Hektik in extremis an gewohnter Spielstätte

Die Ruhe vor dem Spiel verspricht noch keine Hektik. (Krein)

Eisstadion Biel, eine mir sehr bekannte Spielstätte. Nach der Lysser Eissporthalle habe ich hier die meiste Zeit verbracht. Als zehnjähriger habe ich hier die ersten Eishockeyspiele gesehen. Als aktiver habe ich ein paar Dutzend Spiele als Gegner absolviert, später in der 3. Liga war es meine Heimspielstätte und nochmals kam ich als Gegner nach Biel. Meine 3. Liga Premiere erlebte ich 1997 mit einem Sieg und einem Tor in Biel. Ausgerechnet in Biel sollte ich heute Abend wieder eine Premiere erleben. Die Premiere als „schreibender Journalist“, vorher war ich fürs Fernsehen auf der gegenüberliegenden Seite, doch heute Abend durfte ich mich einer neuen Herausforderung stellen im „zarten“ alter von 31 Jahren.

Das Spiel nahm seinen Lauf, es kam so wie ich es mir nicht erhofft hatte. Das schlimmste was passieren konnte war ein langweiliges, einseitiges und unspektakuläres Spiel, welches keine Geschichten hervorbringen würde. Genau dieses Spiel wurde es. Beinahe hätte der „Aufhänger“ ein Tor erziehlt und eine perfekte Story hätte geschrieben werden können. Doch es kam anders und der erwähnte Spieler, ich habe ihn „Aufhänger“ genannt, traf das Tor nicht. Er kam mir vor wie Krein in seiner Aktivzeit, habe ich doch in Biel auch zahlreiche Torchancen nicht genutzt. Ich erinnere mich an ein Spiel mit dem SC Scheuren gegen den SC Hölstein-Niederdorf wo ich dreimal alleine auf den gegnerischen Torhüter ziehen konnte und dreimal versagte. Doch heute Abend durfte ich nicht versagen.

Natürlich klappt es nicht

Das erste Drittel war vorbei und ich hatte noch kein Drittel des Textes in meiner Word-Datei. In der zweiten Pause schrieb es sich dann besser und schliesslich musste ich am Schluss wieder kürzen, umstellen, ändern, verschieben, löschen und umschreiben. Die Zeit ging wie im Fluge und die Matchuhr zeigte 17:47 im letzten Drittel. Noch eine halbe Stunde bis der Text in der Redaktion sein musste. Danach überschlugen sich die Ereignisse, Spielschluss, Textschluss und Wireless-Schluss! Von der Tribüne hatte ich keine Internetverbindung, so zog ich um, in den Presseraum, dort wieder neu anschliessen (weil der Scheiss-Akku keine Sekunde ohne Stromanschluss läuft!!) und es nochmals versuchen. Natürlich klappte es nicht und mir blieben noch zehn Minuten um zu übermitteln.

Dies hätte auch nicht gereicht um mit dem Auto nach Aarberg zu fahren und von dort aus den Text zu senden. Der Retter war der Radio-Mann der SRG, welchen ich flüchtig kannte. Seine Mausmatte zierte das Logo der Hockey WM in Quebec (siehe Blog „von Helden und Deppen“) und für einen Moment hatte ich das beleuchtete Schloss von Quebec vor Augen. Mit meinem USB-Stick konnte ich die Daten von seinem Notebook mittels meinem E-Mail-Account genau um 22 Uhr 30 (Redaktionsschluss) übermitteln. Danach das Kontrolltelefon und es war geschafft.

Wie die Griechen

Wie die Griechen die olympischen Spiele von Athen rechtzeitig eröffnen konnten, konnte ich rechtzeitig einen schlussendlich kurzen Text übermitteln. Genau dies ist mir vor zehn Jahren nicht gelungen, den Torhüter konnte ich dreimal nicht bezwingen, doch wenigstens hatten wir die Partie mit 5:1 gewonnen. Bei aller Hektik und allem Zeitdruck, alles in allem eine gelungene Premiere? Morgen werd ich’s erst richtig wissen…

Blick, vom 3. Dezember 2008

Sommerpneus und Bednar

Die Autofahrt Bern-Zürich auf der A1 dauert nun einfach zwei bis zweieinhalb Stunden. Zwei Stunden muss man mindestens kalkulieren sonst reichts nicht. Und an besagtem Mittwoch ist noch nicht einmal Freitag-Abend-Verkehr, es ist ein gewöhnlicher Wochentag. Gewöhnlich? Vielleicht doch nicht, denn ich komme unter starkem Schnellfall erst um 19 Uhr in Zürich-Leutschenbach an, dort muss ich noch ein Codec-Gerät holen, mit welchem ich ab 19 Uhr 30 direkt aus dem Hallenstadion berichten soll. Zeitgleich, 500 Meter neben dem SF-Hauptgebäude findet im Hallenstadion bereits die Pressekonferenz statt, ohne mich. Schliesslich treffe ich zehn Minuten später an besagter Spielstätte ein, alles wird mit Hilfe eines deutschen Technikers noch installiert.

Die Partie, für mich ein Knüller, kann beginnen. Eine Affiche der Champions-Hockey-League zwischen dem Schweizermeister und dem Tschechischen-Meister HC Slavia Prag lässt mein Herz ohnehin schon höher schlagen. Wenn man die beiden Teams vergleicht, haben die Zürcher Akteure beispielsweise 602 Spiele in der NHL bestritten, die Prager deren 956 (alleine Kapitän Josef Beranek bestritt 588 Partien). Vier NHL-Drafts bei Zürich stehen zwölf „Draftpicks“ im Kader Slavias gegenüber, was noch nichts heissen mag.

„Ich weiss nicht ob es an diesem Abend einen Weltrekord gegeben hat.“

— über die vier erfolgreichen Penaltys von Jaroslav Bednar (Krein)

So wie der Verkehr Richtung Zürich nicht für mich zu laufen schien, schien die Hartgummischeibe nicht für die Zürcher zu laufen. Dennoch bin ich rechtzeitig auf meiner Kommentatoren-Position. Übrigens sitzen neben mir der CHL-Livestream-Kommentator und Co-Kommentator Doug Honegger. Die Tschechen liegen bei 58:10 noch mit 4:2 in Führung, ehe die Zürcher, durch Mathias Seger und Ryan Gardner, innert 18 Sekunden zum 4:4 ausgleichen. Sowas habe ich von einer Schweizer-Mannschaft noch nie gesehen, eindrücklich und unglaublich wie die ZSC Lions zurück gekommen sind, doch dies ist noch nicht der Höhepunkt.

Bednar gegen Alston

Beim Penaltyschiessen treffen unter den ersten drei Schützen nur Jaroslav Bednar (für Prag) und Teamoldie Jan Alston (für die Lions). Von nun treten nur noch Bednar und Alston gegeneinander an, und wie sie dies tun! Bednar wird zum Helden des Abends, der Prager bezwingt Zett-Hüter Ari Sulander noch weitere dreimal in Folge! Die Rolle des tragischen Helden geht an Alston, aber auch er ist sensationell und läuft noch drei weitere Male gegen Prag-Keeper Adam Svoboda an, doch beim letzten Versuch scheitert er. Ich weiss nicht ob an diesem Abend einen Weltrekord gegeben hat. Hat schon jemals ein Spieler vier Penaltys hintereinander im selben Spiel versenkt? Eines werde ich jedenfalls nie mehr vergessen, den Namen Jaroslav Bednar.

