Der Staub der Stahlträger

Les Vernets 1958 (Bibliothèque de Genève)

Genf-Servette liegt im vierten Heimspiel, im zweiten Drittel, gegen Ambri-Piotta mit 2:4 zurück, eine Mannschaft, welche auf dem Papier den Titel holen kann, sich bisher aber mehr schlecht als recht präsentiert denn die 0:11-Schlappe in Lausanne warf Fragen auf. Doch genau diese zwei Gesichter machen Genf in seiner 120-jährigen Geschichte aus. «Wenn ein Ort keine Geschichte hat, interessiert er mich nicht», sagt ein kultiger Berner Mundartsänger. Und Genf, ist «die Mutter» dieser Aussage. Kein anderer Club hat so vieles durchgemacht wie der HC Genf-Servette und kein anderes Eisstadion ist so lange mit dabei wie die Patinoire-les-Vernets.

Ein Ort der interessanter nicht sein könnte. Auf dem ehemaligen Areal der schweizerischen Landesausstellung von 1896 wird die Patinoire, am 28. November 1958 eröffnet und ist zu diesem Zeitpunkt, nach dem Zürcher Hallenstadion, erst die zweite Eishalle der Schweiz. Heute ist sie als älteste Halle immer noch in Betrieb und wirkt, weitaus jünger als es der Bau des Architekturtrios Albert Cingria, François Maurice und Jean Duret erahnen lässt. Der Bereich der Presseplätze, direkt unter den massiven Stahlträgern, wurde im Lauf der Jahrzehnte verbreitert und es scheint, als ob man hier die Geschichte förmlich riechen kann.

Das Gefühl auf den Presseplätzen gleicht einem alten Theaterbalkon, ein Granatroter Teppich ebnet den Weg zum Kommentatoren Platz, welcher die alten Reporterkabinen während der Ära-Chris McSorley, die längste eines Genfer-Trainers, ersetzt hat. Unverändert sind die imposanten Stahlträger, an denen noch der Staub der vergangenen 67 Jahre zu haften scheint. Etwa von 1959, als hier erstmals zwei Profiteams, die Boston Bruins und die New York Rangers, aus der NHL in der Schweiz gastierten. Oder von 1961, von den Weltmeisterschaften, wo für Frankreich ein gewisser Alain Bozon, der Grossvater von Servettes Tim und Vater von Philippe, dessen Nummer 12 heute unter der Hallendecke hängt, auflief.

Oder von 1963, als sich die beiden Clubs, Urania-Sports und Servette zum Genève-Servette HC formierten und zwischen 1966 und 1971 fünf Vizemeister-Titel und zwei Cupsiege feiern konnten. Selbst der 27-jährige Tiefschlaf, welcher bis in die Niederungen der drittklassigen 1. Liga und fast zum finanziellen Kollaps führte, scheint in den verstaubten Stellen der Stahlträger zu hängen. Während dieser Epoche trat das Schweizer Nationalteam im Dezember 1987 gegen den «Superblock» der Sowjetunion, welche drei Monate zuvor den hochkarätigsten Final in der Geschichte des Canada-Cups bestritten hat, an.

Sogar die Rue-Hans-Wilsdorf 4, die offizielle Adresse der Patinoire, ernannt nach dem Rolex-Gründer schreibt seine eigene Geschichte. Die Geschichte des sechsten Spieltages 2025, zwischen Genf-Servette und Ambri-Piotta, wird von einem 2:4-Rückstand in einen 5:4-Sieg umgewandelt und ein Teil davon bleibt irgendwo an den Stahlträgern hängen.

Artikel ist im SLAPSHOT Magazin unter KREIN ON TOUR erschienen.

