Der 27. Dezember, kein gewöhnlicher Tag

Ein kleiner, zwölfjähriger Junge sass am 22. Februar in einer Ferienwohnung in Saas Fee vor dem Fernseher. Eigentlich hätte der Junge längst schlafen sollen, denn es war schon 23 Uhr, und die Frage ob er sich das Eishockeyspiel der Amerikaner gegen die Sowjets anschauen dürfe, wurde von seinem Vater, dem späteren Präsidenten des SC Lyss positiv beantwortet. So wird der Moskito-Spieler Zeuge des grössten Eishockeywunders aller Zeiten, dem „Miracle on Ice.“ Denn die Nacht vom 22. auf den 23. Februar war keine gewöhnliche Nacht. Für den Eishockey-Sport und für den zwölfjährigen Jungen nicht. Es war der Tag, an dem das Team USA, ein zusammengewürfelter Haufen namenloser College-Boys mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren, bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid für den wohl grössten Moment in der Geschichte des Eishockeys- und einen der grössten Sensationen in der Geschichte des Sports sorgte, an dem ein paar Studenten die unbesiegbare Sowjetunion mit 4:3 besiegten.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, der zwölfjährige Junge wird später als Rekordspieler des SC Lyss in die Annalen eingehen und bestreitet alle 178 Nationalliga-B-Spiele in der erfolgreichsten Zeit des Seeländer Vereins. Das Wunder von Lake Placid hat nicht nur den Lysser Kultspieler Noël Gerber geprägt, sondern rückwirkend auch seinen heutigen Assistenztrainer bei den Lysser Bambini, allerdings war dieser damals gerade mal zweieinhalb Jahre alt und hat das Wunder von Lake Placid nicht mal im Traum mitbekommen.

Von Lake Placid nach Bern

Die beiden Nachwuchstrainer stehen am 27. Dezember 2017 angespannt im „Bären Graben“ der PostFinance Arena, ihre Mannschaft wird in Kürze den Final des NOVO-Future-Cup bestreiten, dem wohl prestigeträchtigsten Bambini-Turnier in der Region. Noch nie konnte eine Lysser Nachwuchs-Mannschaft den Pott ins Seeland holen, im Final standen die Lysser aber schon im Vorjahr. Doch auch der 27. Dezember 2017, scheint kein gewöhnlicher Tag zu sein. Ähnlich wie die US-Boys vor knapp 28 Jahren, sind auch die Lysser ein zusammengewürfelter Haufen namenloser Unterstufenschüler. Zwei Stürmer und der Torhüter kommen aus Biel, ein Stürmer aus Zuchwil, der Kern aber stammt aus der Nachwuchsabteilung des SC Lyss, welcher auf der untersten Stufe eine Partnerschaft mit dem grossen Nachbar pflegt.

Herb zu Craig: „ich habe kein gutes Gefühl“, Craig zu Herb: „ich auch nicht“

Die Aufgabe ist nicht einfach, denn Auftaktgegner HC Dragon Thun, eine Mannschaft gegen die es während der Meisterschaft meistens nichts zu holen gibt, wurde schon Morgens um neun mit 6:1 geschlagen. Der Gegner aus dem Oberland teilt auch noch die gleiche Kabine wie die Mannschaft aus Lyss. Trotz der Auftaktniederlage haben sich die Thuner während des Turniers von Spiel zu Spiel gesteigert und das entscheidende Spiel um den Finaleinzug gegen den Lokalmatador SC Bern gewonnen. Und Lyss? Die Lysser haben ihre letzten drei Vorrundenspiele nach belieben mit 4:0, 10:0 und 11:1 dominiert. Es ist als trifft der Qualifikationssieger auf den Achtplatzierten und wie wir aus der Geschichte kennen, ist das kein leichtes Unterfangen, gibt es doch unzählige Beispiele über das Scheitern des Favoriten in der ersten Playoffrunde.

Sind die U9-Spieler wirklich bereit? Können sie im entscheidenden Moment wieder einen Gang höher schalten, fragen sich Herb“ und „Craig“. In Anlehnung an den 22. Februar von 1980 nennen wir die beiden Coaches „Herb“ Brooks (Gerber) und „Craig“ Patrick (Krein). Die Kinder zeigen keine Anzeichen von Nervosität und sind sich ihres Sieges ziemlich sicher und genau das beunruhigt das Trainerduo. Sind die beiden schon zu lange im Eishockeygeschäft? Denn bekanntlich gewinnt man am gleichen Turnier fast nie zweimal gegen den gleichen Gegner.

Ein grosser Schritt für den SC Lyss

Beide erinnern sich an Brooks‘ Rede vor dem Spiel gegen die Sowjetunion und kommen ins grübeln: „Was erzählen wir einer Bambini-Mannschaft?“ Herb zu Craig: „ich habe kein gutes Gefühl“, Craig zu Herb: „ich auch nicht“, die Nervosität der beiden Coaches darf sich nicht auf die zusammengewürfelte Truppe übertragen. Diese legt sich auch nicht während der langgezogenen Final-Zeremonie, die Bambini können in der PostFinance Arena einlaufen wie dies jeweils die „Grossen“ tun, mit Feuer, Flamme und Bärengebrüll – dies wird sie ein „Leben“ lang prägen. Die Jungs laufen ein wie die College-Boys 1980 im Olympic Fieldhouse, die Gesichter sind voller Zuversicht und Unbekümmertheit, der „Wille“ zu gewinnen ist grösser als die „Angst“ vor dem verlieren. Nur im Ansatz können die Coaches erahnen, wie schwierig es sein muss bei einem Profiteam an der Bande zu stehen.

Wie einst die Sowjets, beginnen die Thuner furios und gehen Zeitgleich mit dem ersten, weinend auf die Bank zurückkehrenden Lyss-Spieler mit 1:0 in Führung. Zum ersten Mal sind die Lysser im Rückstand. Doch die Mannschaft lässt sich, wie die Amerikaner am 22. Februar, nicht aus der Ruhe bringen und gleicht sofort aus. Es scheint als sei ein kleiner Funken der Gold-Boys von Lake Placid knapp 28 Jahre später nach Bern gesprungen, die Sowjets aus Thun werden mit 4:1 bezwungen. Für den zusammengewürfelten Lysser-Haufen geht der 27. Dezember in die Geschichte ein, denn es ist ein grosser Schritt für die Lysser und ein kleiner Schritt für die Eishockey-Welt.

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