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Von aktuellen und ehemaligen Helden

Foto: Kenneth Graf, Fabio Mattioni, Michael Krein und Torhüter Kevin Geissbühler

Am 28. März 2019 holt sich der SC Lyss, Dank einem 4:0-Auswärtssieg gegen den EHC Arosa, den 1. Liga Schweizermeistertitel. Schon mit dem Titel der Westschweizer Gruppe stand am 12. März 2019 der Aufstieg in die MySports-League fest. Am Samstag folgte der offizielle Empfang durch den Gemeindepräsidenten und die Meisterfeier im Hotel Restaurant Kreuz in Lyss.

Zweiter Meistertitel

Die Lysser holten vor genau 30 Jahren, am 16. März 1989 erst- und letztmals den 1. Liga-Schweizermeister-Titel. Drei Helden von damals sind bei der aktuellen Meisterfeier dabei: Noël Gerber, Reto Gerber und Urs Reber. Keiner konnte sich an eine Meisterfeier von einst erinnern. Damals gabs, trotz dem zusätzlichen Aufstieg in die Nationalliga B, nichts. Die grösste anwesende Lysser-Legende ist Bernhard «Benu» Bula. Bula führte die Mannschaft am 3. März 1979 als Kapitän erstmals in die NLB. Mit dabei waren auch Lucien Ramseyer und Kult-Betreuer Rudolf «Ruedi» Krähenbühl, sie alle sind bei der jüngsten Lysser Erfolgsfeier dabei.

Söhne berühmter Väter

Florin Gerber heisst der aktuelle Captain, er hat das «Amt» von Bula und seinem «Götti» Noël Gerber mehr als würdig vertreten, denn er ist erst der dritte Lysser 1. Liga-Aufstiegs-Kapitän der 55-jährigen Clubgeschichte. Der Sohn des langjährigen Verteidigers Reto Gerber ist nicht der einzige mit berühmten Vater. Stürmer Fabio Mattioni fragt mich ob Lyss schon einmal 1. Liga-Meister gewesen sei, verblüfft sagt er, «wir haben schon ein bisschen Geschichte geschrieben?» Klar antworte ich, «etwas was dein Vater nie geschafft hat.» Vater Romeo Mattioni stemmte beim letzten Lysser Meistertitel 1989, den Pokal schon zwei Stufen höher, nämlich beim Schweizermeistertitel mit den SC Bern.

Auf der Kreuz-Toilette, begegnen mir Headcoach Patrick Glanzmann, Lyss-Spieler der ersten NLB-Saison und Stürmer Yanick Kohler, nach meiner Gratulation, selbstverständlich nach dem Händewaschen, erkläre ich Kohler-Junior, ob er wisse, dass sein Vater Thomas bis heute der letzte NLB-Torschütze der Lysser Geschichte sei. Natürlich weiss er dies nicht, denn er war damals, am 27. Februar 1993, gerade mal zweieinhalb Jahre alt. Erstaunt will er, trotz Meisterfeier, mehr darüber wissen. Im gleichen Lysser Abstiegskader von 1993 spielte auch ein Mann Namens «Fiala», die Rede ist von Hans «Jan» Fiala. Sein Sohn Kevin spielt heute in der National-Hockey-League bei den Minnesota Wild. Ein anderer, Dave Baseggio, ist heute Scout bei den Anaheim Ducks.

Wer weiss, vielleicht reden wir in 30 Jahren mit den alten Legenden von 2019 nicht zwingend über die NHL, aber über ihre langjährigen Karrieren und deren Söhne feiern einen weiteren Lysser Meistertitel. Zurück in die Gegenwart, da freuen wir uns auf eine neue Ära auf nationaler Ebene und auf Gegner wie Dübendorf, Basel, Wiki-Münsingen, Thun, Bülach, Düdingen oder Chur. In diesem Sinne «Hopp Lyss», denn der SC Lyss ist mehr als nur ein Club.

