Inspirierendes Berner Expo-Gelände

In der neuen Berner Expohalle «Genuss & Tradition» geht es zu und her wie in einer Drittelspause der PostFinance-Arena, «Vinspiration» heisst der Genuss, welcher die Besuchenden in Massen zur Weindegustation verführt. Mittendrin ist der gleiche Mann, welcher am 24. April 2025 den Meisterpokal «Twin-Skate» nach Lausanne zur Übergabe an die ZSC Lions chauffiert hat. «Es ist aufgegangen, hätte Lausanne das fünfte Spiel gewonnen, hätte ich während der Berner Ausstellung (BEA) nach Zürich, oder gar zu Spiel sieben, nochmals nach Lausanne fahren müssen», sagt Willi Vögtlin, bei der National-League zuständig für Spiele und Pokal und bei seinem Weinhandel zuständig für Degustation und Genuss. Der Spielplan-General ist währen der finalen Hockey-Phase, gleichzeitig an der Berner Expo engagiert.

Engagiert war der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter vor 35 Jahren auf dem gleichen Gelände, anlässlich der Weltmeisterschaft 1990 in Bern und Freiburg. An seiner letzten WM pfiff der Baselbieter sechs Spiele in Bern, eines davon, Tschechoslowakei gegen Schweden, gehört auch zu meinen ersten WM-Eindrücken. Überhaupt gehört das Gelände rund um die Berner Expo zu mancher persönlichen Geschichte. Heute trifft man dort beispielsweise Tristan Scherwey, früher war das Gelände rund um das ehemalige Berner Allmend-Stadion das Tor zur grossen, weiten Hockeywelt. Zu Vögtlins Aktivzeit gab es kein Internet und nur SLAPSHOT lieferte sporadisch den «Blick über die Landesgrenzen.» Bei einem BEA-Besuch im Kindesalter, galt der Fokus genau zwei Adressen: Dem Fan-Shop des SC Bern und dem Verkaufsstand von Wüthrich + Co. aus Langnau. Die beiden Aussteller waren im Untergeschoss des Treppenhauses der heutigen Hallen 1.1 und 1.2 untergebracht.

Erste Priorität hatte der SCB-Shop, denn dort lag das internationale Jahrbuch des IIHF, genannt «Eishockey-Almanach», für 14 Franken und 80 Rappen ging der Almanach 90/91 über die Berner-Fan-Theke, dies galt sogar zu «Sackgeld-Zeiten» als Schnäppchen. Denn dieses Buch war mein Lebenselixier, vielleicht ist das Nachschlagewerk auf der gleichen Stufe, wie der berühmte «Sport-Almanach» in Zurück-in-die-Zukunft – mit der grossen Ausnahme, 1990 blickte man, statt in die Zukunft, ins vergangene Hockey-Jahr. Das gesamte Wissen lag in diesen knapp 200 A5-Seiten und bot mir, Jahr für Jahr, beim Selbststudium unbeschreibliche Glanzstunden. Mit dem Rest der Ersparnisse ging es vis-à-vis zu «Wüthrich», denn dort – und nur dort – gab es die NHL. Poster, Wimpel, Pucks, Ministöcke und Pins der wichtigsten NHL-Franchisen.

Die wichtigsten NHL-Franchisen sind auch an der «Vinspiration 2025» ein Thema. Vögtlin holt die nächste Weinflasche, zwischen Traubensorten, Piemont und Sizilien wird auch über die Playoff-Serie der Winnipeg Jets gesprochen. Die Zeiten haben sich längst geändert, das Gelände jedoch, rund um die Berner PostFinance-Arena, schreibt weitere Kapitel über den faszinierendsten Sport der Welt.

Artikel ist im SLAPSHOT Magazin unter KREIN ON TOUR erschienen.

Wer hat das Zähringer-Derby erfunden?

Die Playoffs 2025 bescheren uns in den Viertelfinals das «Zähringer-Derby» und damit die gewohnte Renaissance des Deutschen Adelsgeschlechts. Doch seit wann spricht man eigentlich vom Zähringer-Derby? Die Herzöge Berthold IV und V von Zähringen waren 1157 (Freiburg) und 1191 (Bern) für die Stadtgründung, das Stadtrecht und das Stadtbaukonzept verantwortlich. Unter den Herzögen von Zähringen entstanden im Mittelalter zwölf Städte in Deutschland und der Schweiz, darunter die Eishockey-Relevanten Standorte Bern, Burgdorf, Freiburg im Breisgau, Fribourg, Rheinfelden, Thun und Villingen-Schwenningen.

In der Blütezeit spielten vier Zähringer-Städte, je zwei in Deutschland und der Schweiz, in der obersten Spielklasse. Das erste Zähringer-Derby gabs am 30. September 1980 in der Augustiner-Kunsteisbahn in Freiburg vor 4’200 Zuschauern, NLA-Aufsteiger Gottéron siegte mit 4:1. Die Eishockey-Legende Jakob Lüdi, er sitzt/sass auch bei der aktuellen Serie im Stadion, erzielte einen Hattrick und eröffnete in der 4. Minute das Skore der Geschichte dieses Derbys. Dies geschah ein Jahr vor den Nachbarn aus dem Lande der Gründerväter, welche am 27. September 1981, ihr erstes Derby zweier Zähringerstädte im Oberhaus zu sehen bekamen, der Schwenninger ERC siegte vor heimischem Publikum mit 5:4 gegen den EHC Freiburg. 1993, ein Jahr vor DEL-Gründung, musste der EHC Freiburg Konkurs anmelden und verschwand von der deutschen Eishockey-Landkarte. Seither spielten Freiburger und Schwenninger nie mehr gemeinsam in der obersten Spielklasse. So ist die Paarung zwischen Bern und Freiburg-Gottéron heute weltweit das einzige Derby zwischen Zähringerstädten.

Doch über «Zähringer» und «Eishockey» spricht man erst seit diesem Jahrtausend. Die ersten zwei Playoff-Serien zwischen Bernern und Freiburgern gingen 1991 und 1992 noch fern vom Deutschen Adelsgeschlecht durch die Medien. Erst die dritte Serie, 2008 wurde medial als «Zähringer-Derby» verkauft. Derweil lief in der Zentralschweizer 1. Liga, mit Thun gegen Burgdorf, zwischen 1984 Und 2017 ebenfalls ein Derby der Zähringerstädte. In der Saison 1999/00 gesellte sich gar noch der EHC Rheinfelden für ein Jahr dazu und spielte mit dem Namen «Zähringer» im Logo, die Derbys gegen die beiden Berner Mitstreiter.

Sportjournalistisch sprach «Der Bund», am 29. Februar 1960, anlässlich des NLB-Fussball-Spiels zwischen dem FC Bern und dem FC Freiburg, erstmals von einem «Zähringer-Derby», Es dauerte bis ins Jahr 2002, ehe der Begriff «Zähringer» sich ins Eishockey einschlich. Jürg Vogel, er tippte u. a. auch unter dem Pseudonym George Bird für SLAPSHOT, schrieb in der NZZ, vom 14. September 2002, über das Duell der beiden «Zähringerstädte.» In der Folge verbreitete sich der Begriff «Zähringer-Derby» wie deren Baukunst im Mittelalter. Die Berner Altstadt gehört seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe und vielleicht findet auch das weltweit einzigartige Derby dereinst die Aufnahme, unter der Kategorie der «Schweizer Traditionen», in Kreis des immateriellen Kulturerbes.

Artikel ist im SLAPSHOT Magazin unter KREIN ON TOUR erschienen.

Sprunger von Zähringen

Das 1000. Spiel im Zähringer-Derby, besser kann das Jubiläum des Freiburger Kapitäns nicht fallen. Der Begriff „Zähringer-Derby“, durch die Medien erfunden, taucht im Eishockey-Duell erst 2003 in den Freiburger Nachrichten auf. Bereits 1960 berichteten die Freiburger Nachrichten vom Zähringer-Derby zwischen dem FC Fribourg und dem Berner-Sport-Club Young Boys. Das Duell beginnt jedoch schon im zwölften Jahrhundert, als sich die Gebiete der Herzöge von Zähringen bis in die Schweiz erstreckten, sie gründeten zwölf Zähringer-Städte, unter anderem Freiburg (1157) und Bern (1191), wobei letztere das Duell um die Ernennung zur Bundesstadt gewinnen konnten.

Das jüngste Duell steht im Zeichen des Freiburger Kapitäns und seinem 1’000. Spiel für die Zähringer aus Freiburg. Passender hätte sein Jubiläum nicht fallen können. Sprunger ist nach Reto von Arx, erst der zweite Spieler welcher alle 1’000 Partien für den gleichen Klub absolviert hat. Gegen den Davoser absolvierte der damals 16-Jährige am 27. September 2002 in Davos sein erstes NLA-Spiel. Sein erstes Derby gegen den SCB spielte Sprunger auf den Tag genau, am 27. September 2003 in Bern, gegen seinen heutigen Trainer Christian Dubé.

Am Abend des 7. Oktober 2023 stürmt der Jubilar an der Seite seines langjährigen Weggefährten Andrei Bykov, einst Mitglied der gefürchteten SBP-Reihe (Sprunger-Bykov-Plüss), welche erst im Zähringer-Final 2013 vom SCB gestoppt werden konnte. Im jüngsten Derby feiert der Kapitän mit einem 3:1-Sieg, als 15. Spieler im 1’000er Club, einen perfekten Freiburger Abend. In den anschliessenden Feierlichkeiten, krönt sich Sprunger, im Jersey einer seiner Vorgänger, Jean-Charles Rotzetter, vor 9’009 Fans zum Herzog von Zähringen.

Fribourg-Gottéron – Bern 3:1 (2:0, 0:0, 1:1)
BCF-Arena. – 9009 Zuschauer (ausverkauft). – SR Urban/Piechaczek, Meusy/Francey. – Tore: 5. Marchon (Wallmark, Sörensen) 1:0. 14. Wallmark (De la Rose, Borgman/Ausschluss Honka) 2:0. 46. Lehmann (Bader) 2:1. 51. Sörensen (De la Rose, Borgman/Ausschluss Loeffel) 3:1. – Strafen: Fribourg-Gottéron 3-mal 2 Minuten, Bern 6-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Fribourg-Gottéron ohne Sutter (verletzt), Bern ohne Fahrni, Zgraggen (beide verletzt), Frk und Reideborn (beide überzählig). Bern von 56:42 bis 57:32, 57:40 bis 59:32 und ab 59:39 ohne Torhüter.
Fribourg-Gottéron: Berra; Gunderson, Jecker; Diaz, Borgman; Seiler, Dufner (2); Streule; Bertschy, De la Rose, DiDomenico; Sprunger, Schmid, Bykov; Binias, Walser, Jörg; Sörensen (4), Wallmark, Marchon; Mottet.
Bern: Wüthrich; Loeffel (2), Nemeth; Untersander, Kreis (2); Honka (4), Paschoud; Füllemann; Sceviour (2), Knight, Kahun; Lehmann, Baumgartner, Luoto; Vermin, Bader, Moser (2); Schild, Ritzmann, Scherwey; Fuss.