Sean Simpson sagt am Schluss, «Hey Lyss!» damit meint er mich, «ich bin ein Fan von Europäischen Vergleichen, meine Spieler wollen sich mit den besten Teams Europas messen und nehmen diese Sache sehr ernst», so Simpson weiter. Weiter begebe auch ich mich – auf die lange und beschwerliche Reise zurück ins Berner Seeland. Lange und beschwerlich, weil es schneit (im Oktober) wie im Hochwinter und weil ich mit Sommerpneus unterwegs bin. Doch auch ich bin zurückgekommen, so wie die Zürcher gegen Prag.

Von Autobahnen und Hamburgern

Immer wieder die Autobahn A1, Stau, Verkehr, Unfälle oder lästige Drängler. Immer wieder Autofahrten durch die Nacht, was mir aber Spass bereitet, dazu läuft ein Song von Züriwest: «dr Kanton Aargou flügt vrbii u millione toti Flüger chläbe chrüz u quer verquetscht a mire Windschutzschibe — chliini Dörfli i de Hügle — luter Hüsli wit u breit — wie Pfäfferchörner über nes gigantischs Rüehrei gschtröit — uf em Näbesitz schtinkt mi Täsche» — mit ein paar Unterlagen über das Eishockeyspiel, über welches soeben im Schweizer Fernsehen berichtet wird.

Das Nachtessen ist jeweils kein «Gourmet», vielleicht eine Bratwurst, ein läppisches Sandwich oder einen Hamburger – übrigens heisst der Hamburger in Klotens Kolping-Arena, trotz Namenwechsel immer noch «Schluefburger» – Fast-Food eben, für einen Fast-Food-Abend oder für zwei-, drei Fast-Food-Abende welche dann zur Fast-Food-Woche werden. Während ich am Steuer sitze, stinken meine Hände noch nach dem Schweissgeruch des Hockeyhandschuhs des Nationalliga-A-Spielers, welcher mir kurz vorher vor dem Interview die Hand schüttelt.

Fast wie die Spieler, spulen auch die Hockey-Journalisten, hauptberufliche, nebenamtliche oder selbsternannte, die Qualifikation von fünfzig Spielen ab. Manchmal erwischt man einen super Abend und alles läuft wie geschmiert, manchmal läufts nicht, so wie das langweilige Spiel auf dem Eis, welches nur eines von fünfzig ist. Doch das wichtigste ist, dass es Spass macht. «Liebe deinen Job und dein Job liebt dich!»

Nun dann, bis zum nächsten Spiel mit Hamburgern, Autofahrten durch die Nacht, stinkenden Händen aber voller Freude und Leidenschaft irgendwo auf dem langen grauen Band — «10 000 Kilometer uf däm länge graue Band — we me wie mir gäng hin u här fahrt git’s eim fei echli es Dürenand — i bi uf em Heiwäg — i weiss scho wieder nümm vo wo — u irgend so’ne Heiwehcountryschlager tropfet us em Radio…» (Züriwest)

18. Oktober 2008 – 16. Runde

Kloten – Rapperswil-Jona 3:1 (1:1, 0:0, 2:0)
Kolping-Arena. – 4’924 Zuschauer. – SR Prugger, Dumoulin /Fluri. – Tore: 16. Nordgren (Burkhalter, Fischer /Ausschlüsse Santala, Schulthess) 0:1. 18. Wick (Du Bois, Brown /Ausschlüsse Jenni; Roest) 1:1. 54. Rothen (Lindemann) 2:1. 60. Rintanen (Jenni, Santala, ins leere Tor) 3:1. – Strafen: Je 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Kloten ohne Winkler und Hofer (beide verletzt). Rapperswil-Jona ohne Svensson, Raffainer, Parati und Schefer (alle verletzt).
Kloten: Rüeger; Schulthess (2), Hamr; Von Gunten, Bonnet; Du Bois, Sidler; Welti, Müller; Wick, Santala (4), Rintanen (2); Lindemann, Brown, Jacquemet; Jenni (2), Liniger, Stancescu; Rothen, Schlagenhauf, Brunner.
Rapperswil Jona: Streit; Lindström (2), Voisard; Guyaz, Fischer; Geyer, Berger; Zangger, Hürlimann; Nordgren (2), Roest (2), Siren; Reuille, Burkhalter, Berglund (2); Debrunner, Tschuor, Friedli; Vögele, Bütler (2), Rizzello.

Die Rangers in Bern

Ein Hauch der Superlative ist schon während des Warm-Ups der New York Rangers in der PostFinance Arena zu spüren. Noch vor wenigen Jahren schien dies unmöglich, die Schweiz verpasste es 1990 die Edmonton Oilers zu engagieren, der Stanley-Cup-Sieger spielte damals in Düsseldorf, Graz und München. Doch nun sind sie da: Wade Redden, Scott Gomez, «King» Henrik Lundqvist, Chris Drury, Dan Fritsche (Neffe von John Fritsche), Nikolai Tscherdew (in journalistischem Deutsch) oder eben «Zherdev», Colton Orr, Aaron Voros oder Brandon Dubinsky… …die weissen Trikots mit dem «Rangers» Schriftzug agieren in allen Belangen eine Klasse besser als wir dies von der Nationalliga-A gewohnt sind.

Alles ist ein bisschen anders als sonst. Nicht nur die Security-Crew – nicht einmal Christian Dubé, er bestritt immerhin 36 Spiele für die Rangers, kann die Arena ohne vorweisen seines Ausweises betreten – auch die Medienplätze sind so gut besetzt wie nie zuvor. Als ich irgendwo einen Sitz für mich beanspruchen will, werde ich von einer Hostesse (im Victoria-Cup-Outfit) in höflichem englisch angesprochen: «Are you from the Aargauer Zeitung?» Leider muss ich die Frage mit «Nein» beantworten und mir einen neuen Platz, direkt hinter der Rangers-Spielerbank aufsuchen, immerhin habe ich eine offizielle Akkreditierung des Schweizer Fernsehens (SF) aber keinen fixen Sitzplatz.

Nicht einmal Christian Dubé kann die Arena ohne vorweisen seines Ausweises betreten.“

— Beobachtung in der Tiefgarage

Das Schweizer Fernsehen (SF) produziert erstmals mit 18 Kameras, das sind sechs mehr als beim Spenglercup, was dem NHL-Standard in der Regular-Season (in den Playoffs sind es 24 Kameras) entspricht. Das Spiel wird sogar vom «Madison-Square-Garden-TV» live nach Manhattan übertragen. Für die Rangers ist es der erste Europa-Auftritt seit 1981, damals gastierte der Tross für drei Spiele in Stockholm am Dagens-Nyheter-Cup und für eine Partie in Helsinki.

Ein Hauch der Superlative

So sitze ich wie ein kleiner Junge mit grossen Augen hinter den Spielern der Rangers (siehe Foto) und lasse den Zauber des Spiels einfach so auf mich einwirken. Diese Partie gibts in 100 Jahren vielleicht einmal zu sehen. Jede einzelne Minute hat für mich den Hauch der Superlative, auch wenn die Top-Shots Markus Näslund, Henrik Lundqvist (Backup) und Marc Staal für das morgige Spiel um den Victoria-Cup gegen Metallurg Magnitogorsk noch geschont werden.

