Wenn die NHL ruft

Wenn die National-Hockey-League ruft, dann ist das eine Ehre. Die Ehre wird dabei noch ehrenvoller, wenn es dabei um die schweizerischste Franchise aller Franchisen geht. Die New Jersey Devils aus dem gleichnamigen Bundesstaat ennet dem Hudson River beschäftigen Nico Hischier, Akira Schmid und Jonas Siegenthaler. Dies hätte sich nun keiner erträumt, der in den 90er Jahren auf der Sega-Mega-Drive die NHL-Spiele von EA-Sports Tag und Nacht durchgespielt hat. Damals war bereits Ken Baumgartner ein «Schweizer» und der erste echte NHL-Schweizer Pauli Jaks wurde ab NHL’95 selbst kreiert und bei den Los Angeles Kings länger als nur ein Drittel eingesetzt.

Kultsender Sportkanal

Im Alter von 45 Jahren ist sie also da, die Premiere als NHL-Live-Kommentator. Hätte ich dies dem 15-jährigen «Ich» von 1992 erzählt, hätte dieser den schon etwas älteren Herrn aus der Zukunft für einen Spinner gehalten. Damals gab es nur den guten, alten «Sportkanal», im NHL-Magazin führte Michael Schürmann, der wohl kompetenteste NHL-Kommentator aller Zeiten, in hervorragender Rhetorik durch die Highlights der faszinierenden und fernen Liga aus Übersee. Geschrieben wurde hierzulande zu dieser Zeit noch kaum über diese Liga, man musste, neben Schürmanns TV-Bildern, schon die «The Hockey News» abonnieren, um Up-to-Date zu sein.

Experte und Scout

Einer der diese ganze Entwicklungsgeschichte «Mittendrin, statt nur dabei» mitgemacht hat, ist der heutige Co-Kommentator und NHL-Scout Thomas Roost. Er weiss alles was man über jeden einzelnen Spieler wissen muss. Sein Werdegang ist ebenso faszinierend wie die schweizerische NHL-Entwicklung zwischen 1992 und 2022. Mit Roost an meiner Seite, musste nun das ganze Wissen der letzten 35 Jahre für dieses erste Spiel, am 19. November 2022, als «Schürmann im Westentaschenformat» gebündelt werden. Um 19 Uhr steigt sie also, die erste NHL-Partie, am rechten «Zürisee-Ufer» im schmucken Erlenbach. Die Devils gastieren in Ottawa bei den Senators, welche exakt vor 30 Jahren, 1992 ins Liga-Geschehen eingegriffen haben.

Teuflische Rekordjagd

Das schweizerische New Jersey steckt im zweitbesten Lauf aller Zeiten, würde die Serie von elf Siegen ausgerechnet heute Abend reissen? Es wäre ein Schönheitsfehler dieses für mich geschichtsträchtigen Abends. Der Franchise-Rekord von 13 Siegen stammt aus der Spielzeit nach dem zweiten Stanley-Cup 2000-01. Captain Hischier, welcher das erste Drittel durch einen Crosscheck Austin Watsons früher verlassen muss, führt die Devils zum zwölften Vollerfolg und trägt, zusammen mit Schmid und Siegenthaler, zu dieser Premiere mehr als nur erfolgreich bei.

Ottawa Senators – New Jersey Devils 1:5 (0:2, 1:2, 0:1)
Canadian-Tire-Center. – 18’881 Zuschauer. – SR Lambert (37)/Blandina (39), Alphonso (52)/Tobias (61). – Tore: 8. Haula (Zetterlund, Severson /Ausschluss Brunnström) 0:1. 16. Bastian (Wood, McLeod) 0:2. 23. Boqvist (Sharangovich, Siegenthaler) 0:3. 38. Brassard (Brännström, Giroux) 1:3. 40. Sharangovich (Hischier /Ausschluss McLeod!) 1:4. 58. McLeod (ins leere Tor) 1:5. – Strafen: Ottawa Senators 4-mal 2 Minuten, New Jersey Devils 2-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Ottawa ohne Chabot und Norris (beide verletzt), New Jersey ohne Bernier (verletzt). Ottawa ab 58. ohne Torhüter. Sharangovich*, Schmid** und Bastian*** (alle New Jersey) als beste Spieler ausgezeichnet.
Ottawa Senators: Forsberg (23. Talbot); Sanderson, Hamonic; Brännström (2), Zub; Holden, Bernard-Docker; Tkachuk, Stützle, Giroux; DeBrincat, Brassard (2), Joseph; Motte, Pinto, Batherson (2); Kelly, Gambrell (2), Watson.
New Jersey Devils: Schmid (Vanecek); Siegenthaler (2), Hamilton; Graves, Marion; Smith, Severson; Tatar, Hischier, Zetterlund; Haula, Hughes, Bratt; Sharangovich, Boqvist, Mercer; Wood, McLeod (2), Bastian.

