Der falsche Stampfli

Eigentlich sollte es eine Geschichte über «die Gallier» aus der Ajoie geben, doch der Besuch, zwei Tage vor Redaktionsschluss, im Tal der heulenden Winde lieferte ein Schmankerl, welches der hier schreibende Kolumnist festhalten musste.

Vor dem Spiel zwischen den SCL Tigers und dem EHC Biel, auf dem Weg zum Kommentatoren-Platz, kommt mir Yanick Stampfli’s Vater Thomas (Stampfli-Senior) entgegen, der Vater des Biel-Verteidigers ist auch als Assistent der Bieler U15-Elit-Mannschaft bekannt. Nach meinem «Hallo Stamme», grüsst mich der Spielervater leicht irritiert zurück, was mich kurzzeitig erstaunt, dem ich aber keine weitere Beachtung schenke.

Beachtung schenke ich einer Szene in der 40. Minute, Stampfli-Junior spielt die Scheibe in hohem Bogen über die Plexiglasscheibe und wird daraufhin für zwei Minuten in die Kühlbox geschickt. Dies entlockt mir als Kommentator, dass auch dessen Vater sich im hier Stadion befinde. In der Pause werde ich vor dem Presseraum durch Dylan Halter, einem ehemaligen Mitarbeiter des EHC Biel, abgepasst, welcher mir erklärt, dass er meinen Kommentar als WhatsApp-Nachricht seiner Freundin Michelle, der Schwester von Stampfli-Junior, erhalten habe, denn Stampfli-Senior könne unmöglich in Langnau sein.

Zur gleichen Zeit erhält Stampfli-Senior von seiner Frau einen Anruf, ob er in Langnau sei? Ein klärender Anruf Dylan Halters, bei dem der hier schreibende Kolumnist und Kommentator zuhören kann, hilft weiter. Stampfli-Senior sitzt zu diesem Zeitpunkt im U15-Mannschafts-Car, auf der Heimreise von Lausanne. Wen um Himmels Willen habe ich vor dem Spiel gegrüsst? Stampfli’s Zwillingsbruder, vermutet Halter.

Solche Geschichten kennen die Stampfli-Zwillinge, geboren am 13. Mai 1971, zu genüge, «immer wieder werden wir verwechselt», erklärt Thomas noch am Telefon. Thomas und Markus spielten einst für die Elite-Junioren (heute U20-Elit) des EHC Olten und eine gemeinsame U18-Europameisterschaft, 1989 in Kiew, ehe sich ihre Wege 1990 trennten, Goalie Thomas wechselte nach St. Moritz und Stürmer Markus zurück zum Stammclub Solothurn-Zuchwil. Kurioserweise ist ihr damaliger Headcoach aus Oltner-Zeiten, Jaroslav Tuma (SLAPSHOT Nr. 6, 1989), an diesem Abend ebenfalls in Langnau und beobachtet als Agent seinen Langnauer Klienten Jiri Felcman.

Zum Auftakt des Schlussdrittels erklärt der Kommentator und hier schreibende Kolumnist seinen Fauxpas, doch die Causa-Stampfli geht weiter. Kurz vor dem ersten O-Ton meines Interview-Partners Fabio Hofer, erblicken wir gemeinsam den «falschen Stampfli» und Hofer winkt ihm freudig zu.

Zurück in der Kabine habe Hofer von Stampfli-Senior erzählt und Yanick, ebenfalls erstaunt, habe seinen Vater – immer noch auf dem Weg von Lausanne nach Biel – telefonisch kontaktiert…

Das doppelte Saisonende

Morgen, 6 Uhr 45 in der Früh, der Wecker klingelt – ein Mammut-Programm steht bevor. Die Eishockeytasche meines Sohnes ist schon gepackt. Heute heisst die Hockey-Destination Olten. Olten, verkörpert auch meine alte Hockey-Liebe, wie haben mich doch die NLA-Zeiten der Oltner in der «Blacky-Ära» geprägt. Das Stadion Kleinholz in Olten liegt an der Sportstrasse 95, dies ist die Adresse, mit dem das Navigationsgerät gespeist wird, vor der Eingabe steht da immer noch das Ziel der letzten Destination, «Rue des Mélèzes 2, La Chaux-de-Fonds.» Eine Hockeysaison ist lange, kalt, intensiv und kräfteraubend, aber auch bereichernd, erfüllend und meine einzige Passion, welche ich seit meinem elften Lebensjahr intravenös verabreicht bekommen habe.

