Überau Lüt, Lüt überau

Biel ist geografisches Heimspiel, der Fussmarsch vom Presseparkplatz bis zur Arena ist noch inkognito zu bewältigen, dann gehts los: «überau Lüt – Lüt überau – nüt aus Lüt» singt Kuno Lauener in «Paris», hier gilt die Lüt-Überflutung «Biel», seit 18 Jahren, die eigene Aktivzeit nicht eingerechnet, wird die Tissot-Arena, welche Zeitweise täglich besucht wird, zur hockeytechnischen Heimat. Innert Kürze kennst du zehn, 20, 30 – 50 Leute, allen begegnest du mit einem kleinen Schwatz, von Nachwuchsspielern in den Kabinengängen bis zur Chefetage oder der Entourage des Verbandes.

Während des Spiels gehen 20-30 WhatsApp Nachrichten ein und die Pausen sind vollgepackt, nur der Gang auf die Toilette bringt einen kurzen Moment des Innehaltens. Auf dem Eis duellieren sich Bieler und Rapperswil-Joner mehr schlecht als recht im Kellerduell der Runde. Biel-Goalie Viktor Östlund tritt in die Fussstapfen seines Vaters und gewinnt in seinem dritten Spiel mit Biel zum dritten Mal. Bei Rapperswil-Jona fallen zwei Stammverteidiger aus und zwei Eigengewächse rücken nach, dabei trifft der 18-jährige Laurin Fuhrer, bei Total vier Minuten Eiszeit, zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung der Gäste.


Die Letten kommen

Der EHC Biel empfängt den HC Lausanne, auf der Pressetribüne ist ein TV-Platz mehr eingerichtet als üblich. Heute überträgt der lettische Sender TV3 das Spiel der 25. Runde der National-League nach Lettland. So sitzen neben mir und dem welschen Kommentator David Pietronigro (erster, links von mir) die Letten Toms Pramnieks (in gelb) mit Experte, dem ehemaligen Nationalgoalie, Edgars Masalskis (Mann mit Bart). Für den lettischen Abend trage ich extra den WM-Schal von Riga.

Der lettische Sender begleitete sein Aushängeschild Dynamo Riga zwischen 2008 und 2022 in der russischen KHL. Seit Kriegsbeginn und Riga’s Verzicht gibt es kein erstklassiges Eishockey mehr bei den Balten, die heimische Liga ist zu klein und die nationalen Stars spielen überall in Europa. So werden 2023 die Ligen in Schweden, Tschechien und der Schweiz ins Visier genommen. Der lettische Sender prüft für die kommende Saison mögliche Alternativen zur KHL.

Aufgrund der Reisedistanzen in Russland, ist die Schweiz ein Klacks, ob Zürich, Langnau oder Biel – TV3 berichtete von diesen drei Standorten – alle mitteleuropäischen Teams, liegen näher als die russischen Mannschaften östlich von Ufa. In Biel hätte man gerne über das lettische Duell zwischen den Lausannern Ivars Punnenovs und Ronalds Kenins gegen Biel’s Rihards Bukarts berichtet, auf dem Matchblatt ist an diesem Abend aber nur Kenins.

Die Letten treffen sich aber nach dem Spiel in den Kabinengängen der Tissot-Arena. Die National-League könnte künftig durchaus in Lettland ein Thema sein, aktuell stehen acht lettische Spieler in unserer Liga unter Vertrag. In Tschechiens Extraliga spielen sieben Akteure der Balten und drei in Schweden. Die Schweiz steht den Balten ohnehin schon äusserst nahe, seit Jahren werden lettische Spieler, bereits ab der U15-Stufe zahlreich, in den Hochburgen Oberthurgau und Basel, in die Schweiz vermittelt – dies füllt einen separaten Blog – dazu hat die Schweiz den Letten an der letzten Heim-WM den Weg zur Bronze-Medaille im letzten Gruppenspiel geebnet.

