Inspirierendes Berner Expo-Gelände

In der neuen Berner Expohalle «Genuss & Tradition» geht es zu und her wie in einer Drittelspause der PostFinance-Arena, «Vinspiration» heisst der Genuss, welcher die Besuchenden in Massen zur Weindegustation verführt. Mittendrin ist der gleiche Mann, welcher am 24. April 2025 den Meisterpokal «Twin-Skate» nach Lausanne zur Übergabe an die ZSC Lions chauffiert hat. «Es ist aufgegangen, hätte Lausanne das fünfte Spiel gewonnen, hätte ich während der Berner Ausstellung (BEA) nach Zürich, oder gar zu Spiel sieben, nochmals nach Lausanne fahren müssen», sagt Willi Vögtlin, bei der National-League zuständig für Spiele und Pokal und bei seinem Weinhandel zuständig für Degustation und Genuss. Der Spielplan-General ist währen der finalen Hockey-Phase, gleichzeitig an der Berner Expo engagiert.

Engagiert war der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter vor 35 Jahren auf dem gleichen Gelände, anlässlich der Weltmeisterschaft 1990 in Bern und Freiburg. An seiner letzten WM pfiff der Baselbieter sechs Spiele in Bern, eines davon, Tschechoslowakei gegen Schweden, gehört auch zu meinen ersten WM-Eindrücken. Überhaupt gehört das Gelände rund um die Berner Expo zu mancher persönlichen Geschichte. Heute trifft man dort beispielsweise Tristan Scherwey, früher war das Gelände rund um das ehemalige Berner Allmend-Stadion das Tor zur grossen, weiten Hockeywelt. Zu Vögtlins Aktivzeit gab es kein Internet und nur SLAPSHOT lieferte sporadisch den «Blick über die Landesgrenzen.» Bei einem BEA-Besuch im Kindesalter, galt der Fokus genau zwei Adressen: Dem Fan-Shop des SC Bern und dem Verkaufsstand von Wüthrich + Co. aus Langnau. Die beiden Aussteller waren im Untergeschoss des Treppenhauses der heutigen Hallen 1.1 und 1.2 untergebracht.

Erste Priorität hatte der SCB-Shop, denn dort lag das internationale Jahrbuch des IIHF, genannt «Eishockey-Almanach», für 14 Franken und 80 Rappen ging der Almanach 90/91 über die Berner-Fan-Theke, dies galt sogar zu «Sackgeld-Zeiten» als Schnäppchen. Denn dieses Buch war mein Lebenselixier, vielleicht ist das Nachschlagewerk auf der gleichen Stufe, wie der berühmte «Sport-Almanach» in Zurück-in-die-Zukunft – mit der grossen Ausnahme, 1990 blickte man, statt in die Zukunft, ins vergangene Hockey-Jahr. Das gesamte Wissen lag in diesen knapp 200 A5-Seiten und bot mir, Jahr für Jahr, beim Selbststudium unbeschreibliche Glanzstunden. Mit dem Rest der Ersparnisse ging es vis-à-vis zu «Wüthrich», denn dort – und nur dort – gab es die NHL. Poster, Wimpel, Pucks, Ministöcke und Pins der wichtigsten NHL-Franchisen.

Die wichtigsten NHL-Franchisen sind auch an der «Vinspiration 2025» ein Thema. Vögtlin holt die nächste Weinflasche, zwischen Traubensorten, Piemont und Sizilien wird auch über die Playoff-Serie der Winnipeg Jets gesprochen. Die Zeiten haben sich längst geändert, das Gelände jedoch, rund um die Berner PostFinance-Arena, schreibt weitere Kapitel über den faszinierendsten Sport der Welt.

Der Erdnuss-Pokal

Seit 1981 ist das HC Davos-Urgestein Paul Berri im Betreuungsstab des 31-fachen Schweizermeisters. In 34 Jahren hat Berri acht Schweizer-Meistertitel (1984, 1985, 2002, 2005, 2007, 2009, 2011, 2015) mit dem HCD gefeiert. Beim achten- und gleichzeitig 31. Titel des Klubs lässt Berri in den Katakomben des Hallenstadions den gelben Plexiglaspokal fallen und der als «unzerstörbar» geltende «Twin-Skate» zerfällt in seine Einzelteile. Kein aktueller Betreuer hat mehr Pokale und Meistertitel gefeiert als der HCD-Teamleiter. In Berris Laufbahn waren schon vier verschiedene Meister-Pokale im Umlauf, drei davon gingen schon durch Berris Hände. Der aktuellste ging eine halbe Stunde nach der Pokalübergabe in die Brüche, das Video ist ein absolutes Highlight. War der Kult-Betreuer etwa zu fahrlässig?

