Ein Giant wie die Titanic

Wenn die Belfast Giants in der Schweiz gastieren, dann strömen in Lausanne 5’678 Fans in die Vaudoise-Aréna. Die Stimmung ist bombastisch und der Auftakt mit fünf Toren innert knapp acht Minuten ist so spektakulär wie der nordirische „Riese“ aus Belfast. Der nordirische Klub wurde zu Ehren Finn McCools, einem Riesen der irischen Mythologie, benannt, der Anführer des Kriegerclans Fianna ziert auch das Logo der Briten.

Spektakulär ist auch die Menükarte von Loge Nummer acht, neben Apéro-Häppchen, werden Sandwiches, Pizzen, Hamburger, Hot-Dogs und Crevetten-Cocktails serviert, dazu ein Glas Chasselas. Die Loge bietet beste Kulinarität und Sicht auf das Spielgeschehen. Das Heimteam geht zweimal in Führung, die Gäste gleichen zweimal innert einer halben Minute wieder aus und gehen in der achten Minute gar in Führung. Lausanne-Keeper Connor Hughes wird dabei dreimal mit dem „falschen Stock“ erwischt. Kurz vor Spielbeginn musste Lausannes Schlussmann sein Stockende, so sagt es die IIHF-Regel, weiss isolieren. Innert acht Minuten wurde er dreimal auf Höhe seines Stockenden erwischt.

Belfast und die Titanic

Doch das wars mit der nordirischen Herrlichkeit, die Kampfkraft der grünen Riesen schwand wie die Leckereinen innerhalb der Loge acht. Der Wein, welcher zu Beginn noch freudig offeriert worden ist, soll plötzlich nicht mehr inklusive sein, doch dies tat dem Champions-League-Dinner keinen Abbruch. In der gleichen Loge war auch eine Frau der zuständigen Sportagentur des Wettbewerbs und der rhetorische Austausch über CHL & Co. sprudelte wie der Chasselas.

Sprudelnd war in Laufe der Partie auch die Angriffsmaschinerie der Waadtländer, vier weitere Tore liessen die Nordiren, welche einst noch 3:2 in Führung lagen, gegen den Lausanner Eisberg sinken wie die Titanic. Tatsächlich steht Belfasts SSE-Arena im Titanic-Viertel (Titanic-Quartier), wo der „unsinkbare“ Riese zwischen 1909 und 1912 in der Werft von Harland & Wolff erbaut worden ist. Heute steht das Titanic-Belfast-Museum, welches 100 Jahre nach der Tragödie eröffnet worden ist, neben der Heimspielstätte der Giants.

Katholiken und Protestanten

Erst zur Jahrtausendwende, durch die kanadischen Geschäftsherren Bob Zeller und Albert Maasland gegründet, sind die Giants nicht nur eine Bereicherung für die britische Elite-Ice-Hockey-League, sondern leisten auch einen wichtigen Teil in der durch die Glaubensrichtung (Katholiken und Protestanten) gespaltenen Gesellschaft. Bei den Giants sind die beiden Glaubensrichtungen bunt durchmischt.

Bunt durchmischt sind Lausenner und Nordiren auch nach dem Spiel im Spot-Café der Vaudoise-Aréna, Bier, Wein und Käsefondue laufen über die Bar-Theke wie die zehn Tore der Champions-League-Partie. Feuchtfröhlich und friedlich, in der zuletzt durch hässliche Szenen im Brennpunkt stehenden Olympiastadt. Der Eishockey-Sport verbündet in dieser Nacht nicht nur zwei Glaubensrichtungen, sondern auch zwei Eishockey-Metropolen.

Die Helme der Belfast Giants sind bereit, die Spieler auch? (Krein)
5. September 2025, dritter europäischer Spieltag und erstes Heimspiel der Lausanner. (Krein)
Privat-Loge 8, im letzten Drittel während Belfasts Gastauftritt. (Krein)

Vom «Röselichöhli» zum Fleisch

Unter Heinz Ehlers spielt der HC Lausanne drei Jahre lang unattraktives, aber sehr erfolgreiches Defensiv-Eishockey. Unter Ehlers erreichen die Waadtländer sogar zweimal die Playoffs und sichern sich im vergangenen Jahr souverän den Ligaerhalt. Mit Daniel Ratushny steht neu ein offensiv-ausgerichteter Trainer an der Bande der Löwen und der defensive Froschkönig verwandelt sich in einen offensiven Kronprinzen.

