Die Playoffs 2025 bescheren uns in den Viertelfinals das «Zähringer-Derby» und damit die gewohnte Renaissance des Deutschen Adelsgeschlechts. Doch seit wann spricht man eigentlich vom Zähringer-Derby? Die Herzöge Berthold IV und V von Zähringen waren 1157 (Freiburg) und 1191 (Bern) für die Stadtgründung, das Stadtrecht und das Stadtbaukonzept verantwortlich. Unter den Herzögen von Zähringen entstanden im Mittelalter zwölf Städte in Deutschland und der Schweiz, darunter die Eishockey-Relevanten Standorte Bern, Burgdorf, Freiburg im Breisgau, Fribourg, Rheinfelden, Thun und Villingen-Schwenningen.
In der Blütezeit spielten vier Zähringer-Städte, je zwei in Deutschland und der Schweiz, in der obersten Spielklasse. Das erste Zähringer-Derby gabs am 30. September 1980 in der Augustiner-Kunsteisbahn in Freiburg vor 4’200 Zuschauern, NLA-Aufsteiger Gottéron siegte mit 4:1. Die Eishockey-Legende Jakob Lüdi, er sitzt/sass auch bei der aktuellen Serie im Stadion, erzielte einen Hattrick und eröffnete in der 4. Minute das Skore der Geschichte dieses Derbys. Dies geschah ein Jahr vor den Nachbarn aus dem Lande der Gründerväter, welche am 27. September 1981, ihr erstes Derby zweier Zähringerstädte im Oberhaus zu sehen bekamen, der Schwenninger ERC siegte vor heimischem Publikum mit 5:4 gegen den EHC Freiburg. 1993, ein Jahr vor DEL-Gründung, musste der EHC Freiburg Konkurs anmelden und verschwand von der deutschen Eishockey-Landkarte. Seither spielten Freiburger und Schwenninger nie mehr gemeinsam in der obersten Spielklasse. So ist die Paarung zwischen Bern und Freiburg-Gottéron heute weltweit das einzige Derby zwischen Zähringerstädten.
Doch über «Zähringer» und «Eishockey» spricht man erst seit diesem Jahrtausend. Die ersten zwei Playoff-Serien zwischen Bernern und Freiburgern gingen 1991 und 1992 noch fern vom Deutschen Adelsgeschlecht durch die Medien. Erst die dritte Serie, 2008 wurde medial als «Zähringer-Derby» verkauft. Derweil lief in der Zentralschweizer 1. Liga, mit Thun gegen Burgdorf, zwischen 1984 Und 2017 ebenfalls ein Derby der Zähringerstädte. In der Saison 1999/00 gesellte sich gar noch der EHC Rheinfelden für ein Jahr dazu und spielte mit dem Namen «Zähringer» im Logo, die Derbys gegen die beiden Berner Mitstreiter.
Sportjournalistisch sprach «Der Bund», am 29. Februar 1960, anlässlich des NLB-Fussball-Spiels zwischen dem FC Bern und dem FC Freiburg, erstmals von einem «Zähringer-Derby», Es dauerte bis ins Jahr 2002, ehe der Begriff «Zähringer» sich ins Eishockey einschlich. Jürg Vogel, er tippte u. a. auch unter dem Pseudonym George Bird für SLAPSHOT, schrieb in der NZZ, vom 14. September 2002, über das Duell der beiden «Zähringerstädte.» In der Folge verbreitete sich der Begriff «Zähringer-Derby» wie deren Baukunst im Mittelalter. Die Berner Altstadt gehört seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe und vielleicht findet auch das weltweit einzigartige Derby dereinst die Aufnahme, unter der Kategorie der «Schweizer Traditionen», in Kreis des immateriellen Kulturerbes.
Zum dritten Mal geht ein Champions-Hockey-Leauge Final auf Schweizer Boden über die Bühne, dabei zum zweiten Mal für die ZSC Lions. Schon vor diesem geschichtsträchtigen Endspiel sind die Zürcher das erfolgreichste Schweizer Hockey-Unternehmen auf internationalem Parkett, dies mit einem europäischen Titel (2009) und dem Victoria Cup. Keine andere Schweizer Clubmannschaft hat grösseres vollbracht, auch nicht die Schweden von Färjestads BK Karlstad. Der zehnfache schwedische Meister konnte europäisch noch nie reüssieren. 1987 und 1989 spielten die Schweden aus der Provinz Värmland zweimal um die europäische Krone. Höchste Zeit also, endlich auch die European-Trophy in die Annalen der Clubgeschichte zu holen. Der Knüller in der Swiss-Life-Arena ist ausverkauft und die ganze Hockeyprominenz der Schweiz ist in den VIP-Zonen zu Gast.
Im Lift mit Jenni’s
Auch zwei ehemalige Schweizer Söldner des schwedischen Vertreters sind mit dabei, Martin Gerber und Marcel Jenni, letzterer fährt mit mir im gleichen Lift, welchen ich, mit der in Zürich traditionellen, Portion «G’hackts und Hörnli» betrete. Mit dieser Portion werde ich die Liftfahrt bis in die fünfte Etage nicht kommentarlos überstehen – noch bevor sich der Lift bewegt kommt der erste Spruch, dem Ghackets-Hörnli-Duft entgegen. Daniela Jenni, Marcel’s Frau, bittet um eine Empfehlung. Auf meine positive Antwort folgt ein Spruch meinerseits – Sie (Frau Jenni) habe in Schweden ja das Brot vermisst – das Schweizer Fernsehen besuchte vor 20 Jahren Jenni und seine damalige Freundin und jetzige Frau in Karlstad. Geblieben ist mir vor allem, dass Jenni’s Partnerin das «Brot» aus der Schweiz vermisst hatte. Zurück im Lift, zeigt sich Frau Jenni äusserst verblüfft und positiv überrascht über meine Bemerkung.
Kein Brot für Färjestad
Das Brot fehlt dann auch Jenni’s Ex-Team. Der schwedische Qualifikationssieger des Vorjahres, immerhin mit sieben ehemaligen und drei künftigen NHL-Spielern, findet nur schwer in die Partie und gerät durch eine Unachtsamkeit im eigenen Slot mit 0:1 in Rückstand. Zürich’s Reihe um Denis Malgin, Sven Andrighetto und Rudolfs Balcers, zusammen 661 NHL-Partien, läuft auf Hochtouren und ist auch für den zweiten Treffer verantwortlich. Reicht es für Färjestad wieder nicht? Holt Zürich erstmals die europäische Krone im eigenen Stadion? Die Stimmung ist bombastisch, 12000 Fans tragen die Lions zum zweiten europäischen Gold der Klubgeschichte. «Mir sind Züri», heisst nun «mir sind d Könige vo Europa». Die Trophäe von 2009 steht, zusammen mit dem Victoria-Cup, in der Vitrine der «Sports Bar 1930», nun kommt ein Kübel dazu, kein Schweizer Team hat international mehr erreicht. Den Victoria-Cup müsste man unbedingt wieder reaktivieren, die NHL kann kommen. Vorher gilt es jedoch, sich zum elften Mal zum König der Schweiz zu krönen.
Eigentlich sollte es eine Geschichte über «die Gallier» aus der Ajoie geben, doch der Besuch, zwei Tage vor Redaktionsschluss, im Tal der heulenden Winde lieferte ein Schmankerl, welches der hier schreibende Kolumnist festhalten musste.
Vor dem Spiel zwischen den SCL Tigers und dem EHC Biel, auf dem Weg zum Kommentatoren-Platz, kommt mir Yanick Stampfli’s Vater Thomas (Stampfli-Senior) entgegen, der Vater des Biel-Verteidigers ist auch als Assistent der Bieler U15-Elit-Mannschaft bekannt. Nach meinem «Hallo Stamme», grüsst mich der Spielervater leicht irritiert zurück, was mich kurzzeitig erstaunt, dem ich aber keine weitere Beachtung schenke.
Beachtung schenke ich einer Szene in der 40. Minute, Stampfli-Junior spielt die Scheibe in hohem Bogen über die Plexiglasscheibe und wird daraufhin für zwei Minuten in die Kühlbox geschickt. Dies entlockt mir als Kommentator, dass auch dessen Vater sich im hier Stadion befinde. In der Pause werde ich vor dem Presseraum durch Dylan Halter, einem ehemaligen Mitarbeiter des EHC Biel, abgepasst, welcher mir erklärt, dass er meinen Kommentar als WhatsApp-Nachricht seiner Freundin Michelle, der Schwester von Stampfli-Junior, erhalten habe, denn Stampfli-Senior könne unmöglich in Langnau sein.
Zur gleichen Zeit erhält Stampfli-Senior von seiner Frau einen Anruf, ob er in Langnau sei? Ein klärender Anruf Dylan Halters, bei dem der hier schreibende Kolumnist und Kommentator zuhören kann, hilft weiter. Stampfli-Senior sitzt zu diesem Zeitpunkt im U15-Mannschafts-Car, auf der Heimreise von Lausanne. Wen um Himmels Willen habe ich vor dem Spiel gegrüsst? Stampfli’s Zwillingsbruder, vermutet Halter.
Solche Geschichten kennen die Stampfli-Zwillinge, geboren am 13. Mai 1971, zu genüge, «immer wieder werden wir verwechselt», erklärt Thomas noch am Telefon. Thomas und Markus spielten einst für die Elite-Junioren (heute U20-Elit) des EHC Olten und eine gemeinsame U18-Europameisterschaft, 1989 in Kiew, ehe sich ihre Wege 1990 trennten, Goalie Thomas wechselte nach St. Moritz und Stürmer Markus zurück zum Stammclub Solothurn-Zuchwil. Kurioserweise ist ihr damaliger Headcoach aus Oltner-Zeiten, Jaroslav Tuma (SLAPSHOT Nr. 6, 1989), an diesem Abend ebenfalls in Langnau und beobachtet als Agent seinen Langnauer Klienten Jiri Felcman.
Zum Auftakt des Schlussdrittels erklärt der Kommentator und hier schreibende Kolumnist seinen Fauxpas, doch die Causa-Stampfli geht weiter. Kurz vor dem ersten O-Ton meines Interview-Partners Fabio Hofer, erblicken wir gemeinsam den «falschen Stampfli» und Hofer winkt ihm freudig zu.
