Wenn Ambri-Piotta in Genf gastiert, dann geschieht nicht selten etwas Spezielles. Kurz vor Genfs 2:0 durch Vili Saarijärvi gingen bei den Kommentatoren die Lichter aus. Die Bildschirme aller drei Sprachregionen sind ausgefallen. Der Ausfall konnte bis Spielende nicht behoben werden, so war improvisieren angesagt. «Warum braucht ihr Kommentatoren den einen Bildschirm? Ihr könnt ja das Spiel direkt schauen und kommentieren», lautet der Tenor. Beim Unterbruch konzentrieren wir uns auf den Bildschirm, denn da läuft das Bild welches die TV-Zuschauer in der Stube empfangen. Wenn der Kommentator also nichts mehr zu einem Pfostenschuss in der Zeitlupe kommentiert oder den Zuckerpass von Jesse Puljujärvi auf Markus Granlund nicht mehr erläutert… …dann stehen wir dumm da.
Wie komme ich zum TV-Bild, möglichst so, dass der TV-Zuschauende nichts von unserem Ausfall mitkriegt? Es gibt den gleichen Kanal auf Genfs Videowürfel, jedoch wird dieser immer wieder durch eigene Einspieler und Klubwerbung unterbrochen. Links von mir sitzt Ambris Goalietrainer Pauli Jaks und dieser hat das TV-Bild auf seinem Notebook, welches weiter funktioniert. Also ist der erste Schweizer NHL-Spieler der Geschichte meine Rettung in Genf. So kommentiere ich mehr als das halbe Spiel, während den Unterbrüchen von Jaks‘ Notebook, jedoch hat dieser Stream eine leichte Verzögerung von 1-2 Sekunden. Trotzdem komme ich, mehr recht als schlecht, wie die Gäste aus der Leventina durch diese Partie.
Genf-Servette liegt im vierten Heimspiel, im zweiten Drittel, gegen Ambri-Piotta mit 2:4 zurück, eine Mannschaft, welche auf dem Papier den Titel holen kann, sich bisher aber mehr schlecht als recht präsentiert denn die 0:11-Schlappe in Lausanne warf Fragen auf. Doch genau diese zwei Gesichter machen Genf in seiner 120-jährigen Geschichte aus. «Wenn ein Ort keine Geschichte hat, interessiert er mich nicht», sagt ein kultiger Berner Mundartsänger. Und Genf, ist «die Mutter» dieser Aussage. Kein anderer Club hat so vieles durchgemacht wie der HC Genf-Servette und kein anderes Eisstadion ist so lange mit dabei wie die Patinoire-les-Vernets.
Ein Ort der interessanter nicht sein könnte. Auf dem ehemaligen Areal der schweizerischen Landesausstellung von 1896 wird die Patinoire, am 28. November 1958 eröffnet und ist zu diesem Zeitpunkt, nach dem Zürcher Hallenstadion, erst die zweite Eishalle der Schweiz. Heute ist sie als älteste Halle immer noch in Betrieb und wirkt, weitaus jünger als es der Bau des Architekturtrios Albert Cingria, François Maurice und Jean Duret erahnen lässt. Der Bereich der Presseplätze, direkt unter den massiven Stahlträgern, wurde im Lauf der Jahrzehnte verbreitert und es scheint, als ob man hier die Geschichte förmlich riechen kann.
Das Gefühl auf den Presseplätzen gleicht einem alten Theaterbalkon, ein Granatroter Teppich ebnet den Weg zum Kommentatoren Platz, welcher die alten Reporterkabinen während der Ära-Chris McSorley, die längste eines Genfer-Trainers, ersetzt hat. Unverändert sind die imposanten Stahlträger, an denen noch der Staub der vergangenen 67 Jahre zu haften scheint. Etwa von 1959, als hier erstmals zwei Profiteams, die Boston Bruins und die New York Rangers, aus der NHL in der Schweiz gastierten. Oder von 1961, von den Weltmeisterschaften, wo für Frankreich ein gewisser Alain Bozon, der Grossvater von Servettes Tim und Vater von Philippe, dessen Nummer 12 heute unter der Hallendecke hängt, auflief.
