss. Der Spielplan-General ist währen der finalen Hockey-Phase, gleichzeitig an der Berner Expo engagiert.
Engagiert war der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter vor 35 Jahren auf dem gleichen Gelände, anlässlich der Weltmeisterschaft 1990 in Bern und Freiburg. An seiner letzten WM pfiff der Baselbieter sechs Spiele in Bern, eines davon, Tschechoslowakei gegen Schweden, gehört auch zu meinen ersten WM-Eindrücken. Überhaupt gehört das Gelände rund um die Berner Expo zu mancher persönlichen Geschichte. Heute trifft man dort beispielsweise Tristan Scherwey, früher war das Gelände rund um das ehemalige Berner Allmend-Stadion das Tor zur grossen, weiten Hockeywelt. Zu Vögtlins Aktivzeit gab es kein Internet und nur SLAPSHOT lieferte sporadisch den «Blick über die Landesgrenzen.» Bei einem BEA-Besuch im Kindesalter, galt der Fokus genau zwei Adressen: Dem Fan-Shop des SC Bern und dem Verkaufsstand von Wüthrich + Co. aus Langnau. Die beiden Aussteller waren im Untergeschoss des Treppenhauses der heutigen Hallen 1.1 und 1.2 untergebracht.
Erste Priorität hatte der SCB-Shop, denn dort lag das internationale Jahrbuch des IIHF, genannt «Eishockey-Almanach», für 14 Franken und 80 Rappen ging der Almanach 90/91 über die Berner-Fan-Theke, dies galt sogar zu «Sackgeld-Zeiten» als Schnäppchen. Denn dieses Buch war mein Lebenselixier, vielleicht ist das Nachschlagewerk auf der gleichen Stufe, wie der berühmte «Sport-Almanach» in Zurück-in-die-Zukunft – mit der grossen Ausnahme, 1990 blickte man, statt in die Zukunft, ins vergangene Hockey-Jahr. Das gesamte Wissen lag in diesen knapp 200 A5-Seiten und bot mir, Jahr für Jahr, beim Selbststudium unbeschreibliche Glanzstunden. Mit dem Rest der Ersparnisse ging es vis-à-vis zu «Wüthrich», denn dort – und nur dort – gab es die NHL. Poster, Wimpel, Pucks, Ministöcke und Pins der wichtigsten NHL-Franchisen.
Die wichtigsten NHL-Franchisen sind auch an der «Vinspiration 2025» ein Thema. Vögtlin holt die nächste Weinflasche, zwischen Traubensorten, Piemont und Sizilien wird auch über die Playoff-Serie der Winnipeg Jets gesprochen. Die Zeiten haben sich längst geändert, das Gelände jedoch, rund um die Berner PostFinance-Arena, schreibt weitere Kapitel über den faszinierendsten Sport der Welt.
Die Playoffs 2025 bescheren uns in den Viertelfinals das «Zähringer-Derby» und damit die gewohnte Renaissance des Deutschen Adelsgeschlechts. Doch seit wann spricht man eigentlich vom Zähringer-Derby? Die Herzöge Berthold IV und V von Zähringen waren 1157 (Freiburg) und 1191 (Bern) für die Stadtgründung, das Stadtrecht und das Stadtbaukonzept verantwortlich. Unter den Herzögen von Zähringen entstanden im Mittelalter zwölf Städte in Deutschland und der Schweiz, darunter die Eishockey-Relevanten Standorte Bern, Burgdorf, Freiburg im Breisgau, Fribourg, Rheinfelden, Thun und Villingen-Schwenningen.
In der Blütezeit spielten vier Zähringer-Städte, je zwei in Deutschland und der Schweiz, in der obersten Spielklasse. Das erste Zähringer-Derby gabs am 30. September 1980 in der Augustiner-Kunsteisbahn in Freiburg vor 4’200 Zuschauern, NLA-Aufsteiger Gottéron siegte mit 4:1. Die Eishockey-Legende Jakob Lüdi, er sitzt/sass auch bei der aktuellen Serie im Stadion, erzielte einen Hattrick und eröffnete in der 4. Minute das Skore der Geschichte dieses Derbys. Dies geschah ein Jahr vor den Nachbarn aus dem Lande der Gründerväter, welche am 27. September 1981, ihr erstes Derby zweier Zähringerstädte im Oberhaus zu sehen bekamen, der Schwenninger ERC siegte vor heimischem Publikum mit 5:4 gegen den EHC Freiburg. 1993, ein Jahr vor DEL-Gründung, musste der EHC Freiburg Konkurs anmelden und verschwand von der deutschen Eishockey-Landkarte. Seither spielten Freiburger und Schwenninger nie mehr gemeinsam in der obersten Spielklasse. So ist die Paarung zwischen Bern und Freiburg-Gottéron heute weltweit das einzige Derby zwischen Zähringerstädten.
