Pustertal, Bozen und Olympia

Im Februar rückt Italien zum zweiten Mal in den olympischen Fokus der NHL, nach Turin 2006, sind die NHL-Stars auch in Milano Cortina 2026 wieder mit dabei. Doch wie steht es um Italiens Eishockey? Die Landkarte hat sich seit der «Blütezeit» stark verändert, denn sie ist mit Österreich, Slowenien und Ungarn zusammengewachsen. In der Folge spielen nur noch zwei italienische Klubs Spitzeneishockey: Der HC Bozen Südtirol «Alperia» und der HC «Falkensteiner» Pustertal aus Bruneck. Hätte dies 1990 jemand vorausgesagt, hätte man ihn für verrückt erklärt. «Italia 90» war nicht nur durch die Fussball-WM ein Begriff, es war mit Jari Kurri auch der Start zur letzten Glanzzeit der Azzurri. Die Mailänder Klubs «Devils» und «HC» duellierten sich vor 10‘800 Fans im neuen Forum von Mailland und Italiens Nationalteam, selbstverständlich mit vielen Italokanadiern, genannt «Italos», überflügelte das Schweizer Nationalteam zwischen 1993 und 1997. Zu dieser Zeit konnte nur der HC Bozen den Lombarden Paroli bieten, während der SG Bruneck mit dem Ligaerhalt beschäftigt gewesen war. Heute mischen Bozen und Bruneck (Pustertal), wo einst Jan Alston entdeckt wurde, an der Spitze der «win2day ICE-Hockey-League» in Österreich mit.

Das erste Saisonderby steigt in Bruneck. Via Brennerautobahn, wo im Oktober 1997 der ehemalige SC Bern- und Italien-Trainer Bryan Lefley, tödlich verunglückte, ist Bruneck in gut einer Stunde von Bozen zu erreichen. Im Derby gegen Bozen pilgern im Pustertal 3‘104 Zuschauer in die ausverkaufte Intercable-Arena. Dreh- und Angelpunkt in Bruneck ist Patrick «Patza» Kirchler, als Stadionwirt der «Go-West Bar-Restaurant-Sports», ist er auch Presseverantwortlicher und Animator auf dem Eis. Das «Go-West» ist am Spieltag gegen Bozen schon Stunden vorher proppenvoll, die Stimmung ist bombastisch, Bier und klangvolle Burger (einen Fetisow, Larionow, Tretiak oder Topatigh) zählen sich wie die Jerseys im Untergeschoss. Denn nebenbei besitzt Kirchler die eindrücklichste Sammlung von Eishockey-Jerseys, die 1‘000er Marke hat der Südtiroler, welcher auch Jahr-für-Jahr an den Weltmeisterschaften anzutreffen ist, bereits geknackt.

Geknackt werden an diesem eindrücklichen Abend auch die Favoriten aus Bozen. Der Sieg gegen den langjährigen Rivalen aus der Serie-A, Alpenliga und der Gegenwart, wird anschliessend mit dem Lied «PuschtraZiSein», der Band «Matschedonia», gefeiert wie eine Meisterschaft. Das Südtiroler-Derby zeigt «Italia Hockey» in bestem Licht. Die Hochburgen Bruneck und Bozen verfügen über alles was erfolgreiche Organisationen ausmacht. Und Mailand? Im Stadtteil Santa Giulia steht für Olympia 2026 die neuste Arena des Landes. Einem Gerücht zufolge soll die ehemalige Eishockey-Abteilung des AC Milan (Devils) wieder reaktiviert werden. Wenn nun noch die Leidenschaft der «Puschtra» das olympische Feuer in Mailand entfacht, dann wird die nächste «Blütezeit» eingeläutet.

Artikel ist im SLAPSHOT Magazin unter KREIN ON TOUR erschienen.

Die Curva-Sud von Meran

Die Curva-Sud, bei uns zu Lande berühmtberüchtigt aus der alten Valascia und heutigen Gottardo-Arena, die Choreografien der Biancoblu gehören zum schweizerischen Hockey-Kulturerbe. Das Pendant dazu liegt rund 80 Kilometer südlich in der ehemaligen Resega in der Curva-Nord, beim grossen Rivalen der Bianconeri.

