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Schlagwort-Archiv Mark Streit

Streit und Plüss, die 77er Dauerbrenner

Martin Plüss (links) und Mark Streit spielen wie eine gute Flasche wein, "wie älter desto besser." (Foto: EPA)

Martin Plüss (links) und Mark Streit spielen wie eine gute Flasche Wein, wie älter desto besser. (Foto: EPA)

Um mit den Topnationen mithalten zu können, brauche die Schweiz mehr Spieler vom Format eines Mark Streit oder Martin Plüss. Diese Aussage hat Reijo Ruotsalainen an der Eishockey Weltmeisterschaft 2009 in Bern gemacht. Der Weltklasse-Verteidiger weiss wovon er spricht, der finnische Internationale hat mit dem SC Bern zwischen 1988 und 1992 drei Meistertitel geholt. Nach einer kurzen Rückkehr für 18 Spiele beim damaligen Zürcher SC beendete der hervorragende Schlittschuhläufer 1996 seine Schweizer Karriere. In der National-Hockey-League (NHL) bestritt der in Oulu geborene Finne zwischen 1981 und 1990, 532 Spiele (84 Tore, 75 Assists) für die New York Rangers, Edmonton Oilers und die New Jersey Devils. 1987 und 1990 gewann er mit den Oilers den Stanley-Cup, 1986 spielte er nach Jari Kurri als zweiter Finne an einem NHL All-Star-Game.

Im gleichen Jahr als Ruotsalainen 1977 als 17-Jähriger in der SM-liiga debütierte, erblickten die beiden von Ruotsalainen gelobten Schweizer Martin Plüss (5. April) und Mark Streit (11. Dezember) das Licht der Welt. Plüss und Streit gehören heute zu den weltbesten Spieler ihres Jahrgangs. Doch dies war nicht immer so.

Als Nachwuchsspieler nie erste Wahl

Ab 1995 wurde in der Schweiz ein inoffizielles Ranking mit den besten Nachwuchsspielern des Landes geführt. Plüss wurde damals noch nicht einmal unter den Top 21 Stürmer berücksichtigt. Ein Jahr später lag der Dielsdorfer immerhin auf Rang 14. Mark Streit wurde 1995 als 9. und 1996 als 7. Verteidiger, hinter Spielern wie Jerry Zuurmond oder Daniel Aegerter geführt.

An der U20 Weltmeisterschaft 1996 in Boston gehörten die beiden zwar zum berühmten Juniorenteam welches erstmals mit den ganz grossen (1:2 gegen Kanada) mitspielen konnte, die beiden waren (Jahrgänge 1976 und jünger) aber erst Ergänzungsspieler. Streit schoss in fünf Partien ein Tor, Plüss blieb blieb in sechs Spielen punktelos. Punktbester Schweizer mit Jahrgang 1977 war Grasshoppers-Stürmer André Baumann. Baumann beendete seine Karriere 1999 in der NLB bei Lausanne.

1997 erstmals im Rampenlicht

Ein Jahr später an der Junioren Heim-WM 1997 in Genf und Morges erreichten die beiden mit dem 7. Platz das bis damals beste Ergebnis einer Schweizer U20-Nationalmannschaft. Plüss lag hinter dem um zwei Jahre jüngeren damaligen Supertalent Michel Riesen schon an zweiter Stelle der internen Skorerliste. Streit schoss das erste Tor für die Schweiz beim wichtigen 1:1 gegen Tschechien und spielte sich als erst zweiter Schweizer, nach Pauli Jaks 1991, in ein U20 WM All-Star-Team.

Den Titel holten sich die Kanadier. Unter Headcoach Mike Babcock standen unter anderem Christian Dubé, Daniel Brière und der erst 18-jährige Joe Thornton im Weltmeisterteam von Genf. Im 22-Mann Kader des Weltmeisters standen 17 Spieler mit Jahrgang 1977, davon spielten 14 später in der NHL. Heute noch aktiv in der besten Liga der Welt ist aber nur noch, mehr schlecht als recht, Daniel Brière (Colorado Avalanche). Der zweite heute noch aktive Weltmeister ist Kanadas Junior des Jahres 1996, Christian Dubé (Fribourg-Gottéron). Die beiden Jahrhundert-Talente der 90er Jahre stehen heute in ihren Ligen nur noch im Schatten ihrer Altersgenossen Streit und Plüss.

Nur noch neun Spieler mit Jahrgang 1977 spielen in der NHL, in der Schweiz sind es nur noch fünf

In der NHL sind heute (Stand März 2015) nur noch neun Spieler mit Jahrgang 1977 unter Vertrag. Die Verteidiger Zdeno Chara (Boston), Willie Mitchell (Florida), Stéphane Robidas (Toronto), Marek Zidlicky (New Jersey) und Mark Streit, sowie die Stürmer Kevyn Adams (Pittsburgh), Daniel Brière, Jarome Iginla (beide Colorado) und Shawn Thornton (Florida). Ausser vielleicht Jarome Iginla und Zdeno Chara hat heute keiner nur annähernd eine so tragende Rolle wie Streit in Philadelphia. Dasselbe gilt für Martin Plüss in der Schweiz. Auch da ist die einzige Ausnahme ZSC-Lions-Captain Mathias Seger. Die weiteren 77er Dubé (wird er Sportchef in Fribourg?), Joël Kwiatkowski und Byron Ritchie haben ihren Zenit längst überschritten.

