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Von Marignano bis Helsinki

Mark Streits haben wir genug, doch Patrick Thoresens fehlen uns an allen Ecken und Enden. (Foto: zvg)

Zum dritten Mal innert vier Jahren verpasst die Schweiz in Helsinki das Minimalziel der Weltmeisterschaft-Viertelfinals. Die Antwort für das scheitern liegt fast 500 Jahre zurück im italienischen Marignano.

Bis zur Schlacht von Marignano im September 1515 galten die Eidgenossen als gefürchtete Krieger welche man jeweils als Söldner für jeden Krieg in Europa verpflichten konnte. Doch die kriegerische Auseinandersetzung von Marignano veränderte die Eidgenossenschaft drastisch, denn dort musste man gegen Frankreich eine empfindliche Niederlage mit verheerenden Folgen hinnehmen. Nach der Niederlage von Marignano war die Schweiz nicht mehr in der Lage eine Expansionspolitik zu betreiben. Seither konzentrieren wir uns auf die Verteidigung unseres Landes und halten uns aus sämtlichen Konflikten meistens korrekt, neutral und unspektakulär im Hintergrund. Diese «Landeskrankheit» oder «Landesmentalität» begleitet die Schweiz seit 1515 wie ein schwarzer Schatten. Das jüngste Beispiel fand 2012 im finnischen Helsinki statt. Wie vor 497 Jahren verlieren die Eidgenossen in Helsinki die entscheidende «Schlacht» gegen Frankreich und erleiden einen Rückschritt ins Mittelmass.

Unsere Mentalität ist das «verteidigen»

1515 entschied man sich von nun an «nur» noch verteidigen zu wollen. Wir können also nicht einfach so von heute auf Morgen eine 500-Jährige Tradition auf den Kopf stellen und in «Winkelried-Manier» ein offensives Angriffs-Feuerwerk zünden. Seit Sean Simpson (2010) spielt die Schweiz zwar das attraktivere Eishockey als in zwölf Jahren «Beton-Hockey» unter Ralph Krueger aber nicht das erfolgreichere. Die Frage ist wohin wir können, nicht wohin wir wollen! Mit der neuen Marschroute will die Schweiz künftig attraktives offensiv-Hockey zelebrieren – kann aber von der inneren Einstellung her und aufgrund der Mentalität nur verteidigen – so gesehen ist ein Scheitern im offensiv-Spektakel eine logische Folge. An guten Torhütern (Olivier Anken, Renato Tosio, Reto Pavoni, Jonas Hiller, Martin Gerber oder auch David Aebischer zu seiner Blütezeit) mangelte es den Schweizern noch nie, das gleiche gilt für die Verteidiger (Mark Streit, Luca Sbisa und Roman Josi) – die Ausbildung von guten Torhütern und Verteidigern ist aufgrund der fast 500-jährigen Schweizer Geschichte absolut logisch.

Wie vor 497 Jahren verlieren die Eidgenossen in Helsinki die entscheidende Schlacht gegen Frankreich

Mannheim ist das Marignano des Eishockeys

In den letzten vier Jahren verpassten die Eisgenossen dreimal (2009, 2011, 2012) das Minimalziel «Viertelfinal» welches in elf Jahren zuvor ebenfalls nur dreimal (2001, 2002, 2006) verpasst wurde. Der Anfang des Rückschritts fand nicht in Marignano und auch nicht in Helsinki statt, sondern in Mannheim. Nach einer sensationellen Vorrunde scheiterte man 2010 als Favorit im Viertelfinal gegen die Underdogs aus Deutschland mit einer empfindlichen 0:1-Schlappe. Die verlorene Schlacht von Mannheim hinterliess die selben Spuren wie die verlorene Schlacht von Marignano, Mannheim ist das Marignano des Eishockeys, den seither bewegen sich die Eisgenossen auf einem «geordneten Rückzug.»

Keine «Winkelriede»

Statt eine solide «Viertelfinal-Nation» wird die Schweiz zu einer «Ligaerhalt-Nation» und ist einem Wiederabstieg in die B-Gruppe (1987, 1993, 1995) näher als einer WM-Medaille. Rückschritt statt Fortschritt, Offensive statt Defensive, Attraktiv statt Beton – lieber ein attraktiver-Abstieg als eine Beton-Medaille? Will Swiss-Ice-Hockey das wirklich? Denn ohne «Winkelriede» geht es nicht, ohne absoluten Goalgetter – wie ich ihn, seit ich Eishockey schaue, in der Schweiz noch nie gesehen habe – kann die Eisgenossenschaft keine Expansionspolitik Richtung Eishockey-Weltspitze betreiben. Die Schweiz hat und hatte noch nie einen Stürmer im Format eines Patrick Thoresens – und ihn nenne ich bewusst, den Thoresen ist die Identifikationsfigur von Norwegens Höhenflug der letzten beiden Weltmeisterschaften.

Norwegen beerbt die Schweiz

Zum zweiten Mal in Folge steht Norwegen anstelle der Schweiz im WM-Viertelfinal, im Direktduell verloren wir gegen die Wikinger in Kosice vor Jahresfrist mit 2:3. Seit 2008 schafften die Norweger dreimal (2008, 2011, 2012) den Sprung in die Viertelfinals. Des Schweizers Misserfolg ist des Norwegers Erfolg. Selbst das jüngste Beispiel von Norwegens Höhenflug hängt mit einem Misserfolg eines Schweizers zusammen: Im alles entscheidenden Spiel um den Einzug in die Viertelfinals erleidet der Schweizer Bundestrainer Jakob Kölliker mit Deutschland eine 4:12-Abfuhr gegen die Skandinavier. Dabei erzielt Patrick Thoresen 3 Tore und 3 Assists und rückt hinter dem russischen NHL-Star Ewgeni Malkin auf die 2. Position der WM-Skorerliste.