Zurück in der Kabine habe Hofer von Stampfli-Senior erzählt und Yanick, ebenfalls erstaunt, habe seinen Vater – immer noch auf dem Weg von Lausanne nach Biel – telefonisch kontaktiert…
Wenn in der National-League etwas aussergewöhnliches oder rekordverdächtiges passiert, „surren“ die Mobilephones im Hockey-Umfeld: „Gab es dies schon einmal?“ oder „Ist das der jüngste Spieler?“ heissen die Nachrichten. Liga-Mitarbeitende und Medienschaffende suchen in einem Himmelfahrtskommando gemeinsam nach Antworten, irgendwann weiss irgendjemand, irgendetwas und so kommt die Information vielleicht noch während des Spiels an die Öffentlichkeit. So funktioniert die Hockey-Schweiz kurz vor dem Jahr 2025. Einer der führenden Ligen Europas, fehlt die eigene Geschichte. Ganz simpel erklärt, es ist für die Verantwortlichen zu wenig wichtig. Zum andern hat dies auch mit unserer DNA zu tun, hierzulande schert man sich grundsätzlich nicht um vergangenes. Der SCB beispielsweise könnte, durch die Sammlung von „SCB Jüre“ Jürg Wymann, ein hauseigenes Museum wie der FC Barcelona einrichten.
Warum aber gibt es keine Datenbank über den Spielbetrieb? Es gibt einen ehemaligen Verbands- und Ligastatistiker, welcher nicht mehr mit der Liga kooperiert, sonst könnte man zumindest bis zur Einführung der Playoffs, 1985/86, auf seine statistischen Werte zurückgreifen. Werte welche heute in der Aktualität nur noch per Zufall und Efforts von Einzelpersonen an die Öffentlichkeit gelangen.
Fakt ist, die Informationen stehen nicht zur Verfügung. Der ehemalige Liga-Statistiker beglückt die Medienschaffenden, nur nach Lust und Laune nach einem besonderen Ereignis mit seinen Fakten, so auch im Fall des Debüts des 15-jährigen Jonah Neuenschwander. Eine Liste mit den acht Jüngsten Spielern steht in der Nacht nach Neuenschwanders Debüt, morgens um 2 Uhr 36 zur Verfügung. Auf dieser Liste stimmt jedoch das Geburtsdatum des Genfers Jérémy Girard nicht, welcher somit nicht mehr relevant ist. Seit „Einführung der Playoffs“, kommt der jüngste Spieler, ebenfalls aus Biel, Michel Riesen, dies war zumindest im Bieler Umfeld noch halbwegs präsent und ging noch während des Debüts auf die Medienschaffenden über.
Doch was sagt Genf-Servette dazu? Bereits vor Einführung der Playoffs, gab am 15. Januar 1965 der 14-jährige Eric Conne, der Vater von Flavien, beim 8:2 gegen die Neuenburger Young Sprinters, sein Debüt im Trikot der Grenats. Die Zeitung „FAN L’express“ berichtete über das Genfer Wunderkind, welches sich zwischen 1965 und 1977 in die Annalen der Servettiens spielte. Seine Rückennummer 4 hängt unter der Les-Vernets-Hallendecke, zudem ist eine Loge nach dem jüngsten Spieler der Schweizer Nationalliga-Geschichte benannt. Nun müsste man diese Fakten, bei Liga und deren Vertreter nur noch für genug Wichtig erklären und die National-League wäre auch historisch unter den führenden Ligen Europas.
Im Herbst 1994 spielte ein gewisser Robert Nardella in der International-Hockey-League (IHL) für die Chicago Wolves. Zur gleichen Zeit spielte ein Martin Schmid beim Zweitligisten SC Biberen und der hier schreibende Kolumnist als Junior beim SC Lyss. Drei unterschiedliche Protagonisten in drei unterschiedlichen Rollen, dessen Wege sich später kreuzen würden. «D’Zit isch en auti Maschine wo louft u louft u louft», singt Kuno Lauener im Züri West-Song «Blues», welcher ebenfalls 1994 auf dem Album «Züri West» erschienen ist.
Durch diese «auti Maschine wo louft u louft u louft», sind die Idole von einst im Laufe der Jahre dem Eishockey-Zirkus entwachsen. So auch Nardella, welchen ich als Nationalspieler Italiens gegen die Schweiz an der A-WM 1995 spielen sah. Nardella spielte bis 1994 beim HC Alleghe, mit einem gewissen Bruce James Cassidy in der Verteidigung. Cassidy? Ja, Cassidy führte 2023 die Vegas Golden Knights zum Stanley-Cup-Titel. Die Stars von einst sind heute Headcoach, Sportchef oder bereits in Rente, denn «D’Zit isch en auti Maschine wo louft u louft u louft».
Doch die Wege, wie in jedem Hockey-Umfeld, der eingangs erwähnten Protagonisten werden sich kreuzen. Am 23. Dezember 2001 spielte ich mein erstes Spiel für den SC Biberen in der 2. Liga, zu den Teamleadern unserer Mannschaft gehörte ein gewisser Martin «Tinu» Schmid. Am 19. Oktober 2024 gewann Freiburg-Gottéron zuhause gegen Lugano mit 4:0. Doppelter Torschütze war Sandro Schmid, der Sohn meines ehemaligen Teamkollegen. So landete Schmid-Junior für das MySports-Interview (Foto) bei mir vor der Kamera.
In der gleichen Woche verkündeten die SC Rapperswil-Jona Lakers die Verpflichtung von Bobby Nardella, Bob Nardella? Ich kannte bisher nur einen «Nardella», Rapperswils Neuzugang ist Roberts (Senior) Sohn. Nardella-Junior debütierte am 25. Oktober 2024 in Biel, welches 1993 auch die Wirkungsstätte von Cassidy, Nardellas ehemaligen Teamkollegen, gewesen ist. Neben seinem Debüt kommentierte ich vier Tage später auch Nardellas ersten Treffer auf Schweizer Eis, auswärts bei Rapperswils 2:4 in Pruntrut. 1994 noch drei willkürlich ausgewählte Namen, dessen Wege sich innerhalb des Mikrokosmos Eishockey irgendwann gekreuzt haben. Es ist der Lauf der Zeit, es ist der Lauf des Lebens und in diesem kleinen Fall nur eine, von tausenden Geschichten rund um die faszinierende «kleine» Welt des Eishockeys. «D’Zit isch en auti Maschine wo louft u louft u louft», zeigt zum einen die Endlichkeit einer Laufbahn und zum andern die Unendlichkeit des Eishockey-Mikrokosmos.
Die Curva-Sud, bei uns zu Lande berühmtberüchtigt aus der alten Valascia und heutigen Gottardo-Arena, die Choreografien der Biancoblu gehören zum schweizerischen Hockey-Kulturerbe. Das Pendant dazu liegt rund 80 Kilometer südlich in der ehemaligen Resega in der Curva-Nord, beim grossen Rivalen der Bianconeri.
Rund 400 Kilometer östlich gibts eine Kombination der beiden Kurven, beim zweifachen italienischen Meister HC Meran, choreografieren die „Bianconeri“ in der „Curva-Sud.“ Natürlich ist hier alles zehn Nummern kleiner, denn Meran spielt heute nur noch in der zweitklassigen Alps-Hockey-League (AlpsHL), nein es ist nicht die Alpenliga der 90er Jahre, vor nur noch knapp 1’000 Zuschauern.
Der Traditionsclub spielte allerdings zu seinen Glanzzeiten noch in Ambri’s Farben blau und weiss, wie etwa 1986 beim Meistertitel als HC Meran Lancia unter Headcoach Brian Lefley, das Meistertrikot von Kapitän Walter Allneider hängt in der „Penalty-Box, Bar & Bistro“ beim Eingang der Meranarena. Neben Lefley, trug auch der ehemalige Bern und Lugano-Söldner Gaetano Orlando die Farben der Biancoblu, bei seiner ersten Station in Europa.
Heute ist alles zwei Nummern kleiner bei den Südtirolern, die Söldner kommen nicht mehr aus der NHL, sondern es sind die Söhne von ehemaligen Grössen, wie etwa Jarrod Skalde’s Sohn Skate Skalde, ein wirklich geiler Vorname für einen Hockeyspieler. Bekannt beim Gegner aus der Kategorie „Söhne berühmter Väter“ bei Gröden, beim HC Val Gardena, ist Hannes Kasslatter, der ebenfalls seine Spuren in der Schweiz abverdiente.
Die schmucke kleine Eishockeywelt in Norditalien, früher harter Konkurrent und Lieferant von zahlreichen hochkarätigen Söldnern in die Schweiz, kann mit der Schweiz heute nicht mehr konkurrieren, doch eine Curva-Sud in Schwarz-Weiss gibts nur in Italien.
Walter Allneider (#18), Kapitän bei Merans Meistertitel 1986. (Krein)
Man ist «Müde wie ein Affe», es hat «Leute wie ein Affe» oder man trinkt «Bier wie ein Affe». Der Ausdruck wird mehrheitlich oder vorwiegend im Emmental verwendet. Einer unserer Gruppe, ein Langnauer, deutet die Herkunft als Entlastung für die «Sau», statt immer den Begriff «Sau» zu verwenden hat man diese einst durch den «Affen» ersetzt. So hat der Affe auch im Prager-Hockey-Frühling Einzug genommen.
Der Konflikt beim Prager-Frühling der Ausgabe 2024 findet glücklicherweise nur auf dem Eis statt. Neben de Eis erlebt die geschichtsträchtige tschechische Hauptstadt eine wahre Invasion aus dem Westen. Schweizer und Österreicher pilgern als «rot-weisse» Welle durch das Prager U-Bahn- und Strassennetz. Die O2-Arena ist bei den Spielen der Alpenländer proppenvoll. Die Schweiz und Österreich geniessen Heimspiele welche die WM-Welt noch nie gesehen hat. Dazu natürlich auch das Heimteam.
Sämtliche Tageskarten mit Tschechien-Spielen sind seit Monaten ausverkauft. Wer sein Ticket nicht rechtzeitig gebucht hat, wenn er beim Ticket-Portal überhaupt ein Ticket buchen konnte, muss über den Schwarzmarkt gehen. Eigentlich will man das nicht, denn die Belastung während der Weltmeisterschaft ist auch mit Ticket bereits enorm. Wenig und schlechter Schlaf werden dabei gepaart mit pausenlosem Bierkonsum, der Körper eines 08/15-Besuchers durchläuft während der WM-Tage eine Bier-Entschlackung, sowie häufigen Toiletten-Gängen, schlechtem Essen (nur Rund um die Spielstätte) und ein äusserst enger und knapper Zeitplan.