Dauerbrenner Streit und Plüss

SCB-Captain Plüss spielt mit 37 Jahren vielleicht so gut wie nie zuvor und erreicht seine zweithöchste Punktzahl (45 Punkte) in der Skorerwertung seiner ganzen NLA-Karriere. Nur 2001 war er noch besser (Nicht berücksichtigt sind die 50 Punkte aus der Saison 2006/07 in der schwedischen Elitserien bei Frölunda Göteborg). Der SCB-Teilzeit Captain und Topskorer ist auf und neben dem Eis immer noch der absolute Leader und wurde, nach 2001 und 2013, zum dritten Mal in seiner Karriere zum wertvollsten Spieler (MVP) der NLA gewählt.

Philadelphia-Assistenz-Captain Streit steht mit 37 Jahren unter den Top-12 aller NHL-Verteidigern und liegt aktuell nur drei Zähler hinter seinem Altersgenossen und Mittelstürmer Iginla in der Gesamt-Skorerwertung. Aktuell ist Streit statistisch der weltbeste Verteidiger in seinem Jahrgang und er gehört auf und neben den Eis zu den Führungspersönlichkeiten des Teams von Headcoach Craig Berube. Selbst die NHL-Werte Ruotsalainens hat Streit, mit Ausnahme des Stanley-Cup-Gewinns, längst geknackt – und aktiv ist er mindestens noch bis 2017 und steht dann in seinem 40. Lebensjahr.

Mark Streit schoss schon über 40 Powerplay-Tore in der NHL. (Foto: NZZ)

Mark Streit ist statistisch mit Abstand der weltbeste noch aktive Verteidiger seines Jahrgangs. (Foto: NZZ)

Weitere 77er Jahrgänge in obersten Spielklassen
Jiri Burger (HC Vitkovice)
Ilya Gorokhov (Lokomotiv Yaroslavl)
Jochen Hecht (Adler Mannheim)
David Hruska (HC Karlovy Vary)

Petr Kadlec (HC Plzen)
Tomi Kallio (Växjö Lakers)
Alexei Kalyuzhny (Dinamo Minsk)
Ondrej Kratena (HC Plzen)
Ville Nieminen (Lukko Rauma)
Marcus Nilson (Djurgardens IF Stockholm)
Esa Pirnes (Kärpät Oulu)
Ales Pisa (HC Pardubice)
Jaroslav Roubik (HC Pardubice)
Radovan Somik (HC Pardubice)
Alexei Vasilyev (Lokomotiv Yaroslavl)
Lukas Zib (HC Vitkovice)

 

Müller und Andrighetto, die aktuellsten Schweizer NHL-Torschützen

Mirco Müller feiert seinen ersten NHL-Treffer, gefolgt von Passagier Matt Nieto. (Foto: sharks.nhl.com)

Mirco Müller feiert seinen ersten NHL-Treffer, gefolgt von Passgeber Matt Nieto (Nr. 83). (sharks.nhl.com)

Mirco Müller gelingt am 30. Oktober 2014 sein erstes Tor in der National-Hockey-League. Nach 16 Minuten und 6 Sekunden trifft der Verteidiger bei der 3:4-Niederlage gegen Minnesota Wild (mit Nino Niederreiter) zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung der Sharks.

Der erst 19-jährige Winterthurer bringt den Puck nach der Vorarbeit von Matt Nieto und James Sheppard seitlich vors Tor, wo ihn Minnesotas Stürmer Zach Parise unhaltbar für seinen eigenen Torhüter Darcy Kuemper ablenkt. Für Müller ist es der dritte Skorerpunkt im neunten NHL-Spiel.

Mit diesem Treffer ist Mirco Müller erst der zwölfte NHL-Torschütze der Schweiz. Unter den Schweizer Verteidigern ist er nach Mark Streit, Yannick Weber, Luca Sbisa, Raphael Diaz und Roman Josi der sechste Torschütze.

14 Jahre nach Reto von Arx‘ Meilenstein in Columbus, ist Verteidiger Mirco Müller der zwölfte- und Stürmer Sven Andrighetto der dreizehnte NHL-Torschütze der Schweiz.

Rund einen Monat nach Müller reiht sich der nächste Schweizer in die NHL-Torschützenliste ein. Sven Andrighetto erzielt bei seinem Debüt am 6. Dezember 2014 bereits sein erstes NHL-Tor. Dabei bezwingt der NHL-Draft von 2013 Dallas-Hüter Kari Lehtonen.

Sechs Tage- und zwei Spiele später trifft der Zürcher erneut, beim 6:2-Sieg gegen den aktuellen Stanley-Cup-Sieger Los Angeles Kings erzielt der 21-jährige Dübendorfer den Treffer zum 5:2 gegen Kings-Goalie Martin Jones.

