Der Unbekannte Wäseler von Queensland

Gerhard Schöni und Daniel Hirschi bei ihrem Down-Under-Abenteuer im Queensland-Trikot beim Goodall-Cup 1979 in Melbourne. (Archiv Gerhard Schöni)

«Michu du hesch de es Bier z guet», sagt Gerhard Schöni, nachdem der 63-Jährige im Januar 2021 erstmals seit 1979 ein Teamfoto seiner Mannschaft zu sehen bekommt. Doch das ist nur der Anfang einer Geschichte über einen der ersten und letzten Abenteurer im Niemandsland des Eishockeys, dies zu einer Zeit wo noch kaum ein Schweizer zuvor irgendwo im Ausland die Schlittschuhe geschnürt hat.

Ein Mikrofilm rattert und ein schwarzes Zeitungsband im negativ schnellt vorbei. Gesucht sind Artikel über den SC Lyss, zu dessen 50-jährigem Jubiläum ich die erste Klubchronik verfassen soll. Wer sucht, der findet… …aber manchmal auch anderes. Nach Stunden schnellt ein Hockey-Artikel vorbei, bei dem ich kurz innehalten muss. Die Seite 33 der Berner Zeitung vom 26. Januar 1980 titelt «Wenn das Eishockey zum Abenteuer wird» mit dem noch interessanteren Untertitel «Zwei Wäseler in Australiens höchster Spielklasse.»

Es beginnt mit St. Moritz

Im Frühling 1979 schlendert Schöni auf seiner Australien-Reise in Perth an einem alten Theatergebäude vorbei, dem Blondschopf sticht das Schild mit der Aufschrift «St. Moritz-House» ins Auge. St. Moritz in Perth? Beim betreten des Theaters traut Schöni, zusammen mit seinem Landsmann Daniel Hirschi unterwegs, seinen Augen nicht, da wird Eishockey gespielt. So lassen die beiden Emmentaler ihre Eishockeytaschen per Seefracht nachsenden.

In Perth gibts zu dieser Zeit nur eine Inhouse-Liga wo jeweils am Sonntag Abend geknebelt wird, die Eisbahn ist so klein, dass jeweils nur drei Feldspieler agieren. National wird in Australien nur einmal im Jahr gespielt, beim Goodall-Cup und dieser findet 1979 in Melbourne Statt. Die beiden Wäseler tingeln aber vorher mit einem Holden-Stationswagen für 400 Dollar, 4’000 Kilometer quer durch die endlose Trockenebene von Westen nach Osten. In Brisbane spielen die beiden wieder in der In-House-Liga und werden für die Staatsmeisterschaft ins Team von Queensland nominiert.

Ich muss die Abenteurer kennenlernen

Die Zeilen des Autors lesen sich wie ein Roman über die Abenteurer des Zeitalters der grossen Entdeckungen zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. In diese Zeit fällt auch die Entdeckung Australiens und dies haben die beiden Wäseler in Sachen Hockey getan. Wo die beiden heute wohl sind? Unbedingt muss ich die Hockey-Abenteurer kennenlernen. Über den Autor von damals werde ich näheres erfahren können, dieser ist kein geringerer als Klaus Zaugg: «Schöni ist jeweils in Langnau im Stadion», erfahre ich vom ehemaligen Klub-Chronisten des EHC Wasen-Sumiswald. Wasen? Dieses Team hielt sich von 1973 bis 1979 in der 1. Liga. Schöni war von 1973 bis zum Abstieg als Spieler mit dabei, ehe er in der 2. Liga das Traineramt von René Wittwer übernommen hat.

Zaugg als erfürchtiger Vermittler zwischen Schöni und mir bei der Buchübergabe. (Rolf Schlapbach)

Bei einem Nachtessen erinnert sich Schöni nochmals an seine abenteuerliche Reise im Down-Under-Hockey, im Gegenzug schreibt der Hockey-Pionier das Vorwort im australischen Eishockey-Almanach 2016. Die Buchübergabe findet, präsentiert durch unseren Vermittlungsmann Zaugg, in der Ilfishalle statt. Vier Jahre später stosse ich auf der sagenhaften Internetseite «Legends-of-Australian-Ice» auf ein Foto von Queensland. Das Trikot ist mir bekannt, es ist das gleiche Jersey wie einst Abenteurer Schöni getragen hat und es kommt noch besser, da ist Schöni.

Was die australischen Chronisten, die eine hervorragende Homepage unterhalten, nicht mehr identifizieren können, ist die genaue Jahrzahl (1981 oder 1982?) und den flotte Sunnyboy vorne rechts. Unmöglich können sich Linda Bishop und Peter Nixon an den Emmentaler erinnern, ehe ich Ihnen den Namen und die genaue Jahrzahl inklusive Resultate zustecke. So abenteuerlich die Reise 1979 mit dem St. Moritz Eisrink seinen Anfang nahm, so abenteuerlich endet die Geschichte durch eine Verkettung von Zufällen wieder im Land, der einst in Anlehnung an Eis und Berge ernannten Eisbahn an der australischen Westküste.

