Fattons Feuertaufe

Erst zum zweiten Mal, innerhalb einer Woche, in seiner noch jungen Karriere steht Thibault Fatton von Beginn weg im Kasten der National-League und zum ersten Mal vor heimischem Publikum und dies im ewigen Klassiker gegen den SC Bern. Der 19-Jährige holt im zweiten Spiel den zweiten Sieg und wird als bester Spieler Luganos ausgezeichnet. Mit Gianluca Cortiana kommt ein zweiter 19-Jähriger zu seiner NL-Feuertaufe. Fatton und Cortiana gehören seit zwei Jahren zu den Leistungsträgern der Elit-Junioren. Mittelstürmer Cortiana spielt aber an diesem Abend in der vierten Reihe neben Nelson Chiquet und Loic Vedova nur knapp zwei Minuten.

Knapp an einer Schlägerei vorbei schrammen in der 35. Minute Mirco Müller und Thomas Thiry, die beiden imponieren mit guter Standfestigkeit und sorgen nach einem Ringkampf im stehen, für kurzzeitige Playoff-Stimmung bei den heissblütigen Fans der berühmten Nord-Kurve. Knapp vorbei kommen nach dem Spiel die Zuschauer auf den Sitzplätzen – bei einem Geschoss aus der Lugano-Fankurve – welche mit dem Schrecken eines lauten Knalls davonkommen. Auch ein betagter Lugano-Anhänger, der die Spiele schon auf dem Lago Muzzano erlebt haben musste, schüttelt dabei nur den Kopf.

Mit erhobenem Kopf kann sich der beste Spieler des Abend durch eine dreifache «Welle» von der Curva-Nord feiern lassen. Trotz Feuerwerk, Fatton steht beim Knall nicht weit daneben, ist die heimische Feuertaufe des Goalies aus der Nachwuchsabteilung des HC La Chaux-de-Fonds, welcher seit 2018 im Tessin unter Vertrag steht, gelungen. Gelungen ist auch Luganos jüngstes Duell im Sottoceneri gegen die Berner, welches auf höchster Stufe erstmals am 14. Oktober 1972 vor 4’500 Fans über die Bühne geht.

Thibault Fatton besteht die Lugano-Feuertaufe mit nur einem, ärgerlichen, Gegentreffer. (Krein)

25. September 2021 – 9. Runde

Lugano – Bern 3:1 (1:0, 1:1, 1:0)
Cornèr-Arena. – 5’206 Zuschauer. – SR Wiegand /Hungerbühler, Progin /Duarte. – Tore: 14. Fazzini 1:0. 23. Jeremi Gerber (Moser, Scherwey /Ausschluss Nodari) 1:1. 27. Bertaggia (Riva, Thürkauf) 2:1. 59. Walker (ins leere Tor, Ausschluss Riva!) 3:1. – Strafen: Lugano 7-mal 2 plus 10 Minuten (Müller), Bern 4-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer Fazzini und Conacher. Lugano ohne Carr, Haussener, Josephs, Loeffel (alle verletzt) und Tschumi (gesperrt), Bern ohne Praplan (verletzt). Bern von 58:10 bis 58:30 und ab 58:50 ohne Torhüter.
Lugano: Fatton; Nodari (4), Müller (12); Alatalo, Riva (2); Chiesa, Guerra; Wolf; Walker, Arcobello, Fazzini (2); Boedker (2), Herburger, Morini; Bertaggia, Thürkauf, Stoffel (2); Vedova, Cortiana, Chiquet; Traber.
Bern: Manzato; Andersson, Beat Gerber; Untersander, Henauer; Thiry (2), Colin Gerber; Pinana; Conacher (2), Jeffrey, Scherwey; Kast, Kahun, Moser; Fahrni, Daugavins (2), Jeremi Gerber; Sciaroni (2), Neuenschwander, Bader; Berger.

Ein grosser Schritt für das Eishockey

Am 29. Februar dieses Jahres fand die letzte Runde statt (ich war in Langnau), sieben Monate später endet die längste Pause der obersten Spielklasse seit der Eishockey-Neuzeit (nach dem 2. Weltkrieg). Am 1. Oktober, empfängt der HC Lugano zum Saisonauftakt die ZSC Lions. Viele Leute tummeln sich vor Spielbeginn vor der ehemaligen Resega, fast zeitgleich mit der Türöffnung um 18 Uhr 30, kommen die «Jüngsten» aus den Kabinen der Trainingshalle. Ein Lugano-Angestellter verteilt Gratis-Schals, mit dem Lugano-Slogan «Non molare mai» (Gib nie auf) an alle Zuschauer.