Alle 13 Schweizer Torschützen

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Reto von Arx (Chicago Blackhawks), trifft in seinem zweiten NHL-Spiel gleich zwei Mal. Beim Eröffnungsspiel der Columbus Blue Jackets am 7. Oktober 2000 geht der Langnauer als erster Schweizer NHL-Torschütze (gegen Ron Tugnutt)  in die Geschichte ein. Total 19 Spiele, 3 Tore

Mark Streit (Montreal Canadiens, New York Islanders, Philadelphia Flyers), erst sechs Jahre nach Reto von Arx geht der Verteidiger als zweiter Torschütze in die Geschichte ein. Beim 4:1-Sieg gegen die San Jose Sharks am 14. Januar 2006, bezwingt er Evgeny Nabokov im Powerplay auf Zuspiel von Andrei Markov und Alexei Kovalev (ex-Visp). Total 627 Spiele, 83 Tore.

Patrick Fischer (Phoenix Coyotes), trifft als zweiter Stürmer am 28. Oktober 2006 in Phoenix gegen die New York Rangers zum 2:6 Zwischenstand. Im Tor steht kein geringerer als «King» Henrik Lundqvist. Total 27 Spiele, 4 Tore.

Yannick Weber (Montreal Canadiens, Vancouver Canucks), erzielt – auf Zuspiel von Glen Metropolit – am 20. April 2009 gegen Tim Thomas das Tor zum 2:2-Zwischenstand gegen die Boston Bruins. Total 195 Spiele, 15 Tore.

Nino Niederreiter (New York Islanders, Minnesota Wild), geht am 13. Oktober 2010 als jüngster Islanders-Torschütze aller Zeiten in die Geschichte ein. Auf Zuspiel von Doug Weight und Michael Grabner bezwingt der Churer Michal Neuvirth im Tor der Capitals. Total 186 Spiele, 32 Tore.

Luca Sbisa (Philadelphia Flyers, Anaheim Ducks, Vancouver Canucks), bezwingt am 28. Dezember 2010 Phoenix-Hüter Ilya Bryzgalov zum 1:0. Beim 3:1 von Anaheim ist auch Jonas Hiller mit dabei. Total 305 Spiele, 11 Tore.

Raphael Diaz (Montreal Canadiens, Vancouver Canucks, New York Rangers, Calgary Flames), schiesst am 18. Oktober 2011 die Montreal Canadiens gegen Buffalo mit 1:0 in Front. Nach dem Spiel wird der Zuger zum «Third-Star» des Spiels ausgezeichnet. Total 166 Spiele, 6 Tore.

Roman Josi (Nashville Predators), trifft am 10. Dezember 2011 gegen Anaheim (mit Luca Sbisa) im Powerplay zum 2:1. Shea Weber und Martin Erat geben die Assists beim 3:2-Sieg gegen die Ducks. Total 211 Spiele, 26 Tore.

Sven Bärtschi (Calgary Flames), erzielt gleich drei Tore in den ersten vier Spielen. Das erste am 12. März 2012 in St. Paul gegen die Minnesota Wild auf Zuspiel von Derek Smith (heute ZSC Lions) und Tom Kostopoulos. Total 65 Spiele, 8 Tore.

Damien Brunner (Detroit Red Wings, New Jersey Devils), ist am 22. Januar 2013 der zehnte Schweizer NHL-Torschütze. Auf Zuspiel von Pavel Datsyuk und Henrik Zetterberg (mit Brunner in Zug) erzielt er den Ehrentreffer Detroits bei der 1:2-Niederlage gegen Dallas. Total 135 Spiele, 30 Tore.

Simon Moser (Nashville Predators), trifft am 1. März 2014 gegen Winnipegs Ondrej Pavelec zum 1:3 gegen die Jets. Moser wird als „third Star“ ausgezeichnet. Total 6 Spiele, 1 Tor.

Mirco Müller (San Jose Sharks), 30. Oktober 2014. Total 24 Spiele, 1 Tor.

Sven Andrighetto (Montreal Canadiens), 6. Dezember 2014, Total 3 Spiele, 2 Tore.

Stand: 14. Dezember 2014

Seguin, Zetterberg, Tavares

Die Krise der Lockout-Profiteure

Seguin, Zetterberg, Tavares

Die Zuger, Bieler und Berner Veredelung 2012 wird schmerzlich vemisst. (Foto-Montage: Marti)

Was haben Zug, Biel und der SCB gemeinsam? Ganz einfach: alle drei sind in der Krise und sie alle profitierten in der letzten Saison überdurchschnittlich vom NHL-Lockout.  Die drei Klubs mit unterschiedlichen Budgets, Ambitionen und Potenz zeigen auffällige Gemeinsamkeiten. Beweis gefällig?

