Wenn aus dem Murmeltier ein Tiger wird

Und monatlich grüsst das Tigertier! (Krein)

Es ist wie im Film «Und täglich grüsst das Murmeltier», wo der TV-Wetteransager Phil Connors, gefangen in einer Zeitschleife, immer wieder den gleichen Murmeltiertag erlebt. Statt in einer Zeitschleife sitze ich in einer Pandemie-Schleife und komme zwar nicht täglich, aber seit Oktober einmal monatlich zum Tigertag in Langnau. Statt nach Genf, Lausanne oder Biel verschlägt es mich Pandemie-Bedingt immer wieder ins Emmental.

Ausser Lugano habe ich seit dem Saisonstart kein anderes NL(A)-Stadion gesehen. Immer ist es die Ilfishalle und wie in «Und täglich grüsst das Murmeltier», begegnen mir auch immer die gleichen Leute. Im Presseraum gegrüsst jeweils Tiger-Pressechef Rolf Schlapbach und Speakerin Christine Nyfeler tippt die Aufstellungen ein. Neben meinem Kommentatoren-Platz sitzt Alfred Bohren, Aufnahmeleiter Marin Keller speist mich mit Informationen vom Spielfeldrand und «Eismeister» Zaugg begrüsst zum Pausen-Kaffee mit einer knackigen Bemerkung im Presseraum.

Der Tiger verliert immer

Und das Murmeltier in Form des Tigers? Auch der Spielausgang bleibt immer gleich, der Murmel-Tiger verliert jedesmal, allerdings nicht immer gegen den gleichen Gegner. Im Oktober gegen Rapperswil-Jona, im November gegen Lugano, im Dezember gegen Freiburg-Gottéron und im Januar gegen Biel. Die einzige Konstante ist der Tiger, welcher monatlich in der Ilfishalle grüsst. Wenn ich nicht aus der Pandemie-Schleife komme bleiben mir bis zum Saisonende im April noch drei weitere Spiele in Langnau.

Neue Personen

Connors, der TV-Wetteransager aus dem «Murmeltier-Film», kann der Zeitschleife nur durch gewisse Taten entkommen. Ob auch ich in Langnau eine Mission zu erfüllen habe? Mit dem Dutzend von anwesenden Leuten habe ich mich in den letzten Monaten ausgetauscht, allerdings sind beim Tigertag im Januar neue Personen aufgetaucht. Die Biel-Fraktion um Geschäftsführer Daniel Villard, Sportchef Martin Steinegger oder Goalietrainer Marco Streit zählt nicht dazu, diese wechseln jeweils mit dem Gegner. Aber was ist mit den neuen Figuren Jakob Kölliker oder Jaroslav Tuma? Tuma ist der Agent von Biel-Neuzuzug Perttu Lindgren und ist durch seine Sparta-Prag-Mütze trotz Maske zu erkennen.

Oder schliesst sich nach dem Interview der Kreis? Mit Samuel Kreis unterhalte ich mich vor dem Interview über fernöstliche Köstlichkeiten des wohl besten asiatischen Restaurant der Hauptstadt am Hirschengraben 11. Der Rückkehrer trifft nach einer einmonatigen Verletzungspause bereits nach elf Sekunden. Arirang-Curry oder Schweinefleisch Bul-Go-Gi? «Nein ich nehme immer Nudeln mit Poulet», sagt mein fast Namensvetter, der kürzlich mit seinem ex-Teamkollegen Jan Neuenschwander am Tisch neben mir sass. Ob der Tiger auch im nächsten Monat grüsst oder ob sich der «Kreis» durch seine Aussage «ich weiss wo es hingeht» nun geschlossen hat?

15. Januar 2021

SCL Tigers – Biel 1:3 (0:1, 1:0, 0:2)
Ilfishalle. – 0 Zuschauer. – SR Stricker/Piechaczek (De), Cattaneo/Wolf. – Tore: 1. (0:11) Kreis 0:1. 26. Grossniklaus (Flavio Schmutz, Berger/Ausschluss Gustafsson) 1:1. 45. Kohler 1:2. 56. Moser (Kreis) 1:3. – Strafen: SCL Tigers 4-mal 2 Minuten, Biel 3-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: PostFinance-Topskorer: Maxwell; Moser. SCL Tigers ohne Diem, Earl, Glauser und Kuonen (alle verletzt), Biel ohne Brunner, Cunti, Fey, Hofer, Kessler, Lüthi und Ulmer (alle verletzt). SCL Tigers von 57:27 bis 59:41 ohne Torhüter.
SCL Tigers: Punnenovs; Schilt (2) Blaser; Erni, Huguenin; Leeger, Buchli; Lardi, Grossniklaus; Sturny, Melnalksnis, Andersons (2); Weibel, Maxwell (2), Nilsson (2); Neukom, Flavio Schmutz, Julian Schmutz; Berger, Petrini, Dostoinov.
Biel: Van Pottelberghe; Kreis, Moser; Forster, Rathgeb; Lindbohm (2), Stampfli (2); Sartori; Künzle, Pouliot, Rajala; Hischier, Lindgren, Fuchs; Kohler, Tanner, Hügli; Schläpfer, Gustafsson (2), Dubois.