Rund 400 Kilometer östlich gibts eine Kombination der beiden Kurven, beim zweifachen italienischen Meister HC Meran, choreografieren die „Bianconeri“ in der „Curva-Sud.“ Natürlich ist hier alles zehn Nummern kleiner, denn Meran spielt heute nur noch in der zweitklassigen Alps-Hockey-League (AlpsHL), nein es ist nicht die Alpenliga der 90er Jahre, vor nur noch knapp 1’000 Zuschauern.

Der Traditionsclub spielte allerdings zu seinen Glanzzeiten noch in Ambri’s Farben blau und weiss, wie etwa 1986 beim Meistertitel als HC Meran Lancia unter Headcoach Brian Lefley, das Meistertrikot von Kapitän Walter Allneider hängt in der „Penalty-Box, Bar & Bistro“ beim Eingang der Meranarena. Neben Lefley, trug auch der ehemalige Bern und Lugano-Söldner Gaetano Orlando die Farben der Biancoblu, bei seiner ersten Station in Europa.

Heute ist alles zwei Nummern kleiner bei den Südtirolern, die Söldner kommen nicht mehr aus der NHL, sondern es sind die Söhne von ehemaligen Grössen, wie etwa Jarrod Skalde’s Sohn Skate Skalde, ein wirklich geiler Vorname für einen Hockeyspieler. Bekannt beim Gegner aus der Kategorie „Söhne berühmter Väter“ bei Gröden, beim HC Val Gardena, ist Hannes Kasslatter, der ebenfalls seine Spuren in der Schweiz abverdiente.

Die schmucke kleine Eishockeywelt in Norditalien, früher harter Konkurrent und Lieferant von zahlreichen hochkarätigen Söldnern in die Schweiz, kann mit der Schweiz heute nicht mehr konkurrieren, doch eine Curva-Sud in Schwarz-Weiss gibts nur in Italien.

Walter Allneider (#18), Kapitän bei Merans Meistertitel 1986. (Krein)

Der Bozen Krimi

Dieses Bozen, die italienische Eishockey-Hochburg blüht seit 1947, ohne Unterbruch, in der obersten Spielklasse. Seit 2013 spielen die Südtiroler lieber in der internationalen Alptransit-Liga «win2day-ICE-Hockey-League.» Dies tun sie äusserst erfolgreich, denn die Bozner stehen zum vierten mal innert zehn Jahren im Endspiel um die Karl-Nedwed-Trophy. Gegner ist der frischgebackene österreichische Meister des EC Red Bull Salzburg. Spielen die Bozner im Final, kann ihr Widersacher bereits den österreichischen Pokal in die höhe stemmen. Als Zugabe stemmen die Mozartstädter am 21. April 2023 auch die Karl-Nedwed-Trophy zum achten Mal in die Höhe. Die Finalissima zwischen dem HC Bozen und Salzburg geht über sieben Spiele und mahnt in ihrer Dramatik an einen Text des einstigen Bozner Sport-Journalisten Franz Sinn.

Sinn tippt in den 80er und 90er Jahren die Buchstaben über das italienische Eishockey wie ein Südtiroler Gourmet-Koch ein Michelin-Stern erkocht. Die Zeilen lesen sich wie eine Symphonie eines Viergang-Menüs der italienischen Küche. Die Zeilen vergehen nicht im Gaumen, prägen sich aber literarisch und bildlich ins Gedächtnis. So auch Bozens Meisterstück aus dem Jahre 1990. Sinn beschreibt den elften Titel der Weiss-Roten wie ein Krimi und zieht den Hockeyleser in den Bann. Wer Bozens Meisterstück um seinen NHL-Superstar Mark Napier liest, lässt Italiens Hockey, auch als Schweizer, nie mehr los. Das Schwarz-Weiss-Foto des Kanadiers im Lancia-Bozen-Jersey wird, in farbiger Kleinkunst, nachgezeichnet und die italienische Serie-A wird zur faszinierendsten Nebenliga der Nationalliga-A.