Blenden wir zurück ins neblige Biel, Oktober 2012: Die Seeländer starten mit wenig Kredit und Aussicht auf eine Playoff-Qualifikation in die Saison 12/13. Der Start ist miserabel. Nach wochenlanger Spekulation wird der NHL-Lockout Tatsache. Man spricht viel von Stars hier und dort und in der Uhrenstadt macht ein gewisser Tyler Seguin seine Aufwartung. Niemand beachtet den 67 Punkte-Mann der Bruins. Journalisten erkundigen sich beim Pressechef, wie man überhaupt diesen Namen ausspreche… Bis er Tor um Tor erzielt. Bald darauf ergänzt Superstar Patrick Kane den Bostoner Skorer. Die beiden erzielen in 29 resp. 20 Spielen 63 (!) Skorerpunkte und schiessen den EHC in die Playoffs. Tore und Assists die in dieser Saison keiner mehr schiesst. Der Fall ins Playout wird diesmal auch durch den Hockeygott nicht zu verhindern sein.

Zug ohne Brunner und Diaz, wie Fondue ohne Weisswein

Szenenwechsel: der EV Zug verliert im Sommer 2012 mit Damien Brunner seinen wichtigsten Schweizer Stürmer in die NHL. Zwar wird mit Linus Omark ein Schwedischer Künstler verpflichtet, aber das Hauptproblem „Lotter-Goalie“, wie ein Chronist zu sagen pflegt, ist nicht gelöst. Resultat ist ein miserabler Start in die Meisterschaft. Doch Zugs Manager Patrick Lengwiler ist alles andere als langweilig und reagiert als einer der ersten auf den Lockout. Er sorgt nicht nur dafür, dass Brunner und Diaz wieder im Steuerparadies landen, er verpflichtet gleich noch Superstar Henrik Zetterberg dazu. Das Resultat lässt sich sehen: Die drei Lockout Verstärkungen notieren in rund 30 Spielen sagenhafte 118 Skorerpunkte. Und mit Ihnen geht auch der Stern des eigensinnigen Omark auf: 69 Punkte in 48 Spielen. Davon 52 Assists! Zug schafft es weg vom Tabellenende in die Playoffs und scheitert dort im Halbfinale ohne NHL-Verstärkung klar am SCB. Davon ist der EVZ nach fast der Hälfte der Qualifikation im Herbst 2013 weit entfernt. Prognose: Zug erholt sich diesmal nicht mehr und verpasst das Playoff!

Der SCB steht heuer genau dort, wo er letzte Saison eigentlich schon gestanden hätte…

Bleibt noch der Ligakrösus aus der Bundesstadt. Viel wird vor der Saison 12/13 spekuliert über das Team von Antti Törmänen. Zu alt, zu langsam, zu schwach in der Defensive. Tatsächlich legen die Berner vor einem Jahr einen schwachen Saisonstart hin. Bis die wundersame Erlösung aus der NHL in Form des Lockouts kommt. Mark Streit und Roman Josi verleihen der löchrigen Berner Defensive nicht nur Stabilität, sondern auch Vorwärtsdrang. In den ersten drei, vier Spielen wird an den Berner Stammtischen zwar noch dauernd über Streits mangelnde Performance gemault. Aber die Werte lassen sich sehen: Der Kapitän der Schweizer Nati notiert in 32 Spielen 26 Punkte. Und viel wichtiger, er weist eine +19 Bilanz auf. Roman Josi stösst etwas früher zum Team, erleidet aber eine Verletzung. Trotzdem sind auch seine Werte beeindruckend: 17 Punkte in 26 Spielen und vor allem eine +14 Bilanz. Keine anderen Mutzen-Verteidiger weisen auch nur annähernd so gute +/- Bilanzen auf. Streit überzeugt zusätzlich seinen Kumpel John Tavares aus New York, nach Bern zu wechseln. Tavares überflügelt die ganze Lockout-Armada mit seinen Werten: in 28 Spielen erzielt er nicht weniger als 42 Punkte. Aber er hat nicht nur Vorwärtsdrang, sondern sichert auch die Defensive ab. Seine +16 Bilanz spricht Bände.

Der Coach unter Beschuss

Dass Törmänen noch am 29. September 2012 vor dem Rauswurf stand, haben viele SCB-Anhänger nach dem Meistertitel schon wieder vergessen. Die BZ formulierte es damals so: «Die Verpflichtung von Tavares gründet nicht im verpatzten SCB-Saisonstart, in die Wege geleitet worden war sie vor der schwachen Vorstellung am Dienstag gegen Rapperswil (1:3-Heimniederlage). Der Druck auf Coach Antti Törmänen wird durch die Verstärkungen nicht kleiner. Lüthi mag nicht auf Trainerdiskussionen eingehen, sagt nur: Ich erwarte Leistung. Jetzt erst recht.» Das kommt einem doch im Herbst 2013 alles sehr bekannt vor…

Von Marignano bis Helsinki

Mark Streits haben wir genug, doch Patrick Thoresens fehlen uns an allen Ecken und Enden. (Foto: zvg)

Zum dritten Mal innert vier Jahren verpasst die Schweiz in Helsinki das Minimalziel der Weltmeisterschaft-Viertelfinals. Die Antwort für das scheitern liegt fast 500 Jahre zurück im italienischen Marignano.