In den 90er Jahren debattierte man über die Aufnahme von Österreich’s Meister VEU Feldkirch in der Schweizer Nationalliga-A. Warum nicht morgen Dynamo Riga in der Schweizer National-League, mit dem Standort Huttwil, integrieren und so den lettischen Markt erobern? An lettischen Spielern mit Schweizerlizenz wird es in naher Zukunft zumindest nicht mangeln. Die Letten kommen…

Rajala statt Cervenka

Bereits vor dem Spiel ist klar, heute ist ein Interview mit Liga-Topskorer Roman Cervenka geplant. Für die MySports-Rubrik „Insights“ soll der tschechische Ausnahmekönner nach dem Spiel in Biel über seine aktuelle Form auskunft geben. Die aktuelle Form Cervenkas bedeutet in Zahlen, 23 Skorerpunkte aus den letzten zehn Partien. Die SC Rapperswil-Jona Lakers haben in den letzten sieben Spielen nur einmal verloren, nämlich das einzige Spiel, in dem Cervenka nicht gepunktet hat.

In der 45. Runde, beim 69. Aufeinandertreffen zwischen Rapperswilern und Bielern soll der letztjährige Schweizer Liga-Topskorer und zweifache tschechische Liga-Topskorer (2010 und 2016) wieder nicht punkten. Vor dem Spiel sprücheln wir, mit Pressechef Andi Ruefer und Hausfotograf Stephan Kubacki, ein ehemaliger 2. Liga-Topskorer, im Presseraum „was wenn er einen Restausschluss erhält?“ Dies sei der einzige Fall, bei dem ich den Weltmeister von 2010 nicht interviewen könne.

Gesagt getan, Cervenka kassiert nach einem Schubser gegen den Linesman Eric Cattaneo in der achten Minute einen Restausschluss. Das wars, das Interview für die Sonntagssendung und das Spiel der Lakers gehen verloren. Dafür springt ein anderer Weltmeister in die Bresche: Biels Toni Rajala. Der Finne erzielt am Dienstag in Davos, nach 14 Spielen ohne persönlichen Torerfolg, den Game-Winner und trifft kurz nach Cervenkas Restausschluss, in der 14. Minute zum 2:0 und legt mit einer Vorlage zum 1:0 den Grundstein zum dritten Bieler-Sieg in Serie. Zu guter letzt, übernimmt der Finne auch noch Cervenkas Rolle als Interview-Partner.

3. Februar 2023 – 45. Runde

Biel – Rapperswil-Jona Lakers 3:0 (2:0, 0:0, 1:0)
Tissot-Arena. – 5’735 Zuschauer. – SR Stolc (Slk)/Hungerbühler, Cattaneo/Gurtner. – Tore: 1. (1:00) Sallinen (Hischier, Rajala) 1:0. 14. Rajala 2:0. 57. Olofsson (Hofer, Lööv) 3:0. – Strafen: Biel 4-mal 2 Minuten, Rapperswil-Jona Lakers 2-mal 2 Minuten plus Spieldauer (Cervenka). – Bemerkungen: Biel ohne Cunti, Forster und Sheahan (alle verletzt), Rapperswil-Jona Lakers ohne Alge, Elsener, Jensen (alle verletzt) und Jordan (überzähliger Ausländer).
Biel: Säteri; Rathgeb, Lööv; Delémont, Grossmann; Schneeberger, Yakovenko; Stampfli; Hofer, Haas (4), Olofsson; Hischier, Sallinen, Rajala; Brunner, Tanner (2), Künzle (2); Froidevaux, Schläpfer, Kessler; Bärtschi.
Rapperswil-Jona Lakers: Meyer; Noreau, Maier; Aebischer (2), Djuse; Vouardoux, Profico; Baragano; Aberg, Rowe, Cervenka (20); Moy, Schroeder, Wetter; Zangger (2), Albrecht, Lammer; Wick, Dünner, Forrer; Cajka.