Das doppelte Saisonende

Morgen, 6 Uhr 45 in der Früh, der Wecker klingelt – ein Mammut-Programm steht bevor. Die Eishockeytasche meines Sohnes ist schon gepackt. Heute heisst die Hockey-Destination Olten. Olten, verkörpert auch meine alte Hockey-Liebe, wie haben mich doch die NLA-Zeiten der Oltner in der «Blacky-Ära» geprägt. Das Stadion Kleinholz in Olten liegt an der Sportstrasse 95, dies ist die Adresse, mit dem das Navigationsgerät gespeist wird, vor der Eingabe steht da immer noch das Ziel der letzten Destination, «Rue des Mélèzes 2, La Chaux-de-Fonds.» Eine Hockeysaison ist lange, kalt, intensiv und kräfteraubend, aber auch bereichernd, erfüllend und meine einzige Passion, welche ich seit meinem elften Lebensjahr intravenös verabreicht bekommen habe.

Von Lyssern und Oltern

Kurz nach dem Start holen wir noch einen Teamkollegen ab, dann gehts Richtung Solothurn. Um 8 Uhr 30 begrüssen wir, Headcoach Noël Gerber und ich, unsere Mannschaft. Es ist das letzte Turnier der Saison, wir appellieren an den wichtigsten Faktor unseres Hockey-Daseins, der Freude: «Geniesst das letzte Turnier, dann gibts eine lange Pause.» Die Mannschaft schlägt sich gut und der Spassfaktor steigt. Das Highlight ist ein Sieg gegen Lokalmatador EHC Olten. Mit 2:1 kämpfen wir das Heimteam in die Knie und beenden unsere Gruppe auf dem zweiten Schlussrang. Während des Turniers versende ich ein paar «Grüsse» aus dem Kleinholz an den Goalie des Fanionteams, «Simon, wir vertreten dich als Lysser im Kleinholz.» Der Lysser Simon Rytz ist am Vorabend mit dem EHC Olten gegen seinen Bruder Philippe und den SC Langenthal im Swiss-League-Halbfinal ausgeschieden. Hätten Simon und die Oltner gestern gewonnen, hätten sie am Mittag, während unseres Mittagessens, ein Training absolviert.

Meine physisch und psychisch härteste Saison aller Zeiten

Michael Krein

Während des Turnieres erspähe ich auch EHC Biel-Trainer Antti Törmänen, denn dessen Sohn steht für den EHC Biel-Spirit im Einsatz. Zu unserem Spiel um die Bronze-Medaille, trifft auch noch MySports-Kollege Andreas Hagmann ein, ein Oltner der nur fünf Minuten vom Stadion entfernt Zuhause ist. Die Eishockey-Welt ist klein und einfach wunderbar, sie ist der Puls meines Lebens und infiziert bereits die nächste Generation. Die deutsche Firma «Rookie-Playercards», gibt ihr Know-How zum besten, mit einem Zwei-Mann Fotografen-Team fertigt sie innerhalb eines halben Tages ein komplettes Fotoset sämtlicher Nachwuchs-Akteure an. Für die Kinder ein Leckerbissen, die professionellen Bilder und Karten verkaufen sich wie «warme Semmel.»

Von Olten nach Freiburg

Um 16 Uhr 30 gings wieder zurück ins Berner Seeland, dies für mich allerdings nur als Zwischenstation, denn um 18 Uhr muss ich in Freiburg sein. Meine nächste Destination heisst gleichentags «Allée du Cimetière 1, Fribourg.» Müdigkeit hat heute keinen Platz, ein solcher Tag verkörpert quasi meine übliche Tätigkeit zwischen August und März, da gibts mit Ausnahme der Festtage, kein hockeyfreies Wochenende. Es war zweifellos meine physisch und psychisch härteste Saison, mein wohl intensivster, längster und härtester Winter aller Zeiten. Mit dem letzten Piccolo-Turnier und dem letzten MySports Einsatz Vorort, wird der harte Winter gleich doppelt beendet. Was jeweils im August voller Vorfreude beginnt, endet im März mit einer grossen Genugtuung und entspannter Zufriedenheit.