Weltmeisterschafts-Fazit

Ein Stürmer und Ausnahmekönner wie Norwegens Patrick Thoresen fehlt uns «noch» immer. Nino Niederreiter und Sven Bärtschi sind unsere nächsten Hoffnungen auf einen ganz grossen Goalgetter im «Winkelried-Format» – bis es soweit ist, sollten sich die Eidgenossen an den fast 500 Jahre alten «Beton-Verteidigungs-Stil» halten, sonst verschwinden sie in den nächsten fünf Jahren in der WM B-Gruppe.

In den Katakomben von Mannheim

Mannheim – einfach nur „WOW“ geht einem durch den Kopf, wenn man die SAP-Arena betritt. Nun habe ich den direkten Vergleich, innert 24 Stunden besuche ich die Bossard-Arena in Zug und die SAP-Arena in Mannheim. Ich muss zugestehen, die Bossard-Arena kommt nie und nimmer an das Mannheimer Prunkstück heran.

Spiel statt Stadion

Dafür die Partie! Anders als die Zuger, geraten die Adler gegen die Buffalo Sabres (ohne Jochen Hecht) schon früh in Rückstand, 0:3 stehts nach 20 Minuten und das Spiel ist bereits gelaufen. Da nützt das beste Stadion nichts! In der ersten Drittelspause begegnen mir im Stadionflur zwei Männer in Schale? Ja klar, Jim Corsi (früherer Azzuri-Hexer und aktueller Torhütertrainer der Sabres) und Teppo Numminen (Ex-Spieler und aktueller Assistenzcoach der Sabres).  Diese beiden erwecken kurzzeitig nostalgische-Gefühle, bevor ich mir mein Getränk und meine Stadionwurst zu Gemüte führen kann.

Corbets Nummer 20

Weiter mit Nostalgie gehts in der zweiten Drittelspause, René Corbets Rückennumer 20, wird in einer unvergesslichen Zeremonie, von Corbet selber unter die Hallendecke gezogen. Harold Kreis (Nr. 3), Marcus Kuhl (Nr. 15), Stéphane Richer (Nr. 25) und Robert Müller (Nr. 80) heissen die anderen unsterblichen.

Die Mutter aller Niederlagen…

Das WM-Abenteuer „Deutschland 2010“ dauert gerade Mal einen Tag, ein Tag in Mannheim oder die „Mutter aller Niederlagen gegen Deutschland.“ Der Roadtrip beginnt vielversprechend und voller Euphorie, doch die Niederlage beginnt bereits bei unserer Abfahrt, ja sie beginnt bereits bei unserem Entscheid nach Deutschland zu fahren. Logisch, dass unsere Naivität später bestraft werden sollte.

Nach dreieinhalb Stunden ist die SAP-Arena in Sichtweite. Via Schwetzingen und Karlsruhe fahren wir praktisch vors Stadion. Im Auto „schwetzen“ wir (Rolf Pfeiffer und ich) davon, wie schön ein Schweizer Sieg heute Abend sein wird. Haben wir tatsächlich gemeint: „So wir fahren nach Deutschland und sind dabei wenn die Schweiz ins Halbfinale einzieht! Sowas darf man nicht verpassen!“ Eigentlich logisch, dass es immer anders kommt, gerade bei Spielen gegen die „verhassten“ Deutschen.

Fakt ist: Von zehn Freundschaftsspielen gegen Deutschland gewinnen wir neun. Von zehn WM-Spielen gewinnen wir vier! Von diesen vier Siegen gewinnen wir nur ein Spiel wo’s um wirklich etwas geht. Bei wichtigen Spielen gewinnen also immer die Deutschen, bis auf eine einzige Ausnahme: 1992, da gewinnen wir nur, weil wir als krasse Aussenseiter antreten können.

In Mannheim sind wir gegen die „Schwaben“ der Favorit. Im „Horst“ des Bundesadlers verlieren wir gegen eine zweitklassige Deutsche Mannschaft (auch bei Deutschland fehlen einige Leistungsträger) mit 0:1. Es ist die Höchststrafe für jeden Schweizer Hockeyfan der in Mannheim im Stadion sitzen muss. Die Sprechchöre „Scheiss Verlieeee-rer!“ oder „ihr könnt Nachhause fahr’n!“ lassen Wut, Hass und Aggressivität selbst beim „normalen“ Schweizer Hockeygeniesser aufkommen, wir müssen uns wirklich beherrschen beim Abgang aus der SAP-Arena. Wie geschlagene Hunde ertränken wir uns anschliessend beim Bier.

Es bleibt die Erkenntnis: Wir Schweizer haben’s einfach nicht drauf. Wir sind ein Verlierland, die Angst zu verlieren ist trotz 13 Krueger-Jahren immer noch grösser als der Wille zu Siegen. Im wichtigsten Spiel seit 1998 verlieren wir gegen den bisher schwächsten Gegner in einem Viertelfinal. Genau genommen haben wir gegen eine B-Nation verloren, denn die Deutsche Nati ist an der letzen WM in Bern abgestiegen.

Vor dem Spiel, verkaufe ich einem Deutschen Fan (siehe Foto) mein Deutschland-Trikot! Krein und ein Deutschland-Trikot? Dies habe ich einmal gegen ein Russland-Trikot bei meinem Kollegen und Blog-Gestalter Simon Strecker getauscht, einfach so zum Spass. Nach dem Trikot-Verkauf kurz vor Spielbeginn habe ich mich gut und siegessicher gefühlt… tja!