Der erste WM-Silber-Coach und ehemalige Lysser Sean Simpson. (WM-Fan)
Sightseeing muss genaustens geplant werden, wer nicht aus den Federn kommt, ist am Mittag in Zeitnot. Dabei bietet die tschechische Hauptstadt derart vieles, die Prager Altstadt ist Unesco-Weltkulturerbe, dazu kommen die Karlsbrücke, der Wenzel-Platz – total überbewertet – die Tschechische Hockey-Hall-of-Fame und viele weitere Museen (Bier-Museum inklusive). Als Alternative zur U-Bahn oder «zu Fuss» gibts, wie in jeder WM-Stadt, die E-Trottinetts von Bolt. Man fährt dann «wie ein Affe» durch die Fussgängerzonen.
Das O2-Arena-Staropramen fliesst in Strömen. (Krein)
«Wie ein Affe» wird in der VIP-Zone konsumiert. Es gibt zwei VIP-Zonen, die zweite Kategorie ist quasi für Jedermann:frau, das Staropramen-Bier wird hier im Minutentakt mehrfach gezapft, 20’000 Liter Staropramen gehen innert 15 Minuten über die Theken der Arena. Dazu gibts allerhand Häppchen in Form von Burgern, Rinds-Tartar, Pizzen, Asiatisch… …die Sicht ist Top, der Komfort ebenfalls. Die Loge wird hier, nicht beim HC Sparta, sondern direkt bei der O2-Arena gemietet und so sind alle Anlässe, Weltmeisterschaft inklusive, im VIP-Paket inbegriffen.
«Wie ein Affe» spielen auch die Schweizer gegen Dänemark und Kanada. Es ist eine wahre Freude und dies gilt auch für unsere östlichen Nachbarn gegen Finnland und Norwegen. Die Spiele verlangen Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und Fans alles ab. Prag ist ein wahres Hockey-Fest und vor allem ein Rot-Weisser-Triumphzug der beiden Alpennachbarn, bis auf den Ausrutscher der Österreicher, unter dem Schweizer Bundestrainer, gegen die tapferen Briten. Österreich mahnt damit an die Schweiz vor der Krueger-Ära, als man Jahr-für-Jahr entscheidende Spiele gegen schwächere Gegner verloren hat und ausgerechnet ein «Österreicher», Ralph Krueger, hat uns aus diesen Tugenden geführt.
Die Tugend des Bieres, des Genusses und des besten Sportes lassen den Prager Frühling 2024 in bester Erinnerung bleiben, dies zeigt sich mit einem Schnitt von 12’464 Fans pro Spiel und damit noch nie erreichten Zuschauerzahlen. Prag und Eishockey, Prag und WM, Prag und Bier, Prag und Kulinarisches, Prag und Historisches – hier passt einfach alles «wie ein Affe.»
Praha 2024 IIHF Ice Hockey World Championship. (Krein)Die O2-Arena sorgt für einen Zuschauerboom und WM-Rekord. (Krein)Die WM 2024 ist Geschichte, bereit zum Abflug. (WM-Fan)
Im Spätsommer 2023 klingelt das Telefon, die DDR-Legende Stefan Steinbock berichtet aufgeregt über das Vorhaben bei der Klingenthaler Skisprung-Schanze, dies ist definitiv eines dieser Hockey-Ereignisse welches man gesehen haben muss. «Da muss ich hochfahren», da Crimmitschau – im Zusammenhang mit Steinbock – sowieso auf der Bucket-List steht. Eine Weltpremiere auf dem Boden der ehemaligen Deutschen-Demokratischen-Republik. Eine Reise welche einem aus Schweizer-Sicht unweigerlich auch geschichtlich in eine andere Zeit katapultiert. Mit Ausnahme der Eisbären Berlin (DEL), dem ehemaligen SC Dynamo Berlin, spielen alle wichtigen Ostvertreter aus der beim Outdoor-Triple in Klingenthal, dazu kommt ein Knüller und Strichkampf zwischen dem HC Energie Karlovy Vary und dem HC Skoda Plzen aus der tschechischen Extraliga. Drei Partien in drei Tagen – und dies in atemberaubender Kulisse auf einem NHL-Feld.
Die vier DEL2-Vertreter aus Crimmitschau, Dresden, Weisswasser und Regensburg bringen zusammen 23’000 Fans in die Schanzenkurve. Dies ist beeindruckend, wenn wir dies mit der Schweiz vergleichen, welche vier NLB-Teams würden eine solche Zahl mobilisieren? Der Aufmarsch ist imposant und das Fangelage scheint einfach einen Tick lauter, enthusiastischer, fanatischer als wir es uns gewohnt sind. Wenn der Speaker den Torschützen dreimal aufruft, geht dies in Deutschlands zweiter Klasse auf, bei uns ist die Luft beim zweiten Aufruf bereits draussen. Die in Crimmitschau unbeliebten, aufstrebenden Dresdner (ohne den Schweizer Goalie Janick Schwendener) verlieren das wichtige Ostderby im Piratenkessel von Klingenthal in einem guten Spiel mit 3:7. Crimmitschau spielte bis 1995 in der offenen Eisbahn im Sahnepark. Open-Air spielte bis zum Mauerfall auch die ehemalige SG Dynamo Weisswasser, die heutigen Lausitzer Füchse. Das Sonntags-Spiel gegen den Tabellenzweiten Regensburg mag manchen der älteren Generation an die alten Oberliga-Derbys im legendären Wilhelm-Pieck-Stadion gegen Dynamo Berlin erinnert haben. Zwei dieser Legenden rufen sich auf den VIP-Plätzen zu, Steinbock als ehemaliger Berliner und Ralf Hantschke, heute General-Manager beim EV Landshut, der Weisswasseraner.
Alte Zeiten
Und so driftet man immer wieder mal ab, in die alten Zeiten der DDR, Steinbock und Hantschke duellierten sich während sechs Jahren innerhalb der DDR-Oberliga knapp 50-mal in der Meisterschaft, dazu kamen die Spiele des DDR-Cups. Am Ende der Mini-Meisterschaft spielten sie zusammen mit der DDR an drei gemeinsamen B-Weltmeisterschaften. Dazu kommt eine brisante Geschichte, denn Hantschke war im Dezember 1984 der einzige Spieler, der während Steinbocks Flucht in den Westen, krankheitshalber, noch im Hotel weilte (siehe Blog von 2014).
Heute spielt Steinbocks damaliges Team in der DEL als Eisbären, Hantschkes Weisswasser als Füchse in der DEL2, wie Steinbocks Stammclub Crimmitschau. Hantschkes Weisswasser unterlag am Sonntag in einem äusserst kurzweiligen Spiel dem Tabellenzweiten aus Regensburg. Bereits nach 14 Sekunden musste die Partie aufgrund der heissblütigen Fans aus der Lausitz unterbrochen werden, die Papierschlangen flogen gleich in mehreren Bahnen aufs Eis. Später folgte ein Abbruch wegen Rauchschwaden der Pyros und zwischendurch musste gar die Klingenthaler Feuerwehr ran, um das geschmolzene Eis zu reparieren.
Westderby mit Nachwuchsjuwel
Das tschechische «Westderby» zwischen dem HC Karlovy Vary und dem HC Skoda Plzen war standesgemäss die spielerisch hochstehendste Partie. Bereits nach zweieinhalb Minuten stand es schon 1:1, jedoch war der Strichkampf ebenso schnell zu Gunsten der Gäste, nach 43 Minuten, entschieden. Bei den Gästen lief das erst 16-jährige Pilsener Nachwuchs-Juwel Adam Benak auf und dürfte frühestens in zwei Jahren beim NHL-Draft ganz vorne mit dabei sein.
In diesen drei Tagen strömten insgesamt 36’000 Fans zur Klingenthaler Schanze, budgetiert hatte man gemäss Veranstalter 45’000 Zuschauer, die Rechnung ging aus finanzieller Sicht nicht auf, aus sportlicher und langfristig auch aus finanzieller Sicht dürften Eishockeyspiele in einem Schanzen-Kegel auch künftig für Spektakel sorgen – das Erlebnis ist unbezahlbar, für alles andere gibts die Mastercard. Diese «Mastercard» galt auch für den Besuch der legendären Kunsteisbahn am Sahnpark in Crimmitschau.
Ein Spiel welches in Erinnerung bleiben wird, Langnau trifft als achtplatzierter auf den Tabellen-Sechsten Lugano. Die Luganesi führen nach drei Minuten mit 2:0. In der neunten Minute kommt es noch schlimmer, Langnau’s Brian Zanetti, welcher an diesem Abend von Philadelphia Flyers-Scout Sami Kapanen beobachtet wird, muss in die Kühlbox. Eine Minute später spielt sich Harri Pesonen, in Unterzahl, mit einem Weltklasse-Move, seine Scheibenkontrolle ist der absolute Wahnsinn, durch drei Tessiner hindurch und steht alleine vor Landsmann Mikko Koskinen. Allein dieser «stock- und schlittschuhtechnische Wahnsinn» entschädigt diesen denkwürdigen und kuriosen Abend an der Ilfis.
Der «technische Wahnsinn» nimmt seine Fortsetzung im zweiten Drittel, welches geprägt ist von Video-Reviews und zahlreichen Unterbrüchen. Der Wahnsinn liegt dieses mal im «Zytnehmerhüsli» von Christine Nyfeler. Zweimal gibt es eine fünfminütige Video-Review, zurecht, bei Calvin Thürkauf’s Treffer. Später folgt eine Strafe, welche durch einen technischen Fehler ,auf der Uhr nicht ins laufen gebracht wird, welche in einer fünfminütigen Zeitrechnung in Nyfeler’s «Häuschen» wieder korrigiert werden muss.
Kanditat Zanetti
Der Wahnsinn des zweiten Drittel’s ist auch für den NHL-Scout aus Finnland aussergewöhnlich. Mit dem Draft-Prospect der Flyers zeigt sich der 918-fache NHL-Spieler zufrieden, nach dem Ausfall von Juuso Riikola spielt Zanetti auch im Powerplay und steuert beim zweiten Treffer einen Assist bei. Kapanen, der von Schweden gekommen ist, reist am Sonntag nach Prag um weitere Kandidaten für die NHL-Organisation zu begutachten, ehe es, in einem «flugtechnischen Wahnsinn» wieder nach Kuopio geht. Bevor Schützling Zanetti zum Austausch mit dem Flyers-Scout kommt, wird unser Gespräch durch Lugano-Goalie Koskinen, äusserst herzlich, mit einem langen «moooi» (Hallo) auf finnisch unterbrochen. Koskinen spielte 2012-13 unter Teambesitzer Kapanen bei KalPa Kuopio, denn auch die kleine, vernetzte Eishockeywelt ist der absolute Wahnsinn.