Ruotsalainens Erben

Die New Jersey Devils fristen in ihren Anfangsjahren eher ein Schattendasein, auch in der Schweiz gibts lange Zeit keinen Bezug zum roten Teufel. Dies ändert sich, als Reijo Ruotsalainen den SC Bern nochmals Richtung National-Hockey-League verlässt. Rexi gibt im Alter von 29 Jahren ein Comeback bei den New Jersey Devils. In der Januar-Ausgabe 1990 von Slapshot erscheint ein dreiseitiger Beitrag mit der Überschrift «Rexi der Teufel» – Wow – Ruotsalainen, im weissen Jersey mit der gewohnten Rückennummer 29, in der legendären grünen CCM-Supra-Hose, in Aktion gegen die Vancouver Canucks. In der Kabine sitzt der Finne neben dem heutigen Nationalmannschaft-Assistenten Tommy Albelin. Erstmals erfährt die Schweiz, lange vor dem Internet-Zeitalter, Einzelheiten der Organisation aus East Rutherford, welche in der Brendan-Byrne-Arena im Meadowlands-Sportkomplex spielt. Teufel-Ruotsalainen erscheint auch in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) und im Bund. Geliefert wird die Exklusiv-Story im Slapshot von einem gewissen «George Bird», in der NZZ vom Kürzel «gel» und im Bund noch «el». Unter dem Pseudonym «Bird» berichtet Jürg Vogel in der Schweiz gleich mehrfach aus New Jersey. Das ist der Startschuss zur Organisation «enett» dem Hudson-River.

Die Schweiz trifft sich in New Jersey

33 Jahre nach Birds erstem Bericht aus dem fernen US-Bundesstaat heisst der Kapitän der Teufel Nico Hischier, der Verteidiger Jonas Siegenthaler, der Torhüter Akira Schmid und der neuste Kassenschlager und Wunschtransfer Timo Meier. Jeder Hockeyschweizer kennt heute die New Jersey Devils, die Organisation ist die «schweizerischste» die es bis heute je gegeben hat. Vier Spieler in der gleichen Organisation übertrifft die drei Akteure bei den Nashville Predators zwischen 2016 und 2019. So treffen sich die Schweizer auch während Partien der Devils rund um das Prudential Center, so auch am 28. Dezember 2022 im Restaurant Chipotle-Mexican-Grill an der Market-Street 222. Dieser Mann kommt mir doch bekannt vor? «George Bird» ist es nicht, aber mit Eishockey hat er zu tun, es ist Gérard Scheidegger, der ehemalige Manager von Biel, Davos, Langnau, Lausanne und La Chaux-de-Fonds. Man nickt einander zu und kommt ins Gespräch – beide können auf Anhieb den Namen ihres Gegenübers nicht nennen, aber kennen sich vom Sehen her. New Jersey ein Ort wo sich heute Schweizer:innen die Türklinke in die Hand geben. Aus Birds superlativem Bericht der frühen 90er Jahre ist heute ein Pendler:innen-Ort für Herr und Frau Schweizer geworden.

Zu Besuch sind beim Schweizer Kapitän auch die Familienangehörigen aus dem Wallis, die Schweiz und New Jersey stehen sich heute so nah wie keine andere NHL-Organisation. Selbst beim Einlass hilft dir das Prädikat «Switzerland» und der Ticket-Scan wird durch die Hostessen so freundlich abgefertigt, wie das Check-In in einem Wellness-Hotel im Südtirol. Selbst der langjährige Kult-Organist Pete Cannarozzi lässt dich während dem Spiel auf seinem Orgelstuhl Platz nehmen. Cannarozzi ist nicht nur ein Kult-Mann im Prudential Center, er griff schon im alten East Rutherford in die Tasten, wo einst dieser «Mister Bird» über die Teufel berichtete. «Piitii», wie seine Freunde ihn nennen, ist seit 2001 an Board der Devils und orgelte die Teufel, am 9. Juni 2003 vor 19 040 Zuschauern, in der Continental-Airlines-Arena (oder auch Brendan-Byrne-Arena) zum vorerst letzten Stanley-Cup-Triumph.

Cannarozzi’s Orgelspiel begleitet am 28. Dezember 2022 auch den Ausgleichstreffer Nico Hischiers in der 47. Minute. Die Devils sind eigentlich das bessere Team, doch die Boston Bruins spielen äusserst effizient und abgeklärt, dazu hält Schlussmann Linus Ullmark alles, was auf seinen Kasten kommt. Die Devils verlieren, wie 1990 bei Bird’s Besuch und einem 3:6 gegen die Washington Capitals, mit 1:3 durch einen Empty-Net-Goal in der letzten 59. Minute. An diesem Abend reicht es für Siegenthaler und Co. nicht. Nicht reichen tut es auch für all diejenigen welche sich während der Drittelspause eine Pizza holen wollen, dies nicht wegen der grossen Nachfrage, sondern wegen der äusserst ineffizienten Pizza-Crew.

Wegbereiter in Teufels Küche

Die Pizza-Mannschaft präsentiert sich etwa gleich schlecht wie die Devils kurz nach ihrem Umzug aus Denver, als sie am 19. November 1983 in Edmonton mit 14:3 abgefertigt und von Wayne Gretzky als «Mickey-Mouse-Team» belächelt werden. In 80 Spielen setzt es 1983-84 für die Devils 56 Niederlagen ab. Niederlagen würde es innerhalb des Prudential-Centers im Vergleich mit den anderen Imbiss-Buden auch für die Pizza-Station absetzen. Die Pizza-Crew arbeitet heute noch so wie das «Micky-Maus-Team» und in der 18-minütigen Drittelspause gehen in Teufels Küche drei Pizzen über die Theke.

In Teufels Küche befindet sich der Schweizer Wegbereiter Ruotsalainen kurz nach Bird’s Besuch und wird im Februar 1990 nach Edmonton transferiert. Dennoch ist Ruotsalainens Engagement als Teufel der Grundstein für die späteren Erben aus dem Alpenland. Ruotsalainen gilt daher als erster «Schweizer» und ist nur der Vorbote aus einem Land, welches den Devils später einen Captain und drei weitere Schlüsselspieler bescheren wird. 1990 ist die Schweiz für die Teufel genau so unbekannt wie für Bird’s oder Vogel’s Landsleute die erste Berichterstattung aus New Jersey. Heute haben bereits sieben Schweizer das Trikot der Teufel getragen, davon stehen 2023 vier auf der Gehaltsliste der Organisation von Gründer Dr. John J. McMullen. Der erfolgreichste Finne in Teufels Küche übrigens, Sami Vatanen spielt heute in der Schweiz beim HC Genf-Servette. Ruotsalainens Erben beehren eben nicht nur die teuflischen Devils, sondern auch die finnischen Schweizer.

SpielerSpielePunkte
Nico Hischier*384*284*
Jonas Siegenthaler*156*34*
Damien Brunner7732
Mirco Müller13422
Timo Meier*19*13*
Akira Schmid (G)*23**
Gilles Senn (G)2
*Aktiver Teufel, Stand 9. April 2023

Der Fluch und der Garden

Altjahrswoche in New York, neben Weihnachtsshopping und eisiger Kälte in den Strassenschluchten von Manhattan, macht auch der NHL-Spielplan nicht halt. Einst, zu Zeiten des kalten Krieges, ist die letzte Woche des Jahres reserviert für besondere Leckerbissen. So gastieren, seit der Eröffnung des vierten Madison-Square-Gardens, am 11. Februar 1968, fünfmal kommunistische Teams aus Osteuropa an der Pennsylvania Plaza 4. Diese Spiele gehen jeweils zwischen dem 27. Dezember und dem 1. Januar als NHL-Super-Series über die Showbühne der berühmtesten Arena der Welt – und die New York Rangers gewinnen nie. Zuletzt gibts, am Silvesterabend 1990, gegen ZSKA Moskau – das wohl beste Klubteam aller Zeiten – eine 1:6-Niederlage. Bei den Sowjets mit dabei sind Sergei Zubov und Sergei Nemchinov, beide werden vier Jahre später, zusammen mit den Dynamo Moskau-Spielern Alexei Kovalev und Alexander Karpovtsev, an der gleichen Spielstätte, den Stanley-Cup für die Rangers holen.

Der Fluch

Mit den vier ehemaligen Sowjets kämpfen die Rangers, am 14. Juni 1994, im siebten Spiel der Finalserie nicht nur gegen die Vancouver Canucks, sondern auch gegen den «Fluch», der seit 54 Jahren auf den Rangers lastet und sie auf Schritt und Tritt begleitet. In der 14. Minute ist es Captain Mark Messier, welcher das Game-Winning-Goal, zum zwischenzeitlichen 3:0 erzielt. Gezittert wird jedoch, durch zwei Canucks-Treffer von Trevor Linden, bis zum letzten Bully 1,1 Sekunden vor Schluss. Der «Fluch» ist endlich besiegt, so oft sind die Rangers in den vergangenen 54 Jahren gescheitert, die Ursachen für das ewige Scheitern soll mit einem Fluch zusammenhängen, über deren Urheber man sich nicht nie ganz einig gewesen war. John Reed Kilpatrick etwa, der nach dem letzten Cup-Gewinn 1940 den Pokal entheiligt haben soll, als er darin den Grundstückpfandbrief auf den alten Madison-Square-Garden (II), auf drei Millionen Dollar lautend, verbrannte? Oder etwa eine Aussage von Mervyn «Red» Dutton, Manager der damaligen Rivalen der New York Americans, dessen Team von den Rangers aus dem Garden vertrieben und aufgelöst wurde? Dutton, welcher 1987 verstarb, schwor, die Rangers würden den Stanley-Cup zu seinen Lebzeiten nie mehr gewinnen.

In der Folge finden die Rangers während 54 Jahren immer wieder einen Weg den Stanley-Cup nicht zu gewinnen, irgendetwas geht immer schief und irgendetwas muss immer als Ausrede für das Scheitern hinhalten. Neue Retter, neue Manager, neue Trainer, neue Superstars und neue Besitzer kommen und gehen an der Pennsylvania Plaza. So auch vor dem siebten Spiel der Finalserie 1994, als Besitzer Viacom Inc. den sportlichen «Nebenbetrieb» der Rangers und New York Knicks zum Verkauf anbietet. Die perfekte Ausrede für ein erneutes Scheitern ist also pünktlich zum siebten Finalspiel bereit. Vielleicht ist dies, neben der unglaublichen Kabinenrede von Headcoach Mike Keenan – Mark Messier bezeichnet die Rede als eindrücklichste Rede die er in seiner Karriere je gehört habe – die Extraspritze für den zusätzlichen Effort und damit den besagten Fluch endlich besiegen zu können.


„So lange ich lebe, werden die Rangers keinen Cup gewinnen.“

– Red Dutton, New York Americans und Hall-of-Fame-Mitglied

Dieser Garden versprüht auch 55 Jahre nach seiner Eröffnung und mehrfachem Umbau, zuletzt 2013, einen Charme, den man nicht beschreiben kann. Sind es die historischen Ereignisse die im Hinterkopf präsent sind? Ist es der spezielle Geruch? Ist es die stille Atmosphäre, welche an einen Theater- oder Kinosaal erinnert? Oder sind es Ausstrahlungskraft und Tradition der Rangers? «Man muss ihn erleben», beschreibt Harry Valérien, ein Urgestein des deutschen Sportjournalismus, im Buch «Kultstätten des Sports» die Atmosphäre des Gardens, treffender kann man die berühmteste Arena der Welt, nach deren auch die olympische Rad-Disziplin «Madison» benannt ist, nicht beschreiben.