Oder wie es ein Seeländer Polizei-Spotter, ein ziviler Stadionüberwacher im Eisstadion, passend formuliert: «Es ist wie mit dem Röselichöhli», gibts du deinen Kindern drei Jahre Rosenkohl ist das gut, weil sie nichts anderes kennen. Unter dem neuen Familienoberhaupt Ratushny gibts jetzt erstmals Pommes-Frites serviert und die Mannschaft läuft neuerdings auch offensiv auf Hochtouren.

Erfolgreichster Saisonstart

Auch Lausannes Presseverantwortlicher Omar Guess ist von Ratushnys Arbeit begeistert: «Man bemerkt es im Training, die Stimmung ist super, alle haben Freude am Offensiv-Stil des neuen Trainers». Es war auch unter Ehlers gut, fügt der Pressechef dazu. Aber eben, nur gut wie «Röselichöhli». Nach drei Jahren Magerkost geht Lausanne endlich zu frittierter Offensiv-Kreativität über. Unter Ratushny starten die Waadtländer so erfolgreich wie noch nie in ihrer 22-jährigen NLA-Geschichte und holen sieben Siege in den ersten acht Spielen.

Nach drei Jahren Magerkost geht Lausanne endlich zu frittierter Offensiv-Kreativität über

Der österreichische Meistertrainer führte zuletzt den EC Red Bull Salzburg durch Offensiv-Spektakel 2015 und 2016 zu zwei Meistertiteln. Ratushnys Aufgabe in Lausanne ist so schwer wie einen Veganer zum Vegatarier umzufunktionieren. Statistisch ausgedrückt: Vermittle dem schwächsten Offensivteam der NLA der letzten zwei Jahre den Spielstil des stärksten Offensiv-Teams Österreichs der letzten zwei Jahre.

Vorsicht Fleisch

Die Salzburger erzielten in den vergangenen zwei Spielzeiten unter Ratushny in 54 Spielen 200 (3.7 Tore/Spiel) und 208 Tore (3.85 Tore/Spiel), Lausanne unter Ehlers in 50 Spielen 105 (2.1 Tore/Spiel), respektive 123 (2.5 Tore/Spiel) Treffer. Gespielt ist erst ein Fünftel der Qualifikation, dennoch haben die Lausanner bereits einen Drittel der Punkte der vergangenen Saison auf ihrem Konto. Aber Vorsicht, riecht der ehemalige Veganer erstmals das «Fleisch», genügen in der Waadtländer Kantonshauptstadt auch die vegetarischen Pommes-Frites nicht mehr.

Foto: Hervé Chavaillaz

Huet und der «Fluch Zürichs»

Cristobal Huet und die ZSC Lions, die Geschichte beginnt in Playoff-Final 2000 zwischen dem HC Lugano und den ZSC Lions. Als amtierender Meister verliert das in der Qualifikation übermächtige Lugano die Finalserie gegen die Zürcher mit 2:4. Dies vor allem, weil die Tessiner mit Huet im Tor in Zürich alle drei Spiele (2:3, 1:3 und 3:4) verlieren.

Huets einziger Playoff-Sieg in vier Spielzeiten

Der gleiche Schauplatz ein Jahr später. Die ZSC Lions verlieren Spiel vier Zuhause mit 0:4 und liegen in der Serie mit 1:3 hinten. Luganos 4:0-Auswärts-Sieg ist zu diesem Zeitpunkt Huets einziger Sieg auf Zürcher-Playoff-Eis. Lugano verliert in der Folge nicht nur die restlichen drei Spiele (Endstand 3:4) sondern auch noch zum zweiten Mal in Folge den Meistertitel an die Lions.

Gleicher Schauplatz eine weitere Saison später. Huet und der HC Lugano scheitern bereits im Halbfinal an den Zürchern und gewinnen im Hallenstadion wieder keine einzige Playoff-Partie (1:6, 1:2nP und 3:4nP). Nach der Saison verlässt Huet das Tessin in Richtung National-Hockey-League.

