Irgendwo im Nirgendwo?

«Wir sind im ersten Café rechts», lautete die WhatsApp Nachricht an den noch schlafenden Mitbewohner unseres Airbnb’s bei Rita und Peter Rasmussen, im verschlafenen Vorort Snejbjerg. Zu Fuss wollten wir uns ein Käfeli genehmigen, denn die Busfahrt des Vorabends entpuppte sich als Himmelfahrtskommando. Ohne dänische Kronen und ohne Midttrafik-App, wurden wir kurzerhand aus dem Bus geworfen und landeten im Teamhotel der Norweger, wo wir per Taxi die Jyske-Bank-Boxen, zum zweiten Mal WM-Spielstätte, doch noch erreichen konnten. Der Fussmarsch zum ersten Café rechts zog sich schliesslich, durch schmucke Gärten dänischer «Legohäuser», eine Industriezone und kleine Wälder, über fünf Kilometer. Irgendwann war der «Point-of-no-Return» erreicht. Zeitweise, so dachten wir, müsste die Apokalypse längst gekommen sein und wir würden als einzige Überlebende in die Geisterstadt Herning einmarschieren.

Nach anderthalb Stunden war die «Geisterstadt» erreicht und ein zunächst noch verschlafenes Treiben an der «Bredgade» (englisch Broad-Street) zauberte uns ein Lächeln auf die, nach Kaffee lechzenden, Lippen. Joe & The Juice hiess der Laden, welcher sich als Dreh- und Angelpunkt des gesamten WM-Trosses rund um Herning entpuppte. «An dieser Kaffee-Theke müssen sie bestellen.» Ob Tim Berni, die SRF-Crew, der dänische Erfolgs-Coach Mikael Gath, der spätere Weltmeister USA, alle kamen sie hier vorbei, denn es gab schlichtweg nur dieses kleine, aber äusserst feine Café. In der Zwischenzeit ist unser letzter Zimmergenosse längst losgelaufen, «rechts ins erste Café», selbstverständlich entsendeten wir unseren Standort an der Bredgade 16, im Herzen Hernings, fünf Kilometer östlich von Snejbjerg. Nach Ankunft unseres «verlorenen Sohnes», verwandelte sich das verschlafene Treiben in ein buntes WM-Dorf. Aus Kaffeetassen wurden Bierbecher und aus Joghurtbecher wurde Fast-Food. Die WM war überall, in ganz Herning? Nein! Ausgerechnet in der Jyske-Bank-Boxen blieb es geisterhaft, ein halbleeres Stadion erinnerte an die Gedanken der Apokalypse. «Der Däne schaut nur Dänemark», erklärte uns Rolf, ein ausgewanderter Schweizer.

Nur Deutschland gegen die Schweiz, schaute die DDR-Legende Stefan Steinbock aus Crimmitschau. Neben vier Weltmeisterschaften mit der DDR, sorgte der ehemalige Stürmer von Dynamo Berlin (heute Eisbären), 1985 mit der Flucht in den Westen für Schlagzeilen. Für Schlagzeilen sorgten an diesem herrlichen Nachmittag jedoch nur die Schweizer, fünfmal erklang die «Stubete-Gäng» mit dem Schweizer «Richi-Torsong». Selbst das Deutsche Kommentatoren-Duo Basti Schwele/Rick Goldmann setzte am Tag der Deutschen-Niederlage zum Richi-Tanz an. Dieser Richi-Song schaffte es sogar, «irgendwo im dänischen Nirgendwo», einen ganzen Shuttlebus, hier ohne dänische Kronen und Midttrafik-App, nach dem ausverkauften Nachbars-Duell zwischen Dänemark und Norwegen, zum Kochen zu bringen. Irgendwo im Nirgendwo, wurde spätestens im Frühling 2025 Geschichte geschrieben.

Artikel ist im SLAPSHOT Magazin unter KREIN ON TOUR erschienen.