So berühmt und grandios die aktuellen Stars auf dem Eis auch sind, der Garden überstrahlt sie alle. So auch am 27. Dezember 2022, als die Washington Capitals mit Alexander Ovechkin und Co. gastieren. Das Spiel des Gastgebers bleibt blass und dazu brauchts nicht mal einen Fluch. Das technische Kabinettstück von Verteidiger K’Andre Miller, wie er Ovechkin aussteigen lässt, bleibt die beste Aktion der Blueshirts. Auch ohne Treffer der Rangers ist der Besuch im Garden ein unvergessliches Erlebnis oder wie heisst es? «Man muss ihn erleben.» Dies gilt nicht für den Rangers-Fan neben mir, welcher seinen Sitzplatz schon nach der zweiten Drittelspause verlässt und dies, obwohl er sich pro Jahr nur drei Spiele leisten kann: «Die Tickets sind sehr teuer, so gehe ich lieber an die Auswärtsspiele in Philadelphia, Newark und Long Island», verrät der New Yorker.

Der Ruotsalainen-Deal

Seit dem letzten Cup-Gewinn sind bereits wieder 29 Jahre verstrichen, diese sind jedoch nicht mehr mit einem Fluch behaftet, auch wenn Schwarzmarktdealer mit verbfüffend echten, aber gefälschten Tickets, als «Frank Abagnales im Westentaschenformat» ihren Schabernack treiben. Der Garden verkörpert so viel mehr als nur ein einzelnes Spiel der Rangers. In seiner 55-jährigen Geschichte wird hier auch so mancher Deal eingefädelt, der spektakulärste aus Schweizer Sicht geht im «Charley O’s», einem Steakhouse welches in den 80er Jahren auch als wichtige Begegnungsstätte dient, über den Tisch. Noch heute werden dort, vor den Spielen Steaks verzehrt – jedoch unter dem Label «Nick + Stef’s Steakhouse.» Diese kulinarische Örtlichkeit, an der Pennsylvania Plaza Nummer 9, ist an einem 12. April 1986, nach dem dritten Playoff-Spiel der Rangers gegen die Philadelphia Flyers Ausgangspunkt des Reijo Ruotsalainen-Transfers. Nach dem 5:2-Sieg der «Blueshirts» treffen sich dort SCB-Präsident Eddie Tschanz und Rangers-Star Ruotsalainen, oder wie sagt man? «Man muss ihn erleben.»

27. Dezember 2022 – Spiel 549

New York Rangers – Washington Capitals 0:4 (0:1, 0:2, 0:1)
Madison-Square-Garden. – 18’006 Zuschauer (ausverkauft!). – SR Rehman (10)/Markovic (31), Cherrey (50)/MacPherson (83). – Tore: 9. Johansson (Kuznetsov, Gustafsson /Ausschlüsse Lindgren, Kreider) 0:1. 38. Gustafsson (Sheary, Strome) 0:2. 40. Eller (Mantha) 0:3. 57. Sheary (ins leere Tor) 0:4. – Strafen: New York Rangers 3-mal 2 Minuten, Washington Capitals 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: New York Rangers ohne Blais und Hajek, Washington Capitals ohne Johansen, Oshie und Snively (alle verletzt). Torschüsse 32:30. Kuemper*, Gustafsson** und Sheary*** (alle Washington Capitals) als beste Spieler ausgezeichnet.
New York Rangers (2): Shesterkin (Halak); Miller, Trouba; Lindgren (2), Fox; Harpur, Schneider; Lafrenière, Chytil, Kakko; Panarin, Zibanejad, Kravtsov; Kreider (2), Trocheck, Vesey; Brodzinski, Goodrow, Gauthier.
Washington Capitals: Kuemper (Lindgren); Orlov (2), Jensen (2); Gustafsson, Van Riemsdyk; Alexeyev, Irwin (2); Johansson, Eller, Aubé-Kubel; Ovechkin, Strome, Sheary (2); Milano, Kuznetsov, Mantha; Protas, Dowd, Hathaway (2).

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Amerika git’s nid

Bis Ende der 90er Jahre ist die National-Hockey-League von der Schweiz so weit entfernt, wie einst Amerika für «Colombo», wie 1994 im Züri-West-Song «Amerika git’s nid» von Kuno Lauener passend umgesetzt. Nur wenige Schweizer Journalisten erleben die sogenannte «Belle-Epoche» der NHL und kehren mit leuchtenden Augen aus Amerika zurück, doch niemand weiss so richtig ob’s dieses «Amerika» so wirklich gibt, nichts beschreibt dies treffender als Züri-West’s Refrain: „Amerika git’s nid, sie hei’s gar niä gfungä – Amerika git’s nid, das isch nume ä Gschicht – Amerika git’s nid, aues glogä u erfungä – Amerika gits nid, Amerika isch nume es Grücht.“ Erst im Januar 1995 wird das Gerücht durch die Pionierleistung von Pauli Jaks zur Geschichte.

2022 und 43 Schweizer NHL-Spieler später weiss jeder, das es das mythische «NHL-Amerika git» und wie. Heute ist die NHL allgegenwärtig und der Traum jedes Hockeytalents – und sie gastiert bereits zum sechsten Mal in der Schweiz, die European-Tour von 1959 in Genf und Zürich nicht mit eingerechnet. Und wenn «Amerika» in Europa gastiert, ist alles anders. Sämtliche Zweifel in Lauener’s Refrain werden auf einen Schlag ausgeräumt. Die Medien-Akkreditierung wird durch eine Schwedin administriert: «Sorry i’m from Sweden», sagt sie nach meiner berndeutschen Frage.

Selbst die treuesten SCB-Funktionäre dürfen das Training der prominenten Gäste in der PostFinance Arena nicht besuchen und der heimische SC Bern wird beim Sonntagstraining aufs unterirdische Trainingsfeld degradiert. Die Nashville Predators trainieren ab 11 Uhr, während 30 Minuten auf dem Hauptfeld der Arena, ehe sie ihre Eisschicht vor geschlossenen Türen und Vorhängen in der Trainingshalle fortsetzen. Neben dem «besenreinen Stadion», Nachwuchskabinen inklusive und dem kompletten Wechsel sämtlicher Sponsoren, sowie dem Grossteil der Stadioneinnahmen, werden auf dem grösseren Eisfeld sogar die Bully-Kreise neu gezeichnet, damit der Winkel für die NHL-Goalies stimmt. Für den Berner Schlussmann Philip Wüthrich, spielt dies aus Sicht «Amerikas» keine Rolle. Während des Spiels scheint dies für den hervorragend spielenden Wüthrich tatsächlich keine Rolle zu spielen – er pariert Schuss um Schuss und wird zurecht als drittbester Spieler der Partie ausgezeichnet.

NIEDERREITER
JOSI

Der Rummel um und in der Arena ist der absolute Wahnsinn, alles was Rang und Namen hat – und alles was nicht Rang und Namen hat – tummelt sich im langsamen Schritt-Tempo durch die Tribünengänge. Jeden Meter kennst du irgendjemanden aus dem Hockeyumfeld und selbst Nashvilles General-Manager David Poile oder Triple-Gold-Club-Legende Peter Forsberg gehen in diesem Tohuwabohu unter. Im «Bärengraben» tummeln sich nach dem Spiel über 100 Journalisten wie in einem Ameisenhaufen, dennoch behalten die Medien-Verantwortlichen beider Seiten den Überblick. Das unerreichbare Amerika, welches vor 30 Jahren nur vom Hörensagen durch eine Handvoll Pioniere nach Drehbuch und Hollywood gerochen hat, ist nun da – und wie. «Amerika git’s» und dies allen Belangen anlässlich seines bereits zwölften Einzel-Auftritts auf Schweizer Eis.

Die sportliche Kontrolle auf dem Eis übernimmt zunächst aber nicht Amerika, sondern der Gast im eigenen Stadion und geht mit 1:0 in Führung. Ab der 27. Minute schlägt die teuerste Angriffsreihe Nashvilles, 21.5 Millionen Saisonverdienst, mit Duchene-Granlund-Forsberg gleich doppelt zu. Zweimal trifft auch Berns verlorener Sohn Roman Josi. «Wie nach Drehbuch» meint mein Sitznachbar der deutschen Eishockeynews und NHL-Kenner Joël Wüthrich, ich entgegne das «kontroverse Duell»* mit einem «Nein», wie einst in der gleichnamigen Slapshot-Rubrik* zwischen Wüthrich und Klaus Zaugg. Apropos Zaugg, der beim SCB äusserst «beliebte» Chronist findet kurz vor Spielbeginn auf der Medientribüne seinen Sitzplatz nicht: «I ha niene ä Platz», der SCB habe ihm einen Medienplatz verwehrt, entpuppt sich aber als «gloge u erfunge u isch nume es Grücht» – aber Amerika git’s!

Mikael Granlund, Nino Niederreiter und Matt Duchene vor dem nächsten Einsatz gegen den SCB. (Kein)

Jäähalli und Teatteri

Helsinki, wie viel haben wir alle schon davon gehört oder darüber gelesen, wer sich mit Eishockey befasst kommt eher früher als später mit der finnischen Hauptstadt in Kontakt. Eher früh sehe ich im Frühling 1991 die ersten Weltmeisterschaftsspiele aus der Helsingin Jäähalli am TV. Früh fasziniert auch der neue finnische Meister im Europa-Cup Halbfinal 1992, wieder in der Jäähalli und wieder am TV, gegen den Schweizermeister SC Bern. Jokerit prägt das europäische Eishockey gegen Ende der 90er Jahre und verzückt mit seinen violett-türkis-weissen Jerseys quer durch den Kontinent. Eher spät gehts in eigener Sache an die Weltmeisterschaft 2022, endlich in die achtfache WM-Stadt Helsinki.

Die Hartwall Arena steht während der WM 2022 im «russischen Abseits,» im Abseits steht auch das grüne E-Trotti von «Tier.» (Krein)

Spielort ist, aus bekannten Gründen, erstmals seit 1997 nicht mehr Helsinkis Prunkstück Hartwall Arena. Jokerits Heimstätte liegt etwas ausserhalb und ist per E-Trottinett innert 30 Minuten vom Stadtzentrum zu erreichen, zu meinen Erschrecken liegt die Arena schon ausserhalb des Geschäftsbereichs meines Trottinett-Anbieters «Tier», ob ich je wieder zurückkehren kann? Zweifellos wäre dies der perfekte Austragungsort für die erstmaligen Spiele nach der Pandemie. Auf halbem Weg, gleich beim Olympischen Park liegt die altehrwürdige Jäähalli. Geschichtlich gehts hier per Zeitreise in ruhmreiche Zeiten des WM-Kults. Bei der WM 1974 gabs hier den Volvo-Skandal – die Schweden sind mit unerlaubter Werbung ihres Autoherstellers eingelaufen – bei der WM 1982 spielte Wayne Gretzky sein einziges Mal mit Kanada an den Weltmeisterschaften und 1991 ging hier die letzte WM mit Acht Teams über die Bühne. Trotz unerlaubter Entfernung mit meinem Tier-Gefährt komme ich ohne Panne für 12 Euro 66 wieder ins Stadtzentrum zurück.