Im Sommer 1990 schreibt der Sensationstransfer von Jari Kurri nach Italien das nächste hochkarätige Kapitel unseres südlichen Nachbarn. Der fünffache Stanley-Cup-Sieger aus Edmonton schlägt Angebote aus der Schweiz und Finnland aus um bei den Devils, der Eishockeyabteilung Silvio Berlusconis, in Mailand zu spielen. Im Sog hochkarätiger Zuzüge und den finanziellen Möglichkeiten der Mailänder Klubs mausern sich die Italiener, mit zahlreichen Italokanadiern (Italos) zu einer festen A-Nation und verbannen gar die Schweiz gleich zweimal in die B-Gruppe. 1991 wird die Alpenliga, hierzulande oft belächelt und wohl nie richtig verstanden, gegründet. Italiener, Österreicher und Slowenen treten in der ersten länderübergreifenden Meisterschaft Europas‘ gegeneinander an. Mit der Alpenliga testet der IIHF die langjährige Idee einer Global-Hockey-League und macht sie zum Vorreiter der späteren European-Hockey-League (1997) und der heutigen Champions-Hockey-League – dazu liefert die Alpenliga in den nachfolgenden Jahren regelmässig hervorragende Ausländer in die NLA.

WM-Stadion von 1994

1999 stellt die Alpenliga ihren Betrieb aus finanziellen Gründen und mangelndem Interesse wieder ein, doch dies nur vorübergehend. 2006 heuern die Slowenen in Österreich an, 2013 folgen die Italiener, heute umfasst die transalpine «win2-day» Liga wieder 13 Teams aus vier Ländern. Bozen, welches die alte Alpenliga als Spitzenklub geprägt hat, spielt auch im April 2023 wieder eine grosse Rolle. Das erfolgsverwöhnte Publikum aus der Dolomitenstadt strömt aber nur in den Playoffs in Scharen in die Eiswelle (Palaonda). Die Stimmung in der Final-Serie ist bombastisch, die Stehrampe unter dem Schriftzug «Figli-di-Bolzano» (Kinder Bozens) ist heissblütig und zelebriert ein Eishockey-Fest von feinsten, so wie man es bei uns von Lugano oder Ambrì kennt. Zu den vier Heimspielen kommen dreimal über 6’000 ins ehemalige WM-Stadion von 1994, an der Luigi-Galvani-Strasse, im Messegelände des Stadtteils «Oberau-Haslach.» Vor dem dritten Spiel, steht ein siebenfacher «Scudetto-Gewinner» und IIHF-Hall-of-Fame-Mitglied Italiens an der Stadionkasse: Lucio «Falco» Topatigh kommt regelmässig an die Spiele, wie sein früherer Bozner Weggefährte Martin Pavlu.

Forst und Red Bull

Italienische Ausnahmekönner von Topatighs Format fehlen heute in Bozen. Gerade mal fünf echte Italiener sind beim dritten Spiel im Einsatz: Pascal Brunner, Leonardo Felicetti, Luca Frigo, Daniel Frank, und Enrico Miglioranzi. Nicht im Aufgebot, dafür bereit für ein Treffen auf der Tribüne ist Hannes Kasslatter. Der Grödner kämpft um einen Stammplatz und ist nach Dave Baseggio, der «zweite Lysser» beim erfolgreichsten Klub Italiens. Unterhalb der VIP-Plätze, wo neben Kasslatter auch Bozens Eishockey-Vater Dieter Knoll die Spiele verfolgt, sind die Presseplätze. Diese bieten beste Sicht, für die grossen Medien, wie etwa die Dolomiten-Zeitung – welche seit Jahrzehnten vorzüglich über Italiens Eishockey berichtet – gibt es sogar eine eigene Kabine. Neben mir berichtet Alexander Foppa von den SportNews.bz über das dritte Finalspiel. Dieses läuft nicht für die Männer in den grünen «Forst-Bier-Helmen» – die Südtiroler Bierbrauerei ist seit 1991 an Bord – eine zweifache Überzahl-Situation nutzen die Special-Teams von Headcoach Glen Hanlon, dem ehemaligen Schweizer Nationaltrainer, nicht und so gehen die Männer in den silber-blauen «Red-Bull-Helmen» kurze Zeit später mit 2:0 in Front. Der Energy-Drink siegt im dritten Spiel mit 4:1 über die Biermarke. Die Energie fehlt den Boznern auch im letzten Heimspiel und der Bozen-Krimi wird im siebten Spiel in der 59. Minute durch den dänischen Internationalen Nicolai Meyer entschieden. Bier gibt’s nun für Red Bull und selbst Franz Sinn hätte den neusten Bozen-Krimi kaum besser, als in der Realität, illustrieren können.