Die HCL-Fanschals werden vor der Cornèr-Arena an die Zuschauer abgegeben. (Krein)

Nie aufgegeben haben auch der Verband, die Klubs und die Liga. Die Hallen sind auf Covid-19-Kapazitäten umgerüstet worden, so fasst die Cornèr-Arena in Lugano nicht mehr 7’200 Plätze, sondern 3’500 Corona-konforme-Plätze. Die Curva-Nord glänzt erstmals mit schwarzen Schalensitzen (siehe Titel-Foto). Vorher gehts aber durch eine professionelle und saubere Eintrittsprozedur. Sämtliche Journalisten müssen sich mindestens 24 Stunden vor Spielbeginn auf der Homepage Luganos registrieren und werden in eine «Media HCL-WhatsApp-Gruppe» von 28 Teilnehmern aufgenommen.

Sauberer Ablauf

Vor der Türöffnung werden alle Medienleute mit einem Ticket und einem gelben Armband, welches Zutritt zur Interview-Zone gewährt, ausgestattet. Dann gehts los, pünktlich zur Türöffnung, folgt eine zweite Registrierung mittels einem QR-Code, welcher beim Haupteingang zu scannen ist. Mit diesem Code gehts zur zweiten Online-Registrierung, welche durch einen Zahlencode per SMS zugestellt wird. Für ältere Personen und technische Banausen wie mich, stehen Helferinnen und Helfer im Einsatz.

Lugano-COO Jean-Jacques Aeschlimann empfängt die ersten Journalisten beim Haupteingang. (Krein)

Die Eingangskontrolle wird durch den Manager des operativen Geschäfts oder den COO Jean-Jacques Aeschlimann, welcher Verbindungen bis in unser kleines Dorf hat, unterstützt. Abstände und Laufwege in die Cor(o)nèr-Arena sind gekennzeichnet und sauber abgesperrt. Es geht auf dem direkten Weg in die obere Etage der «Resega.» Das Betreten der Halle ist bereits eine Genugtuung, endlich wieder Eishockey, endlich wieder eine Arena, endlich wieder ein Ernstkampf und endlich wieder ein Einsatz für das gesamte Schweizer Eishockey.

„Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für das Eishockey.“

— Krein

«Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für das Eishockey», könnte ich passender nicht ausdrücken und dennoch ist es ein bisschen so, wie wenn es nie eine Pause gegeben hätte. Den Spielern wird bereits beim Einlauf auf das Eis für das Warm-up applaudiert, denn alle sitzen im gleichen Boot, ob Zuschauer, Funktionäre, Schiedsrichter, Spieler oder Journalisten. Nur noch wenige Minuten bis zum Start, die Nervosität steigt nicht nur bei mir sondern auch bei den Akteuren auf dem Eis, das «top» von Regisseur Louis Trautmann kommt pünktlich um 19 Uhr 40, dann gehts los, für das Lugano-Spiel bedeutet dies «MySports-Kanal 5» und das Kapitel der «Corona-Pause» ist Geschichte.

Boedker und der Pizza-Baecker

Die beiden Hauptattraktionen Mikkel Boedker und Sven Andrighetto schreiben ebenfalls Geschichte, die ehemaligen NHL-Cracks bestreiten ihre erste Partie in der National-League, dies gilt auch für Daniel Carr, Tim Heed und Philipp Kurashev. Der 11-fache Nashville-Spieler Carr erzielt seine Tore 1 und 2 in unserer Liga, Boedker und Kurashev geben ihre ersten Vorlagen und Niklas Schlegel kommt zum ersten Saison-Shutout. Nur die Gäste bleiben blass. Nach dem Interview mit Matchwinner Schlegel, gehts zu den Schiedsrichtern, Linesman Thomas Wolf ist ebenfalls ein Seeländer, ich habs so kommentiert, der Lengnauer kommt beim «Swiss-Hockey-Day» immer nach Lyss. Wie in Lugano üblich, gibts für die Referees nach Spielschluss immer eine Pizza aus der hauseigenen Pizzeria im «Ristorante Club 41», etwas was auch ich mir beim speziellsten Saisonauftakt aller Zeiten nicht entgehen lasse.