Ambühl löst Kiessling ab

Zurück kehrt auch die Jäähalli, am 21. Mai 2022, ins internationale Rampenlicht. Der Kreis der Jäähalli, am Nordenskiöldinkatu 11-13, schliesst sich mit einem internationalen Meilenstein, Andres Ambühl löst den ewigen Rekordspieler Udo Kiessling ab und dies in der gleichen Spielstätte wo die deutsche Legende Acht von seinen 119 WM-Partien absolviert hat. 1991 hat Kiessling in Helsinki sein letzten WM-Turnier gespielt. Die Jäähalli, so scheint es, ist für Ambühls Rekord die richtige Bühne. Ambühl holt hier nämlich bei seinem ersten Auftritt, am 22. März 2001 mit der U18-Nationalmannschaft die WM-Silbermedaille (2:6 Final-Niederlage gegen Russland). Später spielt Ambühl an der WM 2012 in der erwähnten Hartwall-Arena nochmals in Helsinki. Am 22. September 2015 verliert Ambühl mit dem HC Davos in der Jäähalli gegen IFK, mit Headcoach Antti Törmänen, im Champions-Hockey-League 16-Final mit 1:2.

Ambühls 120. WM-Partie gegen Weltmeister Kanada bietet Hochspannung und Spektakel, da ist alles drin was das Hockey-Herz begehrt und die alternde, zu Ambühl passende Spielstätte wird zur Nebensache. Neben dem Rekordspieler sind es die Schweizer Ausnahmekönner aus Übersee welche «ohne jeden Zweifel erhaben sind», wie es ein bekannter Deutscher Entertainer sagen würde. Die Mannschaft beeindruckt mit einer schon fast unheimlichem Geschlossenheit. Das hohe Tempo wird durch die steile Tribüne und durch das schmalere Eisfeld noch verstärkt, dieses Team von Patrick Fischer hat alles was es braucht um ganz vorne mitzuspielen.

Klassentreffen Teatteri

Ganz vorne mit spielt auch der Schweizer Anhang, die Schweizer Hockeyfans sind die Holländer des Eishockeys, die rot-weisse Welle pflügt sich quer durch die finnische Hauptstadt und ist zu jeder Tageszeit allgegenwärtig. In unserem Hotel (Finn-Hotel), im Herz der abendlichen Herrlichkeit gleich beim Irish-Pub am Kalevankatu, liegt jede Nacht irgend ein abgesoffener Schweizer auf einer Treppe oder im Korridor. Ein anderes Klassentreffen, wie es der SRF-Co-Kommentator passend ausdrückt, findet im Restaurant Teatteri statt. Die Hockeyprominenz um Funktionäre, Fan-Gruppierungen und Spieler gönnt sich dort einen späten Umtrunk. Ja, Spieler sind auch dabei, neben drei Schweizer Akteuren, welche das lokal zu einer anständigen Zeit verlassen, beweisen die Kanadier ihre Trinkfestigkeit. Der 195m Hüne Adam Lowry ist gut gelaunt und nimmt die Gratulation über seinen Treffer (2:1) gegen Leonardo Genoni gerne entgegen. Die weiblichen «Groupies» tummeln sich um den kanadischen Tisch und Supertalent Kent Johnson hat alle Hände voll zu tun.

Erinnerungen an Quebec 2008 werden wach, die Russen waren damals jede Nacht bis in die frühen Morgenstunden unterwegs, am Ende holten sie den Weltmeistertitel. Für die Krimi-Autorin Donna Leon, welcher wir kurz vor unserem Abflug in der Abflughalle zufällig über den weg laufen, würden die Kanadier eine perfekte Rolle für den Helsinki-Krimi abgeben. Als finanzieller Krimi entpuppt sich auch der Bierkonsum, die teuersten Hopfengetränke gehen für 12 Euro 50 pro Bier in der Bankabrechnung ein. Lapin Kulta, Koff (langjähriger IFK-Sponsor), Karhu, Karjala (da gabs auch schon einen Cup) oder Aura heissen die finnischen Aushängeschilder an den Zapfhähnen.

Die Hockeywelt um Kirchler

Wie das Bier zur WM gehören auch die Trottinetts zu Helsinki. Die E-Trottis sind allgegenwärtig und summieren sich im dreistelligen Zahlenbereich jeweils vor den Schweizer Spielen auf dem Gelände der Jäähalli. Die Hockeywelt ist in Helsinki, von den flotten Österreichern aus dem Vorarlberg, über den DEG-Fan – der den Brehmstrasse-Kult noch erlebt hat, über Asconas Kultspieler und heutigem Regio-League Boss, über den treuen Briten im Slough Jets-Jersey bis zu Zürichs aktuellem Sportchef und ehemaligen Presseverantwortlichen. Während des Italien-Spiels kaum zu übersehen ist die gelb-schwarze Fan-Gruppe des HC Pustertal/Val Pusteria, angeführt durch Kult-Mann Patrick Kirchler. Der Brunecker Kirchler begleitet die Azzurris seit 1993 an fast jedes WM-Turnier und gilt als weltbekannte Koryphäe in Sachen Hockeyjerseys.

Selbstverständlich darf auch ein Besuch bei den SRF-Kommentatoren und Berufskollegen Reto Müller und Philippe Furrer nicht fehlen. Auf dem Heimweg nach dem Frankreich-Spiel folgt ein kurzer und höchst kurzweiliger Fussmarsch mit Ralph Krueger. Krueger hat während der WM 1997 seinen Vertrag bei Swiss Ice Hockey in Helsinki unterschrieben und legte damit hier den Grundstein für das heutige Eishockey-Daseins unseres Landes. Helsinki ist zwar nicht Tampere, dennoch unterstreicht die finnische Hauptstadt während dieser WM ihre Wichtigkeit auf der Eishockey-Landkarte und tritt früher oder später mit so manchem in Kontakt.

Kanada – Schweiz 3:6 (3:3, 0:1, 0:2)
CAN – Johnson, Lowry, Batherson
SUI – Fora, Kukan, Siegenthaler, Hischier, Suter, Meie

Alles nur Unsinn?

Irgendwann im Schlussdrittel kommt die Geschichte des Kommentators über Dominik Kahun, er sei der erste Deutsche beim SC Bern seit dem Engagement von Xaver Unsinn 1978. Innert Kürze meldet sich per WhatsApp ein gewiefter SCB-Journalist, der Chronist würde sagen, dass ihm dessen Name soeben entfallen sei: „Stimmt nid ganz mitem Unsinn u mitem Kahun. Dr Justin Krueger hett ou z Bärn gspiut u isch ja ou ä Dütsche“, lautet die Nachricht. Super einer hört zumindest ganz genau zu und genau genommen hat er recht, denn Krueger ist zwischen 2010 und 2011, sowie zwischen 2013 und 2020 beim SCB und spielt fürs deutsche Nationalteam. Doch Krueger ist in der Schweiz gross geworden und verfügt über eine Schweizer Lizenz, also quasi ein „Hockeyschweizer“ wie einst Christian Langer, welcher zwischen 1995 und 1998 ebenfalls beim SCB unter Vertrag steht und für Deutschland spielen kann. Langer ist also gleich „deutsch“ wie Krueger und Krueger ist gleich „schweizerisch“ wie Langer.


(Andreas Blatter)

„Stimmt nid ganz mitem Unsinn u mitem Kahun.“

– R. P. aus A., per WhatsApp

Somit ist die Aussage des Kommentators doch kein Unsinn? Und Dominik Kahun ist der erste „echte“ SCB-Import unseres grossen Nachbarn seit dem Engagement von Xaver Unsinn. Deutschland und Bern, eine Kombination welche nicht nur farblich-, sondern auch sportlich passt. Unsinn holt mit dem SCB gleich im ersten Jahr den Schweizermeistertitel. Kahun bietet auf Anhieb Spektakel, der 188-fache NHL-Spieler und Topskorer hat zwar seit sieben Spielen nicht mehr getroffen, sorgt aber mit seinem wunderbaren „Game-Winning-Goal“ in der 14. Minute für den ersten Sieg der Mutzen seit vier Spielen. Kahun und der SCB, eine Geschichte die zu passen scheint, wie einst mit dem ersten Deutschen Meistertrainer der Schweiz.

11. Dezember 2021 – 34. Runde

Bern – Davos 3:1 (2:0, 0:1, 1:0)
PostFinance-Arena. – 14’131 Zuschauer. – SR Stolc /Hürlimann, Steenstra /Stalder. – Tore: 3. Bader (Thiry, Praplan) 1:0. 14. Kahun (Thomas, Scherwey) 2:0. 31. Simic (Stransky, Nygren) 2:1. 49. Thiry (Varone) 3:1. – Strafen: Bern 8-mal 2 Minuten, Davos 6-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Blum, Jeffrey, Pinana, Rüfenacht (alle verletzt) und Conacher (überzählig), Davos ohne Frehner und Nussbaumer (beide verletzt). Davos ab 58:27 ohne Torhüter.
Bern: Wüthrich; Untersander, Henauer; Andersson, Beat Gerber; Thiry, Colin Gerber; Kast; Thomas, Kahun, Scherwey; Daugavins, Varone, Moser; Jeremi Gerber, Praplan, Bader; Sciaroni, Neuenschwander, Berger; Fahrni.
Davos: Senn (21. Aeschlimann); Nygren, Heinen; Dominik Egli, Wellinger; Zgraggen, Jung; Stoop, Barandun; Stransky, Rasmussen, Simic; Ambühl, Corvi, Pospisil; Schmutz, Chris Egli, Ritzmann; Wieser, Prassl, Knak.

Fattons Feuertaufe

Erst zum zweiten Mal, innerhalb einer Woche, in seiner noch jungen Karriere steht Thibault Fatton von Beginn weg im Kasten der National-League und zum ersten Mal vor heimischem Publikum und dies im ewigen Klassiker gegen den SC Bern. Der 19-Jährige holt im zweiten Spiel den zweiten Sieg und wird als bester Spieler Luganos ausgezeichnet. Mit Gianluca Cortiana kommt ein zweiter 19-Jähriger zu seiner NL-Feuertaufe. Fatton und Cortiana gehören seit zwei Jahren zu den Leistungsträgern der Elit-Junioren. Mittelstürmer Cortiana spielt aber an diesem Abend in der vierten Reihe neben Nelson Chiquet und Loic Vedova nur knapp zwei Minuten.

Knapp an einer Schlägerei vorbei schrammen in der 35. Minute Mirco Müller und Thomas Thiry, die beiden imponieren mit guter Standfestigkeit und sorgen nach einem Ringkampf im stehen, für kurzzeitige Playoff-Stimmung bei den heissblütigen Fans der berühmten Nord-Kurve. Knapp vorbei kommen nach dem Spiel die Zuschauer auf den Sitzplätzen – bei einem Geschoss aus der Lugano-Fankurve – welche mit dem Schrecken eines lauten Knalls davonkommen. Auch ein betagter Lugano-Anhänger, der die Spiele schon auf dem Lago Muzzano erlebt haben musste, schüttelt dabei nur den Kopf.

Mit erhobenem Kopf kann sich der beste Spieler des Abend durch eine dreifache «Welle» von der Curva-Nord feiern lassen. Trotz Feuerwerk, Fatton steht beim Knall nicht weit daneben, ist die heimische Feuertaufe des Goalies aus der Nachwuchsabteilung des HC La Chaux-de-Fonds, welcher seit 2018 im Tessin unter Vertrag steht, gelungen. Gelungen ist auch Luganos jüngstes Duell im Sottoceneri gegen die Berner, welches auf höchster Stufe erstmals am 14. Oktober 1972 vor 4’500 Fans über die Bühne geht.

