Von Bocharov und Liesch

Innerhalb der Vsevolod Bobrov-Division steht der Knüller zwischen Dynamo Moskau und SKA St. Petersburg auf dem MySports-Programm. Das viertplatzierte Dynamo empfängt Leader SKA in der Megasport-Arena. Für mich ist es die erste KHL-Partie seit dem Gagarin-Cup-Final am 22. April. Dynamo, eines der besten Teams der Welt in den 90er Jahren, welches in zahlreichen Europa-Cup-Auftritten entzückte. Ich erinnere mich auch an den Churer Goalie Thomas Liesch, welcher sich noch zur Zeit des eisernen Vorhangs eine Saison bei Dynamo als erster Schweizer in «Russland» regelrecht durchbeisst. Vom Glanz der sowjetischen Tage ist bei der neusten Moskau-Ausgabe nicht mehr viel übrig, immerhin sind die Trikots noch fast identisch – das hat Stil und Klasse – so wie die TV-Produktion dieses Spiels. Der Ablauf, die Grafiken, die Einblender und Einspieler und sogar Live-Bilder aus der Kabine geben dem Fernseh-Zuschauer das Gefühl mittendrin- statt nur dabei zu sein.


„Ivan Bocharov pariert 97.6 Prozent der 43 Schüsse.“

– Michael Krein, Kommentator

Mittendrin ist auch SKA-Trainer Vladimir Krikunov: Im ersten Drittel trifft ihn ein Puck am Kopf und er muss kurzzeitig in der Kabine verarztet werden. Bis zur 6. Minute ist Krikunovs Kopf gleich viel getroffen worden wie der gegnerische Kasten seiner Spieler, nämlich nur einmal. 41 Schüsse pariert der Schlussmann des Polizei-Clubs und avanciert, trotz Niederlage, zum Mann des Spiels. Ivan Bocharov ist auf dem Weg zur Nummer eins, Stammkeeper Alexander Yeryomenko dürfte in Bocharov einen Nachfolger an seiner Seite haben. Der 23-jährige Torhüter war bei Lieschs Aufenthalt (1992) noch gar nicht auf der Welt, dennoch kann Liesch im Zusammenhang mit Bocharov beim Live-Kommentar erwähnt werden.

Erwähnenswert sind auch die drei ehemaligen «Schweizer» Patrik Zackrisson (20 Minuten 41 Sekunden Eiszeit), Daniel Rundblad (15 Minuten, 31 Sekunden Eiszeit) und Viktor Tikhonov (5 Minuten, 57 Sekunden Eiszeit). Bei den Gästen sind da noch Weltstar Pavel Datsyuk (1’110 NHL-Spiele) und der Nummer-One-Draft von 2012, Nail Yakupov (350 NHL-Spiele). Datsyuk setzt 26 Sekunden vor Ablauf den Schlusspunkt ins leere Tor, zum schwachen Trost für den überragenden Schlussmann Bocharov…

Dynamo Moskau – St. Petersburg 0:2 (0:1, 0:0, 0:1)
8′ Tokranov (Plotnikov, Kuzmenko) 0:1,
60′ Datsyuk (ins leere Tor) 0:2.

Megasport Arena: 6507 Zuschauer
SR: Bondar (17), Gashilov (30); Sadovnikov (85), Shishlo (55)
Str. (D): 4×2′
Str. (S): 4×2′
Bemerkungen: Moskau ab 59:04 bis 59:34 ohne Torhüter.

Dynamo Moskau: Bocharov; Koivisto, Menshikov; Mironov, Nikulin; Pepelyayev (2), Pribylsky; Volkov, Zaitsev; Bryukvin, Igumnov, Kagarlitsky (2); Kulyomin, Makarov (2), Moiseyev; Mozer, Pankratov, Shipachyov (2); Sidlyarov, Yefremov, Zackrisson.
St. Petersburg: Hellberg; Belov, Gavrikov; Hersley, Khafizullin (2); Rundblad, Syomin; Tokranov; Barabanov, Byvaltsev, Datsyuk; Gusev, Kablukov, Karpov; Ketov (2), Kuzmenko (2), Li; Plotnikov, Prokhorkin (2), Tikhonov; Yakupov.

Der Juri Gagarin von Rossens

Als Kommentator von MySports kommst du auch in den Genuss der Kontinental-Hockey-League (KHL), eine Herausforderung welche mich anspornt. Die Motivation steigert sich zusätzlich wenn es im KHL-Final um den Gagarin-Cup geht. Ak Bars Kasan führt in der «Best-of-Seven-Serie» mit 3:1-Siegen und kann heute Zuhause alles klar machen. Bereits bei Spiel drei in Moskau darf ich ran.