Die Pizza Prosciutto im «Ristorante Club 41» in Lugano, schmeckt zum Saisonauftakt so gut wie Luganos Spiel. (Krein)

Lugano – ZSC Lions 4:0 (2:0, 1:0, 1:0)
Cornèr-Arena. –3’426 Zuschauer. – SR Stricker/Stolc (Slk), Wolf/Betschart. – Tore: 9. Bürgler (Fazzini, Arcobello /Ausschluss Roe) 1:0. 18. Carr (Bertaggia, Kurashev) 2:0. 28. Fazzini (Boedker) 3:0. 51. Carr (Kurashev, Bertaggia) 4:0. – Strafen: Lugano 2-mal 2 Minuten, ZSC Lions 1-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Lugano ohne Lajunen und Sannitz (beide verletzt), ZSC Lions ohne Blindenbacher, Bodenmann und Capaul (alle verletzt).
Lugano: Schlegel; Heed, Riva; Loeffel, Wellinger; Chiesa, Nodari; Traber, Wolf; Boedker, Arcobello, Fazzini; Carr, Kurashev, Bertaggia; Bürgler, Herburger, Suri; Walker, Morini, Lammer.
ZSC Lions: Flüeler; Noreau, Marti; Phil Baltisberger, Geering; Trutmann, Berni; Morant; Chris Baltisberger, Roe, Andrighetto; Hollenstein, Diem, Sigrist; Pettersson, Krüger, Wick; Prassl, Schäppi, Pedretti; Simic.

Die Pizza vor dem Sturm

Es herrscht die pure Idylle im Garten-Restaurant der Osteria-Resega, die Sonne scheint, das Klima ist sommerlich warm und die Pizza-Prosciutto wird in Kürze serviert – während wir auf unsere Pizza warten – finden auch andere Medienvertreter aus dem Züribiet die „Via Sonvico uno“. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen aber erahnen, die „Prosciutto“ ist die letzte Ruhe vor dem Sturm. Unsere Tickets erhalten wir vom Lugano-Offiziellen Dany El-Idrissi, direkt beim Sekretariat an der Via Chiosso. Dann gehts los in die Höhle des „Panthers“, sieben Plätze neben uns sitzt der ehemalige Lugano-Spieler und dreifache Schweizermeister Florian Blatter.

Wie in den Neunzigern

Die Bianconeri stehen erstmals seit ihrem letzten Meistertitel, also nach zehn Jahren, wieder im Final. Die Erwartung ist gross und das Publikum geladen wie an einem siebten Spiel. Lugano muss heute im dritten Spiel der Serie (Stand 1:1) wieder vorlegen. Die Rivalität zwischen Bern und Lugano lässt die alten 90er Jahre wieder aufleben, als sich die heutigen Gegner dreimal in Folge im Endspiel duellierten. Mit dabei war damals auch der heutige Final-Schiedsrichter Didier Massy, wohl kaum einer der aktuellen Fans mag sich an Lugano-Massy (2-mal Meister) noch erinnern.

Die Schiedsrichter sind während der ganzen Partie dem Gefahrenherd des heissblütigen Mobs ausgesetzt. Wenns für den Gegner läuft, fliegt alles aufs Eis was nicht niet- und Nagelfest ist. Bierbecher, Schlüsselketten, Sonnenbrillen oder Lippenstifte führen mehrfach zu Unterbrüchen. Kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit wird sogar die Plexiglasscheibe der Berner Strafbank, wo Simon Moser sitzt, zertrümmert. Vielleicht ist es wie im alten Rom, während der Zirkusspiele im Colosseum, den Unparteiischen hätte man damals wohl den Daumen nach unten gezeigt. Die Ruhe der Osteria-Resega ist auf der Pista-Resega kaum noch zu erahnen und das Spiel?

Non mollare mai

Endet zum Schrecken aller, ausser den Spielern des SCB, zu Gunsten der falschen Gladiatoren und der Mob wütet, wie einst bei der Schande von Lugano, bei Zürichs Meistertitel 2001. Das Erlebnis ist aber auch für meinen „Berner“ Freund unvergesslich, auch wenn er zeitweise um sein Leben fürchtet – für alles andere gibts die Mastercard, das ist die Resega und das ist Lugano. „Non mollare Mai“ (gib niemals auf), sind unvorstellbare Leidenschaft und Enthusiasmus, gekoppelt mit einer Finalpartie weltweit unübertreffbar.

