Welches Spiel haben wir heute?

Bereits am Nachmittag treffen die ersten Fans aus Augsburg in der Bieler Tissot-Arena ein. Im offiziellen EHCB-Fanshop, beim Eishockeyausrüster Conte erkundigt sich die Augsburg-Vorhut nach Fanartikeln, die Verkäufer können der Unterhaltung nicht folgen, die Augsburger klären die «Bieler» auf, heute ist «Champions-League», was Fussball? Soviel zum Stellenwert, zur Akzeptanz und vor allem zum Interesse der coolsten Liga Europas. Der Null-Acht-Fünfzehn Hockey-Schweizer kümmert dies so wenig wie Crocodile Dundee der Wochentag: «Welchen Tag haben wir heute Wally?»

Amüsant höre ich der Unterhaltung zu und äussere mich nicht. Die Augsburg-Fans sollen heute in Überzahl sein und so weiter der Tenor. Fünf Stunden später wissen wir. Der Fansektor der Tissot-Arena füllst sich schon eine Stunde vor Spielbeginn. Die Bayern sind per Sonderzug zum Sonderpreis in einem Sondertrikot angereist. Die Stimmung ist fröhlich und der Deutsche Anhänger zeigt uns wies geht. Als «neutraler» Beobachter und Eishockeyliebhaber eine grossartige Stimmung, so muss die Champions-Hockey-League sein.

Und die Partie hält was sie verspricht, Spannung pur und ein wahrer Krimi bis zum Schluss, inklusive Overtime, alles ist dabei. Jeder vermeintliche «Fan» der heute Abend kuscht, verdient es lieber 100-mal den SCB oder die SCL Tigers zu sehen, als einmal einen Leckerbissen der anderen Art. Die Partie ist an Spannung und Dramatik, inklusive Torhüterwechsel durch die Verletzung von Augsburgs Olivier Roy, kaum zu überbieten und der Held heisst einmal mehr, Toni Rajala. Was für ein Geniestreich in der Overtime, der smarte Finne lässt gleich alle drei Gegner ins leere laufen.

Horst Eckert und Curt Frenzel

Augsburg steht schon lange auf der Wunschliste, nicht primär wegen der Augsburg Panther, sondern wegen des Deutschen Eishockey Museums, der deutschen Hall-of-Fame mit Sitz in Augsburg. Präsident und Förderer des Museums, welche in einem ehemaligen Hallenbad untergebracht ist, ist Horst Eckert. «Horst Eckert», rund zwei Dutzend seiner Eishockey-Bücher lagern in meinen Regalen und Eckert hat es sogar zu meinem «Lieblingsschriftsteller» geschafft, in den «Freundschaftsbüchern» der Schulzeit.

Eine Begegnung für die Ewigkeit, mit Horst Eckert in seinem Eishockey-Museum. (Bettina Gutmann)

Eckert, ein Eishockey-Gentleman

Bei einem dreitägigen Augsburg-Trip ist das Eishockey-Museum an der Schwimmschulstrasse die erste Adresse. Statt ins kühle Nass, taucht man in den umgebauten Räumlichkeiten des ehemaligen Hallenbads in die Welt des Eishockeys ein. Gewisse Relikte sind durch Abbildungen in den Büchern von Eckert bekannt. Beeindruckend ist die Ecke über das Eishockey in der DDR oder das Skandal-Trikot des ECD Iserlohn, mit der Werbung «das grüne Buch» von Muammar al-Gaddafi. Die Hockey-Leckerbissen könnten nur durch ein Treffen mit Horst Eckert noch überflügelt werden.

Die Frau an der Kasse erzählt mir, dass Eckert samstags immer kurz vorbeischaue, die Möglichkeit ihn zu treffen ist also so intakt, wie der Ausstellungsteil über «Great One» Wayne Gretzky. Doch Gretzkys-Utensilien werden durch Eckerts Eintreffen am frühen Nachmittag noch getoppt. Der Mann, von dem ich ziemlich jedes seiner Bücher mehrfach durchgelesen und durchgeblättert habe, schüttelt mir die Hand. Wir tauschen uns aus und plaudern über unseren Lieblingssport. Eckert hat mir sogar zwei Freikarten fürs Abendspiel der Augsburg Panther gegen die Düsseldorfer EG, welches sowieso auf meinem Programm steht.

Curt-Frenzel-Stadion

Keine fünf Minuten vom Museum entfernt, liegt das Curt-Frenzel-Stadion. Eine altehrwürdige Spielstätte, 1938 erbaut und 1978 renoviert, trägt den Namen seines Geldgebers und Förderers seit 1971. Frenzel ist in seiner Epoche langjähriger Vorsitzender eines der ältesten Eislaufclubs Deutschlands, der Augsburger EV wird 1878 aus der Taufe gehoben.

Das Stadion ist zwar überdacht, jedoch seitlich offen und daher an diesem Vorweihnachtsabend des 5. Dezember 2003, bitterkalt. Das kalte Bier trägt nicht zur Wärme bei, dafür die warmen Würstel und die sagenhafte Stimmung. Die Deutschen Fan-Gesänge scheinen einen Tick lauter als in den Schweizer Stadien. In der Pause wird Augsburgs All-Star-Team der letzten zehn Jahre verkündet, ebenfalls gewählt wird der aktuelle Keeper Magnus Eriksson, dennoch erweisen sich die Gäste aus Düsseldorf, angeführt von den Norwegern Trond Magnussen und Tore Vikingstad, trotz des neunten Tabellenranges als harter Brocken.

Die hitzige Partie – es kommt zu mehreren Unterbrüchen wegen Gegenständen die aufs Eis fliegen – erwärmt die Gemüter, welche die DEG Metro Stars in Eckerts und meiner Anwesenheit gegen das viertplatzierte Augsburg mit 3:1 gewinnen. Für die Mannschaft von Benoît Laporte ist es die erste Heimniederlage nach 60 Minuten und der Düsseldorfer Vikingstad trifft mit dem zweiten «Tore» und Game-Winning-Goal erstmals nach 1’712 Minuten wieder ins Schwarze.

Freitag, 5. Dezember 2003
(25. Spieltag)

Augsburger Panther – Düsseldorfer EG Metro Stars 1:3 (0:1, 1:1, 0:1)
Curt-Frenzel-Stadion. – 5’595 Zuschauer. – SR Reichert. – Tore: 12. Mikesch (Tory, Kreutzer/Ausschlüsse Augsburg) 0:1. 35. Oravec (Girard, Kofler) 1:1. 38. Vikingstad (Ulrich) 1:2. 52. Magnussen (Kreutzer, Mikesch) 1:3. – Strafen: Augsburger Panther 13-mal 2 Minuten, DEG Metro Stars 9-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: DEG Metro Stars ohne Brittig (krank), 2. Drittel Pfostenschuss Mikesch, Torschüsse 18:27.