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Ein berühmter «Eishockey-Chronist» sagte einmal «im Bäre z Madiswil sisi abghoue», gemeint sind die ehemaligen DDR-Nationalspieler Guido Hiller und Stefan Steinbock. Die Geschichte war mir nur schleierhaft bekannt, aus dem deutschen «Eishockey Jahrbuch 90» wusste ich, dass die beiden Spitzensportler in den Westen geflüchtet waren, wenige Wochen später aber wieder in die DDR zurück gekehrt sind. Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls eine perfekte Story mit Schweizerbezug.

Im September 1970 beschloss der DDR-Sportverband DTSB, nur noch die Medaillen-intensiven Sportarten zu fördern. «Wir brauchen zum Aufbau der sozialistischen Wirtschaft jede Mark. Um Eishockey zu betreiben, benötigt man jährlich die Finanzen von zirca zwei hochseefisch-verarbeitenden Kühlschiffen. Also, liebe Sportler, was brauchen wir dringender Eishockey oder Kühlschiffe?» lautete die damalige Begründung von Staatssekretär Rudi Hellmann.

20 Jahre Dynamo gegen Dynamo

Ab diesem Zeitpunkt spielten nur noch zwei Mannschaften in der Oberliga der DDR: Der SC Dynamo Berlin und die SG Dynamo Weisswasser. 20 Jahre duellierten sich die beiden «Polizeiclubs» in zahlreichen Serien. In 20 Jahren teilten die «Dynamos» in 178 Spielen alle Ostdeutschen Meistertitel, davon gingen 12 an die Ostberliner und acht an die Lausitzer aus Weisswasser. Zurück zur Geschichte, am 11. November 2014, befördert mich Hauptprotagonist Steinbock per Telefon zurück in die alte Zeit des eisernen Vorhangs.

Wir schreiben das Jahr 1984, es würde noch sechs Jahre dauern bis zum Fall der Mauer, was aber damals noch keiner für möglich gehalten hätte. Auch Hiller und Steinbock nicht, die beiden teilen sich bei ihren Auslandreisen (Weltmeisterschaften, Europacup-Spiele, Freundschaftsturniere und Trainingslager) über Jahre ein Zweierzimmer. «Das schweisst zusammen, da weisst du alles von deinem Partner» sagt Steinbock. Die Idee einer Flucht nach Westen ergab sich im Laufe der Zeit.

Hiller setzt sich in der Schweiz ab

Im September 1984 ist es soweit, Hiller fasst den Entschluss abzuhauen. Der SC Dynamo Berlin, vom Oberaargauer-Cup in Langenthal kommend, übernachtet am Ende der jährlichen Schweizer-Tournee im Hotel Mövenpick in Kloten. Hiller informiert seinen Zimmergenossen Steinbock über seinen Entschluss, doch Steinbock ist noch nicht soweit. So desertiert Hiller im Alleingang und lässt seinen Kumpel zurück.

Oberaargauer Cup in Langenthal (13. bis 15. September 1984)
Basel – Dynamo Berlin 3:9 (Halbfinal), Arosa – Dynamo Berlin 5:4 (Final)

Ach du Scheisse, jetzt müssen wir in Zinnwald die Bobbahn putzen

— Hartmut Nickel

Steinbock wird die schwere Aufgabe haben, am nächsten Morgen die beiden Coaches Joachim Ziesche (1999 Aufnahme in die IIHF Hall-of-Fame) und Hartmut Nickel über Hillers Abgang zu informieren. Nickels Worte wird Steinbock nie vergessen: «Ach du Scheisse, jetzt müssen wir in Zinnwald die Bobbahn putzen».

Steinbock folgt drei Monate später

Nach Hillers Abgang bleibt Steinbock der Kontakt zu seinem Kumpel verwehrt. Ein Teamkollege kauft bei einem Zwischenhalt in Kopenhagen die Bild-Zeitung und da ist ein Artikel über Hillers Engagement beim Bundesligisten Mannheimer ERC publiziert. Bis Weihnachten 1984 fasst auch Steinbock den Entschluss die Flucht nach Westen anzutreten. Steinbock gastiert vom 19. bis 22. Dezember mit der Nationalmannschaft an einem Vierländerturnier in Feldkirch. Die DDR spielt gegen die Schweiz, Holland und Österreich. Steinbock trifft beim 3:3 gegen die Schweiz und macht sich nach dem zweiten Spiel bei Nacht und Nebel auf und davon, ein Taxifahrer fährt den Stürmer kostenlos bis ins deutsche Lindau am Bodensee.