Der EHC Biel empfängt den HC Lausanne, auf der Pressetribüne ist ein TV-Platz mehr eingerichtet als üblich. Heute überträgt der lettische Sender TV3 das Spiel der 25. Runde der National-League nach Lettland. So sitzen neben mir und dem welschen Kommentator David Pietronigro (erster, links von mir) die Letten Toms Pramnieks (in gelb) mit Experte, dem ehemaligen Nationalgoalie, Edgars Masalskis (Mann mit Bart). Für den lettischen Abend trage ich extra den WM-Schal von Riga.
Der lettische Sender begleitete sein Aushängeschild Dynamo Riga zwischen 2008 und 2022 in der russischen KHL. Seit Kriegsbeginn und Riga’s Verzicht gibt es kein erstklassiges Eishockey mehr bei den Balten, die heimische Liga ist zu klein und die nationalen Stars spielen überall in Europa. So werden 2023 die Ligen in Schweden, Tschechien und der Schweiz ins Visier genommen. Der lettische Sender prüft für die kommende Saison mögliche Alternativen zur KHL.
Aufgrund der Reisedistanzen in Russland, ist die Schweiz ein Klacks, ob Zürich, Langnau oder Biel – TV3 berichtete von diesen drei Standorten – alle mitteleuropäischen Teams, liegen näher als die russischen Mannschaften östlich von Ufa. In Biel hätte man gerne über das lettische Duell zwischen den Lausannern Ivars Punnenovs und Ronalds Kenins gegen Biel’s Rihards Bukarts berichtet, auf dem Matchblatt ist an diesem Abend aber nur Kenins.
Die Letten treffen sich aber nach dem Spiel in den Kabinengängen der Tissot-Arena. Die National-League könnte künftig durchaus in Lettland ein Thema sein, aktuell stehen acht lettische Spieler in unserer Liga unter Vertrag. In Tschechiens Extraliga spielen sieben Akteure der Balten und drei in Schweden. Die Schweiz steht den Balten ohnehin schon äusserst nahe, seit Jahren werden lettische Spieler, bereits ab der U15-Stufe zahlreich, in den Hochburgen Oberthurgau und Basel, in die Schweiz vermittelt – dies füllt einen separaten Blog – dazu hat die Schweiz den Letten an der letzten Heim-WM den Weg zur Bronze-Medaille im letzten Gruppenspiel geebnet.
In den 90er Jahren debattierte man über die Aufnahme von Österreich’s Meister VEU Feldkirch in der Schweizer Nationalliga-A. Warum nicht morgen Dynamo Riga in der Schweizer National-League, mit dem Standort Huttwil, integrieren und so den lettischen Markt erobern? An lettischen Spielern mit Schweizerlizenz wird es in naher Zukunft zumindest nicht mangeln. Die Letten kommen…
Das 1000. Spiel im Zähringer-Derby, besser kann das Jubiläum des Freiburger Kapitäns nicht fallen. Der Begriff „Zähringer-Derby“, durch die Medien erfunden, taucht im Eishockey-Duell erst 2003 in den Freiburger Nachrichten auf. Bereits 1960 berichteten die Freiburger Nachrichten vom Zähringer-Derby zwischen dem FC Fribourg und dem Berner-Sport-Club Young Boys. Das Duell beginnt jedoch schon im zwölften Jahrhundert, als sich die Gebiete der Herzöge von Zähringen bis in die Schweiz erstreckten, sie gründeten zwölf Zähringer-Städte, unter anderem Freiburg (1157) und Bern (1191), wobei letztere das Duell um die Ernennung zur Bundesstadt gewinnen konnten.
Das jüngste Duell steht im Zeichen des Freiburger Kapitäns und seinem 1’000. Spiel für die Zähringer aus Freiburg. Passender hätte sein Jubiläum nicht fallen können. Sprunger ist nach Reto von Arx, erst der zweite Spieler welcher alle 1’000 Partien für den gleichen Klub absolviert hat. Gegen den Davoser absolvierte der damals 16-Jährige am 27. September 2002 in Davos sein erstes NLA-Spiel. Sein erstes Derby gegen den SCB spielte Sprunger auf den Tag genau, am 27. September 2003 in Bern, gegen seinen heutigen Trainer Christian Dubé.
Am Abend des 7. Oktober 2023 stürmt der Jubilar an der Seite seines langjährigen Weggefährten Andrei Bykov, einst Mitglied der gefürchteten SBP-Reihe (Sprunger-Bykov-Plüss), welche erst im Zähringer-Final 2013 vom SCB gestoppt werden konnte. Im jüngsten Derby feiert der Kapitän mit einem 3:1-Sieg, als 15. Spieler im 1’000er Club, einen perfekten Freiburger Abend. In den anschliessenden Feierlichkeiten, krönt sich Sprunger, im Jersey einer seiner Vorgänger, Jean-Charles Rotzetter, vor 9’009 Fans zum Herzog von Zähringen.
Wenns nicht läuft, läufts nicht. Dies gilt für den Saisonstart 2023-24 bei Meister Genf-Servette. Genf verliert am Dienstag mit 1:6 beim HC Lausanne und am Freitag mit 1:7 bei Fribourg-Gottéron. Was ist nur los mit dem Meister? In Freiburg wird der fünffache NHL-Backup-Goalie in der 27. Minute, beim Stand von 1:5 aus Sicht der Genfer eingewechselt. Diese Einwechslung hätte Robert Mayer nicht in Freiburg, sondern eigentlich in der NHL verdient.
Am 9. Mai 2013 steht Mayer, zusammen mit Raphael Diaz, mit den Montreal Canadiens in der ersten Playoff-Runde gegen Ottawa im Line-Up der Canadiens. Montreal taucht an diesem Abend gegen die Senators mit 1:6 und scheidet mit einer 1:4-Serie im kanadischen Duell gegen Ottawa aus. Montreals Torhüter Peter Budaj steht während 60 Minuten zwischen den Pfosten, Headcoach Michel Therrien hätte Mayer die NHL-Fauertaufe ermöglichen können und Mayer wäre der 22. Schweizer NHL-Spieler gewesen. Heute ist Mayer lediglich in der Datenback der NHL-Backup-Goalies zu finden. Mayer hätte den NHL-Einsatz verdient, der Schlussmann spielte während fünf Jahren in der Organisation der Canadiens, kam aber, neben fünf NHL-Backup-Partien, «nur» im Farmteam der Hamilton Bulldogs zum Einsatz.
Zehn Jahre später, am 22. September 2023, sitzt Mayer wieder auf der Ersatzbank und Diaz m Einsatz. Jedoch in einer ganz anderen Rollenverteilung. Genfs Nummer eins, hat die undankbare Aufgabe, erst beim 1:6 ins Spielgeschehen einzugreifen und das tut er wortwörtlich mit einem Big-Save in seinem Fänger. In der 54. Minute wird’s dem Meistergoalie jedoch zu bunt, seine Vorderleute lassen auch ihn, gegen Diaz und Co., mehrmals kläglich im Stich. Mayers Wut, mit der Hoffnung seine Vorderleute aus dem Tiefschlaf zu erwecken, entlädt sich beim «verbrätschen seines Stocks», der stellvertretend für die ganze Mannschaft büssen muss. Es ist ein Einsatz, welcher Mayer nicht beim 1:7 in Freiburg, sondern eigentlich beim 1:6 in Montreal verdient hätte.
Am Tag des jüngsten Schweizer-Gerichtes erreicht mich eine Whatsapp-Nachricht des ehemaligen Pressechefs der ZSC Lions, seine Zeilen sind für mich wie Balsam, sie haben für alles entschädigt was in den letzten Stunden passiert ist. Ich hatte wieder mal recht, ich habe das ganze bereits vorausgesagt, noch bevor die Deutschen sich für den Viertelfinal qualifiziert haben. Das ist der Grund für die Existenz dieses Blogs, für die Geschichten und Begegnungen aus fernen Eishockeyländern, sie bieten den Inhalt und das schreiben dieser Geschichte. Es sind unvergessliche Erlebnisse dieser Weltmeisterschaft in Lettland, mit einer Handvoll guter Freunde, welche ebenfalls alle infiziert sind, vom Volksfest des vielseitigsten Turniers der Welt.
WhatsApp von 20 Uhr 14
Manche mögen mich dafür hassen, manche mögen mich als Besserwisser und Klugscheisser bezeichnen und manche denken ich sei ein Landesverräter. Doch so bin ich nicht, würde der Hangover-Zahnarzt in Thailand sagen, viel zu lange verfolge ich das Geschehen an den Weltmeisterschaften, um nicht zu wissen, dass sich die Geschichte gegen Deutschland nie ändern wird. Als langjähriger WM-Beobachter hat man gelernt die Enttäuschungen besser zu verdauen und seine Denkweise über die Jahre angepasst. Nichts daraus gelernt hat das Schweizer Nationalteam und versagt immer wieder aufs Neue gegen den «leichtesten Gegner.» Und da liegt der erste Irrtum, Deutschland ist für uns der schwerstmöglichste Gegner, schwerer als die USA, schwerer als Finnland, Kanada und Tschechien. Auch mit zwölf NHL-Cracks würden wir vor Ehrfurcht erstarren. Martin Plüss erklärt die Schweizer-Misere am Samstag-Abend nach den Halbfinals auf SRF hervorragend, es ist die beste Analyse über unser Nationalteam welche je über einen Sender geht.