DatumSpielFans
6.4.Bozen – Salzburg1:05 589
8.4.Salzburg – Bozen1:03 600
11.4.Bozen – Salzburg1:46 432
14.4.Salzburg – Bozen3:03 600
16.4.Bozen – Salzburg4:3nV6 800
18.4.Salzburg – Bozen3:43 600
21.4.Bozen – Salzburg1:26 800

Final – Spiel III – 11. April 2023 – 19 Uhr 30

HC Bozen Südtirol-Alperia – EC Red Bull Salzburg 1:4 (0:1, 0:1, 1:2)
Palaonda/Sparkasse-Arena. – 6 432 Zuschauer (Saisonrekord). – SR Hronsky/Nikolic, Durmis/Nothegger. – Tore: 6. Schneider (Harnisch, Nissen) 0:1. 35. Robertson 0:2. 42. Huber (Robertson, Stajnoch) 0:3. 45. Culkin 1:3. 60. (59:48) Raffl (ins leere Tor) 1:4. – Strafen: Bozen 5-mal 2 Minuten, Salzburg 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Bozen ohne Amorosa, Kasslatter und Matus; Salzburg ohne Auer, Maier, Predan und Schreier (alle überzählig). Salzburg 52. Time-out. Bozen zwischen 58:12 und 59:48 ohne Torhüter. Torschüsse 32:33 (7:15, 10:11, 15:7).
Bozen: Harvey (Bernard); Culkin, Miglioranzi (2); Hults, Dalhuisen (4); Valentine (2), Di Perna (2); Ginnetti; Frattin, Hults, Thomas; Halmo, McClure, Gazley; Frigo, Mantenuto, Frank; Felicetti, Alberga, Miceli; Brunner.
Red Bull Salzburg: Tolvanen (Kickert); Heinrich, Lewington (2); MacWilliam (2), Genoway; Robertson, Stajnoch; Stapelfeld; Harnisch, Nissner (2), Schneider; Huber (2), Bourke, Thaler; Hochkofler, Wukowits, Huber; Raffl, Baltram, Meyer; Nikolaus Heigl.

Bozner Erfolgsgeschichte

Es ist ein heisser Sommertag, niemand denkt in der Umgebung der Bozner Eiswelle «Palaonda» an Eishockey, ein kleiner, geschlossener Imbissstand in den Farben des HC Bozen deutet einzig auf den Eishockeysport hin. Auch das Eisstadion, welches im Mai 1994, bei ähnlichen Temperaturen, auch WM-Schauplatz ist, ist auf den ersten Blick nicht als Eishalle auszumachen. Die Stadion-Beiz ist offen und eine Handvoll Stammgäste diskutieren schon am frühen Nachmittag feuchtfröhlich mit dem Stadionwirt. Dieser gewährt, durch das Stadionbeizli hindurch, auch im Sommer Einlass in die Heimstätte der erfolgreichsten italienischen Eishockey-Organisation.

Ruhmreiche Hallendecke

Die Saison 2012-13 ist leider schon Geschichte und die unteren Sitzreihen in der Multifunktionshalle, wie beim Zürcher Hallenstadion, schon eingefahren. Dennoch gibts noch Spuren aus der vergangenen Meisterschaft, ein Matchprogramm liegt noch auf der Medientribüne. Als Qualifikationsdritter scheitert Bozen vorzeitig im Viertelfinal am späteren Meister AS Asiago. Für die Bozner ist es die vorerst letzte Meisterschaft in der heimischen Serie-A, die Südtiroler wechseln auf kommende Saison hin in die österreichische Erste-Bank-Eishockey-Liga (EBEL).