Bis zur Schlacht von Marignano im September 1515 galten die Eidgenossen als gefürchtete Krieger welche man jeweils als Söldner für jeden Krieg in Europa verpflichten konnte. Doch die kriegerische Auseinandersetzung von Marignano veränderte die Eidgenossenschaft drastisch, denn dort musste man gegen Frankreich eine empfindliche Niederlage mit verheerenden Folgen hinnehmen. Nach der Niederlage von Marignano war die Schweiz nicht mehr in der Lage eine Expansionspolitik zu betreiben. Seither konzentrieren wir uns auf die Verteidigung unseres Landes und halten uns aus sämtlichen Konflikten meistens korrekt, neutral und unspektakulär im Hintergrund. Diese «Landeskrankheit» oder «Landesmentalität» begleitet die Schweiz seit 1515 wie ein schwarzer Schatten. Das jüngste Beispiel fand 2012 im finnischen Helsinki statt. Wie vor 497 Jahren verlieren die Eidgenossen in Helsinki die entscheidende «Schlacht» gegen Frankreich und erleiden einen Rückschritt ins Mittelmass.

Unsere Mentalität ist das «verteidigen»

1515 entschied man sich von nun an «nur» noch verteidigen zu wollen. Wir können also nicht einfach so von heute auf Morgen eine 500-Jährige Tradition auf den Kopf stellen und in «Winkelried-Manier» ein offensives Angriffs-Feuerwerk zünden. Seit Sean Simpson (2010) spielt die Schweiz zwar das attraktivere Eishockey als in zwölf Jahren «Beton-Hockey» unter Ralph Krueger aber nicht das erfolgreichere. Die Frage ist wohin wir können, nicht wohin wir wollen! Mit der neuen Marschroute will die Schweiz künftig attraktives offensiv-Hockey zelebrieren – kann aber von der inneren Einstellung her und aufgrund der Mentalität nur verteidigen – so gesehen ist ein Scheitern im offensiv-Spektakel eine logische Folge. An guten Torhütern (Olivier Anken, Renato Tosio, Reto Pavoni, Jonas Hiller, Martin Gerber oder auch David Aebischer zu seiner Blütezeit) mangelte es den Schweizern noch nie, das gleiche gilt für die Verteidiger (Mark Streit, Luca Sbisa und Roman Josi) – die Ausbildung von guten Torhütern und Verteidigern ist aufgrund der fast 500-jährigen Schweizer Geschichte absolut logisch.

Wie vor 497 Jahren verlieren die Eidgenossen in Helsinki die entscheidende Schlacht gegen Frankreich

Mannheim ist das Marignano des Eishockeys

In den letzten vier Jahren verpassten die Eisgenossen dreimal (2009, 2011, 2012) das Minimalziel «Viertelfinal» welches in elf Jahren zuvor ebenfalls nur dreimal (2001, 2002, 2006) verpasst wurde. Der Anfang des Rückschritts fand nicht in Marignano und auch nicht in Helsinki statt, sondern in Mannheim. Nach einer sensationellen Vorrunde scheiterte man 2010 als Favorit im Viertelfinal gegen die Underdogs aus Deutschland mit einer empfindlichen 0:1-Schlappe. Die verlorene Schlacht von Mannheim hinterliess die selben Spuren wie die verlorene Schlacht von Marignano, Mannheim ist das Marignano des Eishockeys, den seither bewegen sich die Eisgenossen auf einem «geordneten Rückzug.»

Keine «Winkelriede»

Statt eine solide «Viertelfinal-Nation» wird die Schweiz zu einer «Ligaerhalt-Nation» und ist einem Wiederabstieg in die B-Gruppe (1987, 1993, 1995) näher als einer WM-Medaille. Rückschritt statt Fortschritt, Offensive statt Defensive, Attraktiv statt Beton – lieber ein attraktiver-Abstieg als eine Beton-Medaille? Will Swiss-Ice-Hockey das wirklich? Denn ohne «Winkelriede» geht es nicht, ohne absoluten Goalgetter – wie ich ihn, seit ich Eishockey schaue, in der Schweiz noch nie gesehen habe – kann die Eisgenossenschaft keine Expansionspolitik Richtung Eishockey-Weltspitze betreiben. Die Schweiz hat und hatte noch nie einen Stürmer im Format eines Patrick Thoresens – und ihn nenne ich bewusst, den Thoresen ist die Identifikationsfigur von Norwegens Höhenflug der letzten beiden Weltmeisterschaften.

Norwegen beerbt die Schweiz

Zum zweiten Mal in Folge steht Norwegen anstelle der Schweiz im WM-Viertelfinal, im Direktduell verloren wir gegen die Wikinger in Kosice vor Jahresfrist mit 2:3. Seit 2008 schafften die Norweger dreimal (2008, 2011, 2012) den Sprung in die Viertelfinals. Des Schweizers Misserfolg ist des Norwegers Erfolg. Selbst das jüngste Beispiel von Norwegens Höhenflug hängt mit einem Misserfolg eines Schweizers zusammen: Im alles entscheidenden Spiel um den Einzug in die Viertelfinals erleidet der Schweizer Bundestrainer Jakob Kölliker mit Deutschland eine 4:12-Abfuhr gegen die Skandinavier. Dabei erzielt Patrick Thoresen 3 Tore und 3 Assists und rückt hinter dem russischen NHL-Star Ewgeni Malkin auf die 2. Position der WM-Skorerliste.