Die netten Letten
Daher widmen wir uns lieber dem Gastgeberland, welches Dank uns in den Halbfinal eingezogen ist, wir haben sie im letzten Spiel aufgebaut und uns abgebaut. Die netten Letten erhellen unser Gemüt in allen Belangen. Da gibts diese «s» am Schluss, welche wir seit der B-WM 1994 kennen, auch die «Grils, Bars und Restaurans» schreiben sich so. Weiter gibts den Nationalschnaps Black Balzams, die Altstadt – Unesco-Kulturerbe – verzückt mit Gässchen, schmucken Bars und Restaurants, mehreren WM-Public-Viewings und die Daugava, da gabs einst den HC Pardaugava Riga, Rigas Fluss quer durch die lettische Hauptstadt. Mit der «RVR» (Rigas-Vagonbüves-Rupnica) der Linie Pasazieru-Vilciens erreicht man den kilometerlangen Sandstrand Jürmala. Dort erkennen wir einen flotten älteren Herrn, Rino Hischier, Nicos Vater geniesst mit Nicos Mama Katja – übrigens sehr flotte Leute – die Strandstunden vor dem Tschechien-Spiel ebenfalls an der baltischen Ostsee.
Die Schweizer verzücken in den Partien vier bis sechs mit dem besten Eishockey seit Jahren, alle drei Spiele sind ein Highlight, ein Höhepunkt bieten auch die Spiele der Letten, diese sind jeweils ausverkauft. «Latvija-Latvija» oder «Sarauss-Sarauss», wie auch immer man es schreibt, hallt es in der Riga-Arena, welche seit dem KHL-Aus von Dynamo Riga, leider nicht mehr für Eishockey genutzt wird, als Folge des sinnlosen Krieges. Unsere Tickets erhalten wir von einer netten Lettin, doch die Plätze 7, 8 und 9 auf den Reihen 9, 8 und 7 sind sogar eine Herausforderung für jeden Mathematiker. die Stimmung ist bombastisch und der nette Lette neben mir erklät mir weshalb nicht jeder lettische Name, wie etwa Batna, Cukste oder Zile, mit einen «s» endet. Zwei mit «s» und somit nicht feminine Nachnamen haben die beiden «Schweizer» Ronalds Kenins und Toms Andersons.
Lokales und Kulinares
Derweil führt Langnaus Lette, Oskars Lapinskis, aus dem erweiterten lettischen Nationalkader seine Gewährsleute aus dem Emmental, darunter auch ein Stanley-Cup-Sieger, durch die Lokale seiner Heimatstadt. Unter anderen trifft man sich im Steakhouse Meat-Chef, wo wir uns mit der Fraktion Biel/Meinisberg eine Rechnung, in der länge der Boston-Bruins von 2011, von 1’000 Euro gönnen. Später will sich, vor dem berüchtigten Rock-Café, ein betrunkener Lette ein Foto mit Enzo Corvi (ich) und Fabrice Herzog (Mathiass Schneiders) gönnen, wir können ihn nicht von unserem Unbekannheitsgrad überzeugen und gehen als die beiden Schweizer durch. Dann ist da noch ein Mann aus «UK» wie er sagt, er spiele auch ein bisschen Hockey. Durch mein hartnäckiges Nachhacken entpuppt sich dieser als echter Bekannter und ich werde zum «betrunkenen Letten» der ein Bild mit Robert Lachowicz, ich hab ihn schon bei Nottingham in der Champions-Hockey-League gegen Bern kommentiert, schiessen will. Lachowicz stieg einen Monat zuvor mit den Briten in der B-Gruppe in die A-Gruppe auf und wird in Prag und Ostrava wieder auf dem Eis, auch gegen die Schweiz, mit dabei sein.
Mit dabei sind wir auch bei lettischen Kulinaritäten im Restaurant «Key-to-Riga», welches uns bereits unser nette-Lette-Taxifahrer Aigars empfielt, dort beehrt uns mein ehemaliger Mini und Novizen-Trainer Erich B. mit zwei Gefolgsmänner aus einem schwedischen Automobilkonzern. Man kennt und trifft sich überall, Schweizer überfluten die WM-Stadt in einer Weiss-Roten-Welle jeweils am zweiten WM-Wochenende. Die WM ist EIN grosses, friedliches Hockeyfest. Von Spaniern aus Puigcerda, Deutschen aus Weisswasser, Tschechen aus Ostrava, Briten aus Manchester und gar Österreicher aus Wien findet man auch Fans, welche die WM auch ohne ihre Mannschaft (Deutschland und Österreich spielen in Tampere) beim grossen Volksfest in Riga verfolgen.
Letzterer, der Österreicher aus Wien, ist der Eingangs erwähnte ehemalige Presseverantwortliche der Lions. Einst kennengelernt im Rahmen der ersten Champions-Hockey-League-Kampagne überstrahlen die Freundschaften den Hockey-Globus auf Lebzeiten – und trifft man sich übers Jahr nie – dann spätestens an der WM-Spielstätte, irgendwo in einem Zug in Tampere oder in Riga. Als Alternative zu öffentlichen Verkehrsmittel und Fussmärschen bieten die grünen E-Trottinetts des Anbieters Bolt, neben gewinnbringender Zeit, auch allerhand Spass. Der Spassfaktor ist so gross, dass du erst am dritten Tag bemerkst, dass du ausser Bier und ein einem Morgen-Kaffee nie eine andere Flüssigkeit zu dir genommen hast. Auch körperlich verlangt dir eine Weltmeisterschaft einiges ab. Das Fazit jedoch, egal ob das Heimatland am Ende enttäuschen wird, darf als unvergesslich und unbezahlbares Erlebnis im Langzeitspeicher gesichert werden. Für alles andere gibts Mastercard, was insbesondere für die Trottinetts tatsächlich gilt.
Eindrücke und Impressionen aus Riga: Samuels Fankhausers*, Mikelis Kreins*, Matthiass Schneiders* und Specialguest Andreass Hatos* und die Biel/Meinisberg-Fraktion *Namen in lettisch
Dieses Bozen, die italienische Eishockey-Hochburg blüht seit 1947, ohne Unterbruch, in der obersten Spielklasse. Seit 2013 spielen die Südtiroler lieber in der internationalen Alptransit-Liga «win2day-ICE-Hockey-League.» Dies tun sie äusserst erfolgreich, denn die Bozner stehen zum vierten mal innert zehn Jahren im Endspiel um die Karl-Nedwed-Trophy. Gegner ist der frischgebackene österreichische Meister des EC Red Bull Salzburg. Spielen die Bozner im Final, kann ihr Widersacher bereits den österreichischen Pokal in die höhe stemmen. Als Zugabe stemmen die Mozartstädter am 21. April 2023 auch die Karl-Nedwed-Trophy zum achten Mal in die Höhe. Die Finalissima zwischen dem HC Bozen und Salzburg geht über sieben Spiele und mahnt in ihrer Dramatik an einen Text des einstigen Bozner Sport-Journalisten Franz Sinn.
Sinn tippt in den 80er und 90er Jahren die Buchstaben über das italienische Eishockey wie ein Südtiroler Gourmet-Koch ein Michelin-Stern erkocht. Die Zeilen lesen sich wie eine Symphonie eines Viergang-Menüs der italienischen Küche. Die Zeilen vergehen nicht im Gaumen, prägen sich aber literarisch und bildlich ins Gedächtnis. So auch Bozens Meisterstück aus dem Jahre 1990. Sinn beschreibt den elften Titel der Weiss-Roten wie ein Krimi und zieht den Hockeyleser in den Bann. Wer Bozens Meisterstück um seinen NHL-Superstar Mark Napier liest, lässt Italiens Hockey, auch als Schweizer, nie mehr los. Das Schwarz-Weiss-Foto des Kanadiers im Lancia-Bozen-Jersey wird, in farbiger Kleinkunst, nachgezeichnet und die italienische Serie-A wird zur faszinierendsten Nebenliga der Nationalliga-A.
Im Sommer 1990 schreibt der Sensationstransfer von Jari Kurri nach Italien das nächste hochkarätige Kapitel unseres südlichen Nachbarn. Der fünffache Stanley-Cup-Sieger aus Edmonton schlägt Angebote aus der Schweiz und Finnland aus um bei den Devils, der Eishockeyabteilung Silvio Berlusconis, in Mailand zu spielen. Im Sog hochkarätiger Zuzüge und den finanziellen Möglichkeiten der Mailänder Klubs mausern sich die Italiener, mit zahlreichen Italokanadiern (Italos) zu einer festen A-Nation und verbannen gar die Schweiz gleich zweimal in die B-Gruppe. 1991 wird die Alpenliga, hierzulande oft belächelt und wohl nie richtig verstanden, gegründet. Italiener, Österreicher und Slowenen treten in der ersten länderübergreifenden Meisterschaft Europas‘ gegeneinander an. Mit der Alpenliga testet der IIHF die langjährige Idee einer Global-Hockey-League und macht sie zum Vorreiter der späteren European-Hockey-League (1997) und der heutigen Champions-Hockey-League – dazu liefert die Alpenliga in den nachfolgenden Jahren regelmässig hervorragende Ausländer in die NLA.
1999 stellt die Alpenliga ihren Betrieb aus finanziellen Gründen und mangelndem Interesse wieder ein, doch dies nur vorübergehend. 2006 heuern die Slowenen in Österreich an, 2013 folgen die Italiener, heute umfasst die transalpine «win2-day» Liga wieder 13 Teams aus vier Ländern. Bozen, welches die alte Alpenliga als Spitzenklub geprägt hat, spielt auch im April 2023 wieder eine grosse Rolle. Das erfolgsverwöhnte Publikum aus der Dolomitenstadt strömt aber nur in den Playoffs in Scharen in die Eiswelle (Palaonda). Die Stimmung in der Final-Serie ist bombastisch, die Stehrampe unter dem Schriftzug «Figli-di-Bolzano» (Kinder Bozens) ist heissblütig und zelebriert ein Eishockey-Fest von feinsten, so wie man es bei uns von Lugano oder Ambrì kennt. Zu den vier Heimspielen kommen dreimal über 6’000 ins ehemalige WM-Stadion von 1994, an der Luigi-Galvani-Strasse, im Messegelände des Stadtteils «Oberau-Haslach.» Vor dem dritten Spiel, steht ein siebenfacher «Scudetto-Gewinner» und IIHF-Hall-of-Fame-Mitglied Italiens an der Stadionkasse: Lucio «Falco» Topatigh kommt regelmässig an die Spiele, wie sein früherer Bozner Weggefährte Martin Pavlu.