Auch mit den Blackhawks klappts nicht

In der Zwischenzeit holen die Lions den Titel der Champions-Hockey-League und qualifizieren sich 2009 für den Victoria-Cup gegen den späteren Stanley-Cup-Sieger Chicago Blackhawks. Zu diesem Zeitpunkt steht Huet zwischen den Pfosten der Blackhawks. Am Vortag fegen die NHL-Stars um Patrick Kane, Jonathan Toews und Duncan Keith den HC Davos mit 9:2 vom Eis, im Tor steht Huets Backup-Goalie Antti Niemi.

Einen Tag später spielen die Blackhawks in Bestbesetzung mit Standard-Hüter Huet gegen die Zürcher Underdogs. An diesem Tag sollte Huet mit Chicago den «Zett» endlich in die Knie zwingen. Doch Huets ZSC-Fluch scheint, egal in welcher Besetzung Huet gegen die Löwen antritt, stärker zu sein als die gesamte Klasse des späteren Stanley-Cup-Siegers (acht Monate später holen die Blackhawks den Stanley-Cup). Sensationell unterliegen die Blackhawks mit Huet gegen die ZSC Lions mit 1:2 und verlieren das Spiel um den Victoria-Cup.

Was mit Chicago nicht klappt, gelingt mit Lausanne

In drei Playoff-Serien mit dem Grande-Lugano der zweiten Epoche und den Chicago Blackhawks gelingt dem Franzosen gerade Mal ein Sieg in Zürich. Anders ausgedrückt, spielt Huet, gewinnt Zürich? Bis zum ersten Viertelfinalspiel 2013-14 gegen den HC Lausanne zumindest. Ausgerechnet mit der nominell schwächsten Mannschaft, mit der Huet je gegen die Zürcher angetreten ist, dem Qualifikations-Achten Lausanne holt Huet gleich im ersten Spiel ein Sieg im Hallenstadion. Zufall? Die richtige Chemie zwischen dem gebürtigen Franzosen und der Romandie? …oder kehren die alten Begebenheiten des «Fluchs» im zweiten Spiel in Zürich wieder zurück? Huet wird in der 29. Minute, beim Stand von 3:0 für die Lions ausgewechselt, doch die Serie geht weiter und der «Fluch» wird uns die Antwort bis spätestens am 25. März 2014 geben.

15. März 2014 – Viertelfinal Spiel 3 SRF

ZSC Lions – Lausanne 3:1 (1:0, 2:1, 0:0)
Hallenstadion – 10’722 Zuschauer. – SR Mandioni /Massy, Mauron /Tscherrig. – Tore: 10. Kenins (Bärtschi) 1:0. 28. Keller (Schäppi, Bergeron) 2:0. 29. Wick (Cunti, McCarthy) 3:0. 34. Bang (Genoway, Setzinger /Ausschluss Wick) 3:1. – Strafen: ZSC Lions 6-mal 2 Minuten, Lausanne 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: ZSC Lions ohne Tabacek, Künzle, Zangger, Hächler (alle überzählig). Lausanne ohne Bürki, Augsburger, Morant, Reist. Bays ersetzt Huet im Tor von Lausanne (28:38), Time-out Lausanne (57:50), Lausanne von ab 58:20 ohne Torhüter. Torschüsse 30:15 (11:2, 13:5, 6:8). Kenins (ZSC Lions) und Setzinger (Lausanne) als beste Spieler ausgezeichnet.
ZSC Lions: Flüeler (Wolf); McCarthy, Seger (2); Bergeron, Stoffel (2); Geering, Blindenbacher (2); Schnyder; Wick (2), Cunti (2), Nilsson; Schäppi, Shannon, Keller (2); Kenins, Trachsler, Bärtschi; Bastl, Senteler, Fritsche; Baltisberger.
Lausanne: Huet (29. Bays); Leeger, Gobbi (2); Lardi, Jannik Fischer; Stalder, Genazzi (2); Seydoux; Bang (2), Hytönen, Antonietti; Setzinger (2), Genoway, Conz; Gailland, Froidevaux (2), Neuenschwander; Simon Fischer, Savary, Derungs; Primeau.