30. September 2008

SC Bern – New York Rangers 1:8 (0:2, 0:0, 1:6)
PostFinance-Arena. – 16’022 Zuschauer. – SR Koharski/Vinnerborg (Ka/Sd), Morin/Masik (Ka/Slk). – Tore: 5. Girardi (Ausschluss Leuenberger) 0:1. 19. Redden (Rozsival/Ausschlüsse Gamache, Gerber) 0:2. 42. Roche 1:2. 44. (43:55) Drury (Tscherdew/Ausschlüsse Froidevaux, Furrer) 1:3. 45. (44:22) Dubinsky (Ausschluss Furrer) 1:4. 52. (51:35) Kalinin 1:5. 53. (52:35) Korpikoski (Potter) 1:6. 56. Potter (Sjöström/Ausschluss Ziegler) 1:7. 59. Dubinsky (Tscherdew/Ausschluss Abid) 1:8. – Strafen: Bern 9×2 Minuten, NY Rangers 3×2 Minuten. – Bemerkungen: Bern ohne Rüthemann, Plüss und Jobin (alle verletzt), NY Rangers ohne Näslund, Staal und Rissmiller (alle geschont). Torschüsse 22:46 (3:12, 12:14, 7:20)
SC Bern: Bührer (30. Müller); Roche, Furrer (4); Rytz, Josi; Gerber (2), Kobach; Leuenberger (2); Bärtschi, Dubé, Gamache (2); Bordeleau, T. Meier, Abid (4); P. Berger, Ziegler (2), Reichert; Chatelain, Froidevaux (2), D. Meier; A. Berger.
New York Rangers: Valiquette (Lundqvist); Rozsival (2), Redden; Potter, Fahey; Girardi, Kalinin; Drury, Gomez, Prucha; Tscherdew, Dubinsky, Voros; Callahan, Korpikoski, Sjöström (2); Betts, Orr (2), Fritsche.

Am Spieltag des ersten Victoria-Cups der Eishockey-Weltgeschichte besuche ich das Training der Rangers zwischen 10 Uhr und 11 Uh 15. Die Stimmung ist locker und die Halle für Jedermann zugänglich, so schaut auch die russische Legende Alexander Jakuschew vorbei und unterhält sich mit Nikolai Tscherdew (siehe Video). Am Abend wird das einst so hartumkämpfte Duell zwischen Ost- und West erstmals seit dem 15. Januar 1991 und dem letzten Spiel der legendären «NHL-Super-Series» fortgesetzt. Der europäische Titelträger Metallurg Magnitogorsk empfängt die Rangers, dieses Duell zwischen Europas Nummer-Eins und einem NHL-Teams gabs schon vor Einführung des Victoria-Cups.

1. Oktober 2008

New York Rangers – Metallurg Magnitogorsk 4:3 (0:2, 1:1, 3:0)
PostFinance Arena. – 13’794 Zuschauer. – SR O’Halloran/Rönn (Ka/Fi); Cameron/Fonselius (Ka/Fi). – Tore: 2. Platonov (Chistov) 0:1. 19. Malenkikh (Ausschluss Mara) 0:2. 31. Zavarukhin (Atyushov, Marek/Ausschluss Prucha) 0:3. 39:37 Drury (Zherdev/Ausschlüsse Kaigorodov, Zavarukhin) 1:3. 46. Fritsche (Rozsival) 2:3. 51. Drury (Gomez, Näslund/Ausschluss Chistov) 3:3. 60. (59:40) Callahan 4:3. – Strafen: NY Rangers 7×2 Minuten, Magnitogorsk 9×2 Minuten. – Bemerkungen: 50. Time-out NY Rangers. Torschüsse 44:25 (11:7, 14:12, 19:9).
New York Rangers: Lundqvist (Valiquette); Rozsival, Redden (2); Kalinin, Girardi; Mara (2), Staal; Potter; Drury, Gomez, Näslund (4); Zherdev, Dubinsky, Dawes; Fritsche (2), Betts, Rissmiller; Callahan (2), Korpikoski, Prucha (2).
Metallurg Magnitogorsk: Mezin (Proskuryakov); Atyushov (2), Varlamov (2); Malenkikh, Seluyanov; Pilar (2), Biryukov (2); Ibragimov, Bulin; Simakov, Kaigorodov (2), Marek; Chistov (2), Platonov, Zavarukhin (2); Khlystov, Fedorov, Rolinek; Kudrna, Gusmanov, Ermolayev (4).

Von Helden und Deppen in Quebec

Fantastisch würde ich den Aufenthalt bezeichnen, nun was hat Quebec zu einem fantastischen Ort gemacht? Waren es die zwei-drei Spiele welche wir täglich miterleben durften? Waren es vielleicht die Nightclubs «Maurice» und «Chez Dagobert?» Waren es die interessanten Geschichten welche rund und vor allem neben dem Eis über die Bühne gingen? War es die Fan-Meile mit den zahlreichen heissen Animationsgirls auf ihren futuristischen Zweirädern? War es die Faszination und der Bekanntheitsgrad des Russen Alexander Radulow (er ist DER Held in Quebec)? Das Treffen und Biertrinken mit den Franzosen Sébastien Bordeleau und den Treille-Brüdern? Oder vielleicht doch eher das Treffen in den Katakomben des Colisées mit Mark Streit? Die Altstadt von Quebec oder doch eher die heldenhaften Autofahrten unseres Organisators? Nicht zuletzt dürfen wir «Ernst» (unser Ticketkäufer aus der Schweiz, der seit 40 Jahren in Quebec lebt) und den Bieler Hockeyfan auf dem Velo Downtown Quebec nicht vergessen!

Sébastien Bordeleau hat uns an Frankreichs «Ligaerhalt-Party» im Club-Maurice eingeladen. (Michael Möri)

Das Hockey-Paradies

Zweifellos war es für uns das Paradies, Hockey schauen, Hockey leben, Hockey kaufen, Hockey erleben und Hockey staunen, zwischen Alkohol, Ausgang, Morgenessen, wenig Schlaf (nur ein Mann hatte genügend Schlaf), Autofahrten, 1’000 geilen Weibern, feinem und reichhaltigem Essen und grossen TV-Screens – und die Erkenntnis, dass man den Hockeysport nicht mehr ganz so ernst nehmen kann oder darf – oder, dass auch hier «Deppä», «Giglä» und «Gelackmeierte» zu finden sind. Auch wir outeten uns hin und wieder als Deppen.

„Der grosse Held war Alexander Radulow.“

— Radulow mit der Stafford-Smythe-Trophy (MVP) 2006

Der grosse Held der Weltmeisterschaft 2008 war für mich der Russe Alexander Radulow, er ist DJ im Nobelclub Maurice, Topskorer der Nashville Predators, sein Trikot hängt unter der Hallendecke des Colisées, ist russicher Nationalspieler, ist Memorial-Cup-Sieger und MVP mit den Quebec Remparts (siehe Zitat), wurde als Nr. 15 gedrafted, ist Spieler des Jahres aller kanadischen Juniorenligen (QMJHL, OHL, WHL), hat ein grosses Beziehungsnetz und vergnügt sich mit Schweizer Spielerfrauen, das macht ihn zu meinem WM Helden 2008.

Helden und Deppen

In gewisser Weise waren wir beides, manchmal Helden, manchmal Deppen! Als Deppen haben wir unsere sieben Tickets der Viertel-, Halb- und Finalspiele für je 25 kanadische Dollar an einen ehemaligen Schweizer Geschäftsmann verkauft – eigentlich haben wir unsere Seele verkauft. Als Deppen sah uns wohl auch die englische «Miss-Moneypenny-Verschnitt-Flight-Attendant» in der Maschine der British Airways von Montreal nach London. Eher Helden waren wir auf der Tribüne des Pepsi-Colisées, im «Maurice», im «Chez Dagobert» oder für den Franzosen Yorick Treille, der uns jeweils aus der Warteschlange vor dem Club Maurice durch den VIP-Eingang eingeschleust hat. Nun dann bis zur nächsten WM in der Schweiz, auf der Suche nach neuen Helden und Deppen!