Oder von 1963, als sich die beiden Clubs, Urania-Sports und Servette zum Genève-Servette HC formierten und zwischen 1966 und 1971 fünf Vizemeister-Titel und zwei Cupsiege feiern konnten. Selbst der 27-jährige Tiefschlaf, welcher bis in die Niederungen der drittklassigen 1. Liga und fast zum finanziellen Kollaps führte, scheint in den verstaubten Stellen der Stahlträger zu hängen. Während dieser Epoche trat das Schweizer Nationalteam im Dezember 1987 gegen den «Superblock» der Sowjetunion, welche drei Monate zuvor den hochkarätigsten Final in der Geschichte des Canada-Cups bestritten hat, an.
Sogar die Rue-Hans-Wilsdorf 4, die offizielle Adresse der Patinoire, ernannt nach dem Rolex-Gründer schreibt seine eigene Geschichte. Die Geschichte des sechsten Spieltages 2025, zwischen Genf-Servette und Ambri-Piotta, wird von einem 2:4-Rückstand in einen 5:4-Sieg umgewandelt und ein Teil davon bleibt irgendwo an den Stahlträgern hängen.
Les Vernets, 1958 (Bibliothèque de Genève)Les Vernets 2025 (Krein)
Ausblick von der Medientribüne in der Vaudoise-Arena. (Krein)
Nur vier Kilometer von der Vaudoise-Arena entfernt hat der Hockey-Club La Villa aus dem Lausanner Stadtteil Ouchy 1905 in den ersten Schweizermeisterschaften Geschichte geschrieben. Bis 1910 spielten Westschweizer die Schweizermeisterschaft unter sich aus. 115 Jahre später treten die Lausanner mit der modernsten Arena des Landes in Prilly wieder als Vorreiter auf. Unter normalen Umständen hätte die Vaudoise-Arena im Frühling 2020 bereits die erste Weltmeisterschaft hinter sich, stattdessen imponiert das Eishockey-Juwel auch in der 38. Runde der National-League nur durch ihre leeren Ränge.
Kernstück des imposanten Sportzentrums, welches durch die Centre-Sportif-de-Malley (CSM) betrieben wird, ist eine Eishalle mit 10’000 Plätzen. Hinzu kommen eine Trainingshalle im zweiten Untergeschoss und eine Eisbahn im Freien. Dazu gibts ein Hallenbad mit drei Wasserbecken, darunter ein Olympiabecken, eine Sporthalle sowie diverse Räumlichkeiten. Das komplexe Stadion wird zudem nach neuestem Energiestandard betrieben, so wird beispielsweise die Abwärme der Kältemaschinen für das heizen der Schwimmbecken genutzt.
Durch Crissier und Renens
Während der Anfahrt, via Crissier und Renens läuft, es könnte nicht passender sein, ein Song von Bastien „Bastian Baker“ Kaltenbacher, der selber zwei Jahre in Lausanne bei den U20-Junioren verbracht hat oder dessen Vater Bruno zwischen 1981 und 1984 im Fanionteam Lausannes in der Nationalliga-B- und ein Jahr beim heutigen Gegner Ambri-Piotta gespielt hat. Die Anfahrtsgemeinde Renens trägt, zusammen mit Prilly und Lausanne ebenfalls zu den jährlichen Betriebskosten von rund 12 Millionen Schweizer Franken bei.
Drei Eisbahnen beherbergt die Vaudoise-Arena in Prilly. (Krein)
Die Laufwege sind trotz der grossen Arena äusserst kurz, das Treppenhaus für die Presse führt direkt zum Car-Platz der Gäste, welche durch einen Tunnel bis zum Eisfeld fahren können. Dies tut Ambri jeweils ohne seinen Trainer, denn Luca Cereda fährt immer mit dem Privatauto. In diesem Bereich, wo sich auch Ambris Spieler fürs Spiel vorbereiten, befindet sich auch ein Verbindungsstollen zwischen der Hauptarena- und der Trainingshalle, welche auch per Lift zu erreichen ist.