Bozon und Godynyuk

Für die ehemalige Genf-Servette-Legende Philippe Bozon ist schon am 21. Dezember Weihnachten. Vor dem Spiel wird Bozons Rückennummer 12 unter die Hallendecke der Patinoire les Vernets gezogen. Selbstverständlich passt das zum heutigen Gegner aus Kloten, denn dort steht Philippes Sohn Tim unter Vertrag. Papa Philippe ist Trainer des französischen Erstligisten Bordeaux Boxers und steht mit dem Tabellenvierten erst morgen wieder im Einsatz gegen Strasbourg. Ebenfalls von Bordeaux nach Genf gekommen ist Servettes heutiger Keeper Remo Giovannini, dies aber schon am 19. Oktober. Nicht nach Genf gekommen ist dafür der NHL-Scout der Vegas Golden Knights oder «Las Vegas Knights», wie die Genfer den reservierten Platz bezeichnen. Der Platz des ehemaligen 48-fachen SCB-Söldners Alexander Godynyuk bleibt über die 60 Minuten leer.

Bozon und Godynyuk

Godynyuk und Bozon treffen während ihrer NHL-Karrieren zweimal aufeinander, am 7. Oktober 1993 gewinnt Bozon mit den St. Louis Blues gegen Godynyuk und die Florida Panthers mit 5:3 und am 6. Januar 1994 in Hartford nochmals gegen Godynyuk und die Whalers mit 2:1. Bozon und Godynyuks Wege kreuzen sich auf Schweizer Eis nicht, Godynyuk verlässt 1999 den SCB, Bozon kommt 1999 nach Lugano. Am 5. November 1998 gewinnt Godynyuk mit der Ukraine erstmals ein Direktduell gegen Bozon mit Frankreich, im Rahmen der WM-Qualifikation in Ljubljana mit 4:1.

https://twitter.com/kr1blog/status/943909918830153728?s=20

Bozens Ehrung zu Servietten Unsterblichkeit verpasst der einstige Gegner und heutige NHL-Scout der Knights. Montreals NHL-Draft Tim Bozon, durch Vaters Engagement 1994 in St. Louis geboren, übergibt als Kloten-Spieler seinem Vater das Genfer-Trikot mit der Rückennummer 12. Der 198-fache Servettien ist damit einer von sechs unsterblichen in der 113-jährigen Ära der Grenats. Bozon-Junior bleibt in der elften Minuten ein Treffer (zum 0:2) verwehrt, stattdessen wendet der ehemalige Klub seines Vaters den Rückstand in einen 4:1-Sieg und Genf-Junior Thomas Heinimann erlebt seine Tor-Premiere, leider ohne den Scout der Golden Knights…

21. Dezember 2017

Genf-Servette – Kloten 4:1 (1:1, 2:0, 1:0)
Les Vernets. – 6’441 Zuschauer. – SR Dipietro /Wiegand, Fluri /Stuber. – Tore: 4. Praplan (Hollenstein) 0:1. 19. Rod 1:1. 29. Spaling (Da Costa, Tömmernes /Ausschluss Boltshauser) 2:1. 32. Heinimann (Fransson) 3:1. 51. Rubin (Rod) 4:1. – Strafen: Genf-Servette 3-mal 2 Minuten, Kloten 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Genf-Servette ohne Descloux, Bezina, Mercier, Almond, Bays, Gerbe, Hasani und Mayer (alle verletzt), Kloten ohne Back, Bieber, Lemm, Bircher (alle verletzt) und Egli (U20-Nationalmannschaft).
Genf-Servette: Giovannini; Fransson, Tömmernes (2); Loeffel, Wick; Vukovic, Petschenig; Jacquemet; Da Costa, Richard, Spaling; Schweri, Romy, Simek; Riat (2), Rubin (2), Rod; Holdener, Heinimann, Douay.
Kloten: Boltshauser (2); Von Gunten, Harlacher; Ramholt, Kellenberger; Bäckman, Stoop; Brunner; Praplan, Santala, Hollenstein (4); Sallinen, Trachsler, Bozon; Grassi, Schlagenhauf, Leone (2); Marchon, Obrist, Lehmann; Bader.