Italienische Ausnahmekönner von Topatighs Format fehlen heute in Bozen. Gerade mal fünf echte Italiener sind beim dritten Spiel im Einsatz: Pascal Brunner, Leonardo Felicetti, Luca Frigo, Daniel Frank, und Enrico Miglioranzi. Nicht im Aufgebot, dafür bereit für ein Treffen auf der Tribüne ist Hannes Kasslatter. Der Grödner kämpft um einen Stammplatz und ist nach Dave Baseggio, der «zweite Lysser» beim erfolgreichsten Klub Italiens. Unterhalb der VIP-Plätze, wo neben Kasslatter auch Bozens Eishockey-Vater Dieter Knoll die Spiele verfolgt, sind die Presseplätze. Diese bieten beste Sicht, für die grossen Medien, wie etwa die Dolomiten-Zeitung – welche seit Jahrzehnten vorzüglich über Italiens Eishockey berichtet – gibt es sogar eine eigene Kabine. Neben mir berichtet Alexander Foppa von den SportNews.bz über das dritte Finalspiel. Dieses läuft nicht für die Männer in den grünen «Forst-Bier-Helmen» – die Südtiroler Bierbrauerei ist seit 1991 an Bord – eine zweifache Überzahl-Situation nutzen die Special-Teams von Headcoach Glen Hanlon, dem ehemaligen Schweizer Nationaltrainer, nicht und so gehen die Männer in den silber-blauen «Red-Bull-Helmen» kurze Zeit später mit 2:0 in Front. Der Energy-Drink siegt im dritten Spiel mit 4:1 über die Biermarke. Die Energie fehlt den Boznern auch im letzten Heimspiel und der Bozen-Krimi wird im siebten Spiel in der 59. Minute durch den dänischen Internationalen Nicolai Meyer entschieden. Bier gibt’s nun für Red Bull und selbst Franz Sinn hätte den neusten Bozen-Krimi kaum besser, als in der Realität, illustrieren können.
Die New Jersey Devils fristen in ihren Anfangsjahren eher ein Schattendasein, auch in der Schweiz gibts lange Zeit keinen Bezug zum roten Teufel. Dies ändert sich, als Reijo Ruotsalainen den SC Bern nochmals Richtung National-Hockey-League verlässt. Rexi gibt im Alter von 29 Jahren ein Comeback bei den New Jersey Devils. In der Januar-Ausgabe 1990 von Slapshot erscheint ein dreiseitiger Beitrag mit der Überschrift «Rexi der Teufel» – Wow – Ruotsalainen, im weissen Jersey mit der gewohnten Rückennummer 29, in der legendären grünen CCM-Supra-Hose, in Aktion gegen die Vancouver Canucks. In der Kabine sitzt der Finne neben dem heutigen Nationalmannschaft-Assistenten Tommy Albelin. Erstmals erfährt die Schweiz, lange vor dem Internet-Zeitalter, Einzelheiten der Organisation aus East Rutherford, welche in der Brendan-Byrne-Arena im Meadowlands-Sportkomplex spielt. Teufel-Ruotsalainen erscheint auch in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) und im Bund. Geliefert wird die Exklusiv-Story im Slapshot von einem gewissen «George Bird», in der NZZ vom Kürzel «gel» und im Bund noch «el». Unter dem Pseudonym «Bird» berichtet Jürg Vogel in der Schweiz gleich mehrfach aus New Jersey. Das ist der Startschuss zur Organisation «enett» dem Hudson-River.
Die Schweiz trifft sich in New Jersey
33 Jahre nach Birds erstem Bericht aus dem fernen US-Bundesstaat heisst der Kapitän der Teufel Nico Hischier, der Verteidiger Jonas Siegenthaler, der Torhüter Akira Schmid und der neuste Kassenschlager und Wunschtransfer Timo Meier. Jeder Hockeyschweizer kennt heute die New Jersey Devils, die Organisation ist die «schweizerischste» die es bis heute je gegeben hat. Vier Spieler in der gleichen Organisation übertrifft die drei Akteure bei den Nashville Predators zwischen 2016 und 2019. So treffen sich die Schweizer auch während Partien der Devils rund um das Prudential Center, so auch am 28. Dezember 2022 im Restaurant Chipotle-Mexican-Grill an der Market-Street 222. Dieser Mann kommt mir doch bekannt vor? «George Bird» ist es nicht, aber mit Eishockey hat er zu tun, es ist Gérard Scheidegger, der ehemalige Manager von Biel, Davos, Langnau, Lausanne und La Chaux-de-Fonds. Man nickt einander zu und kommt ins Gespräch – beide können auf Anhieb den Namen ihres Gegenübers nicht nennen, aber kennen sich vom Sehen her. New Jersey ein Ort wo sich heute Schweizer:innen die Türklinke in die Hand geben. Aus Birds superlativem Bericht der frühen 90er Jahre ist heute ein Pendler:innen-Ort für Herr und Frau Schweizer geworden.
Zu Besuch sind beim Schweizer Kapitän auch die Familienangehörigen aus dem Wallis, die Schweiz und New Jersey stehen sich heute so nah wie keine andere NHL-Organisation. Selbst beim Einlass hilft dir das Prädikat «Switzerland» und der Ticket-Scan wird durch die Hostessen so freundlich abgefertigt, wie das Check-In in einem Wellness-Hotel im Südtirol. Selbst der langjährige Kult-Organist Pete Cannarozzi lässt dich während dem Spiel auf seinem Orgelstuhl Platz nehmen. Cannarozzi ist nicht nur ein Kult-Mann im Prudential Center, er griff schon im alten East Rutherford in die Tasten, wo einst dieser «Mister Bird» über die Teufel berichtete. «Piitii», wie seine Freunde ihn nennen, ist seit 2001 an Board der Devils und orgelte die Teufel, am 9. Juni 2003 vor 19 040 Zuschauern, in der Continental-Airlines-Arena (oder auch Brendan-Byrne-Arena) zum vorerst letzten Stanley-Cup-Triumph.
Cannarozzi’s Orgelspiel begleitet am 28. Dezember 2022 auch den Ausgleichstreffer Nico Hischiers in der 47. Minute. Die Devils sind eigentlich das bessere Team, doch die Boston Bruins spielen äusserst effizient und abgeklärt, dazu hält Schlussmann Linus Ullmark alles, was auf seinen Kasten kommt. Die Devils verlieren, wie 1990 bei Bird’s Besuch und einem 3:6 gegen die Washington Capitals, mit 1:3 durch einen Empty-Net-Goal in der letzten 59. Minute. An diesem Abend reicht es für Siegenthaler und Co. nicht. Nicht reichen tut es auch für all diejenigen welche sich während der Drittelspause eine Pizza holen wollen, dies nicht wegen der grossen Nachfrage, sondern wegen der äusserst ineffizienten Pizza-Crew.
Wegbereiter in Teufels Küche
Die Pizza-Mannschaft präsentiert sich etwa gleich schlecht wie die Devils kurz nach ihrem Umzug aus Denver, als sie am 19. November 1983 in Edmonton mit 14:3 abgefertigt und von Wayne Gretzky als «Mickey-Mouse-Team» belächelt werden. In 80 Spielen setzt es 1983-84 für die Devils 56 Niederlagen ab. Niederlagen würde es innerhalb des Prudential-Centers im Vergleich mit den anderen Imbiss-Buden auch für die Pizza-Station absetzen. Die Pizza-Crew arbeitet heute noch so wie das «Micky-Maus-Team» und in der 18-minütigen Drittelspause gehen in Teufels Küche drei Pizzen über die Theke.
In Teufels Küche befindet sich der Schweizer Wegbereiter Ruotsalainen kurz nach Bird’s Besuch und wird im Februar 1990 nach Edmonton transferiert. Dennoch ist Ruotsalainens Engagement als Teufel der Grundstein für die späteren Erben aus dem Alpenland. Ruotsalainen gilt daher als erster «Schweizer» und ist nur der Vorbote aus einem Land, welches den Devils später einen Captain und drei weitere Schlüsselspieler bescheren wird. 1990 ist die Schweiz für die Teufel genau so unbekannt wie für Bird’s oder Vogel’s Landsleute die erste Berichterstattung aus New Jersey. Heute haben bereits sieben Schweizer das Trikot der Teufel getragen, davon stehen 2023 vier auf der Gehaltsliste der Organisation von Gründer Dr. John J. McMullen. Der erfolgreichste Finne in Teufels Küche übrigens, Sami Vatanen spielt heute in der Schweiz beim HC Genf-Servette. Ruotsalainens Erben beehren eben nicht nur die teuflischen Devils, sondern auch die finnischen Schweizer.
New Jersey Devils – Boston Bruins 1:3 (0:0, 0:1, 1:2) 29′ Frederic (Lindholm) 0:1, 47′ Hischier (Zetterlund, Tatar) 1:1, 56′ Bergeron (Lindholm, Marchand) 1:2, 59′ Zacha (Coyle, Pastrnak/EN) 1:3.
Prudential Center: 16514 Zuschauer SR: Luxmore, Markovic; Murray Str. (N): 3×2′, 1×5′ (Bahl) Str. (B): 1×2′, 1×5′ (Frederic)
Was für ein Finish, die 52. und letzte Runde der National-League 2022-23 hat es in sich. Vier Mannschaften kämpfen noch um drei Pre-Playoff-Plätze, zwei Teams kämpfen um einen direkten Playoff-Platz und nochmals zwei Equipen spielen um den Qualifikationssieg. Für jeden Kommentator ist diese letzte Runde ein Hochgenuss, die Vorbereitungen laufen im Vorfeld auf Hochtouren und die Anspannung steigt. Heute Abend gibts kein einzelnes Hauptspiel, nein alle Affichen bilden in einer Konferenz-Schaltung das Hauptspiel. Auf dem Schauplatz «Lugano» braucht der Lokalmatador unbedingt einen Sieg, dies gilt aber auch für Biel, wenn es den erstmaligen Qualifikationssieg will.
Grande wie einst?
Die Stimmung vor dem Spiel rund um die TV-Crew ist locker und fröhlich, alle sind gut drauf. Im Treppenhaus begegne ich Lugano CEO Marco Werder, der ehemalige NLA-Crack ist ebenfalls gut drauf und für einen Schwatz bereit, alles was du jetzt noch zu hören kriegst kannst du vielleicht noch im Live-Spiel verwenden und sei es eine Anekdote aus Werders Hockey-Anfängen. Die ehemalige Resega, einst gerade gut genug für Luganos Endspiele, ist heute auch im letzten Qualifikationsspiel, einer durchzogenen und enttäuschenden Spielzeit der Bianconeri, mit 5’700 Fans gefüllt wie zu Grande-Luganos-Zeiten. Dieses Grande-Lugano scheint in den ersten Minuten als Revival auf dem Eis zu zaubern.