Vierte Spielstätte
Wenn Lausanne auf Ambri-Piotta trifft ist dies die 68. Partie im Oberhaus. Erstmals gabs diese Affiche, lange nach der Zeit des HC La Villa, am 12. Dezember 1953 auf der offenen Eisbahn Montchoisi, die Gäste siegten damals mit 14:2, später trafen die heutigen Gegner in der Patinoire de Malley und im Provisorium Malley 2.0 aufeinander. Die Vaudoise-Arena ist bereits der vierte Lausanner Spielplatz in der Geschichte dieses Duells, doch vor leeren Rängen ist es eine Premiere.
Nicht mit leerem Magen steigen die Presseleute ins Spiel, denn ein Medien-Angestellter verteilt, bereits zwei Stunden vor Spielbeginn, unter dem Hallendach auf der obersten Etage, Lunchsäckli direkt sur-place. Vor 115 Jahren galt der HC La Villa als Wegbereiter der später gegründeten nationalen Liga, heute gilt Lausannes Arena mit ihrem Service vielleicht als Wegbereiter für die künftige Medienverköstigung?
Der Auftrag ist klar, im Rahmen unserer Sendung «behind-the-bench» (auf MySports One) soll es ein Doppelinterview mit den Matte-Zwillingen, Louis (HC Genf-Servette) und René (HC Ambrì-Piotta) geben. Schon im Presseraum der Les-Vernets-Halle gebe ich meine Interview-Wünsche bekannt. Mein Tessiner Kommentatoren-Pendant fragt, wer der beiden Matte-Zwillinge denn älter sei? René ist eine Minute älter als Louis. Und Louis erklärte mir mal in Biel: «Nicht einmal unser Vater kann uns auseinanderhalten, wenn wir Einzel erscheinen.»
Genf-Louis besiegt Ambrì-René
Das Spiel ist zu Ende, René Matte und Ambrì haben gegen Louis Matte und Genf-Servette mit 1:3 verloren, Louis ist schon da und wir warten gemeinsam auf seinen Bruder René. Nun muss ich mich konzentrieren, denn René muss links im Bild stehen, dass heisst auf meiner rechten Seite, René muss rechts-, zu meiner linken Seite im Bild stehen. Die Vorgabe muss eingehalten werden, sonst sind die beiden während des Interviews falsch angeschrieben (die Untertitel in Erlenbach sind schon bereit). Zumindest die Eselsbrücke «René-rechts und Louis-links» funktioniert.
Schach-Matte
Die Matte-Zwillinge wechseln kurz vor dem Interview nach einmal die Seiten, ich konzentriere mich auf die Fragen und die Eselsbrücke, bemerke die falsche Konstellation nicht mehr rechtzeitig und starte mit dem brisanten Doppel-Interview. Die Frage an Louis geht an René und die Matte-Zwillinge haben mich kurzerhand «Schach-Matte» gesetzt – ach ja und die Eselsbrücke? Die Brücke hab ich nicht mehr gesehen, aber den Esel.
Die kalte Kultstätte Ambrìs könnte auch die kultige Kaltstätte heissen. Dies gilt auch für den bitterkalten Januar-Abend 2018 der 44. Runde gegen den EHC Biel. Das eingeschneite Leventiner-Dorf könnte auch jedes Jahr ein perfekter Austragungsort für eine Winter-Classic sein, dies gilt für die Pista la Valascia auch mit dem Dach, denn dieses tut nichts zur Sache.
Vorbereitet für eine Winter-Classic ist auch der welsche Kommentator David Pietronigro, der arme Kerl sitzt als einziger, ich und der Tessiner sitzen im warmen Kabäusschen, draussen. Draussen heisst zwar auf der Presssetribüne oberhalb der Strafbank, jedoch ausserhalb der zusammengeflickten Kommentatoren-Kombüse. So hat Pietronigro neben seinen Unterlagen einen kleinen Heizkörper mitgenommen.