Geschichten von Hans Christian Andersen

Die Schweizer Reise geht nicht in die Hockeystadt Herning, sondern ins eher «unhockeyhafte» Kopenhagen. Der 16-fache dänische Meister Herning Blue Fox hat schon fünf Dänen in die NHL gebracht. Die dänische Hauptstadt kann da nur mit ihren Vororten mithalten, Rodovre, Rungsted, Herlev, Hvidovre und Gentofte heissen die Erstligisten rund um Kopenhagen. Das WM-Stadion Royal Arena ist aber eine Mehrzweckhalle und dient nicht dem Eishockey.

In Herning da soll die WM-Party abgehen, anders als im beschaulichen Kopenhagen. So bleibt uns nichts anderes (oder Anders?) übrig als am weltberühmten Nyhavn zu Speis und Trank einzukehren. Dies tun wir nicht zufällig, im Restaurant Heering. Um einen Hauch Herning zu haben, essen wir also im Heering, bedient durch Henning, einen Hering, dazu gibts, passend zum WM-Stadion, das Royal-Bier.

Und Eishockey?

In Extremis steigen wir quasi vom Taxi, das Gepäck noch im Flughafen, direkt ins erste WM-Spiel zwischen Russland und Tschechien. Trotz saftigen Preisen steigert sich der Bierkonsum von Stunde zu Stunde, sodass zumindest ein Jogging durch die Freistadt Christiania fällig wird. Eine eindrückliche Gegend, welche einst durch König Christian den vierten 1617 gegründet- und 1971 zur alternativen Wohnsiedlung umfunktioniert wird.

Zurück zum Eishockey, beeindruckt mit seiner imposanten Erscheinung hat der Russe Nikita Trjamkin (in deutscher Version) oder Tryamkin (in der englischen Trikotversion). Der Hüne aus Jekaterinenburg oder dem ehemaligen Swerdlowsk kann mit seinen 2 Meter 02 und 115 Kilos einfach einen Schritt über die Bande nehmen. Bei Frankreich gibt Sebastian Ylönen, Sohn von Goalie-Legende Petri Ylönen, gegen Tschechien seinen Einstand im Nationalteam und die Österreicher mit Stefan Ulmer und Co. sitzen nach ihrem Ligaerhalt in unseren Lieblingslokal «Cafe Europa 1989.»

Mehr als nur Ligaerhalt gilt für das Heimteam um Assistenzcoach Heinz Ehlers. Das dänische Märchen schreiben aber nicht die Dänen, sondern die Schweizer. Während die «dänen» Dänen in Herning den Viertelfinal-Einzug verpassen, zieht die Schweiz zum zweiten mal innert fünf Jahren ins Endspiel ein. «Unser» Märchen schreibt Hans Christian Andersen in Form eines Kurzfilms, die «1:05» widerspiegeln sämtliche Facetten der wunderbaren Frühlingstage von Kopenhagen.

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10. Mai 2018

Tschechien – Russland 4:3nV (2:1, 1:2, 0:0, 1:0)
Royal Arena. – 12’490 Zuschauer. – SR Iverson/Öhlund (Ka/Sd), Davis/Vanoosten (USA/Ka). – Tore: 2. Nesterov (Barabanov, Kablukov) 0:1. 15. Krejčí (Jaškin, Gudas) 1:1. 19. Jaškin (Pastrňák, Krejčí) 2:1. 22. Grigorenko (Buchnevich, Anisimov) 2:2. 25. Pastrňák (Krejčí) 3:2. 26. Barabanov (Zaitsev, Shalunov) 3:3. 64. (63:23) Pastrňák (Krejčí, Hronek) 4:3. – Strafen: Tschechien 3-mal 2 Minuten, Russland 2-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Tschechien ohne Hrachovina, Krejčík und Kousal (alle überzählig). Schüsse Tschechien 25 (12, 5, 4, 4), Russland 23 (4, 8, 11, 0).
Tschechien: Rittich; Šulák (2), Gudas; Hronek, Moravčík; Jordán, Sklenička; Polášek (2); Jaškin, Krejčí, Pastrňák; Červenka, Faksa, Hyka; Kubalík, Nečas, Řepík; Chytil, Plekanec (2), Nestrašil; Horák.
Russland: Koshechkin; Gavrikov, Kiselevich; Zaitsev, Nesterov; Yakovlev, Khafizullin (2); Tryamkin; Kaprizov, Datsyuk, Dadonov; Anisimov, Buchnevich (2), Grigorenko; Andronov, Soshnikov, Mikheyev; Mamin, Kablukov, Shalunov; Barabanov.