Weltmeisterschafts-Fazit

Ein Stürmer und Ausnahmekönner wie Norwegens Patrick Thoresen fehlt uns «noch» immer. Nino Niederreiter und Sven Bärtschi sind unsere nächsten Hoffnungen auf einen ganz grossen Goalgetter im «Winkelried-Format» – bis es soweit ist, sollten sich die Eidgenossen an den fast 500 Jahre alten «Beton-Verteidigungs-Stil» halten, sonst verschwinden sie in den nächsten fünf Jahren in der WM B-Gruppe.

Höchster Auftaktsieg seit 2004

 

 

 

 

 

 

 

 

Der 5:1-Auftaktsieg gegen Kasachstan ist der höchste Start-Sieg seit acht Jahren. Damals fertigte man Frankreich in Prag mit 6:0 ab.

Das 5:1 gegen Kasachstan ist zugleich der zweithöchste Start-Erfolg der Schweizer WM-Neuzeit an A-Weltmeisterschaften (seit 1987). Wie 2012 gegen Kasachstan (2 Tore), steuerte Ivo Rüthemann auch beim 6:0 gegen Frankreich 2 Treffer bei. Die aktuellen Nati-Cracks Mark Streit (Matchwinner gegen die Kasachen), Mathias Seger, Goran Bezina und Andres Ambühl waren schon vor acht Jahren dabei.

Ausgeglichene Bilanz

Mit dem Sieg gegen Aufsteiger Kasachstan kommen die Schweizer auf eine ausgeglichene Bilanz in Start-Spielen, in 20 Partien stehen  9 Siege, 2 Unentschieden, 9 Niederlagen gegenüber. Dabei gelangen den Schweizern zuletzt 7 Siege in Folge.

Die Übersicht der Schweizer WM-Auftakt-Spiele:
2012 Kasachstan 5:1
2011 Frankreich 2:1 OT
2010 Lettland 3:1
2009 Frankreich 1:0
2008 Frankreich 4:1
2007 Lettland 2:1
2006 Italien 3:1
2005 Tschechien 1:3
2004 Frankreich 6:0
2003 Russland 2:5
2002 Tschechien 0:5
2001 Deutschland 1:3
2000 USA 3:3
1999 Lettland 5:3
1998 USA 2:5
1995 Kanada 3:5
1993 Kanada 0:2
1992 Russland 2:2
1991 Sowjetunion 1:3
1987 Sowjetunion 5:13

B WM
1997 Niederlande 8:3
1996 Weissrussland 2:4
1994 China 20:1
1990 DDR 2:2
1989 Dänemark 6:3
1986 Italien 4:1
1985 Ungarn 9:1

 

«Nino is my Buddy»

Aussteigen vor dem Marriot's Hotel in Uniondale: v. li. Brom, Bodmer, Zurbuchen (unten), Saxer, Pfeiffer, Krein und Taxifahrer Serge Mars (hinten). Foto: eishockeyblog.ch

Aussteigen vor dem Marriott’s Hotel in Uniondale: v. li. Brom, Bodmer, Zurbuchen (unten), Saxer, Pfeiffer, Krein und Taxifahrer Serge Mars (hinten). Foto: eishockeyblog.ch

«I think Track six, but i’m not sure, i let you know about this» sagt der Zugbegleiter als ich ihn über die Gleisnummer beim umsteigen in Jamaica frage. Jamaica? Gemeint ist nicht der Karibikstaat, sondern ein Vorort von New York. Rolf Pfeiffer und ich haben keine guten Erinnerungen an Jamaica, gingen wir doch vor einem Jahr beinahe «lost in Jamaica». Viele Immigranten aus dem Karibikstaat wohnen dort, erklärt uns Taxifahrer Serge Mars zwei Tage vorher. Die letzte und fünfte Station des fünftägigen NHL-Road-Trips ist zum zweiten Mal Uniondale.

Flyers, Sabres, Devils, Ducks, Islanders, Hurricanes, Rangers, Blue Jackets und Senators heissen die klingenden Namen des diesjährigen Trips. Wells Fargo Center, Prudential Center, Nassau Veterans Memorial Coliseum und nicht zu vergessen «The Worlds Most Famous Arena» der Madison Square Garden heissen die NHL-Schauplätze. Nirgends sonst auf der Welt sind innerhalb von zwei Stunden vier NHL-Teams stationiert und nirgends sonst auf der Welt kann man innert fünf Tagen fünf NHL-Spiele in solch kurzer Distanz bewältigen.

 Man wird freundlich gebeten die Lobby wieder zu verlassen

New York gilt nicht nur als «Hauptstadt» der Welt, sondern auch als NHL-Headquarter, an der 1185 Avenue of the Americas oder besser bekannt als 6th Avenue logiert die NHL seit Jahren. Die NHL Hauptzentrale ist in New York so unsichtbar wie die geheimen Waffenlabore des britischen Geheimdienstes in den James Bond Filmen. Von aussen findet man nicht einmal ein Türschild oder ein Logo. Erst an der Rezeption erntet man beim Fragen nach der «NHL» einen verblüfften Blick und wird freundlich gebeten die Lobby wieder zu verlassen. Dabei ist man im offiziellen NHL Reebok Store nebenan schon näher als man denkt, doch kaum ein Kunde würde im Traum erahnen, dass sich das NHL-Hauptquartier im gleichen Gebäude nur wenige Stockwerke höher befindet.

