Altjahrswoche in New York, neben Weihnachtsshopping und eisiger Kälte in den Strassenschluchten von Manhattan, macht auch der NHL-Spielplan nicht halt. Einst, zu Zeiten des kalten Kriege, war die letzte Woche des Jahres auch reserviert für besondere Eishockey-Leckerbissen. So gastierten, seit der Eröffnung des vierten Madison-Square-Gardens, am 11. Februar 1968, fünfmal kommunistische Teams aus Osteuropa an der Pennsylvania Plaza 4. Diese Spiele gingen zwischen dem 27. Dezember und dem 1. Januar über die Showbühne der berühmtesten Arena der Welt – und die New York Rangers gewannen nie. Zuletzt gabs, am 31. Dezember 1990, gegen ZSKA Moskau, das beste Klubteam aller Zeiten eine 1:6-Niederlage. Bei den Sowjets mit dabei waren damals Sergei Zubov und Sergei Nemchinov, beide werden vier Jahre später, an der gleichen Spielstätte, den ersten Stanley-Cup nach 54 Jahren für die Rangers holen.

Einst ZSKA, heute Ovechkin und Co.

Dieser Garden bietet hunderte von solchen Geschichten und wer weiss vielleicht wird auch am 27. Dezember 2022 ein Kapitel, von dem wir heute noch nichts wissen, geschrieben. Auf dem Eis gastieren 22 Jahre nach dem letzten sowjetischen Triumph auf Manhattan wieder die Russen, der Gegner heisst aber nicht ZSKA oder Dynamo, sondern Washington Capitals – die Russen spielen heute in der US-Amerikanischen Hauptstadt und laufen mit den Capitals als Gegner ein. Alexander Ovechkin, Alexei Kuznetsov, Dimitri Orlov und Alexander Alexeyev heissen die ehemaligen «Sowjets» beim Gast. Aber auch die Rangers verfügen über Nemchinov und Zubov-Nachfolger, Artemi Panarin, Igor Shesterkin und Vitali Kravtsov sind New Yorks Antwort auf Washingtons Quartett.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, nach 40 Minuten führen die Gäste mit 3:0, Kuznetsov gab die Vorlage zum 1:0 durch Marcus Johansson. Das wars, die Rangers verlieren erneut in der Altjahrswoche, heute sogar zum ersten mal seit … ohne einen Treffer zu erzielen. Der Rangers-Fan neben mir, verlässt das Spiel kurz nach der zweiten Drittelspause. Der Glaube an einen Sieg ist nach einem Dreitore-Rückstand nach zwei Dritteln bereits verloren, obwohl sich der Fan pro Saison nur drei Spiele im Garden leisten kann: «Die Tickets sind sehr teuer, so gehe ich lieber an die Auswärtsspiele in Philadelphia, Newark und Long Island», verrät der New Yorker, in Begleitung seines Schwiegervaters. Apropos Tickets, wer kurzfristig ein Ticket will, bezahlt via Ticketmaster rund 450 Dollar, sonst bleibt nur noch der Schwarzmarkt, doch hier ist höchste Vorsicht geboten, dreiste Betrüger dealen vor der Penn-Station mit falschen, aber verblüffend echten Tickets und streichen ihr Geld wie Frank Abagnale zu seinen besten Zeiten in ihre Taschen.

Für ein Taschengeld, wurde hier einst auch einer der spektakulärsten Transfers der Schweizer Hockeygeschichte eingefädelt. Quasi im Blickfeld der Falschkarten-Dealer lag das Charley O’s, ein Steakhouse welches in den 80er Jahren an der Pennsylvania Plaza Nummer 9, der offiziellen Adresse, an der 33. Strasse, neben Steaks auch als wichtige Begegnungsstätte diente. Noch heute werden dort, vor den Spielen der New York Rangers, Steaks verzehrt – jedoch unter dem Label «Nick + Stef’s Steakhouse», auf dem Titelfoto dieses Blogs, hinter dem Cat-Bagger mit dem schwarzen Vordach knapp zu sehen.