Nach der Saison ist vor der Saison

Zu Ende geht auch die Ära der ehemaligen «Patinoire St. Leonard», 1982 erbaut, wird die BCF-Arena rundum saniert, die Baustelle ist rund ums Stadion bereits seit längerem im Gang. Zum letzten Mal sitze ich an diesem Abend in der kultigen und brüchigen Kommentatoren-Kombüse (Foto), etwas Wehmut macht sich breit, denn ich bin ein Traditionist, die Vergangenheit pflege ich oftmals besser als die Gegenwart. Nie vergessen werde ich mein erstes Spiel, welches ich mit meinem Vater in der ersten Saison der Bykow/Chomutow-Ära besuchen konnte, oder das Viertelfinal-Wunder Gottérons gegen den damaligen Champions-Hockey-League-Sieger ZSC Lions, im Frühling 2009. Doch nun gilt es wieder nach vorne zu schauen, die Saison mit der Weltmeisterschaft in Bratislava abzuschliessen und sich in den Sommermonaten gut zu erholen, denn bereits im August gehts wieder los, mit dem doppelten Kickoff, bei MySports und bei den Piccolos des SC Lyss.

Der 27. Dezember, kein gewöhnlicher Tag

Ein kleiner, zwölfjähriger Junge sass am 22. Februar in einer Ferienwohnung in Saas Fee vor dem Fernseher. Eigentlich hätte der Junge längst schlafen sollen, denn es war schon 23 Uhr, und die Frage ob er sich das Eishockeyspiel der Amerikaner gegen die Sowjets anschauen dürfe, wurde von seinem Vater, dem späteren Präsidenten des SC Lyss positiv beantwortet. So wird der Moskito-Spieler Zeuge des grössten Eishockeywunders aller Zeiten, dem „Miracle on Ice.“ Denn die Nacht vom 22. auf den 23. Februar war keine gewöhnliche Nacht. Für den Eishockey-Sport und für den zwölfjährigen Jungen nicht. Es war der Tag, an dem das Team USA, ein zusammengewürfelter Haufen namenloser College-Boys mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren, bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid für den wohl grössten Moment in der Geschichte des Eishockeys- und einen der grössten Sensationen in der Geschichte des Sports sorgte, an dem ein paar Studenten die unbesiegbare Sowjetunion mit 4:3 besiegten.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, der zwölfjährige Junge wird später als Rekordspieler des SC Lyss in die Annalen eingehen und bestreitet alle 178 Nationalliga-B-Spiele in der erfolgreichsten Zeit des Seeländer Vereins. Das Wunder von Lake Placid hat nicht nur den Lysser Kultspieler Noël Gerber geprägt, sondern rückwirkend auch seinen heutigen Assistenztrainer bei den Lysser Bambini, allerdings war dieser damals gerade mal zweieinhalb Jahre alt und hat das Wunder von Lake Placid nicht mal im Traum mitbekommen.

Von Lake Placid nach Bern

Die beiden Nachwuchstrainer stehen am 27. Dezember 2017 angespannt im „Bären Graben“ der PostFinance Arena, ihre Mannschaft wird in Kürze den Final des NOVO-Future-Cup bestreiten, dem wohl prestigeträchtigsten Bambini-Turnier in der Region. Noch nie konnte eine Lysser Nachwuchs-Mannschaft den Pott ins Seeland holen, im Final standen die Lysser aber schon im Vorjahr. Doch auch der 27. Dezember 2017, scheint kein gewöhnlicher Tag zu sein. Ähnlich wie die US-Boys vor knapp 28 Jahren, sind auch die Lysser ein zusammengewürfelter Haufen namenloser Unterstufenschüler. Zwei Stürmer und der Torhüter kommen aus Biel, ein Stürmer aus Zuchwil, der Kern aber stammt aus der Nachwuchsabteilung des SC Lyss, welcher auf der untersten Stufe eine Partnerschaft mit dem grossen Nachbar pflegt.