42 Spiele, 76 Tore und 78 Assists – das ist die Bilanz von Mark Napier, dem Star von Meister HC Bozen

– Franz Sinn, Eishockey-Journalist

Damit verliert die Serie-A, welche in den 90er Jahren ihre letzte Blütezeit erlebt, den wichtigsten Klub der heimischen Liga. Unter der Hallendecke der Bozner Eiswelle hängen Fahnen von 19 italienischen Meistertiteln, in schweizerdeutsch ausgedrückt, es ist als würde der HC Davos in die KHL wechseln. Die Meisterfahne 1990, sie hängt vor dem ersten Alpenliga-Titel, lässt mich in Gedanken an den fabelhaften Bericht von Franz Sinn, einem bedeutenden Eishockey-Reporter Italiens, zurück schwelgen. Die Seite 107 im deutschen «Eishockey Jahrbuch 1990» sind die Zeilen über «Italien» und dessen Meisterstück, welches als regelrechter Krimi niedergeschrieben ist. Wer diese Zeilen liest, wer sich die Messehalle, die Vorgängerin der Palaonda, vorstellen kann und wer dieses Foto (oben) von Mark Napier im rot-weissen Lancia-Jersey sieht, will nach Bozen. Doch diese Bozner wollen nach Österreich und spielen künftig lieber gegen Tiroler, statt gegen Vicenzer oder Ladiner. Ein Tiefschlag für die italienische Liga, aber eine Chance für Bozen, welches sich durch den Ligawechsel und seine, für italienische Verhältnisse, hohen Zuschauerzahlen, neue finanzielle- und sportliche Möglichkeiten erhofft.

Wie einst in der Alpenliga?

Bozen spielt schon früher eine grosse Rolle in der länderübergreifenden Meisterschaft der 90er Jahre. In der Alpenliga spielen die Südtiroler immer an der Spitze mit und holen, nach zwei Silbermedaillen, 1994 vor heimischer Kulisse gegen die grossen Devils aus Mailand den ersten Alpen-Cup-Pokal. 1995 folgt der zweite internationale Titel, beim gewinn der Euroliga, verstärkt der zweifache Stanley-Cup-Sieger Jaromir Jagr die «Weiss-roten» im Endspiel gegen den HC Rouen. Bozen hat immer schon grosse Stars ins Alto-Adige (Südtirol) gelockt, wie etwa Ron Chipperfield, Kent Nilsson, Mark Pavelich oder eben Napier, einst überragender Mann bei Franz Sinn’s Krimi-Titel 1990. Seine 154 Skorerpunkte in 42 Spielen sind noch heute eine Rekordmarke. Ein «Scudetto» kommt vorerst keiner mehr dazu und das «alte Matchprogramm» auf der Pressetribüne wird zum Relikt.

Künftige Bozner-Stars, wie einst der grosse Napier, schreiben ihre erfolgreiche Hockey-Geschichte in Zukunft wieder zusammen mit Österreichern und Slowenen, wie früher in der guten, alten Alpenliga. Auch auf der anderen Seite des Brennerpasses (Brennero) dürfte ein Titelgewinn um die «Champions-Trophy» bald als Fahne unter der Hallendecke der Palaonda hängen und Franz Sinn wird den einstigen Krimi neu als Symphonie niederschreiben.

Aegerter und die Gastfreundlichkeit

Meran, bekannt für seine Heilbäder als Kurort im schönen Südtirol oder die zahlreichen Besuche von Kaiserin Sissi, aber auch bekannt durch den Hockey-Club Meran. Nach einem Abstecher aus der Meraner Altstadt, wo in einem Sportgeschäft das letzte Meistertrikot (Foto) hängt, erreicht man zu Fuss innert 15 Minuten die Meranarena, das renovierte Stadion des zweifachen italienischen Meisters.