12. Mai 2018

Slowakei – Schweden 3:4nV (1:2, 1:1, 1:0, 0:1)
Royal Arena. 12’490 Zuschauer. – SR Iverson/Reneau (Ka/USA), Jensen/Kohlmüller (Dä/De). – Tore: 11. Jurčo (Grman, Krištof) 1:0. 16. Everberg (Klingberg, Lindholm) 1:1. 19. Nyquist (Backlund, Gustafsson) 1:2. 25. De la Rose (Kempe, Wikstrand) 1:3. 37. Ďaloga (Nagy /Ausschluss Sekera!) 2:3. 47. Nagy (Krištof, Čajkovský) 3:3. 65. (64:18) Zibanejad (Rakell, Klingberg /Ausschluss Ďaloga) 3:4. – Strafen: Slowakei 4-mal 2 Minuten, Schweden 1-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Slowakei ohne Godla, Mikúš und Pavol Skalický (alle überzählig. Schüsse Slowakei 28 (8, 6, 11, 3), Schweden 33 (21, 5, 4, 3).
Slowakei: Rybár; Čajkovský, Sekera (2); Graňák, Ďaloga (2); Jaroš, Fehérváry; Jánošík, Grman; Nagy, Krištof, Jurčo; Haščák (2), Hovorka, Bakoš; Bondra, Buc, Svitana; Cingel, Marcinko (2), Kudrna.
Schweden: Hellberg; Ekman-Larsson, Adam Larsson; Lindholm (2), Klingberg; Gustafsson, Wikstrand; Rakell, Zibanejad, Janmark; Nyquist, Backlund, Pettersson; Pääjärvi, Johan Larsson, Everberg; Andersson, Kempe, De la Rose.

Russland – Schweiz 4:3 (0:0, 3:1, 1:2)
Royal Arena. – 12’366 (ausverkauft). – SR Kubus/Schukies (Slk/De), Davis/Kilian (USA/No). – Tore: 23. Kaprizov (Datsyuk, Gusev) 1:0. 27. Untersander (Kukan, Corvi/Ausschluss Bereglazov) 1:1. 28. Dadonov (Anisimov) 2:1. 40. Nesterov (Gusev, Datsyuk /Ausschlüsse Scherwey, Niederreiter) 3:1. 52. Andrighetto (Meier, Vermin) 3:2. 57. Grigorenko (Anisimov, Gavrikov) 4:2. 59. Haas (Andrighetto, Niederreiter /Ausschluss Kaprizov, Schweiz ohne Torhüter) 4:3. – Strafen: Je 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Schweiz ohne Senn (überzählig), Josi, Fiala (beide noch nicht angekommen), Walser (nicht angemeldet) und Siegenthaler (abgereist). – Pfostenschüsse: Gusev (3.), Dadonov (4.), Saizev (11.), Corvi (60.). Timeouts: Schweiz (58:12); Russland (59:01). Schweiz von 56:48 bis 58:12 und ab 58:28 ohne Goalie. Schüsse: Russland 23 (8-7-8); Schweiz 27 (5-9-13)
Russland: Koshechkin; Gavrikov, Kiselevich; Saizev, Nesterov; Bereglazov (2), Yakovlev; Tryamkin; Dadonov 2), Andronov, Mamin; Buchnevich, Anisimov, Grigorenko; Kaprizov, Datsyuk, Gusev; Shalunov, Kablukov, Barabanov (2); Mikheyev.
Schweiz: Berra; Diaz, Müller; Untersander, Kukan; Fora, Frick; Genazzi; Rod, Haas, Scherwey (2); Niederreiter, Corvi (2), Moser; Meier, Vermin, Andrighetto (2); Baltisberger, Schäppi, Hofmann; Riat.