Nach dem Schweden-Sieg (unbekannter Schweizer)

Schweden – Schweiz 2:4 (1:2, 0:0, 1:2)
Colisée. – 7’939 Zuschauer. – SR Pellerin /Rönn (Ka/Fi), Fonselius /Geinke (Fi/No). – Tore: 1. (0:48) Paterlini (Di Pietro, Blindenbacher) 0:1. 11. Warg (Martensson, Weinhandl) 1:1. 17. Ambühl (Forster) 1:2. 46. Monnet (Sprunger, Sannitz) 1:3. 60. (59:01) Hörnqvist (Nilsson, Ekman) 2:3. 60. (59:53) Forster (ins leere Tor) 2:4. – Strafen: Schweden 6-mal 2 plus 10 Minuten (Edler) plus Spieldauer (Niclas Wallin), Schweiz 5-mal 2 Minuten. – Bemerkungen: Schweden ab 59:28 ohne Torhüter. Torschüsse 30:28 (10:7, 10:8, 10:13).
Schweden: Liv (Tellqvist); Jönsson (C), Strålman (2); Edler (12), Niclas Wallin (25); Fernholm, Magnus Johansson; Frögren; Warg, Bäckström, Hörnqvist (2); Ekman, Rickard Wallin, Nilsson (2); Fabricius, Mårtensson, Weinhandl; Johan Andersson, Holmqvist (2), Nilson; Ledin (2).
Schweiz: Hiller (Rüeger); Blindenbacher, Bezina (2); Gerber, Vauclair; Forster, Furrer; Diaz; Di Pietro, Paterlini, Ziegler; Deruns, Jeannin (C), Sannitz; Monnet (2), Reichert (2), Sprunger (2); Ambühl, Wick (2), Bärtschi; Lemm.

Knapp 9000 Zuschauer sitzen bei Frankreich – Weissrussland im Colisée, also rund 1’000 mehr als beim Spitzenspiel Schweiz – Schweden. Im francophonen Quebec avanciert Frankreich zu einer Art «Kanada II.»

Zum 100-jährigen Jubiläum des IIHF kommt die WM 2008 nach Quebec. (Krein)
Dänemarks Mads Bodker (#4) und Schwedens Matthias Weinhandl werden als beste Spieler ausgezeichnet. (Krein)

Beim Zwischenrunden-Spiel der Gruppe E, hat die Schweiz, mit den zwei NHL-Goalies Martin Gerber und Jonas Hiller, gegen Tschechien, mit 16 NHL-Akteuren, in «Spiel 27» in allen Belangen das Nachsehen.Mark Streit, der von Montreal keine WM-Freigabe erhalten hat, verfolgt die Niederlage von der Tribüne aus.

Schweiz – Tschechien, während des 1. Drittels beim Stand von 0:0. (Krein)
Eine Weltklassebank: Kovalchuk (#71), Fedorov (#28) und Ovechkin (#8) warten auf ihren nächsten Einsatz beim Duell der «roten-» gegen die «weissen» Russen. (Krein)
Alexander Ovechkin, beobachtet von Alexander Radulov, verabschiedet sich von NHL-Mannschaftskollege Niklas Bäckström (19), gefolgt von den schwedischen Weltklassegoalies Stefan Liv, der 2011 beim Flugzeugabsturz von Jaroslawl ums Leben kommt, und Henrik Lundqvist. (Krein)
Beim Bully stehen sich Sébastien Bordeleau (Bern) und Jonathan Pittis (Bruder von Domenico) gegenüber. Beide Stürmer treffen beim Knüller um den Ligaerhalt. Italiens Headcoach Michel Goulet muss ausgerechnet in Quebec, seiner ehemaligen NHL-Wirkungsstätte, absteigen. (Krein)
Egal wie gut die Dänen oder wie schlecht die Schweizer, am Ende gewinnt immer die Schweiz. Thierry Paterlini, Thomas Ziegler, Paul di Pietro und Julien Vauclair jubeln in der 32. und 34. Minute gegen Patrick Galbraith und Co. (Krein)
Der ehemalige Langnauer Magnus Johansson wird zum besten Spieler Schwedens ausgezeichnet, dies in einem Spiel unter 26 NHL-Spielern. (Krein)

Während der WM in Quebec gewährt die «Hall-of-Fame», wie schon während des „Rendez-Vous ’87“, mit einem Teil der Ausstellung aus Toronto, einen Einblick in ihr Vermächtnis.

Més que un Club

Wer 1989 im offiziellen Jahrbuch des IIHF, dem «International IIHF-Yearbook 1988-89» auf den Seiten 161 und 162 die spanische Meisterschaft studiert, kommt ins Grübeln, dies noch mehr im Kindesalter. Vier Mannschaften spielen 1988 um den spanischen Meistertitel, Txuri Urdin, CC Hielo Jaca, Puigcerda und der FC Barcelona? Im Alter von elf Jahren fragst du dich, sind das die Fussballer welche Eishockey spielen? Sind das die gleichen Spieler wie im Fussballteam? Da die Spanier auf dem Eis ja nicht zur Weltspitze gehören, könnten die Fussballer durchaus so gut Eishockey spielen um dabei den spanischen Titel zu holen? Fragen über Fragen, denn diese zwei Seiten sind nun während eines Jahres die einzige Quelle der iberischen Halbinsel.

Im Laufe der Jahre beantworten sich die Fragen um die Eishockeyabteilung des grossen FC Barcelona aufgrund der Spieler, welche mehr und mehr unter den Topskorern der Liga auftauchen, von selbst. 1991-92 stellt der FCB die drei besten Skorer der Liga, darunter ist der Nationalverteidiger Miguel Baldris, welcher 1986 sogar von den Buffalo Sabres gedraftet wurde. Baldris stammt jedoch wie die beiden anderen Goalgetter Denis Bourque und Pierre Millier aus Kanada. Die Puckjäger der katalanischen Fussballabteilung holen 1997 und 2002 ihre Meistertitel drei- und vier.

Erst am 27. April 2007 betrete ich erstmals die «Pista-de-Hielo» auf dem grossen Campus-Barcelonas. Neben dem imposanten Fussballstadion «Camp-Nou» mit 98’787 Plätzen, geht die kleine «Eishalle», eröffnet am 23. Oktober 1971, mit gerade mal 1’256 Plätzen unter. Dennoch haben die Geschehnisse in diese Halle schon einiges geboten. 1972 erlebte die Eishockeyabteilung unter dem finnischen Trainer Juhani Wahlsten ihre Premiere, neben 1994 ging hier auch 1979 die C-Weltmeisterschaft über die Bühne und die Spanier stürmten mit den vier einheimischen Bienvenido Aguado, Simo Ramon Regada, Juan-Carlos Cebrian und FCB-Captain Carlos Kubala auf den hervorragenden fünften Rang.

„Training? Immer am Donnerstag?“

— Eismeister der FCB Pista de Gel

Kubala ist der wichtigste Spieler aus der Sektion «Hoquei Hielo» innerhalb des Vereins, sein Vater Laszlo ist eine Fussball-Legende und wurde 1999 zum grössten Barça-Spieler aller Zeiten gewählt. Die Eishockeysektion wird auf der Homepage unter «Other sports» geführt und gehört zu den Randsportarten des Klubs. Trikots der Eishockeysektion gibts in keinem Souvenirshop, aber immerhin finde ich in einem FCB-Jahrbuch ein Foto des aktuellen Teams. Der Eismeister kommt sogar ins Grübeln wenn man ihn um die Trainingszeiten fragt, mit einer unsicheren Antwort sagt der nette Mann, wie einst Wally (Walter Reilly) bei Crocodile Dundee, rückfragend: «Immer am Donnerstag?»