Hauptschauplatz Lugano
Und dann kommt Biel, was für eine Schlussphase, die Ergebnisse in den verschiedenen Schauplätzen überschlagen sich und Lugano zittert isch plötzlich noch in die Pre-Playoffs, während Biel am ersten Qualifikationssieg aller Zeiten schnuppert. Gut nehmen wir mal die Saison 1980-81 dazu, da schaffte Biel nach der Vorrunde von 28 Spielen den ersten Schlussrang. So bleibt Schauplatz Lugano in den letzten zehn Minuten die einzige noch relevante Örtlichkeit der letzten Entscheidung im grossen Showdown. Wow – was für ein Abend – was für eine Sportart und was für ein Spiel. Für solche Partien leben und lieben wir, die hockeyinfizierten und besessenen Individuen, für solche Höhepunkte schwärmen und träumen wir und das ist erst der Anfang – die Spiele um den postgelben Plexiglas-Pokal mögen beginnen.
Bereits vor dem Spiel ist klar, heute ist ein Interview mit Liga-Topskorer Roman Cervenka geplant. Für die MySports-Rubrik „Insights“ soll der tschechische Ausnahmekönner nach dem Spiel in Biel über seine aktuelle Form auskunft geben. Die aktuelle Form Cervenkas bedeutet in Zahlen, 23 Skorerpunkte aus den letzten zehn Partien. Die SC Rapperswil-Jona Lakers haben in den letzten sieben Spielen nur einmal verloren, nämlich das einzige Spiel, in dem Cervenka nicht gepunktet hat.
In der 45. Runde, beim 69. Aufeinandertreffen zwischen Rapperswilern und Bielern soll der letztjährige Schweizer Liga-Topskorer und zweifache tschechische Liga-Topskorer (2010 und 2016) wieder nicht punkten. Vor dem Spiel sprücheln wir, mit Pressechef Andi Ruefer und Hausfotograf Stephan Kubacki, ein ehemaliger 2. Liga-Topskorer, im Presseraum „was wenn er einen Restausschluss erhält?“ Dies sei der einzige Fall, bei dem ich den Weltmeister von 2010 nicht interviewen könne.
Gesagt getan, Cervenka kassiert nach einem Schubser gegen den Linesman Eric Cattaneo in der achten Minute einen Restausschluss. Das wars, das Interview für die Sonntagssendung und das Spiel der Lakers gehen verloren. Dafür springt ein anderer Weltmeister in die Bresche: Biels Toni Rajala. Der Finne erzielt am Dienstag in Davos, nach 14 Spielen ohne persönlichen Torerfolg, den Game-Winner und trifft kurz nach Cervenkas Restausschluss, in der 14. Minute zum 2:0 und legt mit einer Vorlage zum 1:0 den Grundstein zum dritten Bieler-Sieg in Serie. Zu guter letzt, übernimmt der Finne auch noch Cervenkas Rolle als Interview-Partner.
Altjahrswoche in New York, neben Weihnachtsshopping und eisiger Kälte in den Strassenschluchten von Manhattan, macht auch der NHL-Spielplan nicht halt. Einst, zu Zeiten des kalten Krieges, ist die letzte Woche des Jahres reserviert für besondere Leckerbissen. So gastieren, seit der Eröffnung des vierten Madison-Square-Gardens, am 11. Februar 1968, fünfmal kommunistische Teams aus Osteuropa an der Pennsylvania Plaza 4. Diese Spiele gehen jeweils zwischen dem 27. Dezember und dem 1. Januar als NHL-Super-Series über die Showbühne der berühmtesten Arena der Welt – und die New York Rangers gewinnen nie. Zuletzt gibts, am Silvesterabend 1990, gegen ZSKA Moskau – das wohl beste Klubteam aller Zeiten – eine 1:6-Niederlage. Bei den Sowjets mit dabei sind Sergei Zubov und Sergei Nemchinov, beide werden vier Jahre später, zusammen mit den Dynamo Moskau-Spielern Alexei Kovalev und Alexander Karpovtsev, an der gleichen Spielstätte, den Stanley-Cup für die Rangers holen.
Der Fluch
Mit den vier ehemaligen Sowjets kämpfen die Rangers, am 14. Juni 1994, im siebten Spiel der Finalserie nicht nur gegen die Vancouver Canucks, sondern auch gegen den «Fluch», der seit 54 Jahren auf den Rangers lastet und sie auf Schritt und Tritt begleitet. In der 14. Minute ist es Captain Mark Messier, welcher das Game-Winning-Goal, zum zwischenzeitlichen 3:0 erzielt. Gezittert wird jedoch, durch zwei Canucks-Treffer von Trevor Linden, bis zum letzten Bully 1,1 Sekunden vor Schluss. Der «Fluch» ist endlich besiegt, so oft sind die Rangers in den vergangenen 54 Jahren gescheitert, die Ursachen für das ewige Scheitern soll mit einem Fluch zusammenhängen, über deren Urheber man sich nicht nie ganz einig gewesen war. John Reed Kilpatrick etwa, der nach dem letzten Cup-Gewinn 1940 den Pokal entheiligt haben soll, als er darin den Grundstückpfandbrief auf den alten Madison-Square-Garden (II), auf drei Millionen Dollar lautend, verbrannte? Oder etwa eine Aussage von Mervyn «Red» Dutton, Manager der damaligen Rivalen der New York Americans, dessen Team von den Rangers aus dem Garden vertrieben und aufgelöst wurde? Dutton, welcher 1987 verstarb, schwor, die Rangers würden den Stanley-Cup zu seinen Lebzeiten nie mehr gewinnen.
In der Folge finden die Rangers während 54 Jahren immer wieder einen Weg den Stanley-Cup nicht zu gewinnen, irgendetwas geht immer schief und irgendetwas muss immer als Ausrede für das Scheitern hinhalten. Neue Retter, neue Manager, neue Trainer, neue Superstars und neue Besitzer kommen und gehen an der Pennsylvania Plaza. So auch vor dem siebten Spiel der Finalserie 1994, als Besitzer Viacom Inc. den sportlichen «Nebenbetrieb» der Rangers und New York Knicks zum Verkauf anbietet. Die perfekte Ausrede für ein erneutes Scheitern ist also pünktlich zum siebten Finalspiel bereit. Vielleicht ist dies, neben der unglaublichen Kabinenrede von Headcoach Mike Keenan – Mark Messier bezeichnet die Rede als eindrücklichste Rede die er in seiner Karriere je gehört habe – die Extraspritze für den zusätzlichen Effort und damit den besagten Fluch endlich besiegen zu können.
„So lange ich lebe, werden die Rangers keinen Cup gewinnen.“
– Red Dutton, New York Americans und Hall-of-Fame-Mitglied
Dieser Garden versprüht auch 55 Jahre nach seiner Eröffnung und mehrfachem Umbau, zuletzt 2013, einen Charme, den man nicht beschreiben kann. Sind es die historischen Ereignisse die im Hinterkopf präsent sind? Ist es der spezielle Geruch? Ist es die stille Atmosphäre, welche an einen Theater- oder Kinosaal erinnert? Oder sind es Ausstrahlungskraft und Tradition der Rangers? «Man muss ihn erleben», beschreibt Harry Valérien, ein Urgestein des deutschen Sportjournalismus, im Buch «Kultstätten des Sports» die Atmosphäre des Gardens, treffender kann man die berühmteste Arena der Welt, nach deren auch die olympische Rad-Disziplin «Madison» benannt ist, nicht beschreiben.
So berühmt und grandios die aktuellen Stars auf dem Eis auch sind, der Garden überstrahlt sie alle. So auch am 27. Dezember 2022, als die Washington Capitals mit Alexander Ovechkin und Co. gastieren. Das Spiel des Gastgebers bleibt blass und dazu brauchts nicht mal einen Fluch. Das technische Kabinettstück von Verteidiger K’Andre Miller, wie er Ovechkin aussteigen lässt, bleibt die beste Aktion der Blueshirts. Auch ohne Treffer der Rangers ist der Besuch im Garden ein unvergessliches Erlebnis oder wie heisst es? «Man muss ihn erleben.» Dies gilt nicht für den Rangers-Fan neben mir, welcher seinen Sitzplatz schon nach der zweiten Drittelspause verlässt und dies, obwohl er sich pro Jahr nur drei Spiele leisten kann: «Die Tickets sind sehr teuer, so gehe ich lieber an die Auswärtsspiele in Philadelphia, Newark und Long Island», verrät der New Yorker.
Der Ruotsalainen-Deal
Seit dem letzten Cup-Gewinn sind bereits wieder 29 Jahre verstrichen, diese sind jedoch nicht mehr mit einem Fluch behaftet, auch wenn Schwarzmarktdealer mit verbfüffend echten, aber gefälschten Tickets, als «Frank Abagnales im Westentaschenformat» ihren Schabernack treiben. Der Garden verkörpert so viel mehr als nur ein einzelnes Spiel der Rangers. In seiner 55-jährigen Geschichte wird hier auch so mancher Deal eingefädelt, der spektakulärste aus Schweizer Sicht geht im «Charley O’s», einem Steakhouse welches in den 80er Jahren auch als wichtige Begegnungsstätte dient, über den Tisch. Noch heute werden dort, vor den Spielen Steaks verzehrt – jedoch unter dem Label «Nick + Stef’s Steakhouse.» Diese kulinarische Örtlichkeit, an der Pennsylvania Plaza Nummer 9, ist an einem 12. April 1986, nach dem dritten Playoff-Spiel der Rangers gegen die Philadelphia Flyers Ausgangspunkt des Reijo Ruotsalainen-Transfers. Nach dem 5:2-Sieg der «Blueshirts» treffen sich dort SCB-Präsident Eddie Tschanz und Rangers-Star Ruotsalainen, oder wie sagt man? «Man muss ihn erleben.»
27.12.22 22:36 #549 New York Rangers -Washington Capitals 0:4 (0:1, 0:2, 0:1) 9′ Johansson (Kuznetsov, Gustafsson) 0:1, 38′ Gustafsson (Sheary, Strome) 0:2, 40′ Eller (Mantha) 0:3, 57′ Sheary 0:4.