Die letzte Ruhe vor dem Sturm gilt auch für die Schiedsrichter Roger Bürgi (75), Didier Massy (22), Danny Kurmann (66) und Simon Wüst (44). (Krein)

7. April 20163. Finalspiel

Lugano – Bern 2:3nV (0:0, 2:1, 0:1, 0:1)
Resega. – 7’800 Zuschauer (ausverkauft). – SR Kurmann/Massy, Bürgi/Wüst. – Tore: 21. Bodenmann (Ebbett /Ausschluss Rüfenacht!) 0:1. 26. Martensson (Ulmer /Ausschluss Blum) 1:1. 38. Lapierre (Chiesa, Sannitz) 2:1. 47. Ebbett (Moser, Jobin) 2:2. 70. Scherwey (Plüss) 2:3. – Strafen: Lugano 8-mal 2 Minuten, Bern 10-mal 2 plus 10 Minuten (Roy). – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer Klasen, Conacher. Lugano ohne Steinmann (verletzt), Stapleton, Sartori, Romanenghi (alle überzählig), Bern ohne Hischier, Kobasew, Bergenheim, Bührer, Kousa (alle verletzt), Kreis, Ness, Smith (alle überzählig). 4. Pfostenschuss von Pascal Berger. 73. Timeout von Lugano.
Lugano: Merzlikins; Hirschi, Kparghai; Chiesa (2), Furrer; Ulmer, Vauclair; Kienzle (2); Brunner, Hofmann, Bertaggia; Walker (2), Sannitz, Lapierre (6); Kostner, Schlagenhauf, Fazzini; Martensson, Klasen (2), Pettersson (2).
Bern: Stepanek; Jobin, Untersander; Krueger, Blum (2); Helbling (4), Gerber; Flurin Randegger; Bodenmann, Ebbett, Moser (2); Conacher, Roy (12), Rüfenacht (8); Scherwey, Plüss, Reichert; Alain Berger (2), Pascal Berger, Gian-Andrea Randegger.

Davos vs. Lugano! Strecker vs. Krein!

Das Duell! Früher bekannt aus dem Magazin Slapshot und später aus dem Top Hockey. Jeweils monatlich duellierten sich Klaus Zaugg und Joël Wüthrich zu einem brisanten Thema. Als «Duell im Westentaschenformat» oder als «Duell Zaugg/Wüthrich der armen Männer» duellieren wir uns in der Playoff-Version Davos vs. Lugano 2009. Ein Duell, welches eigentlich schon fast ein vorgezogenes Finalspiel sein könnte. Spitzeneishockey auf beiden Seiten bereits schon im Viertelfinal. Doch wer hat nach der Best of Seven Serie die Nase vorn? HCD vs. Lugano, oder Simon Strecker vs. Michele Krein!


Strecker:
Wenn man in die Vergangenheit schaut, müsste man das «Grande Lugano» klar favorisieren. Doch erstens ist die Vergangenheit vorbei und zweitens ist das Grande Lugano nicht mehr so gross, wie es fürher war. Vor Jahren hätte man sich mit einem fünften Quali Rang nicht zufrieden gegeben.

Doch wer ist überhaupt favorisiert? Beide Teams verfügen über ein starkes Kader. Der HC Lugano hat bestimmt mehr Talent im Team, vor allem die viel stärkeren Ausländer. Davos hat dafür mehr Kampfgeist, mehr Siegeswillen, Davos ist hungriger! Und dies trotz der besten Bilanz aller National-League-A Teams der letzten Jahre! Arno del Curto hat es geschafft, dass keine mentale Müdigkeit im Team einkehrt, keine Genügsamkeit, wie sie zum Beispiel der SC Bern seit Jahren verspürt.

In der Aktuellen Saison gab es bis jetzt sechs Verlängerungen. Davon konnte der HCD vier für sich entscheiden. In der Playoff Serie gab es bis jetzt immer Verlängerung. Von der Wahrscheinlichkeit her müsste es also dem Schweizer Rekordmeister reichen, die Halbfinals zu erreichen.