Das ist Winter-Classic. Classic ist auch der Aufstieg zu den Kommentatoren-Plätzen. Zuerst gehts über eine Leiter, dann weiter über einen Holzsteg und Vorsicht, ohne den Kopf einzuziehen gehts nicht. Dies gilt auch für den abenteuerlichen Steg zu den Presseplätzen der schreibenden Medien. Zum Interview kommt Dominic Zwerger, der bei allen Treffern seinen Stock im Spiel hatte. Bis zur Interview-Wand schaffte es auch die Heizung des welschen Kommentators oder wenn der Journalist mit der Heizung zum Interview kommt, dann ist er in Ambrì.
MySports-Kommentator David Pietronigro mit seiner Privatheizung. (Krein)
Kalt ist es auch im Spieltisch-Kabäusschen der Valascia (Krein)
Am Sonntag, 25. Oktober 2015, wird Hans Kossmann beim HC Ambrì-Piotta als neuer Trainer präsentiert. Der Kanada-Schweizer unterzeichnet beim Tabellenschlusslicht einen Vertrag bis Ende der Saison 2016-17. Dass Kossmann mal in Ambrì anheuern würde, wusste der frühere Eishockey-Ausrüster «Albert Müller» schon vor 26 Jahren.
Amateur in Dübendorf
Seit 30 Jahren lebt und arbeitet Kossmann in der Schweiz. Durch seine Schweizer Wurzeln (sein Vater ist im zweiten Weltkrieg nach Kanada ausgewandert), lancierte Kossmann seine Schweizer Karriere 1985 beim HC Genf-Servette in der NLB. 1989 wechselte der Stürmer zum Erstligisten EHC Dübendorf, wo der Eishockey-Händler Albert Müller im Schlossacher 21 seinen Hauptsitz hatte.
Fotomodell bei Albert Müller
Die Dübendorfer 1. Liga-Cracks standen in dieser Zeit regelmässig als Teilzeit-Models für den Hockey-Katalog ihres Ausrüsters vor der Kamera, so auch der unbekannte Kossmann. Der 27-Jährige stand für einen CCM-Schulterschutz und diverse Trikots Modell. So ist der neue Ambrì-Trainer von 2015 bereits 1989/90 auf der Seite 92 im Ambrì Fan-Jersey abgebildet. Des weiteren präsentierte er sich im Dress des Kantonsrivalen HC Lugano, der Sowjetunion, den Toronto Maple Leafs, New York Rangers, Boston Bruins und Dynamo Riga. Was nicht ist, kann ja noch werden, zumindest bei Hans Kossmann.
Beim Blick jedenfalls wurde man derart auf diese Blog-Zeilen aufmerksam, dass man sie praktisch 1:1 abgedruckt hat, denn, wer ausser Albert Müller und mir hätte dies wissen können? Auf meine Intervention, wurde mir als Entschädigung ein dreistelliger Betrag überwiesen.
Beim SC Bern sind aktuell fünf ehemalige Protagonisten der Tampa Bay Lightning engagiert. Die Neuzugänge Cory Conacher, Trevor Smith, Sean Bergenheim und Timo Helbling, sowie der bisherige Headcoach Guy Boucher. Sie alle standen einst in der Organisation der Lightning. Die drei Stürmer Bergenheim, Conacher und Smith spielten zwischen 2010 und 2013 unter Boucher bei Tampa in der National-Hockey-League (NHL). Der Pionier unter dem Quintett ist aber Helbling, er stand bereits 2005-06 beim damaligen Stanley-Cup-Sieger unter Vertrag.
In der NHL realisierte das Berner-Quartett in 156 Spielen 70 Skorerpunkte. In der Schweiz kommen die ehemaligen «Blitze» in den ersten 15 Qualifikations-Runden auf 29 Zähler. Am 20. Oktober 2015 gastiert der Tabellenzehnte HC Ambrì-Piotta in der PostFinance Arena. Nach 40 Minuten führen die Leventiner mit 3:1 und Bouchers Trainerstuhl gerät, gezeichnet durch die jüngsten Berner Auftritte und die nordamerikanische Gerüchteküche, ins Wanken. Doch die Blitze am Berner Eishockeyhimmel scheinen die Notsignale ihres ehemaligen NHL-Coaches noch rechtzeitig zu erhören.