Leider berichte ich nicht in Kasan Vorort von der Tribüne, sondern aus der Kombüse im freiburgischen Rossens, unserem MySports-Studio der Romandie. Dennoch ist die Vorfreude über den möglichen Titelgewinn Kasans bereits in der Vorbereitung ein Genuss. Es ist die zehnte Austragung des Gagarin-Cups und Kasan siegte bereits bei der ersten Titelvergabe 2009.

Pünktlich um 15 Uhr 55 gehts los mit den Worten: «Ich begrüsse Sie zum Final um den Gagarin-Cup 2018 – an diesen schönen Sonntag Nachmittag zur fünften Partie in der Final-Serie zwischen AK Bars Kasan und ZSKA Moskau – zum dritten Mal aus der Tatneft-Arena in Kasan.» Schön wärs, jetzt auf dem Kommentatoren-Platz in der Arena in Tatarstan sitzen zu können, stattdessen sitze ich mutterseelenallein in einer Kombüse zwischen Kuhweide und Autobahnanschluss der A12.

Wie Gagarin?

Juri Gagarin sass am 12. April 1961 alleine in der Raumkapsel «Wostok Eins» und umrundete in 108 Minuten einmal die Erde, fernab vom sowjetischen Festland. So auch ich, ich sitze alleine in der Kommentatoren-Kapsel «MySports Eins» und kommentiere in rund 128 Minuten den Final um den Gagarin-Cup, fernab vom russischen Festland. Der Gedanke ist selbstverständlich (K)reine Selbstironie.

Keine Ironie ist der torarme Final, über die gesamte Finalserie fallen in fünf Spielen gerade mal 16 Tore, so wenig wie noch nie. Kasan gewinnt durch den einzigen Treffer, ausgerechnet durch den Kanadier Rob Klinkhammer, in Spiel fünf den dritten Meistertitel der Clubgeschichte. Das Spektakel ist riesig und wir senden die ganze Zeremonie samt Pokalübergabe, siehe unten auf YouTube, wohl als einziger Sender des deutschsprachigen Raumes. Es hat doch was spezielles, vermutlich war ich weltweit der einzige «deutschsprachige Gagarin», der diese Partie kommentiert hat?

Bars Kasan – ZSKA Moskau 1:0 (0:0, 0:0, 1:0)
42′ Klinkhammer (Tokranov, Lander) 1:0.

Tatneft Arena: 8890 Zuschauer
SR: Ravodin, Odins; Sadovnikov, Sivov
Str. (K): 3×2′
Str. (Z): 2×2′ plus Spieldauer (Grigorenko)

Bars Kasan: Garipov; Yarullin (6), Markov; Batyrshin, Lyamkin; Tokranov, Ohtamaa; Sidorov; Azevedo, Lander, Sekáč; Galiyev, Zaripov, Tkachyov; Burmistrov, Lukoyanov, Potapov; Glukhov, Svitov, Klinkhammer.
ZSKA: Johansson; Robinson, Kiselevich; Marchenko, Nesterov; Pashnin (2), Sergeyev; Blazhiyevsky; Telegin, Andronov, Petrov; Grigorenko (20), Popov, Kaprizov; Zharkov (2), Scott, Shalunov; Popugayev, Okulov, Svetlakov; Kuzmenko.

Jari Kurri als Scout in Biel

Mitte November 2015 ist Jokerit Helsinkis General-Manager (GM) Jari Kurri in der Schweizer National-League-A (NLA) unterwegs, begleitet wird der fünffache Stanley-Cup-Sieger von Thomas Roost (Central Scouting Europe) und Janne Vuorinen (Direktor of Player Development, Jokerit Helsinki). Seit 2013 ist Kurri bei Jokerit in der KHL als GM tätig und seine Arbeit scheint Früchte zu tragen, denn der finnische Topclub liegt in seiner zweiten KHL-Saison hinter ZSKA Moskau an zweiter Stelle der «Western Conference.»

Salminen im Fokus

Zurzeit spielen mit Niklas Hagman Jesse Joensuu, Niko Kapanen und Peter Regin vier ehemalige Schweizer-Söldner bei Jokerit. Beim Spiel zwischen dem EHC Biel und dem HC Fribourg-Gottéron wird Gottérons Finne Sakari Salminen als Kandidat für die Kontinental-Hockey-League (KHL) ins Visier genommen. Der 42-fache finnische Internationale hat bereits zwei Jahre in Russland bei Torpedo Nischni Nowgorod (ehemals Gorki) gespielt. Die beiden Vertreter aus Helsinki sehen bei Freiburgs 3:1-Sieg in der Tissot-Arena drei Skorerpunkte (1 Tor und 2 Assists) ihres finnischen Kandidaten.

