«Sarà perché ti amo»

Es war im Herbst 1992, noch im Schulalter ging es erstmals mit dem Zug nach Mailand. Zu dieser Zeit blühte und boomte, selbstverständlich im unüberwindbaren Schatten des Fussballs, das italienische Eishockey und Mailand war die Hockey-Hauptstadt Italiens. Zu meiner Enttäuschung gabs, beim kurzen Zwischenstopp, weder das italienische Magazin «TOP Hockey», noch die «Devils News» oder die «Mediolanum News.» In der Stazione Centrale gabs nur den «Calcio» und das ist auch 34 Jahre später, während Olympia, noch so. Vor dem imposanten Mailänder Bahnhof gibts lediglich einen lausigen Olympia-Shop. Erst im Untergrund des U-Bahn-Netzes schlägt das Hockey-Herz höher, denn da sind die Olympischen Spielstätten, vorbildlich gekennzeichnet. Wer des Eingangs beschriebene Blütezeit der 90er Jahre kennt oder damals schon SLAPSHOT gelesen hat, kann bei den Wegweisern «Assago Forum» und «Rogoredo» durchaus ins Stocken kommen. Forum! Wie titelte einst SLAPSHOT, 1990 in der vierten Ausgabe: «Das Forum von Milanofiori – der neue Tempel des italienischen Eishockeys.» In diesem Tempel, wo sich einst der «HC» und Silvio Berlusconis «Devils» vor 10‘800 Fans um den Scudetto duellierten, oder wo der WM-Final 1994 zwischen Kanada und Finnland im Penaltyschiessen (Luc Robitaille gegen Jarmo Myllys) entschieden wurde. 2026 jedoch, die Eiskunstlauf- und Shorttrack Wettbewerbe abgehalten werden.

Rogoredo statt Assago also, die «M3» bringt dich innert 30 Minuten vom Duomo nach Santa Giulia. Der neue Tempel des italienischen Eishockeys, übertrifft das altehrwürdige Forum, als wäre der Hockey-Boom in der Modestadt nie verblasst. Nie seit drei Olympiaden, tummeln sich so viele Grössen in einem Hockey-Tempel. Wayne Gretzky, Mark Messier, Igor Larionow, Mats Sundin oder Henrik Lundqvist, die Liste ist noch viel länger, sorgen für ein Weltklasse-Aufgebot, bei verschiedenen TV-Stationen. Das Weltklasse-Aufgebot auf dem Eis bietet das spektakulärste Olympia-Turnier seit Lake Placid 1980. Einer der Gold-Jungs von Lake Placid ist Dave Christian, Onkel des Neo-Olympioniken Brock Nelson und Neffe von Gord Christian, welcher in Cortina d’Ampezzo 1956 die Silbermedaille gewann. Die Legende Dave Christian ist ebenso anzutreffen wie etwa Keith Tkachuk, Olympia-Teilnehmer 1992, 1’290-facher NHL-Spieler und Vater der beiden US-Heisssporne Brady und Matthew. Das Sammelsurium der Eishockey-Weltklasse übertrifft gar noch die Aura des unverwüstlichen Giuseppe-Meazza und San-Siro Stadion. «Sarà perché ti amo» (Es wird sein, weil ich dich liebe), singen die AC Milan-Fans vor jedem Heimspiel, dies gilt auch für das jüngsten Eishockey-Kapitel in der lombardischen Hauptstadt.

Premieren in Grenoble

Als Premiere zum ersten Länderspiel im Ausland, gehts für mich – vorbei an Saint-Martin-d’Hères – Cristobal Huets Heimat, in die grösste im Hochgebirge liegende Stadt der Alpen in Grenoble. Im Stadion Pôle-du-Sud frage ich mich durch die Katakomben des ansässigen Klubs Bruleurs du Loups, welchem als Premiere eine Präsidentin vorsteht, wo ich zu meiner Presse-Akkreditierung komme.

Die Schweiz gewinnt das Weltmeisterschafts-Vorbereitungs-Spiel in Genoble gegen Frankreich mit 3:2. Für die Schweiz ist es der 34. Sieg im 47. Länderspiel gegen die Franzosen, nach 1984 (7:2) und 2010 (2:1) stehen sich die beiden Mannschaften nicht als Premiere, sondern zum dritten Mal in der Olympiastadt gegenüber. 1984 spielt die Schweiz noch im Olympiastadion «Stade-de-Glace», welches im Oktober 1967 für die Olympischen Winterspiele von 1968 fertiggestellt wird.