Sparta beschert Rekord

Der SC Bern, europäisch so weit gekommen wie seit 1992 nicht mehr und damit erstmals überhaupt in einer K.O.-Phase der Champions-Hockey-League, erhält zum „Samichlausen“ ein tschechisches Säckli aus Prag. Sparta spielt bei seinem elften Europa-Auftritt zum zehnten Mal in der K.O.-Phase und gilt als europäisches Schwergewicht, dieses Schwergewicht beschert den Mutzen mit 14’500 Fans die höchste Zuschauerzahl in einem europäischen Wettbewerb seit 41 Jahren.

Unter den 14’500 befinden sich auch ein paar als Prager getarnte Seeländer, die Fraktion um Tschechien-Experte und „Dukla-Jihlava-Schweiz Präsident“ Chris Habegger trägt Sparta-Jerseys aller Epochen. Darunter ist auch das Jersey von Spartas erstem Europa-Cup-Auftritt im Herbst 1990 in Lugano. Sparta qualifizierte sich damals zum ersten Mal für ein europäisches Endrundenturnier und traf im Bronze-Spiel auf die Mannschaft des heutigen SCB-Trainers Kari Jalonen. Turku ohne den verletzten Spieler Jalonen bezwang die Spartaner mit 4:3.

„Sparta Praha olé!!! Jeste par minut a bude to doma. Takhle prece hrala driv Dukla Jihlava.“

Die „Prager“ aus dem Berner Seeland, von links Bo Hofmann, Chris Habegger, Michael Krein und Mates Hurst, verstärkt durch Ostblock-Kenner Beat Kurt im Dukla Jihlava Sweater. (Milan Zwahlen)

26 Jahre später muss Jalonen wieder zusehen, als Trainer – und anders als Turku kommen die Berner gegen die Tschechen nicht über ein 1:1 hinaus. Das Rückspiel folgt in einer Woche in der O2 World in Prag. Mit Sparta kehrt Europa in Zuschauerzahlen endlich nach Bern zurück, die Partie bringt den Mutzen die zweithöchste Zuschauerzahl der Europa-Cup-Geschichte – was ausser vielleicht Berns Pressechef Christian Dick keinen interessieren wird – und in einer Woche werden wir wissen ob die Berner auch noch an die sportlichen Europa-Cup-Erfolge der 90er Jahre anknüpfen können.

Berns „Top-of-Europe

DatumSpielZuschauer
6.2.1975Berliner SC16’151
7.12.2016Sparta Prag14’567
11.10.2016Salzburg13’667
1.11.2016Jyväskylä13’660
18.10.1977Köln11’616
Statistik: Krein

7. Dezember 2016 – Viertelfinal

Bern – Sparta Prag 1:1 (0:0, 1:1, 0:0)
PostFinance-Arena. – 14‘567 Zuschauer. – SR Boman /Kaukokari (beide Fi); Kaderli /Obwegeser (beide Sz). – Tore: 25. Hlinka (Mikus) 0:1. 27. Untersander (Arcobello) 1:1. – Strafen: Bern 6-mal 2 Minuten, Sparta Prag 5-mal 2 plus 10 Minuten (Martin Prochazka). – Bemerkungen: Bern ohne Kreis, Macenauer, Randegger, Ness, Dubois, Wüthrich, Burren, Meyer. Sparta Prag ohne Hrbas, Havel, Ondrej Prochazka, Skarek, Repik, Ruzicka, Komarek, Safin, Cajkovsky und Netik (alle verletzt oder überzählig). – 21. Pfostenschuss Gernat. Torschüsse: 29:28 (13:8, 12:10, 4:10).
Bern: Genoni (Aebi); Blum, Untersander; Gerber, Noreau (6); Krueger (2), Jobin; Kamerzin, Andersson; Moser, Arcobello, Rüfenacht; Scherwey, Plüss (C), Hischier (2); Bodenmann, Ebbett, Lasch; Müller, Reichert, Berger (2).
Sparta Prag: Pöpperle (Novotny); Mikus, Piskacek (2); Svrcek, Kalina; Nedomlel, Gernat (2); Barinka, Eminger; Klimek, Vrana, Hlinka (C); Uher, Cingel, Kudrna; Kumstat (4), Pech, Forman; Cernoch, Ihnacak, Martin Prochazka (12).