Der Ruotsalainen-Transfer

Diese kulinarische Örtlichkeit ist an einem 12. April 1986, nach dem dritten Playoff-Spiel der Rangers gegen die Philadelphia Flyers Ausgangspunkt, einer der grössten Transfers der Schweizer Hockey-Geschichte. Nach dem Spiel, einem 5:2-Sieg der «Blueshirts» treffen sich dort SCB-Präsident Eddie Tschanz und Rangers-Star Reijo Ruotsalainen. Es ist das erste Treffen zwischen dem abtretenden SCB-Präsidenten und dem punktbesten Verteidiger der Rangers. SCB-Trainer Timo Lahtinen hat Tschanz über den Ausnahmekönner, soll ein Jahresgehalt von einer Million Dollar verdient haben, und dessen Abwanderungsgedanken erzählt. Eine Woche nach dem ersten Ferngespräch sass Tschanz in «The-Worlds-Most-Famous-Arena», um sich das Spiel des Finnen mit der Nummer 29 anzusehen und vor allem um sich mit dem Weltklassemann nach dem Spiel in Charley O’s zu treffen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Ruotsalainen ist bis heute, der wohl beste Verteidiger den die Schweiz je gesehen hat. Ob sich auch heute nach dem Spiel oder dereinst ein General-Manager aus Bern im Steakhouse an der Pennsylvania Plaza 9 mit einem Finnen der Rangers trifft? Vielleicht werden wir in ein paar Jahren davon lesen, auch wenn dies heute längt nicht mehr so laufen würde. Dennoch hat die Vorstellung des Treffens aus dem Jahre 1986 etwas romantisches und unterstreicht die Wichtigkeit und die Ausstrahlungskraft der Heimstätte der Rangers. Ruotsalainen war damals 26 Jahre alt und im besten Hockeyalter, dieses hat der erst 21-jährige Rangers-Finne Kaapo Kakko noch vor sich. Kakko, 2019 als Nummer zwei Overall, hinter New Jerseys Jack Hughes im Draft gezogen, dürfte noch einige Jahre in der NHL verbringen, ehe ein General-Manager aus Bern in «Nick + Stef’s Steakhouse» zu einem Treffen bittet.

27. Dezember 2022 – Spiel 549

New York Rangers – Washington Capitals 0:4 (0:1, 0:2, 0:1)
Madison-Square-Garden. – 18’006 Zuschauer (ausverkauft!). – SR Rehman (10)/Markovic (31), Cherrey (50)/MacPherson (83). – Tore: 9. Johansson (Kuznetsov, Gustafsson /Ausschlüsse Lindgren, Kreider) 0:1. 38. Gustafsson (Sheary, Strome) 0:2. 40. Eller (Mantha) 0:3. 57. Sheary (ins leere Tor) 0:4. – Strafen: New York Rangers 3-mal 2 Minuten, Washington Capitals 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: New York Rangers ohne Blais und Hajek, Washington Capitals ohne Johansen, Oshie und Snively (alle verletzt). Torschüsse 32:30. Kuemper*, Gustafsson** und Sheary*** (alle Washington Capitals) als beste Spieler ausgezeichnet.
New York Rangers (2): Shesterkin (Halak); Miller, Trouba; Lindgren (2), Fox; Harpur, Schneider; Lafrenière, Chytil, Kakko; Panarin, Zibanejad, Kravtsov; Kreider (2), Trocheck, Vesey; Brodzinski, Goodrow, Gauthier.
Washington Capitals: Kuemper (Lindgren); Orlov (2), Jensen (2); Gustafsson, Van Riemsdyk; Alexeyev, Irwin (2); Johansson, Eller, Aube-Kubel; Ovechkin, Strome, Sheary (2); Milano, Kuznetsov, Mantha; Protas, Dowd, Hathaway (2).

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