Vom Pôle-du-Sud ins Stade-de-Glace

Noch heute, 47 Jahre später, ist das Stadion eine imposante Erscheinung. Architektonisch wirkt die Hülle des Prunkstücks wie eine Mischung zwischen der Oper von Sydney und dem Eisstadion von Davos (Baujahr 1979). Möglicherweise diente das architektonische Meisterwerk von Robert Demartini und Pierre Junillon als Davoser Vorlage. Das Dach besteht aus zwei sich kreuzenden zylindrischen Gewölben. Die Halle mit 12’000 Sitzplätzen befindet sich im Parc-Paul-Mistral, dem zentral gelegenen Stadtpark von Grenoble und dient heute für Konzerte, Messeveranstaltungen und verschiedene sportliche Anlässe, wie etwa das Sechstagerennen.

Die Olympischen Spiele von Grenoble sorgen 1968 für einige Premieren. Die Franzosen präsentieren mit «Schuss», das erste Olympia-Maskottchen der Geschichte, haben mit 37 Ländern einen neuen Teilnehmerrekord und montieren im Stade-de-Glace erstmals durchsichtige Plexiglas-Banden, wie sie erst beim Winter-Classic-Game zwischen Genf-Servette und Lausanne am 11. Januar 2014 im Stade-de-Genève wieder auftauchen.

Beim Rundgang um den «Palais-des-Sports», wie die multifunktionale Halle mittlerweile heisst, versucht sich das Unterbewusstsein an die alten Zeiten zurück zu erinnern. Es scheint als sei man plötzlich mittendrin, am 15. Februar 1968, eine Stunde vor Spielbeginn (21 Uhr) beim Knüller zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, dem Höhepunkt des Turniers. Das Publikum strömt aus allen Seitenstrassen in den Parc-Paul-Mistral, Richtung Eingänge O (Oest) und E (Est). Fantrikots sind da noch fehl am Platz, die Leute sind elegant in grau, beige oder schwarz gekleidet und betreten das Eisstadion gesittet, wie beim Gang in die Oper oder einme Jacques-Tati-Film. Vor dem Eingangsportal E, am Boulevard Clemenceau ist eine Bushaltestelle, ein blau-weisser Bus bringt die Zuschauer direkt vors Stadion. Die Stimme des Speakers durchdringt die Stadionwände und verstärkt den Drang, endlich ins Stadion zu gelangen und die beiden Weltklassemannschaften aus dem Osten beim Einspielen zu bestaunen.

Der Höhepunkt des Olympiaturniers

Durch Tore von Frantisek Ševčík, Petr Hejma und Jan Havel führt die CSSR nach dem ersten Drittel mit 3:1. Durch zwei weitere Treffer von Jozef Golonka und Jaroslav Jiřík gewinnt die Mannschaft von Coach Jaroslav Pitner mit 5:4 und die Sensation ist perfekt. Was für ein Spiel, für einen kleinen Moment scheint man gedanklich tatsächlich dabei gewesen zu sein. Vor der letzten Runde führen die Tschechoslowaken die Tabelle an, verpassen aber mit einem 2:2 gegen Schweden, Golonka hatte den 3:2-Siegtreffer auf dem Stock, den Gewinn der Goldmedaille. Der Olympiasieg geht am 17. Februar 1968 durch das abschliessende 5:0 der Sbornaja gegen Kanada an die Sowjetunion.

Helblings Premiere

2015 und vier Kilometer südlich hat sich das Stadion mit dem passenden Namen Pôle-du-Sud geleert, Schweizer und Franzosen geben ihre Interviews. Hauptprotagonist ist Verteidiger Timo Helbling, er trifft in seinem 77. Länderspiel zum ersten- und zweiten Mal und avanciert zum Matchwinner. Grenoble hat eben auch 47 Jahre später noch seine Premieren, gestern waren es Plexiglasbanden und Maskottchen, sind ist es Helbling und die NHL-Söldner. Was der Solothurner zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, er hat an diesem Abend das WM-Ticket für Prag – und da wären wir wieder bei der Tschechoslowakei und Golonka – tatsächlich gelöst.