Das vielseitigste Derby

Im Frühling 1963 fusionieren die beiden «Hockey-Clubs» Genève und Servette. Die zwei Nationalliga-B-Ligisten formieren sich um mit gemeinsamen Kräften den Aufstieg in die Nationalliga-A zu schaffen. In der Westgruppe der NLB spielt zu diesem Zeitpunkt auch der HC Lausanne und so steigt das erste Genfersee-Derby oder Lac-Leman-Derby, wie man es heute kennt, am 28. November 1963 in der Patinoire les Vernets, mit einem 4:2-Heimsieg der Grenats. Es ist der Startschuss des vielseitigsten Derby auf Schweizer Eis, denn kein anderes Derby ging bisher auf drei verschiedenen Bühnen übers Eis.

Wer in den späten 80ern und frühen 90ern gesagt hätte, 2022 spielen Genf-Servette und Lausanne in der Nationalliga-A, heute National-League, gegeneinander, hätte man die Person für verrückt erklärt. Zwischen 1985 und 1991 duellieren sich die See-Rivalen während vier Jahren in den Niederungen der 1. Liga und der hinteren Tabellenhälfte der NLB. Genfer und Lausanner steigen in ihren schwächsten Epochen sogar vier- (1981, 1986, 1989 und 1991) bzw. zweimal (1984 und 1986) in die 1. Liga ab.

Nie gemeinsam im Oberhaus

Trotz ruhmreicher Vergangenheit in der obersten Liga, Genf-Servette zwischen 1964 und 1975 und Lausanne zwischen 1941 und 1954, zwischen 1957 bis 1961 und zwischen 1978 und 1981 und als gemeinsamer Ausrichter der Eishockey Weltmeisterschaft 1961, steigt das erste Duell im Oberhaus erst im Playoff-Zeitalter, am 21. September 2002 in Genf – und wieder siegen die Servettiens (5:3). In bisher 64 NLA-Vergleichen führen die «Grenats» mit 40 zu 25 Siegen. Die Favoritenrolle gehört auch 2022 dem Fusionsclub von Genf und Servette, als Leader empfängt die Mannschaft von Jan Cadieux, dessen Vater Paul-André im 1. Liga-Duell die Lausanner 1988 zweimal bezwang, im 110. Duell über alle drei Ligen das zwölftplatzierte Lausanne.

Auch 59 Jahre nach dem ersten Vergleich steigt das Lac-Leman-Derby, an der gleichen, mehrfach renovierten Kultstätte in Genf. Das architektonische Meisterwerk von François Maurice, Jean Duret und Albert Cingria, wird im Dezember 1958 eröffnet. Im Januar 1959 macht sogar die National-Hockey-League halt an der Arve, an der Rue-Hans-Wilsdorf, benannt nach dem Rolex-Gründer. In zwei Showspielen stehen sich die Boston Bruins und die New York Rangers gegenüber.

Genfersee-Spektakel

Als Showspiel könnte man auch die neueste Ausgabe der vielseitigsten Derby-Affiche des Eishockeys bezeichnen. Zwei Restausschlüsse werden begleitet von drei Powerplay-Treffern, ein zweitore-Rückstand wird zweimal ausgeglichen und die Entscheidung fällt erst im Penaltyschiessen. Das Lac-Leman-Derby, wie es auch in der Deutschschweiz genannt wird, hält was es verspricht und geht zum 18. Mal in der Geschichte in eine Overtime. Dazu kommt John Fust’s letztes Spiel als Trainer, er wird am nächsten Tag, als neuer Sportchef, seinen Nachfolger an der Bande der Waadtländer gleich selber verkünden. Das vielseitigste Derby der Hockeywelt sorgt auch im jüngsten Kapitel am Genfersee für Spektakel.

LigaSpieleGenfRemisLausanne
NLA6540–25
NLB408725
1. Liga52–3
Total11050753
Statistik: eishockeyblog