Unter Bryan Lefley holten die Südtiroler 1986 ihren ersten „Scudetto“, unter Miroslav Frycer und Gary Clark holten die Ladiner 1999 den zweiten Titel. Zuletzt spielte der italienische Zweitligist unter dem Schweizer Bruno Aegerter und holte den Titel in der Serie B.

Die Halle ist im Hochsommer selbstverständlich geschlossen, doch ein Eismeister „knorzt“ etwas in seinem Kämmerlein. Die Stadiontüren kann er mir nicht öffnen, doch nach einem kurzen Smalltalk über den HCM und meine Herkunft, aus dem gleichen Land wie deren beliebter Meistertrainer Aegerter, lassen den Eismeister in seinen Schubladen grübeln.

Ein Programm der U18-EM 2006, Meran war Austragungsort, und paar Aufkleber des HC Merano überreicht mir der freundliche Eismeister. Aegerter muss hier gute Arbeit verrichtet haben oder ist es einfach die übliche Südtiroler Gastfreundlichkeit?

Turin retour in zwanzig Stunden

Olympische Spiele haben auch als Zuschauer etwas magisches, meine Kindheitserinnerungen gehen nach Albertville, das Olympische Turnier findet 1992 in einer sonnigen Februarwoche statt, die Hälfte der Spiele verpasse ich, weil ich mit der Schule im Skilager weile. Dennoch prägt mich das Turnier von Meribel. Die Franzosen steigen als frische A-Nation erstmals, auf Kosten der Schweiz in die Top-Acht auf. Die Schweiz enttäuscht mit dem zehnten Rang. Unvergessen bleibt Deutschlands Penaltykrimi gegen Kanada, mit dem «tragischen Helden» Peter Draisaitl.

Mit diesen Erinnerungen steht Olympia 2006 vor der Haustüre. So nah wie jetzt werde ich die Olympischen Spiele so schnell nicht wieder besuchen können. Also dann, nichts wie hin nach Turin. Mittwochs in der Früh, am 22. Februar, morgens um 7 Uhr 30 startet unsere olympische Mission in Lyss. 16 Uhr 30 sitzen wir in der provisorischen Olympiahalle von Turin, der «Esposizioni», an der Via Petrarca.

Vorher haben wir kurz Zeit, mit dem Olympischen Bus – wir parkieren am Stadtrand – ins Zentrum zu fahren und uns zu verpflegen. Die Strassen Turins sind äusserst belebt, überall sind Teamjacken von Athletinnen und Athleten zu sehen, ein Stadtzentrum ist nicht wirklich auszumachen, denn in der Trabantenstadt ist irgendwie überall Stadtzentrum. Der Olympia-Shop hält nicht was er verspricht, die Artikel sind nicht wirklich kaufwürdig. Hilfreich und freundlich sind dafür die Tourist-Guides, welche dich an jeder Ecke mit Karten und Wegweisern versorgen.

Doch nun zum Spielbeginn in der «Esposizioni.» Das Viertelfinalspiel zwischen der überraschenden Schweiz und dem Favoriten aus Schweden beginnt. Nach 30 Minuten stehts bereits 4:1 für die Mannschaft von Bengt-Ake Gustafsson und leider kann das Team von Ralph Krueger nicht an die Leistungen gegen Kanada (2:0) und Tschechien (3:2) anknüpfen. Die Erwartungen vor der Partie waren hoch, die Enttäuschung ebenfalls. So verabschiedet sich die Schweiz, trotz sensationellem Turnier, bereits im Viertelfinal. Im Duell der ehemaligen Feldkircher verliert Lehrer Krueger gegen seinen ehemaligen Schüler.

Am Abend steht ein weiterer Leckerbissen auf dem Programm, Russland trifft auf Kanada und beide in NHL-Bestbesetzung. Dazwischen gibts aber auch für uns einen «Leckerbissen» in Form einer Pizza, beim «echten Italiener» um die Ecke. Am Nachbartisch sitzen ebenfalls zwei Schweizer, Jann Billeter und Stefan Figi. Nach einem Smalltalk und einem guten Appetit bei Pizza-Prosciutto und Co. freuen wir uns alle auf die bevorstehende Affiche. Auf dem Weg zur «Pala Hockey» liegt an der Via Pietro Giuria 42 sogar ein Hockey-Shop mit dem passenden Namen Winter-World.

