Mit Ambühl und Mastercard

Ein herrlicher und sonniger Herbststag, in Zug pilgern alle in die neue Bossard-Arena. Es liegt was in der Luft, die Athmosphäre ist wie in einem Playoff-Final und die Herbstluft riecht nach einem besonderen Abend. Die neue Halle ist mit 7’015 Zuschauern restlos ausverkauft. Auf dem Eis treten die New York Rangers zum Prestige an. Der ehemalige „Ranger“ Andres Ambühl ist Studiogast beim TV-Sender Teleclub, der die Partie live überträgt. Ich bin nicht akkreditiert, statte dem Talk zwischen Ambühl und dem Teleclub-Moderator einen Besuch ab. Ambühl kann sich die Partie nicht ansehen und übergibt mir seinen Pressebadge. So betrete ich als falscher Ambühl die richtige Arena.

Erster Akt

Solche Spiele gibts bestenfalls alle zehn Jahre, für alles andere gibts die Mastercard. Nach nur einer Minute ist Timo Helbling schon im Clinch mit Rangers-Star Brandon Dubinsky und die Halle bebt. Bereits beim ersten Powerplay trifft Esa Pirnes gegen einen überraschten Keeper Mathieu Biron. Nach sechs Minuten trifft Duri Camichel zum 2:0, ehe Ryan Callahan verkürzen kann. Zug ist geladen und die spezielle Athmosphäre des Herbsttages überträgt sich aufs Eis. Josh Holden schiesst per Shorthander das 3:1. Manch einer fragt sich wo denn die Rangers sind und was um Himmels Willen macht Brad Richards (60 Millionen-Dollar-Vertrag)? Noch vor der Pause sind die Rangers doch noch da und schiessen zwei Tore innert 13 Sekunden, sechs Tore im ersten Drittel, wie gesagt für alles andere gibts Mastercard.

Zweiter Akt

Die Rangers formieren sich neu, mit der neuen Sturmreihe Gaborik-Richards-Dubinsky spielen die NHL-Stars zwar ein Powerplay bei 5 gegen 5, doch Tore fallen keine. Kurz nach der zweiten Pause geht New Yorks General-Manager Glen Sather, trotz Rauchverbot, Stumpen rauchend an mir vorbei. 20 Meter neben mir sitzt der ganze Rangers-Clan, «King» Henrik Lundqvist inklusive, dieser wird an diesem Abend durch Biron mehr schlecht als recht ersetzt. In der Zwischenzeit erhöhen die Zuger Glen Metropolit und Holden auf 5:3 und die Halle bebt weiter. Ruslan Fedotenko kommt kurz vor der Pause zum 4:5-Anschlusstreffer. Noch nie zuvor hat ein Schweizer Klubteam fünf Tore gegen ein NHL-Team geschossen.

Dritter Akt

Zug lässt sich nicht abfertigen wie einst der SC Bern (beim 1:8 gegen den gleichen Gegner) und der HC Davos beim 2:9 gegen die Chicago Blackhawks. Die Zuger sind in der neuen Halle noch ungeschlagen und jeder Angriff aufs Tor der Rangers ist brandgefährlich. Die NHL Stars legen zwei Gänge zu, doch die Innerschweizer können die Führung sogar noch auf drei Tore ausbauen. Zug agiert konterstark, direkt und schnörkellos und die Rangers? Richards und Co. brauchen viel zu lange bis zum Abschluss und spielen untypisch kompliziert. Richards kostet die Rangers gleich viel wie der ganze EVZ.

Fünf Minuten vor Schluss ersetzen die blassen New Yorker ihren schwachen Torhüter durch einen sechsten Feldspieler und es kommt wie erwartet. Der Luzerner Fabian Schnyder setzt den 8:4-Schlusspunkt. Das ist der grösste Sieg einer Schweizer Klubmannschaft. Für die Rangers wäre es selbst mit Lundqvist eng geworden, auch wenn dies kein Pflichtspiel ist, schreibt Zug Geschichte. Leise schleiche ich mich im Dubinsky-T-Shirt aus dem Stadion, keiner kennt mich, nicht einmal GM Sather, auch wenn ich als „Ambühl“ unterwegs bin.

Die Schweizer NHL-Bilanz

4 Spiele, 2 Siege, 2 Niederlagen, 13:22 Tore

3. Oktober 2011

EV Zug – New York Rangers 8:4 (3:3, 2:1, 3:0)
Bossard Arena. – 7’015 Zuschauer (ausverkauft). – SR Joanette/Rochette (Ka/Sz); Devorski/Arm (Ka/Sz). – Tore: 2. (1:18) Pirnes (Blaser, Schnyder/Ausschluss Dubinsky) 1:0. 6. Duri Camichel (Sutter) 2:0. 16. (15:40) Callahan (Dubinsky) 2:1. 17. (16:24) Holden (Chiesa/Ausschluss Helbling!) 3:1. 19. (18:47) Rupp (Del Zotto, Zuccarello) 3:2. 20. (19:00) Anisimov 3:3. 35. (34:02) Metropolit (Casutt) 4:3. 35. (34:43) Holden (Lüthi, Lindemann) 5:3. 39. Fedotenko (Anisimov) 5:4. 43. Pirnes 6:4. 45. Brunner (Schnyder) 7:4. 56. Schnyder (Holden, ins leeere Tor) 8:4. – Strafen: Je 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Zug ohne Corsin Camichel (rekonvaleszent), Rangers ohne Lundqvist und Avery (beide geschont). New York Rangers zwischen 55:10 und 55:55 ohne Torhüter. Beste Spieler: Josh Holden (Zug), Ryan Callahan (New York Rangers).
EV Zug: Markkanen; Chiesa, Wozniewski; Helbling, Fischer; Furrer, Erni; Blaser; Christen, Metropolit, Casutt; Brunner, Holden, Schnyder; Duri Camichel, Sutter, Pirnes; Lüthi, Oppliger, Lindemann; Rossi.
New York Rangers: Biron; Girardi, McDonagh; Eminger, Del Zotto; Bickel, Bell; Gaborik, Richards, Fedotenko; Callahan, Anisimov, Dubinsky; Zuccarello, Stepan, Rupp; Prust, Christensen, Boyle.

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