Streets of Philadelphia

Unser NHL-Road-Trip beginnt aber nicht in New York, sondern in Philadelphia – per Amtrak kommt man innert anderthalb Stunden vom Herzen Manhattans in die „Streets of Philadelphia“, sogar Bruce Springsteen hat eine „Retired Number“ an der Stadiondecke – nach einer 15-minütigen Taxifahrt erreicht man das Wells Fargo Center der Philadelphia Flyers. Wir sehen wie die Flyers einen 0:2 Rückstand nach dem ersten Drittel noch in einen 7:2-Sieg ge Buffalo Sabres verwandeln. Dabei erleben wir das erste NHL-Tor von Erik Gustafsson und den Ausfall von Daniel Brière. Und ja, das Blut wie zu Zeiten der „Broad Street Bullies“ fliesst jetzt nach dem Spiel, wenn zwei betrunkene Schweizer durch die Sitzreihen die Stadiontreppe herunterstürzen.

Meet-and-Greet mit Hiller und Sbisa

Am zweiten Tag steht Newark auf dem Programm. Beim „Will Call“ Schalter hinterlässt uns Jonas Hiller sechs Karten für die Familienzone, wo wir uns nach dem Spiel kurz mit Luca Sbisa und Jonas Hiller unterhalten können. Die Ducks um Hiller und Sbisa verlieren erst im Penaltyschiessen mit 2:3 gegen die New Jersey Devils. Die nächsten Schweizer sehen wir 24 Stunden später auf Long Island. Zu sechst buchen wir ein Taxi und erleben auf der Hinfahrt eine anderthalbstündige Sightseeing Tour – mit dem besten Taxifahrer Long Islands, wie Serge Mars selber von sich behauptet – durch Queens, Jamaica und Uniondale.

Der Weg ins Nassau Veterans Memorial Coliseum führt immer durchs Marriott’s Hotel. Vor und nach dem Spiel ist die „Champions-Bar“ besser besetzt als das Nassau Veterans Memorial Coliseum während des Spiels. Erstmals sehen wir zwei Schweizer im selben Team, Mark Streit und Nino Niederreiter sind die letzten welche nach dem Warm-Up das Eisfeld verlassen. John Tavares ist der Mann des Spiels, Streit bucht zwei Assists und Niederreiter holt in seiner dezimierten Eiszeit das Optimum heraus, die Islanders gewinnen gegen die Carolina Hurricanes verdient mit 4:3.

 

The World’s Most Famous Arena

Zurück nach Manhattan und zum Madison Square Garden. Die New York Rangers sind, gemessen an ihrer Zeitachse, das traditionsreichste- aber auch die erfolgloseste Mannschaft New Yorks. Seit der Gründung 1926 holen die Rangers vier Stanley-Cups, die Islanders, holen in 46 Spielzeiten weniger ebenfalls vier mal den Pott. Noch besser sind die New Jersey Devils, denn sie müssen in 76 Jahren nur noch einen Titel holen um das Palmarés der Rangers zu egalisieren. Trotzdem gelten die Rangers als „Kultteam der Original Six“ und der Madison Square Garden ist Weltberühmt. Ruhm und Kult sind grösser als New Yorks Erfolge, umso wichtiger, dass die Rangers aktuell die Rangliste der Eastern Conference anführen.

Gegen den Conference-Letzten aus dem Westen, die Columbus Blue Jackets um Captain Rick Nash, reichts erst zum Overtime–Sieg (3:2). Schlüsselszene ist ein nicht gegebener regulärer Rangers-Treffer im Mitteldrittel. Das Head-Duo Stephane Auger/Don van Massenhoven (pfeifen schon am Vortag in Uniondale) greift zum Telefonhörer nach Toronto – sämtliche Torentscheide werden in Toronto gemanagt, wie uns Luca Sbisa in Newark erzählt hat – wo sich dieses mal die Verantwortlichen in der Zentrale im 11 Stock an der Bay Street wohl gerade ein Nickerchen gönnen? Denn das Video auf dem Screen zeigt die Puck-Überquerung der Torlinie bei 00:01 Sekunden und führt zu einem kurzzeitigen „raunen“ im Garden.

Howie und die Rookies

Zurück zu meinem Long-Island-Rail-Road-Trip nach Uniondale, nach anderthalb Stunden und einer kurzen Taxifahrt erreiche ich das Marriott’s Hotel in Unodale. Das Marriott’s ist Dreh- und Angelpunkt des Nassau Veterans Memorial Coliseum, hier logieren nicht nur sämtliche Gästeteams und Gegner der Islanders, sondern auch sämtliche Fans oder die Islanders-Rookies. Und wer das Marriott’s mit dem Taxi verlässt, kommt kaum an Howie Kats vorbei. Kats ist selbständiger Taxifahrer, gehört aber seit Jahren zum Hotelinventar. Kats ist eine Art fahrendes Islanders-Lexikon oder der Hockey-Journalist unter den Taxifahrern. „Nino is my Buddy“ sagt Kats nachdem ich ihn über meine Herkunft orientiere. Howie begleitet jeden Rookie bei dessen Ankunft und kennt die neuen Spieler zu Beginn besser als Isles-Headcoach Jack Capuano.