Während meines Barcelona-Trips im April 2007 verpasse ich die spanischen Kufencracks um gut einen Monat. Das letzte Spiel ging hier am 17. März über die Eisfläche. In der Copa-del-Rey sowie in der Meisterschaft war für die «blaugrana» jeweils im Halbfinal gegen Jaca bzw. Puigcerda Schluss. Trotz des minimalen Trainingsaufwandes des Spitzenclubs, hat Barça aber sämtlichen Schweizer Nationalliga-Vertretern eines voraus, denn der Fussballclub zeigt sich äusserst grosszügig gegenüber der Eishockeyabteilung und der Eisbetrieb wird auch im Sommer fortgesetzt. Der FC Barcelona ist halt eben rundum «més-que-un-Club» (mehr als ein Club), auch wenns dabei «nur» um eine Randsportart geht.

Turin retour in zwanzig Stunden

Olympische Spiele haben auch als Zuschauer etwas magisches, meine Kindheitserinnerungen gehen nach Albertville, das Olympische Turnier findet 1992 in einer sonnigen Februarwoche statt, die Hälfte der Spiele verpasse ich, weil ich mit der Schule im Skilager weile. Dennoch prägt mich das Turnier von Meribel. Die Franzosen steigen als frische A-Nation erstmals, auf Kosten der Schweiz in die Top-Acht auf. Die Schweiz enttäuscht mit dem zehnten Rang. Unvergessen bleibt Deutschlands Penaltykrimi gegen Kanada, mit dem «tragischen Helden» Peter Draisaitl.

Mit diesen Erinnerungen steht Olympia 2006 vor der Haustüre. So nah wie jetzt werde ich die Olympischen Spiele so schnell nicht wieder besuchen können. Also dann, nichts wie hin nach Turin. Mittwochs in der Früh, am 22. Februar, morgens um 7 Uhr 30 startet unsere olympische Mission in Lyss. 16 Uhr 30 sitzen wir in der provisorischen Olympiahalle von Turin, der «Esposizioni», an der Via Petrarca.

Vorher haben wir kurz Zeit, mit dem Olympischen Bus – wir parkieren am Stadtrand – ins Zentrum zu fahren und uns zu verpflegen. Die Strassen Turins sind äusserst belebt, überall sind Teamjacken von Athletinnen und Athleten zu sehen, ein Stadtzentrum ist nicht wirklich auszumachen, denn in der Trabantenstadt ist irgendwie überall Stadtzentrum. Der Olympia-Shop hält nicht was er verspricht, die Artikel sind nicht wirklich kaufwürdig. Hilfreich und freundlich sind dafür die Tourist-Guides, welche dich an jeder Ecke mit Karten und Wegweisern versorgen.

Doch nun zum Spielbeginn in der «Esposizioni.» Das Viertelfinalspiel zwischen der überraschenden Schweiz und dem Favoriten aus Schweden beginnt. Nach 30 Minuten stehts bereits 4:1 für die Mannschaft von Bengt-Ake Gustafsson und leider kann das Team von Ralph Krueger nicht an die Leistungen gegen Kanada (2:0) und Tschechien (3:2) anknüpfen. Die Erwartungen vor der Partie waren hoch, die Enttäuschung ebenfalls. So verabschiedet sich die Schweiz, trotz sensationellem Turnier, bereits im Viertelfinal. Im Duell der ehemaligen Feldkircher verliert Lehrer Krueger gegen seinen ehemaligen Schüler.

Am Abend steht ein weiterer Leckerbissen auf dem Programm, Russland trifft auf Kanada und beide in NHL-Bestbesetzung. Dazwischen gibts aber auch für uns einen «Leckerbissen» in Form einer Pizza, beim «echten Italiener» um die Ecke. Am Nachbartisch sitzen ebenfalls zwei Schweizer, Jann Billeter und Stefan Figi. Nach einem Smalltalk und einem guten Appetit bei Pizza-Prosciutto und Co. freuen wir uns alle auf die bevorstehende Affiche. Auf dem Weg zur «Pala Hockey» liegt an der Via Pietro Giuria 42 sogar ein Hockey-Shop mit dem passenden Namen Winter-World.

Kris Draper und Pavel Datsyuk bestreiten das Bully zum besten Spiel welches ich je im Stadion gesehen habe. Mit einem unheimlichen Tempo begegnen sich die grössten Rivalen des Eishockeysports in der hauptsächlich durch Russen besetzte Olympia-Halle. Eine Minute vor Schluss, beim Stand von 0:1, ersetzen die Kanadier Martin Brodeur durch einen sechsten Feldspieler, 28 Sekunden später muss Chris Pronger auf die Strafbank, Brodeur kehrt zurück und Russland erzielt noch das 2:0.

«Turin-retour» ist, trotz der Schweizer Niederlage, ein voller Erfolg. Die Reise hat sich gelohnt, auch wenn sich die Rückfahrt via Grosser Sankt Bernhard bis morgens um 4 Uhr ermüdend dahinzieht. Zwanzig Stunden und dreissig Minuten dauert der olympische Traum, kurz, intensiv, spektakulär und einmalig, so das Fazit. Der nächste Besuch bei den Olympischen Spielen wird frühestens 2018 sein.

Schweiz – Schweden 2:6 (1:2, 0:3, 1:1)
4′ H. Sedin (D. Sedin, Lidström) 0:1.
9′ Streit (Della Rossa, Plüss) 1:1,
14′ Modin (Forsberg, Alfredsson) 1:2,
23′ Zetterberg (Holmström, K. Jönsson) 1:3,
30′ M. Sundin (Lidström, Alfredsson) 1:4,
33′ M. Sundin (Forsberg, Tjärnqvist) 1:5,
41′ Lemm (Rüthemann) 2:5,
49′ Pahlsson (Alfredsson, Axelsson) 2:6.

Esposizioni: 2970 Zuschauer
SR: Marouelli (Ka); Nelson, Seljanin (USA/Russ)
Str. (Sz): 4×2′
Str. (Sd): 1×2′

Schweiz: Gerber; Keller, Streit; Blindenbacher (2), Hirschi; Seger, Bezina; Forster, Vauclair; DiPietro, Plüss, Della Rossa; Paterlini (2), Rüthemann, Ambühl; Conne (2), Jenni (2), Fischer; Lemm, Jeannin, Wichser.
Schweden: Lundqvist; Lidström, Öhlund; Hävelid, Tjärnqvist; K. Jönsson, Bäckman; R. Sundin; Modin, M. Sundin, Forsberg; Alfredsson, Pahlsson, Axelsson; Holmström (2), J. Jönsson, Zetterberg; Samuelsson, H. Sedin, D. Sedin; Hannula.

Russland – Kanada 2:0 (0:0, 0:0, 2:0)
42′ Ovechkin (Kozlov) 1:0,
60′ Kovalev (A. Markov) 2:0.

Esposizioni: 4130 Zuschauer
SR: Larue (USA); Sericolo, Karlsson (USA/Sd)
Str. (R): 8×2′, 1×5′ plus Spieldauer (Malkin)
Str. (K): 8×2′

Russland: Nabokov; A. Markov, D. Markov (2); Tjutin, Volchenkov; Kasparaitis, Gonchar (2); Vishnevski, Zhukov (2); Kovalev (2), Datsyuk, Kovalchuk; Kozlov, Yashin, Ovechkin (2); Sushinski (2), Malkin (25), Charitonov; Afinogenov (2), Korolyuk, Taratuchin (2).
Kanada: Brodeur; Foote, Redden; Bouwmeester, Pronger (4); Blake, Regehr; McCabe; Iginla, Sakic, Gagné (2); Heatley, Richards (2), Draper; Bertuzzi (2), Thornton, Nash (2); St. Louis, Lecavalier (2), Smyth (2); Doan.