Die lebende Legende Kurri, seine Rückennummer 17 wird in Edmonton, bei Jokerit und im finnischen Nationalteam nie mehr vergeben, ist der prominenteste Gast seit der Eröffnung der Tissot-Arena. Aber zum Erstaunen vieler, ist dies nicht Kurris erste Begegnung mit Biel. Im September 1990 spielte das Hall-of-Fame-Mitglied im 20 Kilometer entfernten Tramelan ein Vorbereitungsspiel gegen den EHC Biel. «Oh yes, i remember, did you play?», antwortet Kurri mit der gewohnten Höflichkeit einer NHL-Legende. Damals war ich erst 13 Jahre alt, dass Kurri mich als ehemaligen möglichen Gegenspieler bezeichnet, könnte nur noch Kurri’s langjähriger Sturmpartner Wayne Gretzky toppen.

Kurri einst gegen Biel

Ein Bieler kann sich an seinen Einsatz gegen den Ausnahmekönner erinnern. «Ich habe damals gespielt», sagt Biel-Sportchef Martin Steinegger (er verteidigte in diesem Spiel zusammen mit Beat Cattaruzza), der Kurri auf der Medientribüne die Hand schüttelt. Ein Dritter sagt, «ich erinnere mich, die Partie ging mit zu eins, gegen uns aus». Die besagte Partie in der Patinoire-des-Lovières endete mit 5:5 und Kurri hatte nur bei zwei Mailänder-Treffern den Stock im Spiel.

Kurri wechselte im Sommer 1990 als frischgebackener Stanley-Cup-Sieger nach Mailand, dieser Transfer scheint heute selbst in einem Lockout-Jahr undenkbar für ein italienisches Serie-A-Team. Durch die finanziellen Mittel von Klub-Besitzer Silvio Berlusconi kam der Transfer, auch der HC Lugano soll ein Angebot vorgelegt haben, zu den Devils Mailand, dem eishockeyspielenden pendant der Fussballer des AC Mailand zustande. Kurri soll für die Saison bei den roten Teufel rund 350‘000 US-Dollar, ein halbes Schloss als Wohnsitz plus einen Mercedes erhalten haben. Einziges Manko, Kurri musste sich das Schloss mit AC-Milan-Star Ruud Gullit teilen.

Plötzlich im russischen TV

Ein heisser Juli-Abend in Worb, im Wislepark ist der Badirummel in der frühen Abenddämmerung noch voll im Gang, ebenfalls voll im Gang in der Eisbahn nebenan ist das Warm-up, auf dem Eis stehen aber nicht etwa der EHC Mirchel, EHC Worb oder der SC Ursellen, welcher das KHL-Spiel organisiert, sondern die beiden KHL-Vertreter SKA St. Petersburg und die Kasachen von Barys Astana.

Vor den Kabinen-Containern steht der fünffache Weltmeister und zweifache Olympiasieger Alexei Kasatonow, der ehemalige Verteidigungspartner von Wjatscheslaw Fetisow ist seit zwei Jahren General-Manager beim russischen Topklub SKA St. Petersburg. Nach einem kurzen Small-Talk und einem Erinnerungsfoto wird das hauseigene TV von SKA darauf aufmerksam und will ein Interview, mit Kasatonow? Nein mit mir?

Ein Schweizer der über SKA Auskunft geben kann ist der Aufhänger der Russen. Selbstverständlich willige ich ein, mal auf der anderen Seite der Kamera zu stehen und das bei SKA-TV in Sankt Petersburg. Einst gab ich hier mein 2. Liga-Debüt, heute das russische TV-Debüt. Das idyllische Worb scheint mir aber heute besser gesinnt als vor 13 Jahren.

SKA St. Petersburg – Barys Astana 3:3 (1:0, 1:1, 1:2)
Wislepark, Worb. – SR Clément/Eichmann; Borga/Schüpbach. – Tore: 7. Korostin (Malischew, Alexandrow) 1:0. 30. Kalinin (Panarin, Ketow/Ausschluss Schailauow) 2:0. 34. Polischuk (Spiridonow /Ausschluss Rjasenski) 2:1. 54. Upper (Starschenko, Rudenko /Ausschluss Burdasow) 2:2. 57. Starschenko (Semenow, Lundin) 2:3. 60. (59:19) Schipaschow (Kalinin, Ketow) 3:3. – Strafen: Je 5-mal 2 Minuten.

Die beiden Ausnahmekönner Tony Martensson und Patrick Thoresen sind überzählig. (Krein)
Das Interview aus Worb, auf SKA-TV, ab 1:17