Länderturnier in Feldkirch (19. bis 22. Dezember 1984)
Schweiz – DDR 3:3 [in Widnau], DDR -– Niederlande 4:4, Österreich – DDR 7:2. Rangliste: 1. Schweiz 3 Spiele/4 Punkte (16:13). 2. Österreich 3/4 (16: 9). 3. Niederlande 3/2 (10:15). 4. DDR 3/2 (19:14)

SC Dynamo Berlin in der Ausgabe 1988-89, mit Guido Hiller (mittlere Reihe vierter von links) und Stefan Steinbock (unten zweiter von links). (Eisbären Berlin)

Doch die Freude über die Freiheit ist nur von kurzer Dauer, denn die Ostdeutschen sind ausserhalb der DDR 18 Monate nicht spielberechtigt und erhalten keinen Flüchtlingsausweis. Wer verpflichtet einen Spieler, der erstens nicht spielberechtigt ist und zweitens unter das Ausländerkontingent fällt? Nach einer Probezeit in Mannheim kehrt zunächst Steinbock, später Hiller in einer streng geheim gehaltenen Aktion der Stasi in die DDR zurück. Nach kurzer Sperre dürfen beide wieder spielen. Auch die übliche Strafverfolgung bleibt kurioserweise aus.

Zwischen Mauerfall und Aufnahme in die Bundesliga

Nach dem Mauerfall vom 7. Oktober 1989 wurde die letzte DDR-Meisterschaft noch zu Ende gespielt. Noch niemand dachte an eine Bundesliga-Integration der Ost-Teams. So unterschrieb Steinbock auf eine Anfrage von EV Lansdshut-Manager Fax Fedra seinen ersten Profivertrag in Landshut. Hiller vorerst noch nicht.

Auf Betreiben des DEB-Präsidenten Otto Wanner dürfen noch vor der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 die beiden Ost-Teams SG Dynamo Weisswasser und SC Dynamo Berlin als Neulinge in der Bundesliga ihr Debüt geben. In Kürze versuchen Rüdiger Noack in Weisswasser und Dieter Waschitzowitz in Berlin, die finanziellen Grundlagen für die neue Zukunft zu schaffen. Aus Marketing-technischen-Gründen wird der SG Dynamo Weisswasser in «Polizei-Eislauf-Verein» (PEV) umbenannt. Der SC Dynamo Berlin nennt sich «EHC Dynamo» und das «D» wird durch den bis heute bekannten «Berliner Eisbär» ersetzt.

Und was ist eigentlich mit dem Landgasthof Bären in Madiswil? Dynamo logierte im Rahmen des Oberaargauer Cups zwar im besagten Landgasthof, jedoch traten an diesem Ort weder Hiller noch Steinbock die Flucht an. Nach der Wende spielten Hiller und Steinbock später zwischen 1996 und 1998 nochmals zwei Saisons zusammen für den ETC Crimmitschau, wo Steinbock heute fürs Marketing der «Eispiraten» zuständig ist, in der zweithöchsten deutschen Spielklasse.

Hier gehts zum Podcast

Die kleinste Meisterschaft der Welt

SaisonPartieSPSUN
1989-90Berlin – Weisswasser1239
1988-89Berlin – Weisswasser66
1987-88Berlin – Weisswasser862
1986-87Berlin – Weisswasser1284
1985-86Berlin – Weisswasser1082
1984-85Berlin – Weisswasser10523
1983-84Berlin – Weisswasser871
1982-83Berlin – Weisswasser10721
1981-82Berlin – Weisswasser1010
1980-81Berlin – Weisswasser6132
1979-80Berlin – Weisswasser642
1978-79Berlin – Weisswasser121011
1977-78Berlin – Weisswasser1073
1976-77Berlin – Weisswasser10523
1975-76Berlin – Weisswasser10442
1974-75Berlin – Weisswasser6213
1973-74Berlin – Weisswasser826
1972-73Berlin – Weisswasser835
1971-72Berlin – Weisswasser8215
1970-71Berlin – Weisswasser8314
Total178972061

Ein Gedanke zu “Bei Nacht und Nebel in den Westen”
  1. Lieber Herr Krein
    Übrigens hat sich auch folgendes ereignet:
    Am 15.09.1989 wurde das Jubiläumsspiel zwischen dem amtierenden Schweizer Meister SC Bern und dem mehrfachen DDR-Meister EHC Dynamo Ost-Berlin ausgetragen. Endstand 6:3. Ok-Präsident war Hansruedi Hodler. 1’100 Zuschauer/innen verfolgten das Spiel, welches gemeinsam mit dem SCB-Fanclub Interlaken organisiert wurde. Dieser Fanclub war einer der grössten, wenn nicht sogar der grösste der Schweiz. Diese SCB-Fansektion, mit rund 300 Mitgliedern, belebte jedes Stadion mit seiner grossen, 4.5m x 5m-Fahne. Interessant ist, dass sich damals beide Teams mit CHF 5’000.— Gage und einem Nachtessen zufrieden gaben.
    Der aggressiven Spielweise der Berner hatten die Gegner nichts entgegenzusetzten. Die Einheimischen konnten sogar zu viert spielend noch Tore schiessen und auf den Stammtorhüter Tosio verzichten.
    Linesman waren die Herren Bertolotti, Martin und Zingg.

    Übrigens alles nachzulesen, in der ausführlichen und seriös recherchierten Chronik 50 Jahre SCUI.
    Erhältlich ab dem 05.12.2014 unter chronik@scui.ch

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