Thibault Fatton besteht die Lugano-Feuertaufe mit nur einem, ärgerlichen, Gegentreffer. (Krein)

25. September 2021 – 9. Runde

Lugano – Bern 3:1 (1:0, 1:1, 1:0)
Cornèr-Arena. – 5’206 Zuschauer. – SR Wiegand /Hungerbühler, Progin /Duarte. – Tore: 14. Fazzini 1:0. 23. Jeremi Gerber (Moser, Scherwey /Ausschluss Nodari) 1:1. 27. Bertaggia (Riva, Thürkauf) 2:1. 59. Walker (ins leere Tor, Ausschluss Riva!) 3:1. – Strafen: Lugano 7-mal 2 plus 10 Minuten (Müller), Bern 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer Fazzini und Conacher. Lugano ohne Carr, Haussener, Josephs, Loeffel (alle verletzt) und Tschumi (gesperrt), Bern ohne Praplan (verletzt). Bern von 58:10 bis 58:30 und ab 58:50 ohne Torhüter.
Lugano: Fatton; Nodari (4), Müller (12); Alatalo, Riva (2); Chiesa, Guerra; Wolf; Walker, Arcobello, Fazzini (2); Boedker (2), Herburger, Morini; Bertaggia, Thürkauf, Stoffel (2); Vedova, Cortiana, Chiquet; Traber.
Bern: Manzato; Andersson, Beat Gerber; Untersander, Henauer; Thiry (2), Colin Gerber; Pinana; Conacher (2), Jeffrey, Scherwey; Kast, Kahun, Moser; Fahrni, Daugavins (2), Jeremi Gerber; Sciaroni (2), Neuenschwander, Bader; Berger.

Premieren als Headcoach und Experte

Morgens um neun Uhr klingelt das Telefon, Telebärn-Mann Koch braucht einen „Experten“ für die Sendung des gleichen Tages. Heutiges Thema: „der neue SCB-Coach Johan Lundskog.“ Die Angelegenheit ist zwar äusserst kurzfristig, dennoch lasse ich mir den Auftritt als Experte nicht entgehen.

Für Lundskog ist es der erste Saisonstart als Headcoach, zuvor stand der Schwede zwei Jahre beim HC Davos- und drei Jahre bei den Frölunda Indians in Göteborg, dem erfolgreichsten Team Europas der letzten Jahre, als Assistent hinter der Bande. Wie für Lundskog ist es auch für mich eine Premiere, stehe ich normalerweise doch auf der anderen Seite der Kamera.

Premiere für die Ewigkeit

Die Pre-Playoff-Premiere in der Schweiz wird durch das verflixte Corona-Jahr wohl immer in Erinnerung bleiben, «damals wurden doch die Pre-Playoffs eingeführt, im Jahr der ersten Pandemie», wird man wohl dereinst sagen. Die Schweiz ist das letzte Land Europas grosser Hockeynationen, welches den neuen Vor-Playoff-Modus adaptiert. Finnlands SM-liiga war 2004-05 der Vorreiter dieses Spektakels. Zwei Jahre später folgten Deutschland und Tschechien, 2013-14 Schweden und vor zwei Jahren die Slowakei. Bern und Rapperswil-Jona sind die ersten Nutzniesser der schweizerischen Version und gehen, im Land der ängstlichen Favoriten, erstmals als Sieger hervor.

Im zweiten Spiel adaptiert sich die leere, imposante PostFinance-Arena auf die Torproduktion des Heimteams und dem amtierenden Schweizermeister, aktuell der längste Schweizermeister seit dem HCD beim Zweiten Weltkrieg, gelingt kein Treffer gegen Sandro Aeschlimann und Co. Bündner und Berner haben sich im Lauf der Jahre schon sieben packende Playoff-Duelle geliefert, dabei fünfmal mit dem besseren Ausgang für die gelb-blauen. Dies gelingt dem hervorragend eingestellten Team von Christian Wohlwend vorerst auch im zweiten Spiel der neuen Pre-Playoffs.

Derweil fällt der erste Favorit 160 Kilometer östlich von Bern durch das «Swiss-Cheese-Modell», Das Schweizer-Käse-Modell ist eine Verkettung von Unfallursachen, welche von latenten und aktiven menschlichen Fehlern, im Zusammenhang mit einer ungünstigen Kombination vieler ursächlicher Faktoren zu einem unerwünschten Ereignis führen. Mehr gibts dazu nicht zu sagen.

Mehr zu sagen hätte es bei der Trauerminute zu Ehren vom langjährigen SCB-Funktionär Max Sterchi gegeben. SCB-Original und Parkplatz-Chef Jüre Wymann, bekannt als «SCB-Jüre» hat mir beim passieren der Barriere zu den Presseparkplätzen Sterchis Lieblingsgeschichte erzählt: Es war im Februar 1965, als der SCB in Villars zur letzten und entscheidenden Partie um den Schweizermeistertitel antrat, unter heftigem Schneefall musste das Eis in den letzten zehn Minuten dreimal gereinigt werden, der SCB führte bereits mit 3:0, als das Heimteam einen Spielabbruch forderte, doch Head-Schiedsrichter Heinrich Ehrensperger liess sich davon nicht beirren und die Berner feierten ihren zweiten Meistertitel. Diese Geschichte, so SCB-Jüre, habe Sterchi immer wieder gerne erzählt.

Wer weiss, dereinst wird vielleicht ein langjähriger SCB-Funktionär auch die Geschichte von der leeren PostFinance-Arena, den ersten Pre-Playoffs während der ersten Pandemie, welche nicht nur den Eishockeysport weltweit beeinträchtigt hat, erzählen: Es war im April 2021, als der SCB…

9. April 2021 – Pre-Playoffs

Bern – Davos 0:3 (0:1, 0:0, 0:2)
PostFinance-Arena. – 0 Zuschauer. – SR Salonen/Urben, Schlegel/Burgy. – Tore: 9. Palushaj (Heinen) 0:1. 57. Baumgartner (Nussbaumer) 0:2. 59. Baumgartner (Herzog, Palushaj) 0:3. – Strafen: Bern 4-mal 2 Minuten, Davos 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Blum, Rüfenacht, Sciaroni (verletzt), Burren, Sterchi (überzählig). Davos ohne DuBois, Paschoud, Dino Wieser (verletzt), Ullström (überzählig). – 12. Pfostenschuss Palushaj. Marc Wieser im zweiten Drittel verletzt ausgeschieden.
Bern: Karhunen; Untersander, Henauer; Andersson, Zryd; Thiry, Beat Gerber; Colin Gerber; Conacher, Jeffrey, Olofsson; Pestoni, Praplan, Scherwey; Sopa, Heim, Moser; Berger, Neuenschwander, Bader; Jeremi Gerber.
Davos: Sandro Aeschlimann; Nygren, Jung; Stoop, Sund; Heinen, Guerra; Barandun, Hänggi; Marc Wieser, Corvi, Ambühl; Palushaj, Baumgartner, Turunen; Frehner, Egli, Herzog; Nussbaumer, Marc Aeschlimann, Ritzmann.

Enttäuschter Kunstschütze

Luca Hischiers Enttäuschung ist schon vor dem Interview spürbar. (Hervé Chavaillaz)

Was für ein Tor, beim 3:1 tanzt Luca Hischier durch die Berner Abwehr und versenkt die Scheibe am nahen Pfosten. Der dritte Treffer von Hischier würde selbst seinen kleinen Bruder in Newark verblüffen. Die Bieler führen acht Minuten vor Schluss sogar mit 5:1 und jubeln dementsprechend verhalten wie die alten Sowjets. Doch Tabellenschlusslicht und Hischier-ex-Klub Bern kommt sieben Sekunden vor Schluss noch zum Ausgleich.

Diese Aufholjagd und den Punktverlust trübt leider auch die Stimmung des Kunstschützen der 38. Minute, dementsprechend gestaltet sich auch das Interview nicht so wie es hätte sein sollen. Der Teamgedanke steht eben immer im Vordergrund und der SC Bern? Headcoach Mario Kogler hat seine Zielsetzung, welche er vor dem Spiel bekannt gegeben hat, erreicht.

31. Januar 2021

Biel – Bern 6:5nV (0:1, 4:0, 1:4, 1:0)
Tissot-Arena. – 0 Zuschauer. – SR Hebeisen/Nikolic, Obwegeser/Steenstra (Sz/Ka). – Tore: 1. (0:48) Simon Moser (Scherwey) 0:1. 25. Brunner (Lindbohm) 1:1. 27. Jason Fuchs (Cunti, Brunner /Ausschluss Berger) 2:1. 38. (37:38) Hischier (Kreis, Janis Moser) 3:1. 39. (38:28) Brunner (Forster) 4:1. 50. Kreis (Rajala, Pouliot) 5:1. 53. (52:09) Simon Moser (Brithén) 5:2. 54. (53:24) Untersander 5:3. 54. (53:41) Olofsson (Jeffrey) 5:4. 60. (59:53) Praplan (Jeffrey, Andersson, Bern ohne Torhüter) 5:5. 63. Cunti (Brunner, Kreis) 6:5. – Strafen: Biel 4-mal 2 Minuten, Bern 2-mal 2 plus 10 Minuten (Berger). – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer: Cunti; Jeffrey. Biel ohne Hofer und Ulmer (beide verletzt), Bern ohne Rüfenacht und Sciaroni (beide verletzt). Bern von 57:36 bis 58:35 und 58:55 bis 59:53 ohne Torhüter.
Biel: Van Pottelberghe; Kreis, Janis Jérôme Moser; Forster, Rathgeb; Lindbohm, Fey; Kessler, Sartori; Hügli, Pouliot, Rajala; Hischier, Komarek, Jason Fuchs; Brunner, Cunti, Künzle; Kohler, Gustafsson, Tanner.
Bern: Karhunen; Untersander, Henauer; Burren, Beat Gerber; Andersson, Blum; Thiry, Colin Gerber; Olofsson, Brithén, Jeffrey; Scherwey, Praplan, Simon Moser; Bader, Heim, Pestoni; Berger, Neuenschwander, Jeremi Gerber.

I’m Legend und das Ende

Das zweisprachige MySports-Duo Krein/Beuchat beim Geisterspiel in Biel. (Hervé Chavaillaz)

Noch am Spieltag kommt die Hiobsbotschaft in einer Livesendung von Bundestrat Alain Berset, heute Abend wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt. Also steht zum ersten Mal seit meiner Einführung ins Hockey-Leben ein Spiel ohne Zuschauer auf dem Programm. Einst hab ich fasziniert vom berühmten Geister-Final in der italienischen Serie-A zwischen dem HC Mailand und den Devils Mailand gelesen, unvorstellbar musste dies damals gewesen sein, in einem Final der sonst vor 10’000 Zuschauern im Forum ausgetragen worden war.

Heute trete ich selber an Ort und Stelle und es ist als ob all die Science-Fiction-Filme vor der Stadiontüre ihr Unwesen treiben würden. Schon der Gang zur Tissot-Arena ist unreal wie in einem schlechten Film. Wie Will Smith in „I’m Legend“ spaziere ich vom leeren Parkplatz Richtung Arena, die Sonne steht kurz vor dem Untergang und demnächst werden nach der Unterführung ein paar Zombies um die Ecke kommen. Besser läufts auch drinnen nicht, denn die Türen innerhalb der Arena sind überall abgeriegelt und eine Handvoll Journalisten steckt zwischen Lift und Presseplätzen in der Pufferzone fest.