Sechs Skorerpunkte der Lightning-Connection
Im letzten Drittel schlagen die «SCB-Blitze» gleich fünfmal in Ambrìs Gehäuse ein und der SCB gewinnt in einem spektakulären Eishockeyabend mit 6:3. Bouchers Lightning-Connection steuert bei der grossen Tampa-Show sechs Skorerpunkte (Helbling 3, Conacher 2, Smith 1) bei und verschafft ihrem ehemaligen NHL-Trainer Luft nach oben. «Thinking to the gameplan under pressure, thats mental toughness», nennt Boucher als Schlüssel zum siegreichen Abend. Anders als die «Bern Lightning» präsentiert sich das Fanionteam in der NHL. Tampa Bay verliert am selben Abend gegen Roman Josi und die Nashville Predators mit 4:5 nach Penaltyschiessen, ob Jon Coopers Gameplan nicht konsequent umgesetzt wurde?
Stellen Sie sich vor sie gehen am obenstehenden Bild vorbei und erwidern die historische Zeichnung, was tun Sie? Der uninteressierte 08/15-Fan geht weiter ohne das Foto genauer zu betrachten, der etwas ältere Ambrì-Tifosi oder der Eishockey-Historiker wird sich möglicherweise an die drei Spieler erinnern- und deren Namen aus seinem Langzeit-Gedächtnis ausgraben können. Versuchen Sie es gleich selber, bestenfalls werden Sie zwei Namen nennen, denn nicht einmal die Ambrì-Spieler wissen welche ihrer Vorgänger ihren Mannschafts-Car verzieren.
Der erste NHL-Superstar in Europa
Das Luzerner Carunternehmen Gössi aus Horw fährt den HC Ambrì-Piotta jeweils an die Auswärtsspiele. Das Legendentrio ist auf der Rückseite des Cars und lässt einem in längst vergangene Leventiner Zeiten abschweifen. Alle drei Spieler haben in der Valascia Kultstatus erlangt. Links ist Andy Bathgate, der erste grosse NHL-Superstar, der sich in Europa niedergelassen hat. Bathgate bestritt über 1’000 Partien in der NHL und seine Rückennummer 9 hängt unter der Hallendecke des Madison-Square-Gardens. 1971 kam der Kanadier direkt aus Pittsburgh in die Leventina, mit diesem Transfer schaffte es der Tessiner Dorfclub sogar in die «New York Times». Bathgate blieb drei Jahre im Tessin.
Der erste Number-One-Draftpick
Rechts ist das unverkennbare Porträt von Dale McCourt. McCourt wurde 1977 als Nummer 1 von den Detroit Red Wings gedrafted und war 1984 der erste «NHL-Number-One-Draftpick» in der Schweiz (Nationalliga B). Für die Detroit Red Wings, Buffalo Sabres und Toronto Maple Leafs bestritt der Kanadier über 500 Spiele. Zwischen 1984 und 1992 schoss sich der Mann mit indianischen Wurzeln für die Biancoblu in die Unsterblichkeit, sein Trikot mit der Nummer 15 wird in Ambrì nicht mehr vergeben und hängt unter der Hallendecke der Valascia.
Der Mythos um die unbekannte Ambrì-Legende
Doch wer ist der unbekannte Mann in der Mitte? Seine Darstellung im Mittelpunkt von Bathgate und McCourt lässt darauf schliessen, dass es sich hierbei um die grösste Legende handeln muss. Er trägt das älteste bekannte Ambrì-Trikot und braune Lederhandschuhe. Geschichtlich betrachtet ist es Einer aus der ältesten Epoche des Kultvereins. Ein Foto vom Januar 1939 in Origlio zeigt die Mannschaft des HCAP im selben Trikot. Ist es etwa einer aus dem Celio-Clan? Bixio, Cipriano oder Numa? Auch Ambrìs Presseverantwortlicher und sämtliche anwesende Tessiner Journalisten können den Spieler vorerst nicht identifizieren – der Mythos und das Interesse um den Unbekannten steigt. Wer ist der Mann?