Frankreich – Schweiz 2:3 (0:0, 1:0, 1:3)
31. Desrosiers (Janil, S. da Costa) 1:0,
43. Helbling (Grossmann) 1:1,
46. Rüfenacht (Bodenmann, D. Wieser) 1:2,
49. (48:24) Auvitu (S. da Costa, Desrosiers) 2:2,
49. (48:58) Helbling (Romy) 2:3.

Pôle-Sud:
SR: Barcelo, Bliek; Dehaen, Furet (Fr)
Strafen (Fr): 6×2
Strafen (Sz): 5×2, 1×10 (Suri)
Frankreich: Hardy (30. Quémener); Manavian, Auvitu; Hecquefeuille, Besch (2); Trabichet, Dieudé-Fauvel; Janil; Desrosiers, S. da Costa (2), Raux; Bertrand, Meunier (2), S. Treille (2); Guttig, T. da Costa, Fleury (2); Claireaux, Ritz, Y. Treille; Lampérier (2).
Schweiz: Genoni (Berra); DuBois (2), Streit; Geering, Blum; Helbling (2), Grossmann (2); Loeffel, Kukan; Brunner, Romy, Hollenstein; Ambühl (2), Almond, Suri (12); Walker, Trachsler, Bieber; Bodenmann, Schäppi, D. Wieser; Rüfenacht.

Timo Helbling bietet als Torschütze eine Premiere. (Mario Gehrer)

Turin retour in zwanzig Stunden

Olympische Spiele haben auch als Zuschauer etwas magisches, meine Kindheitserinnerungen gehen nach Albertville, das Olympische Turnier findet 1992 in einer sonnigen Februarwoche statt, die Hälfte der Spiele verpasse ich, weil ich mit der Schule im Skilager weile. Dennoch prägt mich das Turnier von Meribel. Die Franzosen steigen als frische A-Nation erstmals, auf Kosten der Schweiz in die Top-Acht auf. Die Schweiz enttäuscht mit dem zehnten Rang. Unvergessen bleibt Deutschlands Penaltykrimi gegen Kanada, mit dem «tragischen Helden» Peter Draisaitl.

Mit diesen Erinnerungen steht Olympia 2006 vor der Haustüre. So nah wie jetzt werde ich die Olympischen Spiele so schnell nicht wieder besuchen können. Also dann, nichts wie hin nach Turin. Mittwochs in der Früh, am 22. Februar, morgens um 7 Uhr 30 startet unsere olympische Mission in Lyss. 16 Uhr 30 sitzen wir in der provisorischen Olympiahalle von Turin, der «Esposizioni», an der Via Petrarca.

Vorher haben wir kurz Zeit, mit dem Olympischen Bus – wir parkieren am Stadtrand – ins Zentrum zu fahren und uns zu verpflegen. Die Strassen Turins sind äusserst belebt, überall sind Teamjacken von Athletinnen und Athleten zu sehen, ein Stadtzentrum ist nicht wirklich auszumachen, denn in der Trabantenstadt ist irgendwie überall Stadtzentrum. Der Olympia-Shop hält nicht was er verspricht, die Artikel sind nicht wirklich kaufwürdig. Hilfreich und freundlich sind dafür die Tourist-Guides, welche dich an jeder Ecke mit Karten und Wegweisern versorgen.

Doch nun zum Spielbeginn in der «Esposizioni.» Das Viertelfinalspiel zwischen der überraschenden Schweiz und dem Favoriten aus Schweden beginnt. Nach 30 Minuten stehts bereits 4:1 für die Mannschaft von Bengt-Ake Gustafsson und leider kann das Team von Ralph Krueger nicht an die Leistungen gegen Kanada (2:0) und Tschechien (3:2) anknüpfen. Die Erwartungen vor der Partie waren hoch, die Enttäuschung ebenfalls. So verabschiedet sich die Schweiz, trotz sensationellem Turnier, bereits im Viertelfinal. Im Duell der ehemaligen Feldkircher verliert Lehrer Krueger gegen seinen ehemaligen Schüler.

