Er weiss alles was man übers Schleifgeschäft wissen muss

Foto: Krähenbühls legendärer Schleif-Container bleibt geschlossen. (Krein)

Eine der längsten Epochen eines Klub-Betreuers geht im Sommer 2020 zu Ende. Nach 45 Jahren legt Rudolf Krähenbühl sein letztes Amt als Schlittschuhschleifer beim SC Lyss nieder, aus gesundheitlichen Gründen, wie der Rentner betont. Damit endet eine Ära wie sie in der Schweiz wohl nur noch mit dem Davoser Paul Berri (seit 1966 im Amt) oder dem Zürcher Peter Schrag (seit 1971 im Amt) zu vergleichen ist.

Krähenbühls erste Aufgabe ist der Spieltisch, welchen er zwischen 1975 und 1977 betreut. Zwischen 1977 und 1993 betreut «Ruedi», der zwischenzeitlich auch das Tor der zweiten Mannschaft hütet, das Lysser Fanionteam. Als Torhüter stehen auch seine beiden Söhne Daniel und Roger auf dem Eis, letzterer bis 1989 auch im Fanionteam. In Ruedis Epoche schaffen die Lysser zweimal den Aufstieg in die NLB, müssen aber auch zweimal wieder absteigen und stehen 1993 kurz vor dem finanziellen Kollaps.

Geben sie diesem Mann 3’000 Franken

Siegfried Meyer

Während der kräfteraubenden NLB-Zeit will Ruedi in einem schlechten Moment das Handtuch werfen, ehe der Deutsche Präsident Siegfried Meyer den Kassier bittet, dem Herrn Krähenbühl 3’000 Franken bar auf die Hand zu legen. Das ist nur eine von vielen Anekdoten die Ruedi zu erzählen weiss. Unvergesslich bleibt auch das Lysser Trainingslager im Herbst 1990 im kanadischen Toronto, wo auch der spätere WM-Silbercoach Sean Simpson mit dabei ist.

Nach dem 1. Liga-Abstieg 1993, konzentriert sich Krähenbühl auf seinen Schleif-Service für den ganzen Klub und die umliegenden Gastvereine. In seinem Schleifcontainer am Lysser Sägeweg, ist der gesprächige Schleif-Fachmann anfangs jeweils Samstags, und später jeweils täglich anzutreffen. An seinen ersten Kunden 1980 kann sich Ruedi nicht mehr erinnern, allerdings an die Kanadier der NLB-Zeit oder an den türkischen Meistergoalie Orhan Yildirir, welcher sich vor seiner Abreise zum Istanbul Paten Kulübü den letzten Schliff für die Türkische Liga bei Ruedi holt.

40 Jahre Schleiferfahrung

In der 56-jährigen Lysser Klubgeschichte schleift Ruedi 40 Jahre lang die Schlittschuhe und es gibt Spieler, heute längst bei den Senioren, die ihm bis im Frühling dieses Jahres ihre Schlittschuhe anvertrauen. Eine fiktive Filmfigur würde sagen: «Er weiss alles was man übers Schleifgeschäft wissen muss» und dieses Know-How bleibt nun in hunderttausenden von Schlittschuhkufen für immer verborgen und sein Container (Foto) für immer geschlossen, «Ruedi» aber wird auch künftig noch in der Seelandhalle anzutreffen sein.

Schlittschuh-Fachmann Ruedi Krähenbühl bei seiner Lieblingsbeschäftigung 2019. (Krein)

Von aktuellen und ehemaligen Helden

Am 28. März 2019 holt sich der SC Lyss, Dank einem 4:0-Auswärtssieg gegen den EHC Arosa, den 1. Liga Schweizermeister-Titel. Schon mit dem Titel der Westschweizer Gruppe stand am 12. März 2019 der Aufstieg in die MySports-League fest. Am Samstag folgte der offizielle Empfang durch den Gemeindepräsidenten und die Meisterfeier im Hotel Restaurant Kreuz in Lyss.

Zweiter Meistertitel

Die Lysser holten vor genau 30 Jahren, am 16. März 1989 erst- und letztmals den 1. Liga-Schweizermeister-Titel. Drei Helden von damals sind bei der aktuellen Meisterfeier dabei: Noël Gerber, Reto Gerber und Urs Reber. Keiner konnte sich an eine Meisterfeier von einst erinnern. Damals gabs, trotz dem zusätzlichen Aufstieg in die Nationalliga B, nichts. Die grösste anwesende Lysser-Legende ist Bernhard «Benu» Bula. Bula führte die Mannschaft am 3. März 1979 als Kapitän erstmals in die NLB. Mit dabei waren auch Lucien Ramseyer und Kult-Betreuer Rudolf «Ruedi» Krähenbühl, sie alle sind bei der jüngsten Lysser Erfolgsfeier dabei.

Söhne berühmter Väter

Florin Gerber heisst der aktuelle Captain, er hat das «Amt» von Bula und seinem «Götti» Noël Gerber mehr als würdig vertreten, denn er ist erst der dritte Lysser 1. Liga-Aufstiegs-Kapitän der 55-jährigen Clubgeschichte. Der Sohn des langjährigen Verteidigers Reto Gerber ist nicht der einzige mit berühmten Vater. Stürmer Fabio Mattioni (Foto zweiter v. links) fragt mich ob Lyss schon einmal 1. Liga-Meister gewesen sei, verblüfft sagt er, «wir haben schon ein bisschen Geschichte geschrieben?» Klar antworte ich, «etwas was dein Vater nie geschafft hat.» Vater Romeo Mattioni stemmte beim letzten Lysser Meistertitel 1989, den Pokal schon zwei Stufen höher, nämlich beim Schweizermeistertitel mit den SC Bern.

Auf der Kreuz-Toilette, begegnen mir Headcoach Patrick Glanzmann, Lyss-Spieler der ersten NLB-Saison und Stürmer Yanick Kohler, nach meiner Gratulation, selbstverständlich nach dem Händewaschen, erkläre ich Kohler-Junior, ob er wisse, dass sein Vater Thomas bis heute der letzte NLB-Torschütze der Lysser Geschichte sei. Natürlich weiss er dies nicht, denn er war damals, am 27. Februar 1993, gerade mal zweieinhalb Jahre alt. Erstaunt will er, trotz Meisterfeier, mehr darüber wissen. Im gleichen Lysser Abstiegskader von 1993 spielte auch ein Mann Namens «Fiala», die Rede ist von Hans «Jan» Fiala. Sein Sohn Kevin spielt heute in der National-Hockey-League bei den Minnesota Wild. Ein anderer, Dave Baseggio, ist heute Scout bei den Anaheim Ducks.

Wer weiss, vielleicht reden wir in 30 Jahren mit den alten Legenden von 2019 nicht zwingend über die NHL, aber über ihre langjährigen Karrieren und deren Söhne feiern einen weiteren Lysser Meistertitel. Zurück in die Gegenwart, da freuen wir uns auf eine neue Ära auf nationaler Ebene und auf Gegner wie Dübendorf, Basel, Wiki-Münsingen, Thun, Bülach, Düdingen oder Chur. In diesem Sinne «Hopp Lyss», denn der SC Lyss ist mehr als nur ein Club.