Der Stolz des australischen Eishockeys

Am 17. August 2003 unternehme ich den zweiten Versuch (erster Versuch, siehe Blog vom Juli 2003) das Eisstadion in Baulkham Hills, die Heimstätte der früheren Macquarie Bears und heutigen Sydney Bears, zu finden. Dieses Mal aber ohne Ausrüstung im Schlepptau und mit einem guten Zeitmanagement, finde ich den modernsten und komfortabelsten Eisrink, erbaut 2002, Australiens. Dabei wird mir klar, dass ich vor fünf Wochen ca. sechs Stationen zu früh aus dem Bus gestiegen bin, da hätte ich bei Nacht und Nebel „im falschen Hilldale „noch lange in den „Hills“, wie die Gegend rund ums Stadion genannt wird, suchen können…

Kurz vor 18 Uhr betrete ich das Sydney Glaciarium – das erste Glaciarium wurde 1907 an der George-Street in der Stadt eröffnet – und ich war überwältigt. So gut habe ich mir die Halle nicht vorgestellt. Im Vergleich zur veralterten Eishalle in Blacktown, wo die Ice Dogs Zuhause sind und 1989 immerhin die C-Weltmeisterschaft über die Bühne ging, ist das Glaciarium ein wahres Prunkstück, selbst mehr als die Hälfte aller Nationalliga-A Teams würde sich über eine solche Arena, freuen.

„Dieser Rink ist zweifellos das wertvollste des australischen Eishockeys!“

— Michael Krein, 17. August 2003

Erneut besuche ich ein Spiel der Australian-Ice-Hockey-League (AIHL). Dieses Mal stehen sich die Sydney Bears, das Team mit dem ich eigentlich schon vor drei Wochen hätte trainieren sollen – vor meiner Abreise war ich mit Präsident Hugh Ferrar betreffend der Trainingsmöglichkeiten in Kontakt – und die letztplatzierten Canberra Knights gegenüber. Das Heimteam der Bears trägt die Jersey-Farben weiss/schwarz/rot und silber, die Gäste aus der Hauptstadt spielen in türkisfarbenen Trikots analog der San Jose Sharks. Die Atmosphäre ist atemberaubend für mich, dieser Rink ist zweifellos das wertvollste des australischen Eishockeys. Die Sydney Bears als aktuelle Titelträger haben die beste Infrastruktur der Liga und können, nicht nur wegen dem Bären-Logo, als «die australische Antwort auf den SCB» bezeichnet werden.

Fans fiebern mit

Ich habe das Gefühl, ich besuche ein Nationalliga A Spiel der Schweiz, doch das Niveau würde ich mit der 2. Liga bei uns vergleichen. Die Fans auf der modernen Sitzplatztribüne fiebern richtig mit, so wie das wohl in keinem anderen Eisrink, wenn ich an das Spiel vom vorletzten Wochenende der Western Sydney Ice Dogs denke, Australiens der Fall sein konnte (Anm. der Red., die Stimmung in Canberra gilt als phänomenal). Ich zähle ca. 250 Zuschauer. «Bei Spitzenspielen wie letztes Wochenende gegen den Leader Adelaide Avalanche ist die Halle jeweils voll», so Bears General-Manager Wayne Hellyer, mit dem ich auch über meine Trainingsmöglichkeiten der kommenden Woche diskutiere. Die Bears bezwingen die Knights schliesslich hoch mit 8:2. Die herausragendsten Akteure sind die australischen Nationalspieler Murray Wand, Tyler Lovering und Vladimir Rubes, der einen Hattrick erzielt. Auch der U20-Nationalspieler Daniel Blythe-Edwards zeigt eine sehr gute Leistung.

Australische Kontakte 

Bears-Manager Hellyer erklärt mir während des Spiels, dass ein Spieler Canberras (Jason Tait) in Dee Why, gleich neben Manly wohnen würde. Dies ist äusserst hilfreich, so treffe ich Tait gleich nach dem Spiel und kann mit ihm nach Manly zurückfahren (eine Stunde mit dem Auto). Tait fährt einen alten Minibus und arbeitet für Kobalt Networks PTA Ltd, eine Informatik-Firma. Tait spielte nicht nur an der letzten Inline-Hockey-Weltmeisterschaft für Australien, sondern auch schon für zahlreiche Australische Vereine (unter anderem gewann er 1999 mit New South Wales den Goodall Cup). Unter den Hockeyanern ist die Begeisterung egal wo auf der Welt eben gross, Hockey sei einfach der beste Sport, meint der Australier. Dies im Land wo drei verschiedene Rugby-Arten gespielt werden, Australian-Rugby-League (AFL), Rugby-League (NRL) und Rugby-Union. Im September findet in Sydney sogar die Weltmeisterschaft statt und der Hype ist riesig.

Auf dem Parkplatz mit Rummukainen

Eine weitere Begegnung habe ich mit Mark Rummukainen, sein Name ist mir aus dem International-Ice-Hockey-Guide bekannt, daher spreche ich den grossgewachsenen „Blonden“ einfach Mal an und er ist sehr erstaunt darüber, dass ich ihn vom Namen her kenne. Rummukainen ist australisch-finnischer Doppelbürger und spielt fürs australische Nationalteam, nach einem kurzen Smalltalk tauschen wir unsere Email Adressen aus. Er will mich kontaktieren, weil er nächste Saison in der Schweiz spielen will, ich könne ihm eventuell bei der Klubsuche behilflich sein. Umgekehrt kann ich vielleicht in Canberra eine Saison bestreiten, wer weiss.

Vladan Stransky (#11) gewinnt das Bully, beobachtet durch Verteidiger Jakub Petr (#28, links). (Krein)
Die Tageszeitung «Hills News» berichtet regelmässig in der Rubrik «Hills sport» über die Sydney Bears. Die Berichte sind allerdings spärlich, was dem Stellenwert des Eishockeys in Down-Under entspricht.

Alles ist Down Under

Am 9. August 2003 um 17 Uhr 30 besuche ich erstmals ein Spiel der obersten australischen Liga, der 2001 gegründeten Australian-Ice-Hockey-League (AIHL). Dabei stehen sich die Tabellendritten Western Sydney Ice Dogs aus Blacktown und die fünftplatzierten Melbourne Ice aus dem Bundesstaat Victoria gegenüber, beide Teams stehen erst in ihrer zweiten AIHL-Saison. Bin ich im falschen Film? Nach knapp einem Monat in Down-Under finde ich mich mitten im Eishockey-Rummel wieder. Als ich das Stadion (siehe Foto oben), wobei Stadion vielleicht der falsche Ausdruck ist, mit den Worten «enjoy the game» und einem Matchprogramm (Faltblatt) passieren kann, kommen mir Fans in Trikots, Schals und Caps des Heimteams entgegen. Man hätte gerade so gut in der Schweiz bei einem 1. Liga Match, ca. 150 Fans waren in der Halle, sein können, welchem auch der Preis für das Ticket für zehn australische Dollars entspricht.

Das Spiel beginnt mit einer Verspätung von 45 Minuten, 45 Minuten Verspätung? Über den Speaker wird verkündet, dass die Mannschaft aus Melbourne aufgrund verkehrstechnischer Probleme später eintreffen wird. Für die siebte Auswärtspartie nimmt die Mannschaft aus Victoria eine neunstündige- und rund 900 Kilometer lange Fahrt in Kauf. Eine Distanz welche sich schon für mich innerhalb der gleichen Stadt bei der Anreise nach Blacktown widerspiegelt, zumindest liegt die Ice Arena, ein alter Sichtbacksteinbau der einem Einkaufszentrum ähnelt, keine fünf Minuten von der Blacktown-Station, dem Bahnhof, welcher innert knapp einer Stunde vom Zentrum Sydneys zu erreichen ist, entfernt.