Das Herz von Prag

Die Reise führt mich via Zürich nach Prag, vorher nehme ich aber den Zug nach Genf, so absurd es auch sein mag, die Flugreise «Genf-Zürich-Prag» ist einiges günstiger als ein Direktflug «Zürich-Prag», daher die umständliche Reise in die tschechische Hauptstadt. Der Zeitplan ist eng, denn Chris Habegger (Dukla Jihlava-Koryphäe und Tschechien-Reiseführer) und Beat Kurt (langjähriger Kenner des Ostens- und des Hockeys) reisen bereits am Vortag per Skoda via Jihlava an.

Am Vaclav-Havel-Flughafen (Vaclava Havla) bleiben mir nur wenige Minuten um in den richtigen Bus (100) zu steigen, um dann in Zlicin die Metro nach Cerny-Most zu nehmen. Direkt bei der Haltestelle Českomoravská steht die O2-Arena des HC Sparta Prag, in diesem eishockeytechnischen Prunkstück befindet sich auch die Hall-of-Fame. Dort treffe ich meine beiden Schweizer Kollegen und die Zeit in einer solchen Ruhmeshalle will voll und ganz genutzt werden. Bereits beim Ticket-Automaten habe ich Probleme, weil ich nur grosse Noten habe, das U-Bahn-Ticket kostet gerade mal 32 Kronen (ca. SFr 1.44), beim Wechseln mit 1000 Kronen schaut die Kiosk-Frau etwas verdutzt, willigt aber ein.

Das U-Bahn Ticket nach Českomoravská für 32 Kc (Tschechische Kronen). (Krein)

Českomoravská, mir gefällt der Name, erreicht – erblickt man die imposante O2-Arena, Heimstätte von Sparta Prag, gut zu sehen der Bordeaux-rote «S», welcher Sparta seit jeher symbolisiert. Das Prunkstück der Arena ist aber nicht zwingend «Sparta», sondern das ganze Herz des tschechischen- und tschechoslowakischen Eishockeys, die Hall-of-Fame.

Die bevorstehenden Stunden werden abwechselnd durch glückselige- und ermüdende Momente geprägt. Nach rund zwei Stunden tritt die emotionale Erschöpfung ein, so gilt es, sich in diesen zwei Stunden aufs wesentliche zu konzentrieren, kein leichtes Unterfangen, bei so viel Hockey Know-How, Kollege Habegger, Gründer des Dukla Jihlava Fanklubs Schweiz und Besitzer von 600 Hockey-Jerseys aus der kommunistischen Zeit, hat einen Teil der Ausstellung selber beigesteuert und Beat Kurt kann dir von jedem slawischen Dorf die deutsche Bezeichnung nennen.

Nach langem stöbern, räuspern und staunen erheizt ein goldener Pokal in Form einer nackten Frau die Gemüter. Was zum Teufel für ein Pokal ist das – diesen hochzustemmen muss wohl ein tolles Gefühl gewesen sein, zeihen wir uns gegenseitig auf. Der Hingucker, entpuppt sich bei genauerem hin-gucken als Trophäe von Genf. Die «Perrot-Duval-Challenge» von Genf? Nie gehört und genau da kommt der Punkt, «ich will alles über die Perrot-Duval-Challenge wissen, was man wissen muss», dazu später mehr.

Zum Abendessen sind wir bei einen tschechischen Hockeyfreund «Christophovi» Habeggers in einer keinen Plattenbau-Wohnung in Prag eingeladen. Wie in Tschechien üblich, werden köstliche belegte Brote serviert. Ein Abend, wie er tschechischer nicht sein könnte, in guter und freundlicher Gesellschaft, mitten im Herz von Prag.

In der tschechischen Ruhmeshalle also, erfahren wir von einem längst in Vergessenhgeit geratenen Turniers auf Schweizer Boden, dank des Perrot-Duval-Challenge-Pokals. Eine nackte Frau in Gold zeirt die wirklich spezeille Trophäe, Spender ist Gaston Perrot, Gründer der Perrot Duval Holding in Genf, einem Unternehmer der Automatisierungstechnologie, welches ursprünglich in der Automobilbranche täti ist. Automobil und Genf = Autosalon – und da sind wir beim besagten Turnier. Während des Autosalons witd in den 60er Jahren parallel dazu ein internationales Turnier ausgetragen. 1964 etwa nehmen neben dem Tschechoslowakischen Nationalteam, das sowjetische Klubteam von Chimik Wosskresensk, die Kanadier der Winnipeg Maroons und eine kanadische Auswahl von in Europa tätigen Kanadiern teil.

Inhaber der Trikots in der Dukla-Vitrine: «Christophovi Habegger»