Die unbekannte Nummer 5 (eigentlich 6) ist Gerhard Schöni. (Legends of Australian Ice)

Via Würenlos nach Stockholm

Der schwedische Vizemeister Färjestads BK Karlstad gastiert im Rahmen der Champions-Hockey-League (CHL) in Zürich. Beim Spaziergang ums alterwürdige Hallenstadion rollt ein Fussball direkt vor meinen Augen auf die Hauptstrasse. Selbstverständlich schnappe ich mir noch vor einem anbrausenden Auto den Ball, wie ich mich zurückdrehe winkt mir Färjestad-Keeper Justin Pogge (Foto oben) zu und bittet um den Ball, wie könnte es auch anders sein, denn BK steht schliesslich für «Boll Klub.»

Mein Spaziergang führt mich, vorbei an der Chad-Silver-Bronzeplastik, welche ursprünglich für die Weltmeisterschaft 1998 erstellt worden ist, weiter ins benachbarte «Stadiönli» in Oerlikon. Drinnen läuft grad ein Freundschaftsspiel zwischen den «Minis» der GCK Lions und dem HC Dragon/Thun. An der Bande der Berner Oberländer steht der ehemalige Nationalmannschafts-Verteidiger Christian Silling.

Die WM-Plastik von 1998, wurde erst nach Chad Silvers Tod zur Gedenkstatue umfunktioniert. (Krein)

Von der Konkursmasse in die Champions-Hockey-League

Im Hallenstadion läuft das «Warm-up» der ZSC Lions und der Gäste aus Schweden, dazu gibts folgende Anmerkungen: Färjestads Rickard Wallin spielte einst beim HC Lugano, Zürichs Severin Blindenbacher und der verletzte Ersatzgoalie Luca Boltshauser einst für Färjestad. Der schwedische Headcoach Tommy Samuelsson absolvierte eine NLB-Saison beim SC Luzern und verteidigte an der Weltmeisterschaft 1989 für Schweden in Stockholm.

Dazu kommt Basels ex-Goalie Urban Leimbacher, welcher ab der 21. Minute für den angeschlagenen Lukas Flüeler zum europäischen Handkuss kommt, von Basels Konkursmasse direkt in die Champions-Hockey-League. Die Partie bietet gute Unterhaltung, denn beide Mannschaften schenken sich nichts und müssen in die Verlängerung.

Von Wasen bis Stockholm

Auf der Rückfahrt ins «Bernbiet» treffe ich im Würenloser Fressbalken zufällig auf den ehemaligen Weltklasse-Schiedsrichter Willi Vögtlin. Bei einem Schlummertrunk sprechen wir über «Gott und die Hockeywelt», nur wenige Eishockeyverrückte würden bei unserem Themenkatalog mitreden wollen.


„Willi Vögtlin an der Weltmeisterschaft 1989 in Stockholm, beim nachmessen des Stockes von Vladimir Ruzicka.“

— Michael Krein, Archiv

Wir philosophieren über den Europacup, die C-Weltmeisterschaften im spanischen Puigcerda, die Olympischen Spiele in Calgary, den Industriecup in Lyss, die U18-Europameisterschaft 1987 in Hämeenlinna, über den ehemaligen EHC Wasen-Sumiswald-Spieler Gerhard «Schöge» Schöni oder die bereits erwähnte WM 1989 in Stockholm, wo einst Färjestads Headcoach Samuelsson verteidigte- und Vögtlin geschiedsrichtert hat.

23. August 2014

ZSC Lions – Färjestad Karlstad 2:3nV (0:1, 1:0, 1:1, 0:1)
Hallenstadion. – 3’515 Zuschauer. – SR Sindler /Vinnerborg (Tsch/Sd), Küng /Bürgi (Sz). – Tore: 6. Hillding (Lalonde, Klepis /Ausschluss Chris Baltisberger) 0:1. 35. Chris Baltisberger (Bergeron, Shannon /Ausschluss Hillding) 1:1. 42. Rohdin (Aquino, Klepis) 1:2. 50. Chris Baltisberger (Wick) 2:2. 61. Gudas 2:3. – Strafen: ZSC Lions 9-mal 2 Minuten, Färjestad Karlstad 7-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: ZSC Lions ohne Boltshauser, Siegenthaler, Stoffel, Bärtschi (alle verletzt), Zangger (überzählig). 26. Keller verletzt ausgeschieden. 58:21 Time-Out Färjestad. Torschüsse 43:33 (15:13, 15:6, 13:13, 0:1).
ZSC Lions Flüeler (21. Leimbacher); Geering, Blindenbacher; Tabacek, Seger; Smith (4), Bergeron (4); Schnyder; Nilsson (2), Shannon, Keller (2); Schäppi (2), Trachsler, Künzle (2); Wick, Cunti, Baltisberger (2); Bastl, Neuenschwander, Fritsche; Senteler.
Färjestad Karlstad Pogge; Tollefsen (4), Lalonde (4); Jensen, Grundel; Bystrom (2), Gunnarsson; Kylington, Rohdin; Aslund, Hillding (2), Gulas; Nygard, Klepis, Aquino; Hedman, Wallin (2), Persson; Roymark, Forsberg, Olofsson.