Doch auf Statistiken sollte man sich nicht verlassen. Es gibt weitere Gründe, warum der HCD die Tessiner schlagen wird. Gerade bei engen Serien, wo sich die Teams ebenbürtig sind, entscheidet am Schluss der Wille! Und Davos hat den stärkeren Willen. Davos hat ein jüngeres Kader mit Spielern, die zwar weniger Talent besitzen, doch dafür um so mehr daran glauben, das Ziel zu erreichen. Davos hat zudem die ausgeglichenere Mannschaft. Davos hat keinen Nummelin, keinen Thoresen und auch keinen Murray. Wenn es dem HCD gelingt, diese Spieler zu neutralisieren, dann ist ein Weiterkommen in die Halbfinals ausser Frage! Beim HCD sind die Skorer viel besser verteilt, jeder kann das entscheidende Tor schiessen. So wie Robin Grossmann im letzten Spiel in der Overtime mit einem scharfen Slapshot.

Krein: Insgesamt sechsmal standen sich die beiden Teams in Playoff-Serien schon gegenüber. Fünfmal (1986, 1988, 1999, 2003 und 2006) konnten die Tessiner die Serie für sich entscheiden. Die Playoff-Statistik spricht also ganz klar für Lugano. Die letzte Playoff-Paarung der beiden Kontrahenten, konnte Lugano mit einer 4:1 Serie im Final für sich entscheiden. Die aktuellen Saisonresultate sprechen aber für den HCD. In vier spielen ging es dreimal in die Verlängerung, wobei die Bündner deren zweimal die Overtime für sich entscheiden konnten.

Was spricht im Viertelfinal 2009 für den HC Lugano? Lugano behagt die Rolle des Aussenseiters besser als die des Favoriten. Bei den letzten drei Meistertiteln startete man aus den Rängen drei (1999), vier (2003) und zwei (2006). Obwohl Davos-Trainer Del Curto sein Team «immer» als Aussenseiter bezeichnet, betrachte ich es für Lugano als Vorteil, vom fünften Rang aus als «Aussenseiter» zu starten.

In den Jahren des Scheiterns spielte Lugano jeweils eine grandiose Qualifikation, die Spieler erreichten ihr Leistungszenit bereits in der Quali, waren aber in den Playoffs ausgebrannt. Dazu kam meistens noch das Verletzungspech. In der aktuellen Saison spielte man eine durchzogene und nicht immer überzeugende Qualifikation und musste einen Trainerwechsel verkraften. Viele Spieler wie Hirschi, Domenichelli, Robitaille, Lemm, Conne und Nummelin standen nicht immer zur Verfügung. Doch rechtzeitig auf die Playoffs kann die Mannschaft erstmals komplett (mit Ausnahme von Paterlini und Domenichelli) antreten. Gerade Steve Hirschi, welcher in den letzten drei Jahren nur 46 Spiele bestreiten konnte, kommt als Sinnbild für Luganos Rückkehr in die Playoffs rechtzeitig zurück.

Unter den besten fünf Skorern der Qualifaktion befinden sich zwei Lugano-Spieler: Patrick Thoresen (63 Punkte) und Petteri Nummelin (62 Punkte). Der beste Davoser ist Michel Riesen mit 41 Punkten (noch hinter Julien Vauclair). Skorerwerte müssen nichts heissen, schlussendlich gewinnt man als Mannschaft und nicht mit Einzelspielern. Dennoch können Thoresen und Nummelin in der Serie gegen die Bündner entscheidende Faktoren sein.

Praktisch niemand glaubt an einen Triumph Luganos über die Bündner, trotzdem traue ich dem siebenfachen Schweizermeister eine «Überraschung» zu. Doch dazu braucht es eine kompakte Mannschaftsleistung, einen David Aebischer in seiner besten NHL-Form, den Willen und den Glauben des Siegens. Dazu kommt das Wissen, dass man in den letzten Jahren alle Playoff-Serien gegen die Bündner gewinnen konnte. Der letzte und bisher einzige Davoser-Playoff-Erfolg gegen Lugano liegt elf Jahre zurück.

Die fehlende Sekunde der Resega

Wenn der HC Lugano kurz vor einem Schweizermeister-Titel steht, dies Zuhause in der «Pista-la-Resega», gibts in der «Curva-Nord» kein halten mehr. Die Spannung des fanatischen Publikums ist kaum zu beschreiben, vielleicht ist es wie kurz vor dem Start zu einem 100-Meter-Final. Wenn der Startschuss erfolgt, explodiert der 100-Meter-Sprinter. Für Lugano heisst das, die Fans brechen über Banden und Abschrankungen herein, wie beim Bruch eines Staudamms.