Herb zu Craig: „ich habe kein gutes Gefühl“, Craig zu Herb: „ich auch nicht“

Die Aufgabe ist nicht einfach, denn Auftaktgegner HC Dragon Thun, eine Mannschaft gegen die es während der Meisterschaft meistens nichts zu holen gibt, wurde schon Morgens um neun mit 6:1 geschlagen. Der Gegner aus dem Oberland teilt auch noch die gleiche Kabine wie die Mannschaft aus Lyss. Trotz der Auftaktniederlage haben sich die Thuner während des Turniers von Spiel zu Spiel gesteigert und das entscheidende Spiel um den Finaleinzug gegen den Lokalmatador SC Bern gewonnen. Und Lyss? Die Lysser haben ihre letzten drei Vorrundenspiele nach belieben mit 4:0, 10:0 und 11:1 dominiert. Es ist als trifft der Qualifikationssieger auf den Achtplatzierten und wie wir aus der Geschichte kennen, ist das kein leichtes Unterfangen, gibt es doch unzählige Beispiele über das Scheitern des Favoriten in der ersten Playoffrunde.

Sind die U9-Spieler wirklich bereit? Können sie im entscheidenden Moment wieder einen Gang höher schalten, fragen sich Herb“ und „Craig“. In Anlehnung an den 22. Februar von 1980 nennen wir die beiden Coaches „Herb“ Brooks (Gerber) und „Craig“ Patrick (Krein). Die Kinder zeigen keine Anzeichen von Nervosität und sind sich ihres Sieges ziemlich sicher und genau das beunruhigt das Trainerduo. Sind die beiden schon zu lange im Eishockeygeschäft? Denn bekanntlich gewinnt man am gleichen Turnier fast nie zweimal gegen den gleichen Gegner.

Ein grosser Schritt für den SC Lyss

Beide erinnern sich an Brooks‘ Rede vor dem Spiel gegen die Sowjetunion und kommen ins grübeln: „Was erzählen wir einer Bambini-Mannschaft?“ Herb zu Craig: „ich habe kein gutes Gefühl“, Craig zu Herb: „ich auch nicht“, die Nervosität der beiden Coaches darf sich nicht auf die zusammengewürfelte Truppe übertragen. Diese legt sich auch nicht während der langgezogenen Final-Zeremonie, die Bambini können in der PostFinance Arena einlaufen wie dies jeweils die „Grossen“ tun, mit Feuer, Flamme und Bärengebrüll – dies wird sie ein „Leben“ lang prägen. Die Jungs laufen ein wie die College-Boys 1980 im Olympic Fieldhouse, die Gesichter sind voller Zuversicht und Unbekümmertheit, der „Wille“ zu gewinnen ist grösser als die „Angst“ vor dem verlieren. Nur im Ansatz können die Coaches erahnen, wie schwierig es sein muss bei einem Profiteam an der Bande zu stehen.

Wie einst die Sowjets, beginnen die Thuner furios und gehen Zeitgleich mit dem ersten, weinend auf die Bank zurückkehrenden Lyss-Spieler mit 1:0 in Führung. Zum ersten Mal sind die Lysser im Rückstand. Doch die Mannschaft lässt sich, wie die Amerikaner am 22. Februar, nicht aus der Ruhe bringen und gleicht sofort aus. Es scheint als sei ein kleiner Funken der Gold-Boys von Lake Placid knapp 28 Jahre später nach Bern gesprungen, die Sowjets aus Thun werden mit 4:1 bezwungen. Für den zusammengewürfelten Lysser-Haufen geht der 27. Dezember in die Geschichte ein, denn es ist ein grosser Schritt für die Lysser und ein kleiner Schritt für die Eishockey-Welt.