Am Abend steht ein weiterer Leckerbissen auf dem Programm, Russland trifft auf Kanada und beide in NHL-Bestbesetzung. Dazwischen gibts aber auch für uns einen «Leckerbissen» in Form einer Pizza, beim «echten Italiener» um die Ecke. Am Nachbartisch sitzen ebenfalls zwei Schweizer, Jann Billeter und Stefan Figi. Nach einem Smalltalk und einem guten Appetit bei Pizza-Prosciutto und Co. freuen wir uns alle auf die bevorstehende Affiche. Auf dem Weg zur «Pala Hockey» liegt an der Via Pietro Giuria 42 sogar ein Hockey-Shop mit dem passenden Namen Winter-World.

Kris Draper und Pavel Datsyuk bestreiten das Bully zum besten Spiel welches ich je im Stadion gesehen habe. Mit einem unheimlichen Tempo begegnen sich die grössten Rivalen des Eishockeysports in der hauptsächlich durch Russen besetzte Olympia-Halle. Eine Minute vor Schluss, beim Stand von 0:1, ersetzen die Kanadier Martin Brodeur durch einen sechsten Feldspieler, 28 Sekunden später muss Chris Pronger auf die Strafbank, Brodeur kehrt zurück und Russland erzielt noch das 2:0.

«Turin-retour» ist, trotz der Schweizer Niederlage, ein voller Erfolg. Die Reise hat sich gelohnt, auch wenn sich die Rückfahrt via Grosser Sankt Bernhard bis morgens um 4 Uhr ermüdend dahinzieht. Zwanzig Stunden und dreissig Minuten dauert der olympische Traum, kurz, intensiv, spektakulär und einmalig, so das Fazit. Der nächste Besuch bei den Olympischen Spielen wird frühestens 2018 sein.

Schweiz – Schweden 2:6 (1:2, 0:3, 1:1)
4′ H. Sedin (D. Sedin, Lidström) 0:1.
9′ Streit (Della Rossa, Plüss) 1:1,
14′ Modin (Forsberg, Alfredsson) 1:2,
23′ Zetterberg (Holmström, K. Jönsson) 1:3,
30′ M. Sundin (Lidström, Alfredsson) 1:4,
33′ M. Sundin (Forsberg, Tjärnqvist) 1:5,
41′ Lemm (Rüthemann) 2:5,
49′ Pahlsson (Alfredsson, Axelsson) 2:6.

Esposizioni: 2970 Zuschauer
SR: Marouelli (Ka); Nelson, Seljanin (USA/Russ)
Str. (Sz): 4×2′
Str. (Sd): 1×2′

Schweiz: Gerber; Keller, Streit; Blindenbacher (2), Hirschi; Seger, Bezina; Forster, Vauclair; DiPietro, Plüss, Della Rossa; Paterlini (2), Rüthemann, Ambühl; Conne (2), Jenni (2), Fischer; Lemm, Jeannin, Wichser.
Schweden: Lundqvist; Lidström, Öhlund; Hävelid, Tjärnqvist; K. Jönsson, Bäckman; R. Sundin; Modin, M. Sundin, Forsberg; Alfredsson, Pahlsson, Axelsson; Holmström (2), J. Jönsson, Zetterberg; Samuelsson, H. Sedin, D. Sedin; Hannula.

Russland – Kanada 2:0 (0:0, 0:0, 2:0)
42′ Ovechkin (Kozlov) 1:0,
60′ Kovalev (A. Markov) 2:0.

Esposizioni: 4130 Zuschauer
SR: Larue (USA); Sericolo, Karlsson (USA/Sd)
Str. (R): 8×2′, 1×5′ plus Spieldauer (Malkin)
Str. (K): 8×2′

Russland: Nabokov; A. Markov, D. Markov (2); Tjutin, Volchenkov; Kasparaitis, Gonchar (2); Vishnevski, Zhukov (2); Kovalev (2), Datsyuk, Kovalchuk; Kozlov, Yashin, Ovechkin (2); Sushinski (2), Malkin (25), Charitonov; Afinogenov (2), Korolyuk, Taratuchin (2).
Kanada: Brodeur; Foote, Redden; Bouwmeester, Pronger (4); Blake, Regehr; McCabe; Iginla, Sakic, Gagné (2); Heatley, Richards (2), Draper; Bertuzzi (2), Thornton, Nash (2); St. Louis, Lecavalier (2), Smyth (2); Doan.