Doch über «Zähringer» und «Eishockey» spricht man erst seit diesem Jahrtausend. Die ersten zwei Playoff-Serien zwischen Bernern und Freiburgern gingen 1991 und 1992 noch fern vom Deutschen Adelsgeschlecht durch die Medien. Erst die dritte Serie, 2008 wurde medial als «Zähringer-Derby» verkauft. Derweil lief in der Zentralschweizer 1. Liga, mit Thun gegen Burgdorf, zwischen 1984 Und 2017 ebenfalls ein Derby der Zähringerstädte. In der Saison 1999/00 gesellte sich gar noch der EHC Rheinfelden für ein Jahr dazu und spielte mit dem Namen «Zähringer» im Logo, die Derbys gegen die beiden Berner Mitstreiter.
Sportjournalistisch sprach «Der Bund», am 29. Februar 1960, anlässlich des NLB-Fussball-Spiels zwischen dem FC Bern und dem FC Freiburg, erstmals von einem «Zähringer-Derby», Es dauerte bis ins Jahr 2002, ehe der Begriff «Zähringer» sich ins Eishockey einschlich. Jürg Vogel, er tippte u. a. auch unter dem Pseudonym George Bird für SLAPSHOT, schrieb in der NZZ, vom 14. September 2002, über das Duell der beiden «Zähringerstädte.» In der Folge verbreitete sich der Begriff «Zähringer-Derby» wie deren Baukunst im Mittelalter. Die Berner Altstadt gehört seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe und vielleicht findet auch das weltweit einzigartige Derby dereinst die Aufnahme, unter der Kategorie der «Schweizer Traditionen», in Kreis des immateriellen Kulturerbes.
Zum dritten Mal geht ein Champions-Hockey-Leauge Final auf Schweizer Boden über die Bühne, dabei zum zweiten Mal für die ZSC Lions. Schon vor diesem geschichtsträchtigen Endspiel sind die Zürcher das erfolgreichste Schweizer Hockey-Unternehmen auf internationalem Parkett, dies mit einem europäischen Titel (2009) und dem Victoria Cup. Keine andere Schweizer Clubmannschaft hat grösseres vollbracht, auch nicht die Schweden von Färjestads BK Karlstad. Der zehnfache schwedische Meister konnte europäisch noch nie reüssieren. 1987 und 1989 spielten die Schweden aus der Provinz Värmland zweimal um die europäische Krone. Höchste Zeit also, endlich auch die European-Trophy in die Annalen der Clubgeschichte zu holen. Der Knüller in der Swiss-Life-Arena ist ausverkauft und die ganze Hockeyprominenz der Schweiz ist in den VIP-Zonen zu Gast.
Im Lift mit Jenni’s
Auch zwei ehemalige Schweizer Söldner des schwedischen Vertreters sind mit dabei, Martin Gerber und Marcel Jenni, letzterer fährt mit mir im gleichen Lift, welchen ich, mit der in Zürich traditionellen, Portion «G’hackts und Hörnli» betrete. Mit dieser Portion werde ich die Liftfahrt bis in die fünfte Etage nicht kommentarlos überstehen – noch bevor sich der Lift bewegt kommt der erste Spruch, dem Ghackets-Hörnli-Duft entgegen. Daniela Jenni, Marcel’s Frau, bittet um eine Empfehlung. Auf meine positive Antwort folgt ein Spruch meinerseits – Sie (Frau Jenni) habe in Schweden ja das Brot vermisst – das Schweizer Fernsehen besuchte vor 20 Jahren Jenni und seine damalige Freundin und jetzige Frau in Karlstad. Geblieben ist mir vor allem, dass Jenni’s Partnerin das «Brot» aus der Schweiz vermisst hatte. Zurück im Lift, zeigt sich Frau Jenni äusserst verblüfft und positiv überrascht über meine Bemerkung.