Bieler und Zürcher laufen ein und für einmal hat sogar das U13-Spiel mehr Zuschauer. Die Atmosphäre ist gespenstisch und unfassbar. Auch einen Tag später in Langnau spukt es im Emmental beim Derby gegen Biel. Jeder Fotograf, Eismeister oder Betreuer, wie im Falle des Bielers Hugo Aegerter, kann namentlich erwähnt werden. Die beiden Endrunden entpuppen sich als vorzeitiges Saisonende und so wird zum zweiten Mal seit Gründung der Nationalliga (1937) kein Meister gekührt. Letztmals gabt dies 1940, aufgrund der Mobilmachung im zweiten Weltkrieg.

Gespenstisches Ambiente unterhalb der Medientribüne. (Hervé Chavaillaz)

Am 19. November 1939 sassen die Delegierten des Schweizerischen Eishockeyverbandes (SEHV) in Zürich an der Generalversammlung. Unter der Leitung von Militär-Hauptmann Hediger wurde die Schweizermeisterschaft abgesagt. Dies weil viele Spieler im Aktivdienst tätig sein mussten. Neben zwei Länderspielen gegen Schweden und Italien gabs nur regionale Meisterschaften und ein Ersatzturnier für den Spenglercup. Der HC Davos siegte am Ersatzturnier, vor dem Zürcher SC, dem EHC Basel und dem Kombinationsteam EHC Arosa/SC Bern. In der Westschweiz wurde am 11. Februar 1940 ebenfalls ein Turnier ausgetragen, der HC Lausanne gewann den Final gegen den HC Champéry mit 5:2.

Davos, Bern, Lausanne und Zürich sind schon zum zweiten Mal betroffen.

— Michael Krein

Wie damals stehen auch heute Zürich, als Qualifikationssieger und heimlicher «Geister-Meister», sowie Davos an der nationalen Spitze. Aus der letzten Epoche spielen heute nur noch Lausanne und der SC Bern im Oberhaus, diese vier Klubs sind zum zweiten mal von einem Abbruch betroffen. Unter Ausschluss von Zuschauern spielte letztmals der HC Lugano, am 7. September 2001 mussten die Tessiner, aufgrund der Ausschreitungen vom Playoff-Final gegen die ZSC Lions, zum Saisonauftakt gegen den SC Rapperswil-Jona ohne Zuschauer antreten.

Ein Biel-Akteur hat einen Zusammenhang und wird deshalb zum Interview gebeten, Jason Fuchs‘ Vater Régis war beim letzten Geisterspiel auf Schweizer Eis in Lugano dabei. Jason kennt sogar die Geschichte seines Vaters, wie er im Interview zur speziellen Atmosphäre in Biel erzählt. Und passend zur Situation gibts am Ende der Meisterschaft unter den letzten „überlebenden“ in der Amag-Lounge ein Bier der Marke Corona.

Die letzten Spiele vor dem „Weltuntergang“

28. Februar 2020

Biel – ZSC Lions 5:1 (2:0, 0:0, 3:1)
Keine Zuschauer. – SR DiPietro/Salonen, Cattaneo/Fuchs. – Tore: 3. Pouliot (Fuchs, Hügli) 1:0. 5. Cunti 2:0. 41. (40:33) Rajala (Riat/Ausschluss Noreau) 3:0. 42. (41:13) Chris Baltisberger (Marti, Suter) 3:1. 58. (57:03) Schneider 4:1 (ins leere Tor). 58. (57:13) Riat 5:1. – Strafen: Biel 6-mal 2 Minuten, ZSC Lions 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer: Rajala; Suter. Biel ohne Brunner, Moser, Salmela, Ullström, Neuenschwander, Wüest und Lüthi, ZSC Lions ohne Blindenbacher und Ortio (alle verletzt). Cunti verletzt ausgeschieden (28./Puck ins Gesicht). – Pfostenschuss Pedretti (51.). – Timeout ZSC Lions (57.).
Biel: Hiller; Jakowenko, Kreis; Rathgeb, Forster; Fey, Sataric; Hügli, Pouliot, Rajala; Riat, Nussbaumer, Fuchs; Schneider, Cunti, Künzle; Ulmer, Gustafsson, Kohler.
ZSC Lions: Flüeler; Noreau, Marti; Phil Baltisberger, Geering; Trutmann, Berni; Sutter; Chris Baltisberger, Roe, Suter; Bodenmann, Krüger, Hollenstein; Pettersson, Prassl, Wick; Diem, Schäppi, Pedretti; Sigrist.

29. Februar 2020

SCL Tigers – Biel 4:2 (1:0, 1:1, 2:1)
Keine Zuschauer. – SR Dipietro/Urban; Progin/Ambrosetti. – Tore: 19. Maxwell (Dostoinow) 1:0. 35. Rajala (Pouliot/Ausschluss Cadonau) 1:1. 40. (39:43) Dostoinow (Maxwell) 2:1. 46. Brunner (Pouliot, Rajala/Ausschluss Huguenin) 2:2. 51. Elo (Maxwell) 3:2. 56. Elo 4:2. – Strafen: Je 3-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer: Pesonen; Rajala. SCL Tigers ohne Gagnon, DiDomenico (überzählige Ausländer) und Punnenovs. Biel ohne Moser, Ullström, Neuenschwander, Lüthi, Cunti, Wüest (alle verletzt), Tschantré (Vaterschaftsurlaub), Jakowenko (überzähliger Ausländer). – 35. Treffer von Salmela aberkannt (Handtor). – Biel ab 56:19 ohne Torhüter.
SCL Tigers: Ciaccio; Glauser, Leeger; Lardi, Erni; Schilt, Blaser; Cadonau, Huguenin; Elo, Maxwell, Dostoinow; Berger, Diem, Pesonen; Schmutz, Earl, Sturny; Kuonen, In-Albon, Andersons.
Biel: Paupe; Fey, Kreis; Rathgeb, Forster; Ulmer, Salmela; Sataric; Hügli, Pouliot, Rajala; Riat, Nussbaumer, Fuchs; Brunner, Gustafsson, Künzle; Schneider, Tanner, Kohler.

Die Schweizer Langeweile

Bern, Zürich und Davos. Diese drei Mannschaften teilen sich seit 13 Jahren den Schweizermeister-Titel. Es ist fast wie in der alten DDR, da spielten während zwanzig Jahren mit der SG Dynamo Berlin und der SG Dynamo Weisswasser nur zwei Mannschaften um den Titel, allerdings gabs in Ostdeutschland zwischen 1970 und 1990 auch nur diese zwei Klubs. Haben in der Schweiz nur diese drei Teams das Zeug dazu den Titel zu holen? Rein statistisch gesehen, leider Ja. Schauen wir in der Schweiz acht weitere Jahre zurück, kommt mit dem HC Lugano in insgesamt 21 Jahren nur ein weiterer Klub dazu. Langeweile oder Konstanz?

Schwieriger Vergleich

In der National-Hockey-League (NHL) spielen 31 Mannschaften, dies minimiert die Chance auf den Stanley-Cup für jeden Einzelnen. Noch schwieriger gilt ein Vergleich für Teams aus der American-Hockey-League (AHL), hier wurde seit 2007 die halbe Liga ausgewechselt. Gerade mal 14 von 31 Organisationen waren vor 13 Jahren schon dabei, dies erhöht eine wechselnde Titel-Kadenz automatisch. Erstaunlich konstant blieb die, im gleichen Umfang praktizierende «russische» Kontinental-Hockey-League (KHL), beim stemmen des Gagarin-Cups, mit nur sechs verschiedenen Titelträgern. Aktuell holte der Traditionsclub ZSKA Moskau erstmals seit 1989 und damit seit 30 Jahren wieder einen Meistertitel.

„Ist es eine Mentalitätsfrage?“

— eishockeyblog

Die Schweiz, lässt sich bestenfalls mit den Ligen Deutschlands, Finnlands, Schwedens und Tschechiens vergleichen und da hinkt die National-League (NL) in Sachen Abwechslung klar hinterher. Selbst in der sechs Teams umfassenden Spanischen Meisterschaft, gabs in der gleichen Zeit fünf verschiedene Titelträger. Eine Frage der Finanzen? Zwischenzeitlich gibt es in der NL mehr als nur drei Finanzkräftige Teams und die ZSC Lions haben sogar die Playoffs verpasst, so gesehen zählt dieser Aspekt nicht mehr.

Schweizer Mentalität?

Ist es eine Mentalitätsfrage? Denn auch im Schweizer Fussball ging der Titel in den letzten 13 Jahren, mit dem BSC Young Boys, dem FC Basel und dem FC Zürich nur an drei verschiedene Teams. Der HC Genf-Servette und der EHC Biel waren mit dem neuen und «alten» Meister sportlich zwar fast auf Augenhöhe, doch in der entscheidenden Phase hat der letzte Wille oder die Klasse gefehlt. Dabei liebt der «Schweizer» doch die Rolle des Aussenseiters. Denn gleichzeitig ist in keinem anderen Land der Welt, der Qualifikationssieger im Viertelfinal so häufig (5-mal) ausgeschieden wie in der Schweiz. Und dennoch, gewinnt am Schluss immer «Berlin» oder «Weisswasser» oder in der eidgenössischen Version eben Bern oder Zürich, in der langweiligsten Meisterschaft seit Auflösung der DDR.

Die Ligen im Vergleich (seit 2007)

MeisterLiga
10NHL, Tschechien
7AHL, Schweden, Australien
6Finnland, KHL
5Deutschland, EBEL, Grossbritannien, Norwegen, Slowakei, Spanien
4Frankreich
3Schweiz

Wenn Orlando nach Bern kommt

Am 1. Oktober 2018 treffen die New Jersey Devils in der PostFinance Arena, im Rahmen der NHL Global-Series-Challenge 2018 auf den SC Bern. Zum ersten mal in der Klubgeschichte gastiert die Mannschaft aus New Jersey in Europa. Ihre Vorgänger Franchise, die Kansas City Scouts spielen zwischen dem 14. und 18. April 1976 vier Partien in Sapporo und Tokyo gegen die Washington Capitals.

Für Bern ist es nach dem New York Rangers vor zehn Jahren, das zweiten Treffen mit einer Franchise aus dem Grossraum New York. In der Geschichte ist es die achte «NHL-Partie» auf Schweizer Eis. Zusätzlichen Reiz schaffen die beiden Schweizer Nico Hischier und Mirco Müller, welche erstmals mit ihrem Team in der Heimat antreten können.

Bereits am Tag davor werden in der PostFinance Arena fleissig die Hymnen trainiert. In der leeren Halle probt die Sängerin die Akustik. Zu den Beobachtern gehört auch ein älterer Herr mit Brille, es ist der Scouting-Director des Teams, Gaetano Orlando. Bern ist 1994 Orlandos erste Anlaufstation nach seiner grossen Karriere (vier Meistertitel plus Alpenliga-Sieger) in Italien. Auch in der Schweiz hat sich der Italo-Kanadier unsterblich gemacht, in fünf Jahren kommen zwei weitere Pokale (1997, 1999) dazu.