Madison Square Garden: 18006 Zuschauer (ausverkauft!) SR: Rehman, Markovic; Cherrey, MacPherson Str. (N): 3×2′ Str. (W): 5×2′ Beste Spieler: Kuemper*(W), Gustafsson**(W), Sheary***(W)
Zu Ehren der letzten Bieler Meistermannschaft aus der Saison 1982-83 empfängt der EHC Biel den HC Lugano, im 126. NL-Direktvergleich, im Retro-Jersey aus der glorreichen Zeit. Die Retro-Kampagne läuft bereits einen Monat zuvor auf Hochtouren, der Superstar aus der Saison 1982-83, Richmond Gosselin reist mit seiner ganzen Familie aus Übersee an. Solche Spiele gibts viel zu wenig, in der Schweiz gibts keine Geschichtskultur, die Hockey-Schweiz besitzt als einzige Top-8-Nation keine Hall-of-Fame und unsere Liga verfügt über kein Statistikportal, welches die Partie Biel – Lugano vor 40 Jahren ausspucken lässt.
40 Jahre
Biel und Lugano spielten bis auf einen Tag genau, es war am 4. Dezember 1982, in Biel gegeneinander. Lugano, welches erst zum zweiten Mal in der NLA-Geschichte in Biel gastierte, fügte den Seeländern ihre erste Heimniederlage zu, dank eines überragenden Torhüters Alfio Molina. Aus dieser Equipe finden 40 Jahre später 20 Mitglieder den Weg in die Tissot-Arena und werden in der ersten Drittelspause vor 6’000 Fans geehrt. Ihre Nachkommen liefern, trotz der Retro-Jerseys, ein miserables erstes Drittel und müssten eigentlich in Rückstand liegen. 40 Jahre nach Molina ist der Schlussmann auf der Gegenseite der Held: Der Finne Harri Säteri pariert, unter Beobachtung von Olivier Anken, alles was es zu halten gibt.
Es ist der Geist der 83er Meisterhelden, der den Puck nach einem Schuss von Damien Brunner, via Mirco Müllers Schlittschuh, ins Tor der Bianconeri ablenken lässt. Mit diesem Energieschub erhöhen die Seeländer zwei Minuten später durch eine herrliche Kombination, welche selbst die Meisterhelden nur selten erzielt hätten, durch Mike Künzle, Luca Hischier und Viktor Lööv auf 2:0 – der Rest ist auch 2022 Geschichte. Vom siegreichen Bieler Team 2022 war zum Zeitpunkt des letzten Bieler Titels erst ein Spieler auf der Welt: Beat Forster erblickte 17 Tage vor dem Titel, am 19. Februar 1983 in Arosa (5:2-Sieg), das Licht der Welt. Retro-Forster ist somit prädestiniert sich kurz vor der Kamera über Spiel und Retro zu äussern (siehe unten). Sein Trikot-Vorgänger Marco Koller, heute Teamleiter beim EHC Adelboden, hat Forster in der Kabine noch nicht getroffen, die Legenden besuchen direkt nach dem Spiel die Katakomben des Fanionteams.
Retro-Faszination
Solch ein Spiel – in Übersee eine Normalität – in der Schweiz eine Seltenheit, wird in Biel vorzüglich zelebriert an diesem 3. Dezember 2022, auch wenn die Bieler 40 Jahre zuvor in sechs Spielen nie im weissen Jersey gegen Lugano gespielt haben. Wie das? Biel trat in der Meistersaison bei Heimspielen jeweils im blauen adidas-Jersey an – und Lugano? Spielte in der alten Resega in weiss und damit der Gast aus dem Seeland wieder in blau. Die Meisterfeier gaben die Bieler, welche damals vier Runden vor Schluss den Titel bereits auf sicher hatten, im letzten Spiel jedoch ebenfalls in weiss. Und wer weiss, wann die Bieler ihre nächste Meisterfeier geben… ….wissen wir vielleicht in 40 Jahren.
Wenn die National-Hockey-League ruft, dann ist das eine Ehre. Die Ehre wird dabei noch ehrenvoller, wenn es dabei um die schweizerischste Franchise aller Franchisen geht. Die New Jersey Devils aus dem gleichnamigen Bundesstaat ennet dem Hudson River beschäftigen Nico Hischier, Akira Schmid und Jonas Siegenthaler. Dies hätte sich nun keiner erträumt, der in den 90er Jahren auf der Sega-Mega-Drive die NHL-Spiele von EA-Sports Tag und Nacht durchgespielt hat. Damals war bereits Ken Baumgartner ein «Schweizer» und der erste echte NHL-Schweizer Pauli Jaks wurde ab NHL’95 selbst kreiert und bei den Los Angeles Kings länger als nur ein Drittel eingesetzt.
Kultsender Sportkanal
Im Alter von 45 Jahren ist sie also da, die Premiere als NHL-Live-Kommentator. Hätte ich dies dem 15-jährigen «Ich» von 1992 erzählt, hätte dieser den schon etwas älteren Herrn aus der Zukunft für einen Spinner gehalten. Damals gab es nur den guten, alten «Sportkanal», im NHL-Magazin führte Michael Schürmann, der wohl kompetenteste NHL-Kommentator aller Zeiten, in hervorragender Rhetorik durch die Highlights der faszinierenden und fernen Liga aus Übersee. Geschrieben wurde hierzulande zu dieser Zeit noch kaum über diese Liga, man musste, neben Schürmanns TV-Bildern, schon die «The Hockey News» abonnieren, um Up-to-Date zu sein.
Experte und Scout
Einer der diese ganze Entwicklungsgeschichte «Mittendrin, statt nur dabei» mitgemacht hat, ist der heutige Co-Kommentator und NHL-Scout Thomas Roost. Er weiss alles was man über jeden einzelnen Spieler wissen muss. Sein Werdegang ist ebenso faszinierend wie die schweizerische NHL-Entwicklung zwischen 1992 und 2022. Mit Roost an meiner Seite, musste nun das ganze Wissen der letzten 35 Jahre für dieses erste Spiel, am 19. November 2022, als «Schürmann im Westentaschenformat» gebündelt werden. Um 19 Uhr steigt sie also, die erste NHL-Partie, am rechten «Zürisee-Ufer» im schmucken Erlenbach. Die Devils gastieren in Ottawa bei den Senators, welche exakt vor 30 Jahren, 1992 ins Liga-Geschehen eingegriffen haben.
Teuflische Rekordjagd
Das schweizerische New Jersey steckt im zweitbesten Lauf aller Zeiten, würde die Serie von elf Siegen ausgerechnet heute Abend reissen? Es wäre ein Schönheitsfehler dieses für mich geschichtsträchtigen Abends. Der Franchise-Rekord von 13 Siegen stammt aus der Spielzeit nach dem zweiten Stanley-Cup 2000-01. Captain Hischier, welcher das erste Drittel durch einen Crosscheck Austin Watsons früher verlassen muss, führt die Devils zum zwölften Vollerfolg und trägt, zusammen mit Schmid und Siegenthaler, zu dieser Premiere mehr als nur erfolgreich bei.
Im Frühling 1963 fusionieren die beiden «Hockey-Clubs» Genève und Servette. Die zwei Nationalliga-B-Ligisten formieren sich um mit gemeinsamen Kräften den Aufstieg in die Nationalliga-A zu schaffen. In der Westgruppe der NLB spielt zu diesem Zeitpunkt auch der HC Lausanne und so steigt das erste Genfersee-Derby oder Lac-Leman-Derby, wie man es heute kennt, am 28. November 1963 in der Patinoire les Vernets, mit einem 4:2-Heimsieg der Grenats. Es ist der Startschuss des vielseitigsten Derby auf Schweizer Eis, denn kein anderes Derby ging bisher auf drei verschiedenen Bühnen übers Eis.
Wer in den späten 80ern und frühen 90ern gesagt hätte, 2022 spielen Genf-Servette und Lausanne in der Nationalliga-A, heute National-League, gegeneinander, hätte man die Person für verrückt erklärt. Zwischen 1985 und 1991 duellieren sich die See-Rivalen während vier Jahren in den Niederungen der 1. Liga und der hinteren Tabellenhälfte der NLB. Genfer und Lausanner steigen in ihren schwächsten Epochen sogar vier- (1981, 1986, 1989 und 1991) bzw. zweimal (1984 und 1986) in die 1. Liga ab.
Nie gemeinsam im Oberhaus
Trotz ruhmreicher Vergangenheit in der obersten Liga, Genf-Servette zwischen 1964 und 1975 und Lausanne zwischen 1941 und 1954, zwischen 1957 bis 1961 und zwischen 1978 und 1981 und als gemeinsamer Ausrichter der Eishockey Weltmeisterschaft 1961, steigt das erste Duell im Oberhaus erst im Playoff-Zeitalter, am 21. September 2002 in Genf – und wieder siegen die Servettiens (5:3). In bisher 64 NLA-Vergleichen führen die «Grenats» mit 40 zu 25 Siegen. Die Favoritenrolle gehört auch 2022 dem Fusionsclub von Genf und Servette, als Leader empfängt die Mannschaft von Jan Cadieux, dessen Vater Paul-André im 1. Liga-Duell die Lausanner 1988 zweimal bezwang, im 110. Duell über alle drei Ligen das zwölftplatzierte Lausanne.
Auch 59 Jahre nach dem ersten Vergleich steigt das Lac-Leman-Derby, an der gleichen, mehrfach renovierten Kultstätte in Genf. Das architektonische Meisterwerk von François Maurice, Jean Duret und Albert Cingria, wird im Dezember 1958 eröffnet. Im Januar 1959 macht sogar die National-Hockey-League halt an der Arve, an der Rue-Hans-Wilsdorf, benannt nach dem Rolex-Gründer. In zwei Showspielen stehen sich die Boston Bruins und die New York Rangers gegenüber.
Genfersee-Spektakel
Als Showspiel könnte man auch die neueste Ausgabe der vielseitigsten Derby-Affiche des Eishockeys bezeichnen. Zwei Restausschlüsse werden begleitet von drei Powerplay-Treffern, ein zweitore-Rückstand wird zweimal ausgeglichen und die Entscheidung fällt erst im Penaltyschiessen. Das Lac-Leman-Derby, wie es auch in der Deutschschweiz genannt wird, hält was es verspricht und geht zum 18. Mal in der Geschichte in eine Overtime. Dazu kommt John Fust’s letztes Spiel als Trainer, er wird am nächsten Tag, als neuer Sportchef, seinen Nachfolger an der Bande der Waadtländer gleich selber verkünden. Das vielseitigste Derby der Hockeywelt sorgt auch im jüngsten Kapitel am Genfersee für Spektakel.