Kein Brot für Färjestad
Das Brot fehlt dann auch Jenni’s Ex-Team. Der schwedische Qualifikationssieger des Vorjahres, immerhin mit sieben ehemaligen und drei künftigen NHL-Spielern, findet nur schwer in die Partie und gerät durch eine Unachtsamkeit im eigenen Slot mit 0:1 in Rückstand. Zürich’s Reihe um Denis Malgin, Sven Andrighetto und Rudolfs Balcers, zusammen 661 NHL-Partien, läuft auf Hochtouren und ist auch für den zweiten Treffer verantwortlich. Reicht es für Färjestad wieder nicht? Holt Zürich erstmals die europäische Krone im eigenen Stadion? Die Stimmung ist bombastisch, 12000 Fans tragen die Lions zum zweiten europäischen Gold der Klubgeschichte. «Mir sind Züri», heisst nun «mir sind d Könige vo Europa». Die Trophäe von 2009 steht, zusammen mit dem Victoria-Cup, in der Vitrine der «Sports Bar 1930», nun kommt ein Kübel dazu, kein Schweizer Team hat international mehr erreicht. Den Victoria-Cup müsste man unbedingt wieder reaktivieren, die NHL kann kommen. Vorher gilt es jedoch, sich zum elften Mal zum König der Schweiz zu krönen.
Eigentlich sollte es eine Geschichte über «die Gallier» aus der Ajoie geben, doch der Besuch, zwei Tage vor Redaktionsschluss, im Tal der heulenden Winde lieferte ein Schmankerl, welches der hier schreibende Kolumnist festhalten musste.
Vor dem Spiel zwischen den SCL Tigers und dem EHC Biel, auf dem Weg zum Kommentatoren-Platz, kommt mir Yanick Stampfli’s Vater Thomas (Stampfli-Senior) entgegen, der Vater des Biel-Verteidigers ist auch als Assistent der Bieler U15-Elit-Mannschaft bekannt. Nach meinem «Hallo Stamme», grüsst mich der Spielervater leicht irritiert zurück, was mich kurzzeitig erstaunt, dem ich aber keine weitere Beachtung schenke.
Beachtung schenke ich einer Szene in der 40. Minute, Stampfli-Junior spielt die Scheibe in hohem Bogen über die Plexiglasscheibe und wird daraufhin für zwei Minuten in die Kühlbox geschickt. Dies entlockt mir als Kommentator, dass auch dessen Vater sich im hier Stadion befinde. In der Pause werde ich vor dem Presseraum durch Dylan Halter, einem ehemaligen Mitarbeiter des EHC Biel, abgepasst, welcher mir erklärt, dass er meinen Kommentar als WhatsApp-Nachricht seiner Freundin Michelle, der Schwester von Stampfli-Junior, erhalten habe, denn Stampfli-Senior könne unmöglich in Langnau sein.
Zur gleichen Zeit erhält Stampfli-Senior von seiner Frau einen Anruf, ob er in Langnau sei? Ein klärender Anruf Dylan Halters, bei dem der hier schreibende Kolumnist und Kommentator zuhören kann, hilft weiter. Stampfli-Senior sitzt zu diesem Zeitpunkt im U15-Mannschafts-Car, auf der Heimreise von Lausanne. Wen um Himmels Willen habe ich vor dem Spiel gegrüsst? Stampfli’s Zwillingsbruder, vermutet Halter.
Solche Geschichten kennen die Stampfli-Zwillinge, geboren am 13. Mai 1971, zu genüge, «immer wieder werden wir verwechselt», erklärt Thomas noch am Telefon. Thomas und Markus spielten einst für die Elite-Junioren (heute U20-Elit) des EHC Olten und eine gemeinsame U18-Europameisterschaft, 1989 in Kiew, ehe sich ihre Wege 1990 trennten, Goalie Thomas wechselte nach St. Moritz und Stürmer Markus zurück zum Stammclub Solothurn-Zuchwil. Kurioserweise ist ihr damaliger Headcoach aus Oltner-Zeiten, Jaroslav Tuma (SLAPSHOT Nr. 6, 1989), an diesem Abend ebenfalls in Langnau und beobachtet als Agent seinen Langnauer Klienten Jiri Felcman.
Zum Auftakt des Schlussdrittels erklärt der Kommentator und hier schreibende Kolumnist seinen Fauxpas, doch die Causa-Stampfli geht weiter. Kurz vor dem ersten O-Ton meines Interview-Partners Fabio Hofer, erblicken wir gemeinsam den «falschen Stampfli» und Hofer winkt ihm freudig zu.
Zurück in der Kabine habe Hofer von Stampfli-Senior erzählt und Yanick, ebenfalls erstaunt, habe seinen Vater – immer noch auf dem Weg von Lausanne nach Biel – telefonisch kontaktiert…