Pokaltechnisch ein Eishockey-Entwicklungsland

Nein. Die Schweiz ist das einzige Land mit einem Plexiglas-Pokal, sogar die Neuseeländer und Spanier jubeln mit traditionsreichem Edelmetall. Seit 1997 feiert der Schweizermeister jeweils in Glas oder Kunststoff. Der SC Bern gewann 1997 als erstes den hässlichen blauen «Schirmständer». Zehn Jahre hat der Schirmständer, welcher auch schon geklaut, zerscherbelt und umgespritzt wurde, überlebt. Den letzten Schirmtitel feierte der HC Davos 2007, ehe der neue postgelbe «Plexi-Ständer» mit dem sechsten Meistertitel der ZSC Lions 2008 seine Premiere feiern konnte. Der von der Designagentur Hug & Dorfmüller gestaltete «Twin-Skate», wurde bei seiner Vorstellung als unzerstörbar betitelt. So kurz wie 2015 war seine Lebensdauer nach einem Titelgewinn aber noch nie, glücklicherweise war es nur ein Replica, denn das Original kommt jewils nicht bis ins Stadion.

If you pay peanuts, you get monkeys

— Sir James Goldsmith (1933 – 1997)

2008 hat sich der ehemals Schweizerische Eishockeyverband (SEHV) marketingtechnisch ein neues Label verpasst. Die Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) hat sich der Amerikanisierung des Westens angepasst. Seither wird hier nicht mehr in der traditionellen Nationalliga A und B, sondern in der «National-Hockey-Lea…», natürlich der «National League A and B» gespielt. Anstatt sich pokaltechnisch dem Westen, welcher die Tradition sämtlicher Trophäen ehrenhaft zu pflegen weiss, anzupassen hat die sich die Liga leider nur Namenstechnisch angepasst und damit gleich zwei Identitäten verloren: Den Liga-Namen, gegründet 1937, und den Pokal.

Die verlorene Pokal-Kultur 

Der letzte, richtige Pokal (gestifted durch die Uhrenfirma Omega) wurde mit dem sechsten Titelgewinn des HC La Chaux-de-Fonds 1973 aus dem Verkehr gezogen, seither gibts in der Schweiz nur noch «Erdnuss-Pokale». Sir James Goldsmith sagte einmal: «If you pay peanuts, you get monkeys» (Wer nur mit Erdnüssen bezahlt, braucht sich nicht wundern wenn er von Affen bedient wird), nichts passt treffender als die Plastik-Krönung des Schweizermeisters und dessen Umgang mit dem Lohn für den Titel. Der «Twin Skate»  hat weder Kult noch Tradition, daher ist auch ein «fallen und liegen lassen» für einen frischgebackenen Schweizermeister nur eine Randnotiz. Ein echter und geschichtsträchtiger Pokal wie etwa der erste Omega-Pokal (bis 1957 in einer siebener-Serie vom EHC Arosa gewonnen) würde auch in der Schweiz in ehrenhafter und «nordamerikanischer Tradition»  den Respekt von Trainern, Spielern, Betreuern und Medien ohne auch nur den Hauch von Erdnuss-Kontamination geniessen können.

Für den Schweizermeister 2008 wurde der alte blaue Pokal mit dem Übernamen «Schirmständer» durch den neuen goldenen «Twin-Skate»-Pokal abgelöst. Der «Twin-Skate» ist ein goldener Plexiglaspokal, der einen Eiskristall darstellen soll. Diese Trophäe ist kein Wanderpokal und bleibt im Besitz des Meisters. Der Pokal hat einen Wert von 10’000 Franken, wiegt 12 Kilogramm und ist 60cm gross. Gestaltet wurde der Pokal von der Luzerner Designagentur Hug & Dorfmüller. Nicht nur in der National League kommt dieser Pokal zum Einsatz. Er wird auch den Meisterteams der Swiss-League sowie der Junioren Elite A und B vergeben. Jedoch werden sie dort von Liga zu Liga kleiner.

1946*– 1957Omega-Pokal
1958 – 1973Omega-Pokal II
1974 – 1991Omega-Pokal III
1992 – 1996PlastikIvo Soldini, Ligornetto
1997 – 2007SchirmständerOskar Buchs, Gstaad
*Angabe ohne Gewähr