Als Premiere zum ersten Länderspiel im Ausland, gehts für mich – vorbei an Saint-Martin-d’Hères – Cristobal Huets Heimat, in die grösste im Hochgebirge liegende Stadt der Alpen in Grenoble. Im Stadion Pôle-du-Sud frage ich mich durch die Katakomben des ansässigen Klubs Bruleurs du Loups, welchem als Premiere eine Präsidentin vorsteht, wo ich zu meiner Presse-Akkreditierung komme.

Die Schweiz gewinnt das Weltmeisterschafts-Vorbereitungs-Spiel in Genoble gegen Frankreich mit 3:2. Für die Schweiz ist es der 34. Sieg im 47. Länderspiel gegen die Franzosen, nach 1984 (7:2) und 2010 (2:1) stehen sich die beiden Mannschaften nicht als Premiere, sondern zum dritten Mal in der Olympiastadt gegenüber. 1984 spielt die Schweiz noch im Olympiastadion «Stade-de-Glace», welches im Oktober 1967 für die Olympischen Winterspiele von 1968 fertiggestellt wird.

Vom Pôle-du-Sud ins Stade-de-Glace

Noch heute, 47 Jahre später, ist das Stadion eine imposante Erscheinung. Architektonisch wirkt die Hülle des Prunkstücks wie eine Mischung zwischen der Oper von Sydney und dem Eisstadion von Davos (Baujahr 1979). Möglicherweise diente das architektonische Meisterwerk von Robert Demartini und Pierre Junillon als Davoser Vorlage. Das Dach besteht aus zwei sich kreuzenden zylindrischen Gewölben. Die Halle mit 12’000 Sitzplätzen befindet sich im Parc-Paul-Mistral, dem zentral gelegenen Stadtpark von Grenoble und dient heute für Konzerte, Messeveranstaltungen und verschiedene sportliche Anlässe, wie etwa das Sechstagerennen.

Die Olympischen Spiele von Grenoble sorgen 1968 für einige Premieren. Die Franzosen präsentieren mit «Schuss», das erste Olympia-Maskottchen der Geschichte, haben mit 37 Ländern einen neuen Teilnehmerrekord und montieren im Stade-de-Glace erstmals durchsichtige Plexiglas-Banden, wie sie erst beim Winter-Classic-Game zwischen Genf-Servette und Lausanne am 11. Januar 2014 im Stade-de-Genève wieder auftauchen.

Beim Rundgang um den «Palais-des-Sports», wie die multifunktionale Halle mittlerweile heisst, versucht sich das Unterbewusstsein an die alten Zeiten zurück zu erinnern. Es scheint als sei man plötzlich mittendrin, am 15. Februar 1968, eine Stunde vor Spielbeginn (21 Uhr) beim Knüller zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, dem Höhepunkt des Turniers. Das Publikum strömt aus allen Seitenstrassen in den Parc-Paul-Mistral, Richtung Eingänge O (Oest) und E (Est). Fantrikots sind da noch fehl am Platz, die Leute sind elegant in grau, beige oder schwarz gekleidet und betreten das Eisstadion gesittet, wie beim Gang in die Oper oder einme Jacques-Tati-Film. Vor dem Eingangsportal E, am Boulevard Clemenceau ist eine Bushaltestelle, ein blau-weisser Bus bringt die Zuschauer direkt vors Stadion. Die Stimme des Speakers durchdringt die Stadionwände und verstärkt den Drang, endlich ins Stadion zu gelangen und die beiden Weltklassemannschaften aus dem Osten beim Einspielen zu bestaunen.

Der Höhepunkt des Olympiaturniers

Durch Tore von Frantisek Ševčík, Petr Hejma und Jan Havel führt die CSSR nach dem ersten Drittel mit 3:1. Durch zwei weitere Treffer von Jozef Golonka und Jaroslav Jiřík gewinnt die Mannschaft von Coach Jaroslav Pitner mit 5:4 und die Sensation ist perfekt. Was für ein Spiel, für einen kleinen Moment scheint man gedanklich tatsächlich dabei gewesen zu sein. Vor der letzten Runde führen die Tschechoslowaken die Tabelle an, verpassen aber mit einem 2:2 gegen Schweden, Golonka hatte den 3:2-Siegtreffer auf dem Stock, den Gewinn der Goldmedaille. Der Olympiasieg geht am 17. Februar 1968 durch das abschliessende 5:0 der Sbornaja gegen Kanada an die Sowjetunion.

Helblings Premiere

2015 und vier Kilometer südlich hat sich das Stadion mit dem passenden Namen Pôle-du-Sud geleert, Schweizer und Franzosen geben ihre Interviews. Hauptprotagonist ist Verteidiger Timo Helbling, er trifft in seinem 77. Länderspiel zum ersten- und zweiten Mal und avanciert zum Matchwinner. Grenoble hat eben auch 47 Jahre später noch seine Premieren, gestern waren es Plexiglasbanden und Maskottchen, sind ist es Helbling und die NHL-Söldner. Was der Solothurner zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, er hat an diesem Abend das WM-Ticket für Prag – und da wären wir wieder bei der Tschechoslowakei und Golonka – tatsächlich gelöst.

24. April 2015 – Länderspiel

Frankreich – Schweiz 2:3 (0:0, 1:0, 1:3)
Pôle-Sud. – SR Barcelo /Bliek, Dehaen /Furet (Fr). – Tore: 31. Desrosiers (Janil, Stéphane da Costa) 1:0. 43. Helbling (Grossmann) 1:1. 46. Rüfenacht (Bodenmann, Dino Wieser) 1:2. 49. (48:24) Auvitu (Stéphane da Costa, Desrosiers) 2:2. 49. (48:58) Helbling (Romy) 2:3. – Strafen: Frankreich 6-mal 2 Minuten, Schweiz 5-mal 2 plus 10 Minuten (Suri). – Bemerkungen: Schweiz ohne Haas, Scherwey, Manzato und Frankreich ohne Huet, Chakiachvili und Roussell (alle überzählig). Hollenstein lenkt Schuss von Streit an Pfosten ab (23.). Lattenschuss Kukan (29.). Torschüsse 18:28 (4:9, 8:11, 6:8).
Frankreich: Hardy (30. Quémener); Manavian, Auvitu; Hecquefeuille, Besch (2); Trabichet, Dieudé-Fauvel; Janil; Desrosiers, Stéphane da Costa (2), Raux; Bertrand, Meunier (2), Sacha Treille (2); Guttig, Teddy da Costa, Fleury (2); Claireaux, Ritz, Yorick Treille; Lampérier (2).
Schweiz: Genoni (Berra); DuBois (2), Streit; Geering, Blum; Helbling (2), Grossmann (2); Loeffel, Kukan; Brunner, Romy, Hollenstein; Ambühl (2), Almond, Suri (12); Walker, Trachsler, Bieber; Bodenmann, Schäppi, Dino Wieser; Rüfenacht.

Timo Helbling bietet als Torschütze eine Premiere. (Mario Gehrer)

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