Von Lyssern und Oltern

Kurz nach dem Start holen wir noch einen Teamkollegen ab, dann gehts Richtung Solothurn. Um 8 Uhr 30 begrüssen wir, Headcoach Noël Gerber und ich, unsere Mannschaft. Es ist das letzte Turnier der Saison, wir appellieren an den wichtigsten Faktor unseres Hockey-Daseins, der Freude: «Geniesst das letzte Turnier, dann gibts eine lange Pause.» Die Mannschaft schlägt sich gut und der Spassfaktor steigt. Das Highlight ist ein Sieg gegen Lokalmatador EHC Olten. Mit 2:1 kämpfen wir das Heimteam in die Knie und beenden unsere Gruppe auf dem zweiten Schlussrang. Während des Turniers versende ich ein paar «Grüsse» aus dem Kleinholz an den Goalie des Fanionteams, «Simon, wir vertreten dich als Lysser im Kleinholz.» Der Lysser Simon Rytz ist am Vorabend mit dem EHC Olten gegen seinen Bruder Philippe und den SC Langenthal im Swiss-League-Halbfinal ausgeschieden. Hätten Simon und die Oltner gestern gewonnen, hätten sie am Mittag, während unseres Mittagessens, ein Training absolviert.

„Physisch und psychisch meine härteste Saison aller Zeiten.“

— Michael Krein

Während des Turnieres erspähe ich auch EHC Biel-Trainer Antti Törmänen, denn dessen Sohn steht für den EHC Biel-Spirit im Einsatz. Zu unserem Spiel um die Bronze-Medaille, trifft auch noch MySports-Kollege Andreas Hagmann ein, ein Oltner der nur fünf Minuten vom Stadion entfernt Zuhause ist. Die Eishockey-Welt ist klein und einfach wunderbar, sie ist der Puls meines Lebens und infiziert bereits die nächste Generation. Die deutsche Firma «Rookie-Playercards», gibt ihr Know-How zum besten, mit einem Zwei-Mann Fotografen-Team fertigt sie innerhalb eines halben Tages ein komplettes Fotoset sämtlicher Nachwuchs-Akteure an. Für die Kinder ein Leckerbissen, die professionellen Bilder und Karten verkaufen sich wie «warme Semmel.»

Von Olten nach Freiburg

Um 16 Uhr 30 gings wieder zurück ins Berner Seeland, dies für mich allerdings nur als Zwischenstation, denn um 18 Uhr muss ich in Freiburg sein. Meine nächste Destination heisst gleichentags «Allée du Cimetière 1, Fribourg.» Müdigkeit hat heute keinen Platz, ein solcher Tag verkörpert quasi meine übliche Tätigkeit zwischen August und März, da gibts mit Ausnahme der Festtage, kein hockeyfreies Wochenende. Es war zweifellos meine physisch und psychisch härteste Saison, mein wohl intensivster, längster und härtester Winter aller Zeiten. Mit dem letzten Piccolo-Turnier und dem letzten MySports Einsatz Vorort, wird der harte Winter gleich doppelt beendet. Was jeweils im August voller Vorfreude beginnt, endet im März mit einer grossen Genugtuung und entspannter Zufriedenheit.