Das Marriott’s ist Dreh- und Angelpunkt des Nassau Veterans Memorial Coliseums

Ich selber fahre nach dem letzten Spiel, welches für die Islanders die bitterste Niederlage (0:6) der aktuellen Saison absetzt, zum dritten Mal mit Howie’s Taxi und die Fahrt zum JFK Airport ist kurzweilig. Wir unterhalten uns über David Ullström, Rick Di Pietro, Evgeny Nabokov, Mark Streit, Nino Niederreiter und über die guten, alten Stanley-Cup-Zeiten (1980-83) der Isles. Als Schweizer (Mark und Nino sei Dank) kann ich sogar mit Schweizer Franken bezahlen. Unsere NHL-Söldner leisten also nicht nur Pionierarbeit für Sven Bärtschi und Co., sondern auch für Meier und Müller, welche zumindest auf Long Island bei Howie Kats nicht mehr mit Andersson und Johansson verwechselt werden. Und übrigens, Kats ist jüdischer Abstammung und hat sowenig mit Katzen zu tun wie Schweizer mit Schweden.

Von Helden und Deppen in Quebec

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Für den Franzosen Yorick Treille (links) waren wir Helden im Club Maurice (Foto: Michael Möri)

Fantastisch würde ich den Aufenthalt bezeichnen, nun was hat Quebec zu einem fantastischen Ort gemacht? Waren es die zwei-drei Spiele welche wir täglich miterleben durften? Waren es vielleicht die Nightclubs «Maurice» und «Chez Dagobert?» Waren es die interessanten Geschichten welche rund und vor allem neben dem Eis über die Bühne gingen? War es die Fan-Meile mit den zahlreichen heissen Animationsgirls auf ihren futuristischen Zweirädern? War es die Faszination und der Bekanntheitsgrad des Russen Alexander Radulov (er ist DER Held in Quebec)? Das Treffen und Biertrinken mit den Franzosen Sébastien Bordeleau und den  Treille-Brüdern? Oder vielleicht doch eher das Treffen in den Katakomben des Colisées mit Mark Streit? Die Altstadt von Quebec oder doch eher die heldenhaften Autofahrten unseres Organisators? Nicht zuletzt dürfen wir «Ernst» (unser Ticketkäufer aus der Schweiz, der seit 40 Jahren in Quebec lebt) und den Bieler Hockeyfan auf dem Velo Downtown Quebec vergessen!

Das Hockey-Paradies

Zweifellos war es für uns das Paradies, Hockey schauen, Hockey leben, Hockey kaufen, Hockey erleben und Hockey staunen, zwischen Alkohol, Ausgang, Morgenessen, wenig Schlaf (nur ein Mann hatte genügend Schlaf), Autofahrten, 1’000 geilen Weibern, feinem und reichhaltigem Essen und grossen TV-Screens – und die Erkenntnis, dass man den Hockeysport nicht mehr ganz so ernst nehmen kann oder darf – oder, dass auch hier «Deppä», «Giglä» und «Gelackmeierte» zu finden sind. Auch wir outeten uns hin und wieder als Deppen.

der grosse Held war Alexander Radulov

Der grosse Held der Weltmeisterschaft 2008 war für mich der Russe Alexander Radulov, er ist DJ im Nobelclub Maurice, Eishockeyprofi, Topskorer der Nashville Predators, sein Trikot hängt unter der Hallendecke des Colisées, ist russicher Nationalspieler, ist Memorial-Cup-Sieger mit den Quebec Remparts, wurde als Nr. 15 gedrafted, ist Spieler des Jahres aller kanadischen Juniorenligen (QMJHL, OHL, WHL), hat ein grosses Beziehungsnetz und vergnügt sich mit Schweizer Spielerfrauen, das macht ihn zu meinem WM Held 2008.

Helden und Deppen

In gewisser Weise waren wir beides, manchmal Helden, manchmal Deppen! Als Deppen haben wir unsere sieben Tickets der Viertel-, Halb- und Finalspiele für je 25 kanadische Dollar an einen ehemaligen Schweizer Geschäftsmann verkauft – eigentlich haben wir unsere Seele verkauft. Als Deppen sah uns wohl auch die englische «Miss-Moneypenny-Verschnitt-Flight-Attendant» in der Maschine der British Airways von Montreal nach London. Eher Helden waren wir auf der Tribüne des Pepsi-Colisées, im «Maurice», im «Chez Dagobert» oder für den Franzosen Yorick Treille, der uns jeweils aus der Warteschlange vor dem Club Maurice durch den VIP-Eingang eingeschleust hat. Nun dann bis zur nächsten WM in der Schweiz, auf der Suche nach neuen Helden und Deppen!

 

Working-Press Quebec-Aarberg