Die drei Legenden auf Ambrì-Piotta’s Mannschafts-Car von Gössi verpassen kein Auswärtsspiel. (Krein)
Infiziert durch meine Neugierde wird auch Raffaela Agustoni, freischaffende Journalistin, hellhörig und geht ebenfalls auf die Suche nach der unbekannten Legende. Um die sagenhafte Geschichte noch zu steigern, drohe ich den Leventinern mit Ambrìs Gang in die Ligaqualifikation, falls der Name der Ambrì-Legende bis zum Ende der «best-of-seven» Serie gegen die SC Rapperswil-Jona Lakers nicht bekannt sein wird. Per Whatsapp bleibe ich auch nach dem zweiten Play-Out-Finalspiel zwischen Rapperswil-Jona und Ambrì (3:2) mit Signora Agustoni in Kontakt. Die Tessinerin macht sich während des dritten Spiels in der Valascia auf die Suche, Derek Holmes oder Nani Zamberlani kursieren als mögliche Legenden – trotz des zweiten Ambrì-Sieges (4:3nP), bleibt die Legende aber weiterhin nicht bestätigt.
„Der erste Ausländer und Spielertrainer in der Geschichte des HC Ambrì-Piotta.“
— über Bob Kelly
Spiel vier in Rapperswil, wieder betrachte ich das Legenden-Trio auf Gössis Car und frage den Car-Chauffeur Roberto Zilio. Wie erwartet ist auch ihm der mittlere Spieler unbekannt, doch weiss er, dass es sich um ein Kalenderbild aus der vergangenen Saison handelt. Auf der hcap-Homepage findet Zilio unter «Saldi» den «Serigrafia Vintage» mit dem Bild der gesuchten Legenden. Der letzte Mosaikstein scheint in Griffnähe, denn die Namen der drei sind unter dem Porträt publiziert, die Bildauflösung ist aber zu schlecht um die Buchstaben entziffern zu können.
Nach längerer Betrachtung scheint die Morgenröte der Leventina durch die Buchstaben durchzusickern, Bob Kelly? Es muss Bob Kelly sein. Kelly ging 1953 als erster Ausländer und Spielertrainer in die Geschichte des HC Ambrì-Piotta ein. In fünf Jahren realisierte der Kanadier in 70 Spielen, 126 Tore für die Leventiner. Kelly spielte auch noch für die britischen Spitzenclubs Paisley Pirates, Brighton Tigers und Wembley Lions. Kelly starb 2012 im Alter von 83 Jahren. Und der HC Ambrì-Piotta 2015? Wie von Geisterhand zauberten sich die Tessiner im vierten Play-Out-Spiel durch die Rapperswiler Abwehr, nach 15 Minuten lagen die Leventiner durch Tore von Keith Aucoin, Inti Pestoni und Christian Stucki bereits mit 3:0 in Führung. Meine Drohung scheint sich zu bewahrheiten, die Legende ist bekannt und Ambrì realisierte problemlos den dritten Sieg und liegt damit nur noch einen Schritt vom Ligaerhalt entfernt – vielleicht war es auch der Geist Bob Kellys welcher seine Nachkommen übers Eis fliegen liess…
Tino Celio, damals ETH-Student an der Universität Zürich, hatte im Winter 1953 den Auftrag, den ersten Ausländer der Klubgeschichte am Zürcher Hauptbahnhof abzuholen und über den Gotthard in die Leventina zu bringen. Bob Kelly kam direkt aus Schottland, wo er für die Paisley Pirates in 55 Spielen, 88 Skorerpunkte erzielt-, aber die Playoffs verpasst hat. Für einen Wochenlohn von 400 Franken, schoss Kelly am 29. November 1953, bei der 4:6-Niederlage gegen die Grasshoppers, den ersten NLA-Treffer der Leventiner.
Im Sopraceneri, also oberhalb des Monte-Ceneri ist Ambrì überall, über den Nufenen begegnet man dem HC Ambri-Piotta bereits auf dem Weg zur Passhöhe, später im Val Bedretto. Aber auch tief im Süden, beispielsweise im Vallemaggia in Avegno. Im urchigen aber typischen Tessiner „Antico Grotto Mai Morire“ begegnet man einem bemerkenswerten Autogramm einer ehemaligen Ambrì-Legende.