Alles bis ins Detail geplant und bereit für die Gäste aus der NHL. (Krein)

Für seine jetzige Organisation hat er nie in der NHL gespielt, dafür 103 Spiele für die Buffalo Sabres und als Supplement, bereits als Assistenz-Trainer der Albany River Rats, 2003-04 im Alter von 41 Jahren eine Partie für das Farmteam der «Teufel.» Apropos «Teufel», Orlando spielt im Dezember 1992 im Rahmen des Europacups mit den Devils Mailand siegreich gegen den SCB. Orlando pflegt noch heute seine Kontakte mit den Bernern, wie etwa mit Kultfigur «SCB-Jüre» Wymann.

Die Kontakte der beiden Schweizer Söldner sitzen beim Spiel im Stadion. Im Team der Gegenwart hat Hischier mit 87 Spielen Orlando auf dem NHL-Parkett schon fast eingeholt. Müller steht bei 85 Partien für San Jose und New Jersey. Ein Spiel gegen das Fanionteam des SCB haben aber beide noch nie bestritten, da ist ihnen ihr Scouting-Director noch Meilen voraus.

1. Oktober 2018

SC Bern – New Jersey Devils 2:3nV (0:1, 1:1, 1:0, 0:1)
PostFinance-Arena. – 17’031 Zuschauer (ausverkauft). – SR Wiegand/Meier (Sz/USA), Kovacs/Cameron (Sz/USA). – Tore: 6. Greene (Wood) 0:1. 21. Moser (Arcobello) 1:1. 33. Lovejoy (Zacha) 1:2. 58. Arcobello (Andersson) 2:2. 64. (63:07) Hall 2:3. – Strafen: Bern 2×2 Minuten, New Jersey 3×2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Kämpf, Bieber und Untersander, New Jersey ohne Schneider (alle verletzt). Torschüsse 14:29 (3:16, 7:9, 4:4, 0:1). Hischier*, Genoni** und Müller*** als beste Spieler ausgezeichnet.
Bern: Genoni (Caminada); Kamerzin, Almquist; Krueger, Blum; Andersson, B. Gerber; Burren, Marti; Rüfenacht, Arcobello, Moser; Mursak (2), Ebbett, Heim; Sciaroni (2), Haas, Scherwey; J. Gerber, Berger, Grassi.
New Jersey Devils: Kinkaid (Läck); Vatanen, Müller; Severson, Greene; Lovejoy (2), Butcher; Santini (2); Palmieri, Hischier, Hall; Bratt, Zacha, Johansson; Dea, Zajac (2), Wood; Noesen, Boyle, Coleman; Quenneville.

Zum Teufel mit dem Würfel

Gleich zweimal treten die Berner innert Kürze gegen die «Teufel» an. Nach dem britischen Meister Cardiff Devils als Sparringspartner in der Champions-Hockey-League, gastieren drei Wochen später die grossen New Jersey Devils im Rahmen der Global-Series in der Hauptstadt. Doch auch die Waliser entpuppen sich als ernste Gegner. Die Berner sind gewarnt, denn vor einer Woche setzten sich die Mutzen in Wales erst in der Overtime knapp mit 3:2 durch.

Cardiff schreibt in den 90er Jahren erstmals britische und internationale Geschichte, die Devils holen zwischen 1990 und 1994 drei Meistertitel und spielen im Europa-Cup und verpassen dort knapp den EHC Kloten. Dies veranlasst mich schon damals im Schulalter einen Brief nach Cardiff zu entsenden, welcher durch die Waliser mit grosser Verwunderung, über ihren Bekanntheitsgrad bis in die Schweiz, beantwortet wird und sogar in einem Matchprogramm abgedruckt wird.

Um diesen Bekanntheitsgrad müssen die Briten heute nicht mehr kämpfen, denn Ben Blood (Blut) und Co. verlieren auch ihre zweite Partie gegen die Berner erst in den Schlussminuten. Etwas früher verliert dafür Berns Videowürfel den Kontakt zur Aussenwelt. Ob da der «Teufel» seine Finger im Spiel gehabt hat? Der kurze elektronische Aussetzer bleibt praktisch unbemerkt und der Teufel wird gleich doppelt besiegt.

8. September 2018 – Gruppe E

SC Bern – Cardiff Devils 3:2 (0:1, 1:1, 2:0)
PostFinance-Arena. – 5761 Zuschauer. – SR Prazak (Tsch) /Lemelin, Fuchs /Wüst. – Tore: 13. Myers (Hedden) 0:1. 25. Moser (Mursak, Arcobello) 1:1. 31. Martin (Fournier /Ausschlüsse Mursak; Blood) 1:2. 45. Sciaroni (Blum) 2:2. 56. Untersander (Moser) 3:2. – Strafen: Bern 5-mal 2 Minuten, Cardiff 3-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Rüfenacht (privat), Colin Gerber, Fogstad Vold (überzählig) und Marti (Langenthal). 4. Pfostenschuss Blood. 20. Lattenschuss Arcobello. 55. Pfostenschuss Scherwey. 55. Time-out Cardiff. Cardiff ab 58:57 ohne Torhüter. Torschüsse 38:26 (10:8, 13:10, 15:8).
Bern: Genoni; Untersander (2), Almquist; Andersson, Beat Gerber; Krueger (4), Blum; Kamerzin, Burren; Mursak (2), Arcobello, Moser; Sciaroni (2), Haas, Scherwey; Bieber, Ebbett, Kämpf; Berger, Heim, Grassi.
Cardiff Devils: Bowns; Reddick, Blood (2); Richardson, Batch; Louis (2), Fournier; Pope, Martin, Bentivoglio (2); Haddad, Dixon, Linglet; Morisette, Myers, Moore; Faryna, Ulmer, Hedden; Rutkis.

Sparta beschert Rekord

Der SC Bern, europäisch so weit gekommen wie seit 1992 nicht mehr und damit erstmals überhaupt in einer K.O.-Phase der Champions-Hockey-League, erhält zum „Samichlausen“ ein tschechisches Säckli aus Prag. Sparta spielt bei seinem elften Europa-Auftritt zum zehnten Mal in der K.O.-Phase und gilt als europäisches Schwergewicht, dieses Schwergewicht beschert den Mutzen mit 14’500 Fans die höchste Zuschauerzahl in einem europäischen Wettbewerb seit 41 Jahren.

Unter den 14’500 befinden sich auch ein paar als Prager getarnte Seeländer, die Fraktion um Tschechien-Experte und „Dukla-Jihlava-Schweiz Präsident“ Chris Habegger trägt Sparta-Jerseys aller Epochen. Darunter ist auch das Jersey von Spartas erstem Europa-Cup-Auftritt im Herbst 1990 in Lugano. Sparta qualifizierte sich damals zum ersten Mal für ein europäisches Endrundenturnier und traf im Bronze-Spiel auf die Mannschaft des heutigen SCB-Trainers Kari Jalonen. Turku ohne den verletzten Spieler Jalonen bezwang die Spartaner mit 4:3.

Die „Prager“ aus dem Berner Seeland, von links Bo Hofmann, Chris Habegger, Michael Krein und Mates Hurst, verstärkt durch Ostblock-Kenner Beat Kurt im Dukla Jihlava Sweater. (Milan Zwahlen)

26 Jahre später muss Jalonen wieder zusehen, als Trainer – und anders als Turku kommen die Berner gegen die Tschechen nicht über ein 1:1 hinaus. Das Rückspiel folgt in einer Woche in der O2 World in Prag. Mit Sparta kehrt Europa in Zuschauerzahlen endlich nach Bern zurück, die Partie bringt den Mutzen die zweithöchste Zuschauerzahl der Europa-Cup-Geschichte – was ausser vielleicht Berns Pressechef Christian Dick keinen interessieren wird – und in einer Woche werden wir wissen ob die Berner auch noch an die sportlichen Europa-Cup-Erfolge der 90er Jahre anknüpfen können.

Berns „Top-of-Europe

DatumSpielZuschauer
6.2.1975Berliner SC16’151
7.12.2016Sparta Prag14’567
11.10.2016Salzburg13’667
1.11.2016Jyväskylä13’660
18.10.1977Köln11’616
Statistik: Krein

Weltrekord ohne Goalie?

Das Hinspiel gewannen die Berner in Salzburg mit 4:1, die Gäste brauchen also einen Sieg mit drei Toren Differenz. Nach 25 Minuten liegen die Österreicher aber wieder mit zwei Toren im Hintertreffen. Jetzt hilft nur noch «äänen Red Bull», der den Ösis Flügel verleiht. Der Energiedrink scheint zu wirken, denn innert neun Minuten gleichen die Mozartstädter zum 3:3 aus. Den Bullen fehlen aber immer noch zwei Tore um überhaupt in die Overtime zu kommen.

Der richtige Kraftakt des österreichischen Meisters kommt erst in der Schlussphase. Torhüter Luka Gracnar wird bereits fünf Minuten vor Schluss durch einen sechsten Feldspieler ersetzt, ob das gut kommt? Trotz aller Energie, welche eine Red Bull Dose freisetzen kann, scheint ein weiterkommen der Mannschaft von Greg Poss ein Ding der Unmöglichkeit.


Luka Gracnar

„Während vier Minuten und 51 Sekunden einen leeren Kasten.“

— ein Weltrekord?

Zu einem weiteren Treffer kommen die Salzburger nicht. Beeindruckend ist aber die Tatsache, dass die Red Bulls während 4 Minuten und 51 Sekunden keinen Gegentreffer in den leeren Kasten hinnehmen müssen. Die Berner kommen in dieser Phase zu keinem Abschluss. Nur kurzzeitig kehrt Gracnar, beim Bully in der eigenen Zone, für fünf Sekunden in seinen Kasten zurück.

Trotz dem Aus in den Sechzehntelfinals, scheinen die Männer in den silber-blauen Helmen in Bern einen Weltrekord aufgestellt zu haben. Red Bull verleiht bekanntlich Flügel, oder zumindest einen Eintrag ins Guiness Buch.

Die Red-Bull-Dosen in Form eines Helms verleihen erst am Schluss Flügel. (Krein)

Die Pizza vor dem Sturm

Es herrscht die pure Idylle im Garten-Restaurant der Osteria-Resega, die Sonne scheint, das Klima ist sommerlich warm und die Pizza-Prosciutto wird in Kürze serviert – während wir auf unsere Pizza warten – finden auch andere Medienvertreter aus dem Züribiet die „Via Sonvico uno“. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen aber erahnen, die „Prosciutto“ ist die letzte Ruhe vor dem Sturm. Unsere Tickets erhalten wir vom Lugano-Offiziellen Dany El-Idrissi, direkt beim Sekretariat an der Via Chiosso. Dann gehts los in die Höhle des „Panthers“, sieben Plätze neben uns sitzt der ehemalige Lugano-Spieler und dreifache Schweizermeister Florian Blatter.

Wie in den Neunzigern

Die Bianconeri stehen erstmals seit ihrem letzten Meistertitel, also nach zehn Jahren, wieder im Final. Die Erwartung ist gross und das Publikum geladen wie an einem siebten Spiel. Lugano muss heute im dritten Spiel der Serie (Stand 1:1) wieder vorlegen. Die Rivalität zwischen Bern und Lugano lässt die alten 90er Jahre wieder aufleben, als sich die heutigen Gegner dreimal in Folge im Endspiel duellierten. Mit dabei war damals auch der heutige Final-Schiedsrichter Didier Massy, wohl kaum einer der aktuellen Fans mag sich an Lugano-Massy (2-mal Meister) noch erinnern.