Wenn also Ville Peltonen bei Spielzeit 59 Minuten und 59 Sekunden, die Scheibe im leeren Davoser Kasten zum 3:1 versenkt, dann wars dies. Das Schauspiel ist unbezahlbar und emotional kaum zu verarbeiten und das Erlebnis für jeden nicht-Lugano-Fan fast beängstigend. Es ist die pure Leidenschaft des gesamten Sottoceneris welche hier in wenigen Minuten wie der Lago di Lugano überläuft.

„Die Dämme brechen bei Peltonens 3:1, eine Sekunde vor Schluss.“

— Michael Krein

Auf dem Videowürfel steht immer noch 59:59, die Spieler sind bereits im Fan-Taumel unter gegangen und auf dem Würfel leuchtet «CAMPIONI!!!» Wo sind die Schiedsrichter? Wo sind die Gäste aus dem Bündnerland? Muss die Sekunde noch gespielt werden oder darf man eine Sekunde vor dem offiziellen Spielende den Match so als zu Ende gespielt werten? Und der Meisterschütze Peltonen? Wird mit Sprechchören «Vii-lle Pel-too-nen» frenetisch gefeiert.

Selbstverständlich wäre in dieser Sekunde nichts mehr passiert. Lugano war seit dem vierten Viertelfinal-Spiel, am 14. März, nach dem Overtime-Sieg in der Leventina gegen den HC Ambrì-Piotta nicht mehr zu stoppen. Einen Monat später, am 13. April, knapp vor 22 Uhr 30, geht die wohl beeindruckendste Auferstehung in der Geschichte des Schweizer Eishockeys mit dem siebten Meistertitel Luganos, eine Sekunde zu früh, zu Ende.

Der siebte Titel Luganos stillt selbst unseren Hunger noch nicht, so gibts in der ebenfalls ausverkauften Resega-Bar «Club 41», keine Champignons Pizza, sondern eine Campioni-Pizza, welche uns den Magen füllt. Die Meisterfeier auf dem Gemeinde-Boden «Porza» dauert noch bis in die frühen Morgenstunden und auch in der Meisterkabine schauen wir bei Sannitz und Co. kurz vorbei. Unser Nachtlager übrigens, wurde vor dem Spiel kurzerhand durch meine Arbeitskolleginnen der Manpower-Filiale, an der «Via Pretorio» organisiert, «Grande» dieses Lugano.

«Pizza-Campioni» mit meinem langjährigen Sturmpartner Markus Eggimann (links) und Michael Möri. (Claude Moeri)

13. April 2006 – 5. Finalspiel

Lugano – Davos 3:1 (1:0, 1:1, 1:0)
Resega. – 7’800 Zuschauer (ausverkauft). – SR Reiber, Wehrli /Wirth. – Tore: 9. Nummelin (Jeannin, Gardner /Ausschluss Sutter) 1:0. 22. Guggisberg 1:1. 25. Sannitz (Nummelin, York /Ausschluss Kress) 2:1. 60. (59:59) Peltonen (Metropolit, ins leere Tor) 3:1. – Strafen: Lugano 5-mal 2 Minuten, Davos 8-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Lugano ohne Conne (verletzt), Bianchi, Hänni, Norris und Oksa (alle überzählig), Davos ohne Heberlein (verletzt), Blatter und Wilson (beide überzählig). – Davos ab 59:19 ohne Goalie. – Time-outs: 60. (59:24) Lugano, 60. (59:49) Davos.
Lugano: Rüeger; York, Vauclair; Guyaz, Cantoni; Nummelin, Hirschi; Gardner, Metropolit, Peltonen; Hentunen, Sannitz, Jeannin; Näser, Wirz, Murovic; Reuille, Romy, Fuchs.
Davos: Hiller; Gianola, Jan von Arx; Hauer, Häller; Winkler, Kress; Ramholt, Ackeström; Riesen, Reto von Arx, Christen; Juhlin, Marha, Hahl; Guggisberg, Rizzi, Ambühl; Bruderer, Sutter, Burkhalter.