Nach der Saison ist vor der Saison

Zu Ende geht auch die Ära der ehemaligen «Patinoire St. Leonard», 1982 erbaut, wird die BCF-Arena rundum saniert, die Baustelle ist rund ums Stadion bereits seit längerem im Gang. Zum letzten Mal sitze ich an diesem Abend in der kultigen und brüchigen Kommentatoren-Kombüse (Foto), etwas Wehmut macht sich breit, denn ich bin ein Traditionist, die Vergangenheit pflege ich oftmals besser als die Gegenwart. Nie vergessen werde ich mein erstes Spiel, welches ich mit meinem Vater in der ersten Saison der Bykow/Chomutow-Ära besuchen konnte, oder das Viertelfinal-Wunder Gottérons gegen den damaligen Champions-Hockey-League-Sieger ZSC Lions, im Frühling 2009. Doch nun gilt es wieder nach vorne zu schauen, die Saison mit der Weltmeisterschaft in Bratislava abzuschliessen und sich in den Sommermonaten gut zu erholen, denn bereits im August gehts wieder los, mit dem doppelten Kickoff, bei MySports und bei den Piccolos des SC Lyss.

The Truman Show

Am 17. August 2003 besuchte ich das Spiel zwischen den Sydney Bears und den Canberra Knights in der Australian-Ice-Hockey-League. Auf dem Matchblatt stand ein gewisser Andrew Truman, gesponsert von der Firma „Pacific Prospect“, bei Sydney haben alle Spieler einen privaten Geldgeber. Truman war an diesem Abend als Ersatzausländer überzählig. Anderhalb Jahre später tauchte derselbe Truman erstmals in der Schweizer Nationalliga auf.

Truman gilt als Weltenbummler, welcher sein Handwerk bei verschiedenen A-Midget-Juniorenteams im Mutterland des Eishockey erlernt hatte. Danach folgten drei Saisons in der Klasse „Junior A“, SJHL, AJHL und AWHL hiessen die weiteren Stationen. 1994 erzielte Truman für zwei Teams sagenhafte 256 Tore in nur einer Saison. Zwischen 2000 und 2002 spielte er in der South-Saskatchewan-Junior-Hockey-League (SSJHL), wo er mit den Estevan Bruins einen Meistertitel feiern konnte. 2003 erzielte Truman in 18 Spielen, 21 Punkte für die Sydney Bears in Australien. Der Abstecher nach Down Under galt als Vorbereitung für die anschliessend geplante Saison in Finnland. Bei Haukat Järvenpää, in der zweithöchsten Suomi-Liga Mestis, kam er jedoch nur zu Trainingseinsätzen.

(EHC Sursee)

„Die Truman-Show geht um die Eishockey-Welt“

— Michael Krein

Zurück zur Nationalliga. In der Saison 2004-05 kam der Kanadier zu seine Feuertaufe in der Nationalliga-B. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Olten-Söldner Albert Malgin, wurde er zunächst für drei Partien (sehr kostengünstig) verpflichtet. Doch das Gastspiel des kanadischen Stürmers war beim EHC Olten bereits nach einem Spiel wieder zu Ende. Im Training war man zwar von seinen Qualitäten überzeugt, jedoch konnte er kurzfristig keine Impulse geben, war dem EHC Olten Trainer Dario Andenmatten im „Oltner Tagblatt“ zu entnehmen. Truman stand vom 9. bis zum 18. Dezember 2004 bei den Solothurnern unter Vertrag.

Doch Truman gab schon vorher sein Debüt auf Schweizer Eis. Der Zweitliga Klub EHC Sursee verpflichtete ihn, zusammen mit seinem Bruder Lance Truman, für drei Spiele. In diesen drei 2. Liga Partien zeigte Truman alles andere als eine Truman-Show, vier Tore und zwei Assists waren zu wenig um später in der NLB eine Rolle spielen zu können. Truman ist ein Weltenbummler und wir warten gespannt auf die Fortsetzung der aussergewöhnlichen „Truman-Show“, wo wird er als nächstes anheuern?