13. Mai 2018

Ylönens Debüt

In der 28. Minute, beim Stand von 5:0 für Tschechien, wird Sebastian Ylönen eingewechselt, es ist die WM-Feuertaufe für den 26-jährigen Torhüter. Damit debütiert der Sohn von Frankreichs Goalie-Legende Petri Ylönen noch zwei Jahre vor seinem berühmten Vater für Frankreich. Petri, damals aus Finnland eingebürgert, hat sechs Weltmeisterschaften und zweimal die Olympischen Spiele für «Les Bleus» absolviert. Ylönen Junior musste, im Blickfeld seiner Freundin, nur noch einen Gegentreffer durch Necas hinnehmen.

Frankreich – Tschechien 0:6 (0:3, 0:2, 0:1)
Royal Arena. – 6’252 Zuschauer. – SR Kubus/Öhlund (Slk/Sd), Kilian/Vanoosten (No/Ka). – Tore: 4. Pastrňák (Krejčí) 0:1. 8. Pastrňák (Jaškin) 0:2. 15. Jaškin (Krejčík) 0:3. 22. Horák (Kubalik, Sulak/Ausschluss Claireaux) 0:4. 28. Horák (Chytil, Sklenicka) 0:5. 51. Nečas (Krejčík, Polášek) 0:6. – Strafen: Frankreich 6-mal 2 plus 10 Minuten (Janil), Tschechien 2-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Frankreich ohne Hardy, Chakiachvili (beide überzählig) und Stéphane Da Costa (verletzt), Tschechien ohne Hrachovina, Jordán und Nestrašil (alle überzählig). Schüsse: Frankreich 10 (6, 3, 1), Tschechien 55 (17, 24, 14)
Frankreich: Quemener (28. Ylönen); Auvitu, Manavian (2); Gallet, Hecquefeuille; Raux, Janil (14); Thiry; Rech, Guttig, Fleury; Sacha Treille (2), Texier, Teddy Da Costa; Douay, Bouvet, Claireaux (4); Leclerc, Ritz, Perret; Lampérier.
Tschechien: Rittich; Šulák, Gudas; Hronek, Moravčík; Polášek, Sklenička; Krejčík; Jaškin, Krejčí, Pastrňák; Červenka, Faksa, Řepík (2); Kubalík, Nečas, Hyka; Horák, Plekanec, Chytil; Kousal (2).

Schweiz – Schweden 3:5 (0:2, 1:1, 2:2)
Royal Arena. – 12’255 Zuschauer (ausverkauft). – SR Jerabek /Rantala (Tsch/Fi), Otmakhov/Sormunen (Russ/Fi). – Tore: 6. Klingberg (Zibanejad, Ekman-Larsson /Ausschluss Schäppi) 0:1. 10. Hörnqvist (Pettersson, Backlund /Ausschluss Diaz) 0:2. 22. Backlund (Lindholm) 0:3. 39. Untersander (Corvi) 1:3. 45. Diaz (Fiala, Andrighetto) 2:3. 53. Adam Larsson (Backlund) 2:4. 57. Pääjärvi (Backlund, (ins leere Tor) 2:5. 60. Kukan (Untersander /Ausschluss Johan Larsson) 3:5. – Strafen: Schweiz 3-mal 2 Minuten, Schweden 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Schweiz ohne Genazzi, Riat und Senn (alle überzählig); Schweden ohne Gustavsson (überzählig), Nyquist (krank), Forsberg und Ekholm (noch nicht angereist). – Schweiz von 54:25 bis 56:42 und ab 59:32 ohne Torhüter. Schüsse: Schweiz 23 (4-5-14); Schweden 41 (15-14-12).
Schweiz: Genoni; Diaz (2), Müller; Fora, Josi; Untersander, Kukan; Frick; Niederreiter, Corvi, Meier; Andrighetto, Vermin, Fiala (2); Moser, Haas, Hofmann; Rod, Schäppi (2), Scherwey; Baltisberger.
Schweden: Nilsson; Adam Larsson, Ekman-Larsson; Klingberg (2), Lindholm; Wikstrand, Gustafsson; Rakell, Zibanejad, Janmark; Hörnqvist, Backlund (2), Pettersson; Arvidsson, De la Rose, Kempe; Everberg (2), Johan Larsson (2), Pääjärvi; Andersson.