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Der Patron von Court

Foto: Eine eigene Hall-of-Fame im Dachstock, Monsieur Charpié (hinten) durchstöbert seine faszinierende Welt des Eishockeys. (Michael Krein)

Die Fahrt durchs Vallée-du-Tavannes führt im östlichen Teil ins verschlafene Dörfchen Court. Das ehemalige Strassenzeilendorf liegt im Berner Jura, hier scheint die Zeit noch stehengeblieben, es ist als würde man zurück in die 80er Jahre versetzt. Treffpunkt ist die Rôtisserie La Calèche, zwischen der Hauptstrasse und der Bahnlinie. Im schmucken, typisch welschen Landgasthof sticht ein Service-Tablar mit dem Mannschaftsfoto des EHC Biel ins Auge. Der ehemalige EHCB-Spieler Francis Lardon führt das Restaurant, Lardon gehörte 1978 zum ersten Bieler Meisterteam.

Den Chef des Hauses sehen wir nicht, denn dies ist auch nur die Zwischenstation auf dem Weg zum Haus von Monsieur Charpié. Der 67-Jährige lebt seit Jahren in seinem eigenen Eishockey-Museum in Court. Auf der Fahrt zu Monsieur Charpié erblicken wir, nach dem überqueren der Birs, den Wegweiser zur Patinoire de Court, die offene Eisbahn auf einer ehemaligen Kuhweide liegt nur 800 Meter von Charpiés Haus entfernt.

ACBB Paris und Wembley Lions

Der Patron, im Team-Kanada-Pullover, öffnet seine Türe wie die Tore zu einem geheimen Nummerndepot einer Schweizer Bank. Bereits der erste Blick bringt uns zurück in die 50er Jahre, das Trikot vom Athletic-Club-de-Boulogne-Billancourt (ACBB) Paris hängt am Treppengeländer, welches zu Charpiés persönlicher Hall-of-Fame in den Dachstock führt. «Das ist das Original-Trikot von Jean Ayer», sagt der passionierte Hockeysammler. Er habe noch mehr von Ayer, unter anderem sämtliche Matchprogramme aus seiner Zeit bei den Wembley Lions in London.

„Du wirst schlichtweg erschlagen

Michael Krein

Schon nur diese Aussage, lässt uns zumindest im Ansatz erahnen, was sich noch alles in seinem Archiv verbergen könnte. Dann betreten wir das Reich Charpiés, es erinnert an den Bieler Spielzeugladen Schöni an der Kanalgasse 37, hier gibt es alles – alles – vom Trikot des EHC Nidau, über sämtliche Trikots des HC Villars und CP Court, bis zu einer Jacke der Montreal Canadiens 1952 von Doug Harvey, die Lizenzen der Croci-Torti’s (Guy, Jean-Luc und Yves), Presseordner des EHC Olten oder sämtliche Chroniken vom Lausanne HC bis zum HC Le Fuet Bellelay.

Emotionale Erschöpfung

Nach ca. 90 Minuten schleicht sich im Denkzentrum eine psychische Übermüdung ein, man ist nicht mehr in der Lage neue Informationen und Eindrücke einzuordnen. Selbst der hartgesottenste Hockey-Romantiker erreicht hier mit der emotionalen Erschöpfung die erste Stufe eines Burnouts. Allerdings lässt sich das Burnout nicht auf negative-, sondern auf den massiven Überfluss positiver Eindrücke zurückführen. Du wirst schlichtweg erschlagen. Und Monsieur Charpié? Der Patron stöbert, räuspert, erzählt und präsentiert einen Leckerbissen nach dem andern.

Hat er selber noch den Überblick? Weiss er wo er was verstaut hat? Woher hat er nur all diese Zeitzeugen? Und was sagt Madame Charpié? Diese Fragen gehen einem zusätzlich durch den Kopf. Es ist pure Eishockey-Romantik, in diesem Archiv scheint die Zeit noch langsamer zu laufen, als dies im Dörfchen Court der Fall zu sein scheint – und das ist gut so. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt mit einem gutmütigen Patron, der hier einen wichtigen, längst verloren gegangenen Teil des Schweizer Eishockeys in welscher Manier, aber mit grösster Sorgfalt beherbergt.

Besuch vom 12. November 2016 – Chris Habegger, Beat Kurt und Michael Krein

2’600 Fans beim 2. Liga-Final

2'614 Zuschauer in der 2. Liga, davon träumen sogar einige NLB-Teams. (Foto: HC Sierre)

2’614 Zuschauer in der 2. Liga, davon träumen sogar einige Teams in der NLB. (Foto: HC Sierre)

Tatort Playoff-Final in der 2. Liga, Gruppe 6, Westschweiz, Spiel 4 zwischen dem HC Sierre und dem Villars HC, 2’614 Zuschauer! Eine 2. Liga-Partie mit mehr als 2’600 Zuschauern? Kaum zu glauben. Mit den beiden Traditionsklubs Villars und Sierre messen sich zwei ehemals Grosse des Schweizer Eishockeys in dieser Finalserie. Immerhin gehörte Villars zu den acht Gründungsmitgliedern der Schweizerischen Eishockeyliga (die anderen sieben waren ebenfalls Romands) und wurde in den 60ern sogar zwei Mal Schweizermeister.

Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Während der Villars HC immer noch in der von Madame Potin gesponserten Halle spielt und eigentlich zum Inventar der 1. Liga Westschweizer Gruppe gehört, hat sich Sierre nach dem Zwangs-Abstieg 2013 (notabene unter Trainer Morgan Samuelsson) aus der NLB direkt in der 3. Liga wiedergefunden.

Die Helden um die Gebrüder Croci-Torti und Boucher

Die Villardous (wie sie daheim genannt werden) hatten in der letzten Saison das Pech, die Playoffs in der 1. Liga um einen einzigen Punkt zu verpassen. Vor der Relegationsrunde wurde der Trainervertrag mit dem langjährigen Villars-Crack Gaëtan Boucher verlängert. Doch es kam anders als geplant. Niederlagen gegen Vallée de Joux (mit Coach Beat Kindler) und Yverdon besiegelten den Abstieg der Renards. Das alles hat Boucher an der Bande gar nicht mehr miterlebt. Zunächst wurde er krank gemeldet, anschliessend entlassen.

Das welsche Eishockey-Märchen von einst, erlebt in der 2. Liga eine Renaissance…

Der Abstieg war in Villars-sur-Ollon, wie die Station in den Waadtländer Alpen korrekt heisst, ein Drama. Trotzdem haben sich einige der routinierten Spieler auch für die 2. Liga zur Verfügung gestellt: Sémir Dufresne (Captain und Topscorer), Thierry Marro (der Patrick Kane des armen Mannes, würde Michael Krein in Anlehnung an einen berühmten Chronisten sagen), Nicolas Bernasconi (Ex-Martigny), Yves Jelovac (Bruder des EHC Biel Verteidigers) oder Vincent Ermacora (Ex-Gottéron). Präsident Philippe Bonzon (einst Teil der Meistermannschaft in den 60ern und nicht zu verwechseln mit dem französischen Nationalspieler und ex-Servettien Philippe Bozon!) holte junge Spieler, die in Villars ausgebildet wurden, zurück ins Team. Unterstützung erhalten die Renards auch von Lausanne-Hexer Cristobal Huet, der mit seiner Familie in Villars wohnhaft ist. Seine beiden Söhne spielen für die Nachwuchsteams des VHC und oft ist der französische Nationalgoalie in den Trainings der Youngsters engagiert.

Einst Aldo Zenhäusern und Didier Massy, heute Jan Zenhäusern und Johan Massy

Die Sierrois (oder Siderser) haben im März 2013 die Bilanz deponiert und mussten in der 3. Liga einen Neustart als HC Sierre wagen. Dort hielten sie sich nicht lange auf und sind direkt in die 2. Liga aufgestiegen (23 Siege in 23 Spielen). Das deponieren der Bilanz war auch für die stolzen Walliser ein Drama. Die altehrwürdige Patinoire-de-Graben ist dem Schreibenden noch bestens aus Duellen mit dem EHC Biel Mitte der 90er Jahre bekannt. Seither hat sich im Graben nicht viel geändert. Die mehrheitlich aus Stehplätzen bestehende Tribüne ist immer noch aus Holz – die Ambiance dafür einmalig. Hier wie dort wurde rund um altgediente Spieler junges Personal eingebaut. Der Erfolg hat sich rasch eingestellt. Und Sierre kämpft bereits wieder um den Aufstieg in die höchste Amateurklasse!

Zwischenstand in der Finalserie: 2:2

Am Sonntag um 20 Uhr wird es in der Patinoire-de-Villars nochmals heiss zu und her gehen. Die beiden Teams treffen sich zum alles entscheidenden fünften Finalspiel. Die Kapazitäten der Halle in Villars liegen zwar deutlich tiefer als in Sierre – aber mehr als 1’000 Zuschauer werden auch am Sonntag wieder ihre Teams anfeuern. Der Sieger wird sich in einer weiteren best-of-five Serie mit dem HC Star La Chaux-de-Fonds um den Romand-Titel in der 2. Liga messen. Eigentlich würde es sich lohnen, dabei zu sein…

Sierres Michaël Pont im Zweikampf mit Villars' xxx. (Foto: HC Sierre).

Am Sonntag kommt’s in Villars zum 2. Liga-Showdown zwischen Michaël Pont (links) und Mathieu Kohli. (Foto: HC Sierre).