Im schmucken Grotto ist schon eine grosse Eishockey-Legende abgestiegen. Kaum einer mag dies erahnen, wenn er seine „Polenta e brasato“ oder sein „Bistecca di manzo“, unter Begleitung von Tessiner Folklore-Musik, genüsslich verzehrt. Beim Gang zur Toilette und einem Blick ins innere des Grottos wird Ambrì wieder allgegenwärtig. Waleri Kamensky war am 21. August 2009, letztmals hier zu Besuch.
Der HC Ambrì-Piotta im Antico Grotto Mai Morire in Avegno. (Krein)
Eine Autogrammkarte der New York Rangers und eine Widmung für „Lalo und Monica“, unterstreicht die Wirkungskraft der Leventiner. Weltstar Kamensky spielte während des Lockouts 1994-95 zwölf Partien für die Biancoblù. Sein Sohn Viktor spielte zwischen 2009 und 2011 für den GDT Bellinzona und den HC Locarno Dogs, dies erklärt Waleris Besuch vor drei Jahren.
Kamenskys Autogramm der New York Rangers im Grotto in Avegno. (Krein)
Die Wirkungskraft ist sogar so gross, dass auch wir uns nach einem heissen Sommer-Tag in der Badi Locarno, einen Abstecher nach Biasca (Foto oben) leisten. Der HC Ambrì-Piotta empfängt zum Saisonauftakt das ukrainische Team von Berkut Kiew (2:1).
Die neuste Ausgabe der Leventiner empfängt in Biasca die Ukrainer von Berkut Kiew. (Krein)
21. August 2012
Ambri-Piotta – HK Berkut Kiew 2:1 (0:1, 2:0, 0:0) Pista-Ghiacco, Biasca. – 1’600 Zuschauer. – SR Kurmann, Ambrosetti /Espinoza. – Tore: 5. Klimentjew (Dewetschka /Ausschluss Sidler) 0:1. 21. Botta (Noreau /Ausschlüsse Gnidenko, Isajenko) 1:1. 32. Pestoni (Kutlak, Trunz /Ausschluss Jakimowitsch) 2:1. – Strafen: Ambri-Piotta 7-mal 2 plus 5 Minuten plus Spieldauer (Stucki), Berkut Kiew 6-mal 2 plus 3-mal 5 Minuten (Gnidenko, Isajenko und Klimentjew) plus Spieldauer. – Bemerkungen: Ambri-Piotta ohne Müller (verletzt), Park (noch nicht eingetroffen), Williams (Kanada), Duca, Raffainer, Kobach und Donati (alle überzählig). Ambri-Piotta: Croce; Dotti, Noreau; Kutlak, Trunz; Casserini, Schulthess; Sidler, Bonnet; Stucki, Weber, Pedretti; Reichert, Mieville, Pestoni; Elias Bianchi, Schlagenhauf, Grassi; Lakhmatov, Mattia Bianchi, Botta.
Die erste Station der neuen Meisterschaft heisst Biel, dies ist allerdings bereits meine sechste Partie. Wie viele Male ich wohl schon hier war? Als passiver Tribünengast, als aktiver Tribünengast oder als aktiver Spieler? Ich habe keine Ahnung, könnte es aber zurück bis 1989 eruieren. Vielleicht tuh ich das in einer schwachen Minute.
Auf der Pressetribüne unterhalte ich mich mit Biels Pressechef über das neue Lausanne-Trikot, Rögle BK Ängelholm, Dukla Jihlava und das aktuelle Spiel. Der Gegner heisst HC Ambri-Piotta, die Gäste haben ihre Farben gewechselt und spielen neu wieder in blauen statt roten Hosen.
Die Idee für meine Geschichte, ich habe etwas mehr als 1’100 Zeichen zur Verfügung, entspringt mir regelrecht auf dem Gang zur Toilette. Übrigens, in jedem Stadion gibts einen WC-Geheimtipp – auf welcher Toilette verliere ich während der Drittelspause am wenigstens Wartezeit?
Der Saisonstart ist nicht nur für den Bieler-Stadion-Speaker etwas holprig, sondern für zahlreiche weitere Protagonisten, dazu gehören auch meine 1’100 Zeichen, ein wahres Geknorze…