Keine Zeit fürs Warm-up

Ob solche Verspätungen zur australischen Hockey-Normalität gehören? Apropos Normalität. Da es sich um eine Partie zwischen Teams aus zwei Bundesstaaten handelt, wird die australische Nationalhymne gespielt. Als das Spiel endlich beginnt, sitzen die letzten Melbourne-Cracks noch in der Kabine beim Anziehen. Doch auch komplett, spielen die stark dezimierten «Ice» mit nur elf Feldspielern. Western Sydney sieht mit drei kompletten Blöcken wesentlich professioneller aus. Melbourne wird, auch wenn die Partie nur 50 Minuten (2-mal 15 und einmal 20 Minuten) dauert, das Tempo nicht durchhalten können. Ihren Torhüter Chris Leetham, können die weiss-blauen, aufgrund der Verspätung, gar nicht einschiessen. Ein harter Alltag für die armen Gäste, welche nach der langen Busfahrt auch noch unkomplett und unvorbereitet ins Spiel starten müssen.

Und es kommt wie es kommen muss. Das Einschiessen von Leetham übernehmen die Ice Dogs und führen, durch zwei Treffer des kanadischen Import-Spielers Jason Haakstad, nach dem ersten Drittel mit zwei zu null. Haakstads Stil ähnelt dem von Marcel Jenni, in der Schweiz würde man sagen, «die australische Antwort auf Marcel Jenni.» Pro Spiel sind fünf Import-Spieler, als Ausländer gilt wer keinen Pass aus dem britischen Commonwealth besitzt, erlaubt. Bei dem Team aus Blacktown spielen mit Martin Jesko und Jason Juba zwei weitere «Imports», während Melbourne an diesem Abend mit Mel Linn, Steve Laforet, Trevor Baert und Jody Cavers, der den Ice-Dogs-Fans im Stil von Todd Elik den Stinkefinger zeigt, auf vier Imports zählen kann.

„Von den Minnesota-Duluth Bulldogs zu den Western Sydney Ice Dogs.“

— über Jason Haakstad als «Dog»

Diese gehen das Tempo erstaunlich gut mit, denn nach 23 Minuten, was in Australien schon die halbe Partie bedeutet, steht es immer noch zwei zu null für die Eishunde. Dann kommt der erwartete Einbruch und die altersschwache Anzeigetafel zeigt nach zwei Dritteln sechs zu null für das Heimteam. Am Ende steht es elf zu eins für die dominierende Mannschaft aus Blacktown, dessen Name vom ursprünglichen Siedlungsort der Aborigines stammt und 30 Kilometer westlich vom Zentrum liegt. Der Ort hiess einst «The Blacks Town» als Synonym für die gestohlene Generation von Aborigines-Kinder, welche dort bis 1833 in einer Schule kaserniert wurden. Erst 1862 erhielt der Sydneyer Vorort seinen heutigen Namen.

Zurück aufs «Eis», die meisten Tore gegen die «Ice» werden durch «Blacktowns» erste Formation mit Haakstad, dem Tschechen Martin Jesko und dem australischen Nationalspieler Andrew White erzielt. Das Niveau stufe ich zwischen unserer Ersten und Zweiten Liga ein, es ist schwer zu sagen, da Sydney an diesem Abend um Klassen besser spielt als sein Gegner. Eventuell könnte Sydney in der Ersten Liga mithalten? Ich habe über gewisse Spieler nachgeforscht und gesehen, dass Haakstad beispielsweise in der amerikanischen Western-Collegiate-Hockey-Association (WCHA) bei der Universität der Minnesota-Duluth Bulldogs gespielt hat. Der 26-Jährige war also schon vor Australien ein «Dog.»

Schäbige Banden

Das ganze Spielsystem wird stark beeinträchtigt durch den unkonventionellen und äusserst unkomfortablen Eisrink. Plexiglasscheiben hinter den Toren kennt die Blacktown-Ice-Arena nicht, da hängen einfach nur lose Netze, das sind auch die Zuschauer zu höchster Vorsicht aufgefordert. Dies macht ein Spiel, wie sonst via Bande üblich, unmöglich, Bandenpässe gibts praktisch keine. Dies gilt auch für hohe Pässe, die Hallendecke ist so tief, dass jeder Lob-Pass, durch das berühren der Decke, zum Unterbruch, unter den Schiedsrichtern ist auch eine Frau, führen würde. Down-Under gilt eben nicht nur für die auf dem Kopf stehenden Weltkarten, da liegt Australien jeweils auf dem Kopf im Zentrum, sondern auch für das ganze Spiel mit Puck und Scheibe, irgendwie ist hier alles Down-Under.

Die WM-Halle von 1989 entspricht nicht mehr den Anforderungen für 2003. (Krein, Datum falsch)
Die Bank der Sydney Ice Dogs. (Krein, Datum falsch)

Das Hilldale im falschen Jahr

Während meiner Rückfahrt aus Sydneys Stadtzentrum mit der Sydney-Ferry (Fähre) teste ich, bei einem Anruf an den General-Manager der Sydney Bears, ob meine neue Optus-Karte, die Swisscom Australiens, auch funktioniert. Er erklärt mir, dass bereits heute Abend um 20 Uhr 30 ein Eistraining stattfinden würde und dass ich zum Training kommen soll. „Okay that’s great!“ Um 18 Uhr bin ich zurück an der „Martin Street 42“ in Harbord, Manly, wo ich für sieben Wochen wohne, um meine Eishockey-Ausrüstung zu holen.

Um 18 Uhr 55 gehe ich beim Hafen von Manly, dem „Manly-Wharf“ Foto), auf die Fähre. Auf der Fähre begegne ich zwei kanadischen Touristen welche lachend sagen: „Wir dachten Kanadier sind verrückt nach Eishockey, aber dieser Schweizer…“, sie lassen sich sogar mit mir fotografieren. Um 19 Uhr 30 steige ich am Circulary-Quai, dem Zentrum von Sydney bei der Oper und der Harbour Bridge, in den Zug Richtung Parramatta. Um 20 Uhr 15 erreiche ich nach einer Rund 45 minütigen Fahrt endlich Parramatta…

…noch 15 Minuten bis zum Training, verdammt ich verpasse es. Naja dann gehe ich wenigstens noch vorbei und schaue mir das Niveau der Spieler an, denke ich mir. Von Parramatta dauert es mit dem Bus nochmals 20 Minuten bis nach Baulkham Hills, beim Solent Circuit 11, wo das Sydney Glaciarium, die Eishalle, steht. Mittlerweile ist die Sonne längst untergegangen und niemand, beim entsteigen des Buses in Baulkham Hills weiss wo das Eisstadion liegt und von Hockey erst recht nichts…

…schliesslich komme ich um 21 Uhr irgendwo in den Weiten Sydneys zu einem Tankshop, einer der tankenden Aussies, weiss tatsächlich wo es zur Eishalle geht. Yeah… …denke ich. Sechs Strassen weiter nach Westen, immer noch fest entschlossen, aber mittlerweile zirka 50 km von Manly entfernt, marschiere ich mit Hockey-Ausrüstung durch Sydneys Agglomeration von Baulkham Hills. Das Quartier muss man sich etwa so vorstellen, wie im Film „Back-To-The-Future-II“, als Marty McFly aus der Zukunft in seine „veränderte alte“ Heimat zurückkehrt, „das muss das falsche Jahr sein? sagt Michael J. Fox im Film-Klassiker. Eine düstere Gegend, alte Holzhauser, dreckige Vorgärten und dies nun schon nach 21 Uhr in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache. Während meines Marsches in dunklen tiefen der „Hills“ oder dem Hilldale im falschen Jahr, klingelt mein Natel und meine Freundin leistet mir glücklicherweise rhetorisch Gesellschaft.