Kris Draper und Pavel Datsyuk bestreiten das Bully zum besten Spiel welches ich je im Stadion gesehen habe. Mit einem unheimlichen Tempo begegnen sich die grössten Rivalen des Eishockeysports in der hauptsächlich durch Russen besetzte Olympia-Halle. Eine Minute vor Schluss, beim Stand von 0:1, ersetzen die Kanadier Martin Brodeur durch einen sechsten Feldspieler, 28 Sekunden später muss Chris Pronger auf die Strafbank, Brodeur kehrt zurück und Russland erzielt noch das 2:0.

«Turin-retour» ist, trotz der Schweizer Niederlage, ein voller Erfolg. Die Reise hat sich gelohnt, auch wenn sich die Rückfahrt via Grosser Sankt Bernhard bis morgens um 4 Uhr ermüdend dahinzieht. Zwanzig Stunden und dreissig Minuten dauert der olympische Traum, kurz, intensiv, spektakulär und einmalig, so das Fazit. Der nächste Besuch bei den Olympischen Spielen wird frühestens 2018 sein.

Schweiz – Schweden 2:6 (1:2, 0:3, 1:1)
4′ H. Sedin (D. Sedin, Lidström) 0:1.
9′ Streit (Della Rossa, Plüss) 1:1,
14′ Modin (Forsberg, Alfredsson) 1:2,
23′ Zetterberg (Holmström, K. Jönsson) 1:3,
30′ M. Sundin (Lidström, Alfredsson) 1:4,
33′ M. Sundin (Forsberg, Tjärnqvist) 1:5,
41′ Lemm (Rüthemann) 2:5,
49′ Pahlsson (Alfredsson, Axelsson) 2:6.

Esposizioni: 2970 Zuschauer
SR: Marouelli (Ka); Nelson, Seljanin (USA/Russ)
Str. (Sz): 4×2′
Str. (Sd): 1×2′

Schweiz: Gerber; Keller, Streit; Blindenbacher (2), Hirschi; Seger, Bezina; Forster, Vauclair; DiPietro, Plüss, Della Rossa; Paterlini (2), Rüthemann, Ambühl; Conne (2), Jenni (2), Fischer; Lemm, Jeannin, Wichser.
Schweden: Lundqvist; Lidström, Öhlund; Hävelid, Tjärnqvist; K. Jönsson, Bäckman; R. Sundin; Modin, M. Sundin, Forsberg; Alfredsson, Pahlsson, Axelsson; Holmström (2), J. Jönsson, Zetterberg; Samuelsson, H. Sedin, D. Sedin; Hannula.

Russland – Kanada 2:0 (0:0, 0:0, 2:0)
42′ Ovechkin (Kozlov) 1:0,
60′ Kovalev (A. Markov) 2:0.

Esposizioni: 4130 Zuschauer
SR: Larue (USA); Sericolo, Karlsson (USA/Sd)
Str. (R): 8×2′, 1×5′ plus Spieldauer (Malkin)
Str. (K): 8×2′

Russland: Nabokov; A. Markov, D. Markov (2); Tjutin, Volchenkov; Kasparaitis, Gonchar (2); Vishnevski, Zhukov (2); Kovalev (2), Datsyuk, Kovalchuk; Kozlov, Yashin, Ovechkin (2); Sushinski (2), Malkin (25), Charitonov; Afinogenov (2), Korolyuk, Taratuchin (2).
Kanada: Brodeur; Foote, Redden; Bouwmeester, Pronger (4); Blake, Regehr; McCabe; Iginla, Sakic, Gagné (2); Heatley, Richards (2), Draper; Bertuzzi (2), Thornton, Nash (2); St. Louis, Lecavalier (2), Smyth (2); Doan.