Die Schiedsrichter sind während der ganzen Partie dem Gefahrenherd des heissblütigen Mobs ausgesetzt. Wenns für den Gegner läuft, fliegt alles aufs Eis was nicht niet- und Nagelfest ist. Bierbecher, Schlüsselketten, Sonnenbrillen oder Lippenstifte führen mehrfach zu Unterbrüchen. Kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit wird sogar die Plexiglasscheibe der Berner Strafbank, wo Simon Moser sitzt, zertrümmert. Vielleicht ist es wie im alten Rom, während der Zirkusspiele im Colosseum, den Unparteiischen hätte man damals wohl den Daumen nach unten gezeigt. Die Ruhe der Osteria-Resega ist auf der Pista-Resega kaum noch zu erahnen und das Spiel?

Non mollare mai

Endet zum Schrecken aller, ausser den Spielern des SCB, zu Gunsten der falschen Gladiatoren und der Mob wütet, wie einst bei der Schande von Lugano, bei Zürichs Meistertitel 2001. Das Erlebnis ist aber auch für meinen „Berner“ Freund unvergesslich, auch wenn er zeitweise um sein Leben fürchtet – für alles andere gibts die Mastercard, das ist die Resega und das ist Lugano. „Non mollare Mai“ (gib niemals auf), sind unvorstellbare Leidenschaft und Enthusiasmus, gekoppelt mit einer Finalpartie weltweit unübertreffbar.

Die letzte Ruhe vor dem Sturm gilt auch für die Schiedsrichter Roger Bürgi (75), Didier Massy (22), Danny Kurmann (66) und Simon Wüst (44). (Krein)

7. April 20163. Finalspiel

Lugano – Bern 2:3nV (0:0, 2:1, 0:1, 0:1)
Resega. – 7’800 Zuschauer (ausverkauft). – SR Kurmann/Massy, Bürgi/Wüst. – Tore: 21. Bodenmann (Ebbett /Ausschluss Rüfenacht!) 0:1. 26. Martensson (Ulmer /Ausschluss Blum) 1:1. 38. Lapierre (Chiesa, Sannitz) 2:1. 47. Ebbett (Moser, Jobin) 2:2. 70. Scherwey (Plüss) 2:3. – Strafen: Lugano 8-mal 2 Minuten, Bern 10-mal 2 plus 10 Minuten (Roy). – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer Klasen, Conacher. Lugano ohne Steinmann (verletzt), Stapleton, Sartori, Romanenghi (alle überzählig), Bern ohne Hischier, Kobasew, Bergenheim, Bührer, Kousa (alle verletzt), Kreis, Ness, Smith (alle überzählig). 4. Pfostenschuss von Pascal Berger. 73. Timeout von Lugano.
Lugano: Merzlikins; Hirschi, Kparghai; Chiesa (2), Furrer; Ulmer, Vauclair; Kienzle (2); Brunner, Hofmann, Bertaggia; Walker (2), Sannitz, Lapierre (6); Kostner, Schlagenhauf, Fazzini; Martensson, Klasen (2), Pettersson (2).
Bern: Stepanek; Jobin, Untersander; Krueger, Blum (2); Helbling (4), Gerber; Flurin Randegger; Bodenmann, Ebbett, Moser (2); Conacher, Roy (12), Rüfenacht (8); Scherwey, Plüss, Reichert; Alain Berger (2), Pascal Berger, Gian-Andrea Randegger.

Der andere Riesen

Alain Riesen besucht am 23. Januar 2016 das Spiel zwischen bern und Kloten. (Krein)

Eishockeytechnisch hat die Schweiz und Australien nicht viele Gemeinsamkeiten. An der C-Weltmeisterschaft 1974 trafen die beiden Nationalteams im Palais-des-Sports in Grenoble erstmals aufeinander. Der 20:0-Sieg der Eisgenossen ist bis heute der höchste Sieg der Geschichte des Schweizer Nationalteams, der ehemalige Nationaltorhüter Robert «Robelon» Meuwly sagt noch heute «i ha ke Pögg berüehrt». Auf die Frage wie hoch wohl seine Mannschaft (Canberra Brave) gegen die beiden heutigen Gegner SC Bern und Kloten Flyers verlieren würde, antwortet Alain Riesen mit demselben Resultat: «twenty-zero.»

Ursprung in der Berner Allmend

Alain Riesen? Sein Name lässt nichts über seine wahre Herkunft vermuten: Australien. Riesens Eltern sind 1987 durch ein Jobangebot in Australiens Hauptstadt Canberra aus Bern nach Down Under ausgewandert. Drei Jahre später, am 5. September 1990 hat Alain Riesen in Canberra das Licht der Welt erblickt. Im Alter von zwölf Jahren reist Riesen mit seinen Eltern in die Schweiz und besucht sein erstes Eishockeyspiel im Berner Allmend-Stadion. «Seit diesem Spiel wollte ich Hockey spielen», nennt Riesen, der auch ein gebrochenes Berndeutsch spricht, als Grund für seine exotische sportliche Affinität im Land des Rugbys.

„Seit diesem Spiel wollte ich Hockey spielen.“

— Alain Riesen über Bern

Alain Riesen (#32) am 6. Juni 2015, bei Canberras 4:1-Sieg gegen die Sydney Ice Dogs. (Paul Furness)

Der erste Australier in der Schweiz

Als 18-Jähriger debütiert der Doppelbürger 2009 in der Australian-Ice-Hockey-League (AIHL) bei den Canberra Knights, dem traditionsreichsten von acht AIHL-Teams. Seine Schweizer Wurzeln führen den Stürmer in der Saison 2012/2013 zum EHC St. Moritz. Er habe ein paar Schweizer Klubs, darunter auch den EHC Wiki-Münsingen wo einst sein Grossvater gespielt hat, kontaktiert, sagt Riesen. Die Bündner boten dem College-Absolventen neben dem Hockey-Abenteuer auch eine Saisonstelle in einem Sportgeschäft, also spielte der erste Australier in der Schweiz unter Trainer Gian-Marco Crameri bei St. Moritz in der 2. Liga.

Saisonstart im April

Im Dezember 2015 kehrt der 25-Jährige für einen Monat in die Schweiz zurück um seiner Freundin Chloe neben Paris und London auch sein Mutterland zeigen zu können. Neben den obligaten Sehenswürdigkeiten wie Luzern, Zermatt oder Genf gehören auch drei Eishockeyspiele dazu. Riesen, der bei seinem Onkel in Gasel weilt, besucht zwei Spiele in Bern, seinem Lieblingsclub und ein Spiel in Davos. Beeindruckt von der imposanten Kulisse in Bern startet der «Australier» im April 2016, die AIHL läuft von April bis August, in seine achte AIHL-Saison mit den CBR (Canberra) Brave, dort spielt der Rechtsschütze seine Heimspiele vor 800 Zuschauern. Die Leidenschaft für den schnellsten Mannschaftsport der Welt ist aber auch beim «anderen» Riesen mindestens so gross wie die Kulisse der PostFinance Arena.

Canberra Brave-Spieler Riesen besucht seinen Ursprungsort, die Berner PostFinance Arena. (Krein)

Boucher und die Lightning-Connection

Beim SC Bern sind aktuell fünf ehemalige Protagonisten der Tampa Bay Lightning engagiert. Die Neuzugänge Cory Conacher, Trevor Smith, Sean Bergenheim und Timo Helbling, sowie der bisherige Headcoach Guy Boucher. Sie alle standen einst in der Organisation der Lightning. Die drei Stürmer Bergenheim, Conacher und Smith spielten zwischen 2010 und 2013 unter Boucher bei Tampa in der National-Hockey-League (NHL). Der Pionier unter dem Quintett ist aber Helbling, er stand bereits 2005-06 beim damaligen Stanley-Cup-Sieger unter Vertrag.

In der NHL realisierte das Berner-Quartett in 156 Spielen 70 Skorerpunkte. In der Schweiz kommen die ehemaligen «Blitze» in den ersten 15 Qualifikations-Runden auf 29 Zähler. Am 20. Oktober 2015 gastiert der Tabellenzehnte HC Ambrì-Piotta in der PostFinance Arena. Nach 40 Minuten führen die Leventiner mit 3:1 und Bouchers Trainerstuhl gerät, gezeichnet durch die jüngsten Berner Auftritte und die nordamerikanische Gerüchteküche, ins Wanken. Doch die Blitze am Berner Eishockeyhimmel scheinen die Notsignale ihres ehemaligen NHL-Coaches noch rechtzeitig zu erhören.

Sechs Skorerpunkte der Lightning-Connection

Im letzten Drittel schlagen die «SCB-Blitze» gleich fünfmal in Ambrìs Gehäuse ein und der SCB gewinnt in einem spektakulären Eishockeyabend mit 6:3. Bouchers Lightning-Connection steuert bei der grossen Tampa-Show sechs Skorerpunkte (Helbling 3, Conacher 2, Smith 1) bei und verschafft ihrem ehemaligen NHL-Trainer Luft nach oben. «Thinking to the gameplan under pressure, thats mental toughness», nennt Boucher als Schlüssel zum siegreichen Abend. Anders als die «Bern Lightning» präsentiert sich das Fanionteam in der NHL. Tampa Bay verliert am selben Abend gegen Roman Josi und die Nashville Predators mit 4:5 nach Penaltyschiessen, ob Jon Coopers Gameplan nicht konsequent umgesetzt wurde?

Bern – Ambri-Piotta 6:3 (0:2, 1:1, 5:0)
PostFinance Arena. – 14’952 Zuschauer. – SR Eichmann/Koch, Espinoza/Kaderli. – Tore: 1. (0:23) Monnet (Emmerton, Fora) 0:1. 20. Giroux (Pestoni, Hamill) 0:2. 31. Duca 0:3. 34. Smith (Helbling, Rüfenacht) 1:3. 44. Plüss (Jobin/Ausschluss Bianchi) 2:3. 48. (47:29) Roy (Conacher, Blum) 3:3. 49. (48:10) Moser (Blum, Pascal Berger/Ausschluss Duca) 4:3. 54. (53:30) Pascal Berger (Helbling) 5:3. 55. Helbling (Conacher/Ausschluss Mäenpää) 6:3. – Strafen: Bern 3-mal 2 Minuten, Ambrì-Piotta 8-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Ebbett, Kobasew und Krueger, Ambri-Piotta ohne Hall, Flückiger (alle verletzt), Gautschi und Stucki (beide krank). Timeout Ambri-Piotta (46.).
Bern: Bührer; Helbling, Untersander; Kreis, Blum; Jobin, Gerber; Flurin Randegger, Gian-Andrea Randegger; Reichert, Rüfenacht, Scherwey; Moser, Plüss, Bodenmann; Alain Berger, Smith, Bergenheim; Conacher, Roy, Pascal Berger
Ambrì-Piotta: Zurkirchen; Fora, Zgraggen; Birbaum, Mäenpää; Trunz, Chavaillaz; Sven Berger; Lhotak, Emmerton, Monnet; Grassi, Bastl, Lauper; Pestoni, Hamill, Giroux; Duca, Kamber, Bianchi; Fuchs.