Michael Krein, Sydney Bears

„Nur noch der Mond ist mir vertraut.“

— Michael Krein, verloren in Sydney

Während des Telefonats dringe ich immer tiefer in die düstere Gegend von Baulkham Hills vor, ohne zu bemerken, dass ich mich wohl langsam aber sicher auf den Rückweg machen sollte. Schliesslich stoppe ich meine Odyssee an einer Bushaltestelle und beende, um mich zu konzentrieren, das vertraute Ferngespräch. Die letzte Fähre Richtung Manly fährt um 23 Uhr 45 und ich sehe weit und breit nichts von einer Eisbahn und das Training musste längst zu Ende gewesen sein. Nach einer Viertelstunde vergeblichen Wartens auf den Bus, überkam mich das komische Gefühl, dass hier vielleicht gar keine Busse mehr fahren, in diesem Moment waren mir nur noch meine eigene Kleidung, die Hockeytasche und der Mond vertraut.

Der Mond ist überall auf dieser grossen weiten Welt, ob ich in Aarberg auf dem Balkon sitze, auf den Malediven weile, in den Bergen bin, im Militär bei einer Nachtübung im Baselbiet, im Flugzeug oder irgendwo unterwegs in Lyss, der Mond ist immer da. Dies gibt mir eine Portion Sicherheit oder zumindest das Gefühl, doch nicht ganz alleine zu sein. Glücklicherweise kommt ein Taxi vorbei und nimmt mich mit in Richtung Bahnhof-Parramatta. Dem Taxifahrer erkläre ich mein vergebliches Warten auf den Bus, „Nein, nein der Bus fährt noch“, erklärt mir der Taxifahrer. Anstelle der drei Dollars für den Bus, kostet mich das Taxi zirka 25 australische Dollar. So bitte ich den freundlichen Taxi-Mann mich bei der nächsten Bushaltestelle wieder abzuladen, für meine Kurzfahrt muss ich nicht Mal etwas bezahlen, wirklich hilfsbereit diese Aussies. Nach einem langen und anstrengenden Tag, ohne Training, erreiche ich im Circulary-Quai die zweitletzte Fähre nach Manly. Eines ist klar, diesen Weg werde ich auf diese Weise nicht noch einmal auf mich nehmen.

Jungs aus Mexiko?

Ich wusste, dass es auch in Canterbury einen Ice Rink gibt, allerdings nicht ob er noch genutzt wird. Dies hat mir am Vorabend auch der Bruder von Leah Mitchell (ich wohne während zwei Monaten bei den Mitchells in Harbord), der auch Michael heisst, bestätigt. In Canterbury, in der Agglomeration Sydneys, habe ich nach den Beschreibungen meines Namensvetters doch tatsächlich bereits nach fünf Minuten eine Sportanlage gefunden. Zu dieser Zeit fand dort draussen ein Landhockeyspiel der Frauen statt. Gleich nebenan war die vielversprechende Halle mit der Aufschrift „Olympic Ice Rink Canterbury“ yes, endlich australisches Eis.

Ein historischer Augenblick

Am 19. Juli 2003, um 14 Uhr war es soweit, ein historischer Augenblick für meine eigene persönliche Geschichte. Michael Krein erblickt zum ersten Mal australisches Hockey-Eis! Links und rechts, längsseitig waren kleine Tribünen angebracht, hinter dem einen Tor war nichts, wie in Biel, einfach eine Wand, hinter dem anderen Gehäuse der Eingang mit einem Hockeyshop! Im Hockeyshop erkundigte ich mich gleich nach dem Team, dessen Name ich bereits kannte, die Canterbury Eagles Sydney. Der Verkäufer des Hockeyshops gab mir die Natel-Nummer dessen kanadischen Trainers.

Der Coach ist begeistert und gibt mir die Natelnummer eines Spielers der in Manly wohnt, also im selben Stadtteil wie ich. Nachdem ich den Spieler, den Kanadier Jeff Klinck, kontaktiert habe, holt er mich um 19 Uhr 30 direkt bei Mitchells in Harbord mit seinem Auto ab – super was für ein Service. Er fährt irgend ein rotes Cabriolet. Also sind wir im offenen Wagen durch die halbe Stadt gefahren, unter anderem führt der Weg auch über die Harbour Bridge und Sydney bei Nacht lässt einem sicher nicht an Eishockey denken. Den Eindrücken zum Trotz, bestreite ich am 23. Juli 2003 mein erstes Training auf australischem Eis, schon während unserer Ausbildung zum Hochbauzeichner, zwischen 1993 und 1997, sprechen Marcel Althaus und ich oft darüber einmal in Australien Eishockey zu spielen. Nun war es soweit… …zumindest für mich, obwohl es als Duo sicher einiges einfacher gewesen wäre.

„Wo hast du die Jungs her, aus Mexiko?“

— Coach Murray Chadwick (Youngblood)

Doch habe ich noch keinen Hockeystock dabei, Holz darf in Down-Under nicht eingeführt werden, also gehe ich vor dem Training in den Hockeyshop um einen Stock (Bauer, Jere Lehtinen) zu kaufen. Naja so gross ist die Auswahl nicht und der Stock kostet mich 79 australische Dollar, ich denke in der Schweiz hätte ich diesen für 40 Franken erhalten. Mein Chauffeur Jeff Klinck ist unter anderem nicht nur Spieler der Eagles, sondern auch noch Assistenz-Trainer des Juniorenteams (U20) von Canterbury. So bestreite ich zuerst das Training mit den Junioren, die ist gut zum Einstieg nach meiner anderthalb-jährigen Hockeypause. Im Juniorenteam figuriert mit John Lavery ein U20-Internationaler Australiens, der bei uns höchstens 3. Liga Niveau erreichen würde.

Das Niveau dieses Juniorenteams erinnert mich an den Film „Mighty Ducks das Superteam!“ Einige bekunden sogar Mühe beim Schlittschuhlaufen… …dies ist das schlechteste Training welches ich je gesehen habe. Nach dem Junioren-Training findet dann das richtige Training statt, mit dem „Seniorteam“ der Canterbury Eagles, einst Meister der New-South-Wales-Super-League. Auch hier spielen einige, mir bereits bekannte Namen aus dem australischen Nationalteam wie Ross Moffat, Ryan Switzer, Steve Riley oder Radomir Benicky, sie alle bestritten mehrere Weltmeisterschaften in der C- oder D-Gruppe des Welteishockeys, Ryan Switzer stand zudem im All-Star-Team des Goodall-Cups von 1988 und war Nationaltrainer der Mighty-Roos.

Von Younglood und der East-Coast-Super-League

Der Beginn des Trainings erinnert mich wieder an einen Eishockeyfilm, dieses mal an „Youngblood“ oder in der deutschen Version „Bodycheck“, mit Patrick Swayze und Rob Lowe. Beim Betreten des Eises dachte ich an Coach Murray Chadwicks Spruch: „Wo hast du die Jungs her, aus Mexiko?“ Das Niveau des Teams würde ich als schlechtes Drittliga-Niveau bezeichnen. Doch es hat Spass gemacht wieder Mal auf dem Eis zu stehen und für mein erstes „richtiges“ Training, dass gewöhnlich immer speziell ist, lief es mir sehr gut. Bereits nach 30 Minuten meinten Jeff Klinck und Manager Don Scurfield, ich solle doch mit einem Team der „East-Coast-Super-League“ trainieren! Keine Ahnung? East-Coast-Super-League, klingt oder „klinckt“ gut nicht?